Neben dem Beruf einen Bachelor machen – ohne Abi. Klingt verlockend, und genau das verspricht die IPF Multiversity mit Hauptsitz in Kerkrade (Niederlande) und Standorten unter anderem in Frankfurt am Main, Heidelberg und Bayerisch Gmain. Doch die angebliche Hochschule scheint mit falschen Karten zu spielen.

An der IPF Multiversity (»Initiative für Praxis-Forschung«) könne man »all seine Fähigkeiten und Kompetenzen, die man während seiner Bildung, im Berufsleben, in der Freizeit und im Familienleben« erworben habe, dokumentieren und validieren, heißt es auf der Website des Campus in Frankfurt-Dreieich . Bis zu zwei Dritteln könnten die persönlichen Arbeits- und Lebensleistungen auf ein Bachelorstudium angerechnet werden. Alles kommt mit in die Bewertung, Hobbys inklusive. »Bescheidenheit ist hierbei einmal nicht angesagt«, schreibt Uwe Genz, Leiter des Frankfurter Standorts. Dort ist die »Uni« neben der Volkshochschule und anderen Bildungsanbietern im Haus des Lebenslangen Lernens untergebracht. »Ein 35-Jähriger«, verspricht Genz, »kann meist gleich seine Bachelorarbeit schreiben.« Inhalt könne zum Beispiel ein bereits bearbeitetes Projekt sein.

Dafür erarbeiten die Studenten dann über ein Semester hinweg an drei Präsenztagen mithilfe eines Coachs ihr »Portfolio«, in dem das formale Wissen (Abschlüsse) und die informellen Kenntnisse zusammengetragen werden. Dabei rechtfertigt sich Genz mit dem Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR). Der soll einen besseren Vergleich nationaler Qualifikationen ermöglichen und dabei neben formalen Qualifikationen wie dem Abitur künftig auch informelle Lernleistungen anerkennen. Was Genz nicht sagt: In Wirklichkeit ist auf politischer Ebene noch gar nicht darüber entschieden, wie genau die Anerkennung informellen Lernens per EQR funktionieren soll.

Und das ist nicht der einzige Schönheitsfehler: Die IPF Multiversity behauptet, dass man mit dem rund 5.000 Euro teuren Bachelor an jeder Hochschule ein Masterstudium aufnehmen könne. Dabei ist die IPF gar keine staatlich anerkannte Uni, weder in den Niederlanden noch in Deutschland. Genauso wenig sind es ihre Kooperationspartner, die European New University und die Université Nouvelle Européenne . Auch der Blick auf die mittlerweile aus dem Netz genommenen Websites der »Universitäten« machte stutzig. Bei allen drei tauchte »Professor Dr. h.c. Urs Hauenstein« als »Vice-Chancellor« oder »Pro-Vice-Chancellor« auf. In seinem auf Anfrage vorgelegten Lebenslauf findet sich jedoch kein einziger akademischer Abschluss. Den »Professor Dr. h.c.« hat der Schweizer offenbar an seinen eigenen, im Aufbau befindlichen »Universitäten« erworben. Der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther tauchte als Professor für »Holistic and Transformative Sciences« und »Chairman des wissenschaftlichen Beirats« auf den Internetseiten der Multiversity auf – ohne dass er etwas davon wusste. Als Hüther davon erfuhr, distanzierte er sich umgehend von der IPF Multiversity.

IPF-Chef Hauenstein spricht von 350 Studenten an der Multiversity. Sein Statthalter Genz behauptet sogar, dass mehrere Personen mit dem nicht anerkannten Bachelor der Multiversity an einer anerkannten Hochschule den Master machten. Die Namen dieser Studenten will er jedoch nicht nennen. Wenn es sie gibt, haben sie möglicherweise auch selber kein Interesse daran, sich zu outen. Denn wissentlich oder unwissentlich versuchen auch sie, das Bildungssystem und anerkannte Hochschulen zu umgehen.

Besonders brisant: Genz ist gleichzeitig Präsident des Dachverbands der Weiterbildungsorganisationen (DVWO) in Deutschland. Dieser Verband versteht sich als Qualitätshüter in Sachen Weiterbildung, vergibt Qualitätssiegel und verpflichtet seine Mitgliedsverbände zu einem Ethikkodex. Bereits im Sommer hat der DVWO bei seinen Mitgliedern für das IPF-Angebot geworben. »Aus meiner Kenntnis befindet sich die IPF Multiversity im Akkreditierungsverfahren der NVAO«, schreibt Genz. NVAO, das ist die Niederländische Akkreditierungsagentur. Deren Mitarbeiter Axel Aerden bestreitet dies nachdrücklich: Es gebe nicht einmal einen offiziellen Akkreditierungsantrag. Nach einer erneuten Abmahnung der NVAO hat sich die IPF Multiversity jetzt kurzerhand einen neuen Namen zugelegt. Benannt nach einem Gelehrten, heißt sie nun Martin Buber University.