SicherungsverwahrungUnter Menschen

Fast dreißig Jahre hat der Sicherungsverwahrte Hans-Peter Müller im Gefängnis gesessen. Dann brachte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ihm und siebzig anderen Verwahrten die Freiheit. In Hamburg versucht Müller seither, in die Gesellschaft zurückzukehren. Aber die will ihn nicht.

Langsam beginnt Hans-Peter Müller* Hamburg zu mögen. Er ist schon mit der Hafenfähre gefahren, er war im Miniatur Wunderland an der Elbe, und im Geiste könnte Müller einen Stadtplan Hamburgs entwerfen, immer entlang kulinarischer Stätten: Da gibt es die Currywurst extrascharf, die er auf der Mönckebergstraße immer isst, da sind die Steaks in Niendorf, die ihm sein Bewährungshelfer manchmal spendiert, »nicht zu lang gebraten, nicht zu teuer«, da ist die Kartoffelbude auf der Reeperbahn. »Bei der stimmt alles«, findet Müller.

Essen ist seine liebste Beschäftigung. Jeden Morgen steht er um sechs Uhr auf, den Hund ausführen, dann kauft er bei Rewe oder Penny ein, anschließend kocht er. Am frühen Abend schaut er, was im Fernsehen läuft, und wenn nichts Passables dabei ist, zockt er auf der Playstation, das Kriegsspiel Socom 3 oder das Autorennen Gran Turismo. Müller übertreibt es nie. Er achtet darauf, dass alles seine Ordnung hat. »Ich zock nicht im Internet«, sagt er, »und bei der Playstation weiß ich, wo der Ausknopf ist.«

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Es ist ein kalter Novembermorgen, als Müller mit eiligen Schritten ein Hamburger Einkaufscenter durchmisst. In den Schaufenstern blinkt schon die Weihnachtsdekoration, die Menschen drängen durch die »Fressmeile« zur Rolltreppe in Richtung Ausgang. Nicht nach links schauen, nicht nach rechts. Müller konzentriert sich auf seine Schritte, einen nach dem anderen, fest, nicht zögernd. Immer wieder lauscht er prüfend, ob die vier Zivilpolizisten noch hinter ihm sind. »Ich hab Ohren wie Radarschirme«, sagt Müller. »Das hab ich mir im Knast antrainiert.« Wenn er die Beamten vernimmt, wirkt er beruhigt. Beim Ziehen von Fahrkarten helfen sie ihm manchmal oder beim Bezahlen mit der ec-Karte.

Als Müller 1981 in den Freiburger Knast einfuhr, gab es im Osten Deutschlands noch die DDR, da gab es noch Schreibmaschinen, man telefonierte mit Wählscheibe. Als Müller vergangenes Jahr entlassen wurde, kaufte er sich als Erstes ein Mobiltelefon von E-Plus, hier, in diesem Hamburger Einkaufscenter, das ihm vorkam wie eine gigantische Zeitmaschine. Im Mai 2010 hatte Müller in seiner Zelle gehört, wie Claus Kleber im heute-journal verkündete, dass Sicherungsverwahrte wie er nun freikämen, das hätten die Richter in Straßburg entschieden . Müller, der bis dahin fest davon überzeugt war, dass er »nur noch mit den Füßen zuerst rauskommt«, bat um ein halbes Jahr Vorbereitungszeit. Drei Wochen später war er frei.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte die unbefristete Verlängerung der Sicherungsverwahrung für rechtswidrig erklärt – vor allem bei jenen Häftlingen, die vor 1998 verurteilt worden waren, also zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland für die Sicherungsverwahrung noch eine Obergrenze von zehn Jahren galt. Ein Jahr später, im Mai 2011, beschloss das Bundesverfassungsgericht, dass sämtliche »Altfälle« wie Müller entlassen werden müssten. Bundesweit sind es siebzig Männer, die bis Ende dieses Jahres freigekommen sein werden – es sei denn, bei ihnen liegt eine schwere psychische Störung vor.

Seine Gefährlichkeit sei reduziert, sagen die psychiatrischen Sachverständigen, die Müller im Herbst 2011 begutachtet haben, sein Aggressionspotenzial habe sich während der dreißig Gefängnisjahre abgeschliffen. Trotzdem wird Müller, seit er aus der Justizvollzugsanstalt Freiburg entlassen wurde, rund um die Uhr von vier Polizisten überwacht, insgesamt von 24 Beamten. Seit vergangenem Sommer ist er Deutschlands berüchtigster Exhäftling. »Tickende Zeitbombe« nannten ihn Zeitungen: »der Sex-Gangster«, der 1980 in Heilbronn eine Frau vergewaltigte und eine andere sexuell nötigte.

Als Müller im vergangenen Sommer in Hamburg eintraf, wurde er von Medien und Anwohnern quer durch die Stadt gejagt , ein halbes Dutzend verschiedene Wohnsitze hatte er inzwischen, und aus jedem wurde er vertrieben. Monatelang suchte die Stadt nach einer geeigneten Bleibe, doch niemand wollte Müller aufnehmen. Das höchste deutsche Gericht hat Müller zum freien Bürger erklärt, es betrachtet die Wiedereingliederung in die Gesellschaft als das »herausragende Ziel einer Freiheitsstrafe«. Aber die Gesellschaft will Müller nicht. Nicht im Hamburger Stadtteil Harburg, nicht in Niendorf und auch nicht in Jenfeld, wo sich der Protest in diesen Tagen formiert. Man hasst ihn, man verachtet ihn, man fürchtet ihn.

Auf zehn Prozent schätzt einer der Gutachter das Risiko, dass Müller rückfällig werden könnte. Das ist nicht viel. Aber das ist auch nicht nichts. Der Fall Hans-Peter Müller wirft ein Dilemma auf: Was zählt mehr – die Ängste der einen oder das Grundrecht auf Freiheit der anderen? Die zentrale Frage, wie viel Risiko eine Gesellschaft aushalten muss, wird längst von einer zweiten Frage übertönt: Lässt sich über Sicherungsverwahrung überhaupt noch sachlich diskutieren?

Leserkommentare
  1. für diesen Artikel,

    hierzu ist auch der Film "Mad City" zu empfehlen der vor allem auf die Macht der Medien bei solchen Prozessen eingeht.

    PS: Kommentar 2 bitte löschen

    Eine Leserempfehlung
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    als bedenklich gemeldet. vllt bringts ja was;)

    als bedenklich gemeldet. vllt bringts ja was;)

  2. ...Kuscheljustiz kann aber auch nach hinten losgehen. Wie man im Fall Lüttich sieht. Lesen konnte man es ja leider nicht... wäre das nicht eher der Tränendrüsenartikel zu Weihnachten gewesen - die Opfer: Babies, Kinder, Schüler, Rentnerinnen... von denen habe ich nich ein Wort gelesen... namenlose Tote im Zeichen der ideolgischen Doktrin. Da kommen mir die Tränen...

    13 Leserempfehlungen
  3. In der Sicherungsverwahrung landet man nunmal nicht ohne Grund. Und bei Sexualstraftätern ist die Rückfallgefahr ziemlich hoch. [...]
    Es ist blöd, wenn man einen Fehler gemacht hat und das nicht mehr ändert kann, aber er war es selbst, der diesen Fehler machte. Ja mag sein, vielleicht ist er jetzt ein anderer Mensch, vielleicht nicht. Wer soll das wissen? Es gibt über 80-Millionen Menschen in diesem Land, warum soll man sich vor diesem Hintergrund gerade auf ihn einlassen? Wir sind ein freies Land. Der Staat darf gerne entscheiden, wenn er aus den Gefängnissen lässt und wen nicht. Aber mit wem sich Menschen privat abgeben und mit wem nicht, dürfen sie immer noch selbst entscheiden. Bei den meisten stehen Vergewaltiger nicht ganz oben auf der Liste. Hans-Peter Müller, du hast leider Pech gehabt.

    Gekürzt. Bitte verzichten Se auf polemische Aussagen. Danke, die Redaktion/ls

    13 Leserempfehlungen
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    Sehr geehrter Herr Partner,

    Ich möchte zu ihrem Kommentar nur einen kleinen Denkanstoss geben: was sie da als vollendete Gerechtigkeit präsentieren, das gerechte Martyrium des HP Müller, ist nichts als reine, willkürliche Selbstjustiz. Unser Rechtsstaat, der nach Regeln und Prinzipien funktioniert, ist eine der wertvollsten Errungenschaften, die die Zivilisation zu bieten hat. HP Müller hat seine Strafe verbüßt. Punkt, aus, da gibt es nichts dran zu rütteln. Wenn sie ihre polemische Hetze fortsetzen wollen, dann bitte gegen den Gesetzgeber und nicht gegen den Menschen, der nur sein Recht wahrnimmt. engagieren sie sich für längere Haftstrafen für Sexualstraftääter, gehen sie in die Politik, in irgendeine widerliche rechtspopulistische Partei. Ihre Ansicht jedoch, die Taten eines einzelnen zum Maße seiner Rechte in der Gesellschaft zu nehmen, unabhängig vom positiven Recht, führt uns in eine barbarische Gesellschaft. Ach und eins noch: Sie haben Recht, niemand wird dazu gezwungen, mit wem er sich abzugeben hat. Doch hat diese regelrechte Menschenjagd, die in Hamburg stattfand, nichts mehr mit freier Meinung zu tun, das ist schlicht und einfach der Bruch mehrer verfassungsgarantierter Rechte des HP Müller, ganz vorne Art. 1 GG. Die Würde des Menschen ist unantastbar und daran wird hoffentlich auch ihre steinzeitliche Auge-um-Auge, Zahn-um-Zahn Philosophie nichts ändern!

    Werter "Baron",
    vermieten Sie zufällig unter oder ist in der Nähe Ihrer Wohnung /Ihres Hauses eine Wohnung frei? In der Regel sind die Wohnungen, in denen ehemalige Sicherheitsverwahrte untergebracht werden, eher nicht in Wohnvierteln zu finden, in denen die Meinungsmacher, Gutmenschen, Salonsozialisten u.ä. anzutreffen sind.

    • joG
    • 20.12.2011 um 19:30 Uhr

    ....ist hoch. Es ist aber nur statistisch. Wollen Sie Gruppen sicherheitsverwahren, wo es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass ihre Mitglieder Verbrechen verüben? Das scheint mir etwas schwierig.

    Auch ist zu überlegen, ob jemand, der bestraft wurde aber offenbar so krank ist, dass man ihn nicht therapieren kann, hätte bestraft werden dürfen.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Dnake, die Redaktion/se

    dass Sie weder Mitleid noch Einfühlung lernen mussten? Glück gehabt, dass Sie nicht zufällig so viel Demütigung zu erleiden hatten, dass Sie bis zu Ihrem 15. Lebensjahr inkontinent waren? Glück gehabt, dass Sie nun glauben, sagen zu können "Pech gehabt"? Ich fürchte mich vor Menschen wie Ihnen mehr als vor einem Hans-Peter Müller.

    der Gedanke war mir auch gekommen

    wen würde ich mehr in meiner Nachbarschaft fürchten, den Mob oder den entlassenen Straftätter.

    Im Zweifelsfall der Straftäter, von dem kann ich ausgehen, dass er sich über seine kriminellen Taten Gedanken gemacht hat und bereut hat.

    Sehr geehrter Herr Partner,

    Ich möchte zu ihrem Kommentar nur einen kleinen Denkanstoss geben: was sie da als vollendete Gerechtigkeit präsentieren, das gerechte Martyrium des HP Müller, ist nichts als reine, willkürliche Selbstjustiz. Unser Rechtsstaat, der nach Regeln und Prinzipien funktioniert, ist eine der wertvollsten Errungenschaften, die die Zivilisation zu bieten hat. HP Müller hat seine Strafe verbüßt. Punkt, aus, da gibt es nichts dran zu rütteln. Wenn sie ihre polemische Hetze fortsetzen wollen, dann bitte gegen den Gesetzgeber und nicht gegen den Menschen, der nur sein Recht wahrnimmt. engagieren sie sich für längere Haftstrafen für Sexualstraftääter, gehen sie in die Politik, in irgendeine widerliche rechtspopulistische Partei. Ihre Ansicht jedoch, die Taten eines einzelnen zum Maße seiner Rechte in der Gesellschaft zu nehmen, unabhängig vom positiven Recht, führt uns in eine barbarische Gesellschaft. Ach und eins noch: Sie haben Recht, niemand wird dazu gezwungen, mit wem er sich abzugeben hat. Doch hat diese regelrechte Menschenjagd, die in Hamburg stattfand, nichts mehr mit freier Meinung zu tun, das ist schlicht und einfach der Bruch mehrer verfassungsgarantierter Rechte des HP Müller, ganz vorne Art. 1 GG. Die Würde des Menschen ist unantastbar und daran wird hoffentlich auch ihre steinzeitliche Auge-um-Auge, Zahn-um-Zahn Philosophie nichts ändern!

    Werter "Baron",
    vermieten Sie zufällig unter oder ist in der Nähe Ihrer Wohnung /Ihres Hauses eine Wohnung frei? In der Regel sind die Wohnungen, in denen ehemalige Sicherheitsverwahrte untergebracht werden, eher nicht in Wohnvierteln zu finden, in denen die Meinungsmacher, Gutmenschen, Salonsozialisten u.ä. anzutreffen sind.

    • joG
    • 20.12.2011 um 19:30 Uhr

    ....ist hoch. Es ist aber nur statistisch. Wollen Sie Gruppen sicherheitsverwahren, wo es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass ihre Mitglieder Verbrechen verüben? Das scheint mir etwas schwierig.

    Auch ist zu überlegen, ob jemand, der bestraft wurde aber offenbar so krank ist, dass man ihn nicht therapieren kann, hätte bestraft werden dürfen.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Dnake, die Redaktion/se

    dass Sie weder Mitleid noch Einfühlung lernen mussten? Glück gehabt, dass Sie nicht zufällig so viel Demütigung zu erleiden hatten, dass Sie bis zu Ihrem 15. Lebensjahr inkontinent waren? Glück gehabt, dass Sie nun glauben, sagen zu können "Pech gehabt"? Ich fürchte mich vor Menschen wie Ihnen mehr als vor einem Hans-Peter Müller.

    der Gedanke war mir auch gekommen

    wen würde ich mehr in meiner Nachbarschaft fürchten, den Mob oder den entlassenen Straftätter.

    Im Zweifelsfall der Straftäter, von dem kann ich ausgehen, dass er sich über seine kriminellen Taten Gedanken gemacht hat und bereut hat.

    • Ranjit
    • 19.12.2011 um 20:42 Uhr

    Es ist einfach wunderschön Abends nach hause zu kommen und einen derart gut recherchierten und geschriebenen Artikel zu lesen.

    Ausgewogen, menschlich und mutig. Danke an die Autoren und die ZEIT!

    14 Leserempfehlungen
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    • rvn
    • 20.12.2011 um 19:28 Uhr

    finde ich auch. Leider liest man solche Artikel selten, weil die Meute sich lieber an den unreflektierten Artikeln von BILD etc. ergötzt.

    Der Rechtsstaat ist eine extrem fragile Geschichte. Es ist unbedingt vonnöten, dass wir ihn verteidigen.

    • rvn
    • 20.12.2011 um 19:28 Uhr

    finde ich auch. Leider liest man solche Artikel selten, weil die Meute sich lieber an den unreflektierten Artikeln von BILD etc. ergötzt.

    Der Rechtsstaat ist eine extrem fragile Geschichte. Es ist unbedingt vonnöten, dass wir ihn verteidigen.

  4. ... und auch weiterhin viel Kraft und Durchhaltevermögen wünschen.

    Zur Rolle von Bild in diesem Fall antworte ich frei mit den Worten von Günter Wallraff und des Bundesgerichtshofes:
    - Bild vermittelt Politik durch "Aufputschen gegen Minderheiten" und durch "Schüren von Haß und Angst".
    (und)
    - Bild ist eine »Fehlentwicklung im Deutschen Pressewesen« (http://www.zeit.de/2009/3...).

    Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass es vielleicht eine gute Idee wäre Bild unter Sicherungsverwahrung zu stellen.

    Der in dem Artikel porträtierte Mann hat hingegen seine Strafe abgesessen, und hat jedes Recht erworben sich in unsere Gesellschaft einzugliedern.

    13 Leserempfehlungen

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