Besucher stehen in New York vor "Rolf's Restaurant" (Archivbild) © Mario Tama/Getty Images

Ein Indoor-Biergarten in Manhattan im Advent 2011: Der Inhaber Sylvester Schneider spielt auf dem Hackbrett, und hundert New Yorker, Gesangbücher in der Hand, singen mit. Odu fröhliche! Deutsche Weihnachtslieder – der letzte Schrei. Wer singt da? Zum Teil sind es dieselben Gäste, die vor Wochen zum Oktoberfest zu Herrn Schneider kamen und die nach dem Jahreswechsel die ersten Karnevalslieder anstimmen werden. Hauptsache, das gute deutsche Bier fließt.

Im Oktober gab’s zum Weizenbier Weißwürste und Brezeln auf den langen Holztischen, jetzt serviert der zünftig gekleidete Sylvester Schneider Gansbraten, Glühwein und einen von seiner Mutter gebackenen Stollen. Authentischer geht’s nicht – jedenfalls nicht in Amerika.

Die deutsche Esskultur erobert New York. Erst waren es nur einige Traditionsgaststätten, mittlerweile gibt es 60 Biergärten in der Stadt, von der Bronx über Manhattan bis Queens, von Brooklyn bis Staten Island. Ein Biergarten verlangt nach frischer Luft, aber hier sieht man das nicht so streng. Weil Platz teuer ist, sind die amerikanischen Biergärten rund ums Jahr geöffnet, befinden sich also meistens drinnen. In Soho findet man einen mit Faltdach auf einem Hochhaus, in Queens einen großen Garten mit Heizlampen samt Innenraum für die ganz kalten Monate.

Die Begeisterung fürs Deutsche ist neu. In Seinfeld, der erfolgreichsten New Yorker Sitcom der neunziger Jahre, dreht sich in einer Folge alles um einen sadistischen Deutschen, der die beste Suppe in der Stadt kocht. Alle nennen ihn den Suppen-Nazi, und wenn sie bei ihm in der Schlange stehen, fürchten sie sich vor ihm.

Heute stehen New Yorker gerne und fröhlich Schlange, um ihre Bratwurst oder ihren Stollen zu bestellen. »Amerika erlebt den deutschen Einmarsch«, sagt Sylvester Schneider und lacht über seine martialische Formulierung. »Die Deutschen sind endlich angekommen, aber ohne die Nazis. Die haben wir zu Hause gelassen.«

Eine Stammkundin pflichtet ihm bei, Stephanie von Isenburg, Börsenhändlerin aus Greenwich Village: »Sie glauben gar nicht, wie viel Spaß die Adventslieder-Sonntage machen.« Und dann nennt sie ihre Lieblingslieder: Morgen, Kinder, wird’s was geben und Ihr Kinderlein kommet .

Lust auf eine Currywurst? Der Deutschen liebstes Schnellgericht ist nun in den Wurstbuden der Straßenschluchten von Manhattan zu finden. Ein früherer Investmentbanker aus Düsseldorf, André Wechsler, Nachfahre bayerischer Metzger, gründete vor zwei Jahren Wechsler’s Currywurst & Bratwurst Restaurant und brachte den New Yorkern die Idee nahe, geschnittene Bratwurst mit scharfem Ketchup zu verspeisen. Wechsler erweitert gerade sein Lokal, Sitzplätze im Garten kommen dazu und bald wohl auch ein Wurstmobil.