Langsam beginnt Hans-Peter Müller* Hamburg zu mögen. Er ist schon mit der Hafenfähre gefahren, er war im Miniatur Wunderland an der Elbe, und im Geiste könnte Müller einen Stadtplan Hamburgs entwerfen, immer entlang kulinarischer Stätten: Da gibt es die Currywurst extrascharf, die er auf der Mönckebergstraße immer isst, da sind die Steaks in Niendorf, die ihm sein Bewährungshelfer manchmal spendiert, »nicht zu lang gebraten, nicht zu teuer«, da ist die Kartoffelbude auf der Reeperbahn. »Bei der stimmt alles«, findet Müller.

Essen ist seine liebste Beschäftigung. Jeden Morgen steht er um sechs Uhr auf, den Hund ausführen, dann kauft er bei Rewe oder Penny ein, anschließend kocht er. Am frühen Abend schaut er, was im Fernsehen läuft, und wenn nichts Passables dabei ist, zockt er auf der Playstation, das Kriegsspiel Socom 3 oder das Autorennen Gran Turismo. Müller übertreibt es nie. Er achtet darauf, dass alles seine Ordnung hat. »Ich zock nicht im Internet«, sagt er, »und bei der Playstation weiß ich, wo der Ausknopf ist.«

Es ist ein kalter Novembermorgen, als Müller mit eiligen Schritten ein Hamburger Einkaufscenter durchmisst. In den Schaufenstern blinkt schon die Weihnachtsdekoration, die Menschen drängen durch die »Fressmeile« zur Rolltreppe in Richtung Ausgang. Nicht nach links schauen, nicht nach rechts. Müller konzentriert sich auf seine Schritte, einen nach dem anderen, fest, nicht zögernd. Immer wieder lauscht er prüfend, ob die vier Zivilpolizisten noch hinter ihm sind. »Ich hab Ohren wie Radarschirme«, sagt Müller. »Das hab ich mir im Knast antrainiert.« Wenn er die Beamten vernimmt, wirkt er beruhigt. Beim Ziehen von Fahrkarten helfen sie ihm manchmal oder beim Bezahlen mit der ec-Karte.

Als Müller 1981 in den Freiburger Knast einfuhr, gab es im Osten Deutschlands noch die DDR, da gab es noch Schreibmaschinen, man telefonierte mit Wählscheibe. Als Müller vergangenes Jahr entlassen wurde, kaufte er sich als Erstes ein Mobiltelefon von E-Plus, hier, in diesem Hamburger Einkaufscenter, das ihm vorkam wie eine gigantische Zeitmaschine. Im Mai 2010 hatte Müller in seiner Zelle gehört, wie Claus Kleber im heute-journal verkündete, dass Sicherungsverwahrte wie er nun freikämen, das hätten die Richter in Straßburg entschieden . Müller, der bis dahin fest davon überzeugt war, dass er »nur noch mit den Füßen zuerst rauskommt«, bat um ein halbes Jahr Vorbereitungszeit. Drei Wochen später war er frei.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte die unbefristete Verlängerung der Sicherungsverwahrung für rechtswidrig erklärt – vor allem bei jenen Häftlingen, die vor 1998 verurteilt worden waren, also zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland für die Sicherungsverwahrung noch eine Obergrenze von zehn Jahren galt. Ein Jahr später, im Mai 2011, beschloss das Bundesverfassungsgericht, dass sämtliche »Altfälle« wie Müller entlassen werden müssten. Bundesweit sind es siebzig Männer, die bis Ende dieses Jahres freigekommen sein werden – es sei denn, bei ihnen liegt eine schwere psychische Störung vor.

Seine Gefährlichkeit sei reduziert, sagen die psychiatrischen Sachverständigen, die Müller im Herbst 2011 begutachtet haben, sein Aggressionspotenzial habe sich während der dreißig Gefängnisjahre abgeschliffen. Trotzdem wird Müller, seit er aus der Justizvollzugsanstalt Freiburg entlassen wurde, rund um die Uhr von vier Polizisten überwacht, insgesamt von 24 Beamten. Seit vergangenem Sommer ist er Deutschlands berüchtigster Exhäftling. »Tickende Zeitbombe« nannten ihn Zeitungen: »der Sex-Gangster«, der 1980 in Heilbronn eine Frau vergewaltigte und eine andere sexuell nötigte.

Als Müller im vergangenen Sommer in Hamburg eintraf, wurde er von Medien und Anwohnern quer durch die Stadt gejagt , ein halbes Dutzend verschiedene Wohnsitze hatte er inzwischen, und aus jedem wurde er vertrieben. Monatelang suchte die Stadt nach einer geeigneten Bleibe, doch niemand wollte Müller aufnehmen. Das höchste deutsche Gericht hat Müller zum freien Bürger erklärt, es betrachtet die Wiedereingliederung in die Gesellschaft als das »herausragende Ziel einer Freiheitsstrafe«. Aber die Gesellschaft will Müller nicht. Nicht im Hamburger Stadtteil Harburg, nicht in Niendorf und auch nicht in Jenfeld, wo sich der Protest in diesen Tagen formiert. Man hasst ihn, man verachtet ihn, man fürchtet ihn.

Auf zehn Prozent schätzt einer der Gutachter das Risiko, dass Müller rückfällig werden könnte. Das ist nicht viel. Aber das ist auch nicht nichts. Der Fall Hans-Peter Müller wirft ein Dilemma auf: Was zählt mehr – die Ängste der einen oder das Grundrecht auf Freiheit der anderen? Die zentrale Frage, wie viel Risiko eine Gesellschaft aushalten muss, wird längst von einer zweiten Frage übertönt: Lässt sich über Sicherungsverwahrung überhaupt noch sachlich diskutieren?