Was kann die letzte Konsequenz für den Bundespräsidenten sein – der Rücktritt? Präsidenten haben wenig Macht, sie haben auch nicht wirklich viel zu entscheiden. Ob sie politisches Gewicht erlangen, Einfluss gewinnen und Ansehen, hängt allein davon ab, ob sie Vertrauen genießen: Vertrauen in ihre Unabhängigkeit. Vertrauen in ihre Redlichkeit. Vertrauen in ihre Worte.

Christian Wulff riskiert gerade, dieses Vertrauen zu verlieren.

Als er noch Ministerpräsident in Niedersachsen war, hat sich der Bundespräsident, wie die Bild-Zeitung jetzt berichtete, Geld von einem einflussreichen Unternehmer-Ehepaar geborgt, eine halbe Million Euro für den Kauf eines Einfamilienhauses. Illegal ist das nicht, jedenfalls nach heutigem Kenntnisstand. Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass Wulff seinen Geldgebern irgendwelche ungebührlichen Vorteile verschafft hätte.

Keine Lüge, aber eine Frechheit

Auch Wulffs Umgang mit dem Niedersächsischen Landtag ist, formal betrachtet, in Ordnung. Auf eine Anfrage zweier grüner Abgeordneter, ob er geschäftliche Beziehungen zu dem Unternehmer Egon Geerkens unterhalten habe, ließ er mit einem gedrechselten Satz antworten, der das Zeug zum Klassiker hat: »Zwischen Ministerpräsident Wulff und den in der Anfrage genannten Personen und Gesellschaften hat es in den letzten zehn Jahren keine geschäftlichen Beziehungen gegeben.«

Vor Gericht könnte Wulff mit dieser Antwort vermutlich durchkommen. Streng juristisch ist seine, nun ja, Teilauskunft im Landtag keine Lüge . Politisch allerdings, dem Parlament gegenüber, ist sie eine Frechheit . Eine rhetorische Trickserei, die erst recht Fragen aufwirft. Und Vertrauen kostet. Zumal nach der aktuellen Enthüllung des Spiegels : Demnach soll das Darlehen, das Wulff zum Kauf eines Hauses verwendet hat, doch vom Unternehmer Egon Geerkens stammen, und nicht von dessen Frau Edith, wie Wulff in dieser Woche betot hat.

Was ist von den Instinkten eines Politikprofis zu halten, der solche Geschäfte macht? Fand er nichts dabei, dass Monat für Monat eine Überweisung von einem Konto des niedersächsischen Ministerpräsidenten auf ein Konto einer niedersächsischen Unternehmergattin ging? Hat er nicht bedacht, dass schon der böse Anschein einer Verflechtung von wirtschaftlichen und politischen Interessen verheerend sein kann? Und warum konnte er, wenn denn alles in Ordnung war, nicht offen über den – mittlerweile abgelösten – »Privatkredit« sprechen? Oder hat er schlicht darauf vertraut, der Deal werde schon nicht auffliegen?

Das sind die Fragen, die jetzt sehr rasch beantwortet werden müssen. Denn das Darlehen aus Hannover hat seinen Preis, bis heute, auch in Berlin.

Wulffs Ansehen leidet, sein Handlungsspielraum wird enger

Es fällt, nur zum Beispiel, nicht ganz leicht, sich vorzustellen, wie Christian Wulff in ein paar Tagen in seiner traditionellen Weihnachtsansprache von Werten reden will. Oder von der Gier der Banken, wenn er sich selbst für ein paar Prozentpunkte ersparter Kreditzinsen in die Bredouille manövriert. Mag sein, dass er derlei mit ernster Miene sagen kann. Aber welcher Zuschauer wird sich ein kleines, schmutziges Lächeln verkneifen können?

Schon vor den Berichten über die Geldgeschäfte war Wulff ein schwacher Präsident, sympathisch, beliebt in der Bevölkerung, aber politisch ohne Gewicht. Diese Affäre macht es ihm nicht leichter, stark zu werden.

Muss Wulff also zurücktreten, jetzt, sofort?

Begründen ließe sich eine solche Forderung. Wulffs Ansehen leidet, sein Handlungsspielraum wird enger, und die Institution Staatsoberhaupt würde Schaden nehmen, wenn sich der Eindruck festsetzen sollte, auch dort, ganz oben, sitze einer, der nur auf den eigenen Vorteil aus ist, der mauschelt, trickst und ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit pflegt. Effektiver lässt sich Politikverachtung nicht befördern.

Aber es gibt auch gewichtige Einwände gegen ein forsches »Weg da, Wulff!«. Wer jetzt den Rücktritt fordert, muss erklären, was mit Politikern geschehen soll, die sich wirklich schwerer Vergehen schuldig machen. Die vorsätzlich das Gesetz brechen, die Menschen absichtsvoll schaden, die Menschenleben gefährden. Zum gerechten Urteil gehört auch die Frage nach der Proportion, nach der Verhältnismäßigkeit.

Es ist durchaus ein Problem, dass es beim Umgang mit Affären nur das Schwarz-Weiß von Rücktritt oder Weitermachen gibt. Das politische Geschäft kennt keine Sanktion für die mittleren Vergehen, für die Instinktlosigkeiten, für die kleinen Sünden. Immer und überall nach dem Rücktritt zu rufen hat auch etwas Fanatisches, einen Zug ins Puritanische, der auf Dauer schädlich ist. Wer könnte einem solchen Sauberkeitswahn standhalten, wer käme überhaupt noch für politische Ämter in Betracht?

Dieser Artikel ist aufgrund der jüngsten Entwicklungen noch einmal aktualisiert worden. Als Audiodatei finden Sie ihn im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio.