Langsam beginnt Hans-Peter Müller* Hamburg zu mögen. Er ist schon mit der Hafenfähre gefahren, er war im Miniatur Wunderland an der Elbe, und im Geiste könnte Müller einen Stadtplan Hamburgs entwerfen, immer entlang kulinarischer Stätten: Da gibt es die Currywurst extrascharf, die er auf der Mönckebergstraße immer isst, da sind die Steaks in Niendorf, die ihm sein Bewährungshelfer manchmal spendiert, »nicht zu lang gebraten, nicht zu teuer«, da ist die Kartoffelbude auf der Reeperbahn. »Bei der stimmt alles«, findet Müller.

Essen ist seine liebste Beschäftigung. Jeden Morgen steht er um sechs Uhr auf, den Hund ausführen, dann kauft er bei Rewe oder Penny ein, anschließend kocht er. Am frühen Abend schaut er, was im Fernsehen läuft, und wenn nichts Passables dabei ist, zockt er auf der Playstation, das Kriegsspiel Socom 3 oder das Autorennen Gran Turismo. Müller übertreibt es nie. Er achtet darauf, dass alles seine Ordnung hat. »Ich zock nicht im Internet«, sagt er, »und bei der Playstation weiß ich, wo der Ausknopf ist.«

Es ist ein kalter Novembermorgen, als Müller mit eiligen Schritten ein Hamburger Einkaufscenter durchmisst. In den Schaufenstern blinkt schon die Weihnachtsdekoration, die Menschen drängen durch die »Fressmeile« zur Rolltreppe in Richtung Ausgang. Nicht nach links schauen, nicht nach rechts. Müller konzentriert sich auf seine Schritte, einen nach dem anderen, fest, nicht zögernd. Immer wieder lauscht er prüfend, ob die vier Zivilpolizisten noch hinter ihm sind. »Ich hab Ohren wie Radarschirme«, sagt Müller. »Das hab ich mir im Knast antrainiert.« Wenn er die Beamten vernimmt, wirkt er beruhigt. Beim Ziehen von Fahrkarten helfen sie ihm manchmal oder beim Bezahlen mit der ec-Karte.

Als Müller 1981 in den Freiburger Knast einfuhr, gab es im Osten Deutschlands noch die DDR, da gab es noch Schreibmaschinen, man telefonierte mit Wählscheibe. Als Müller vergangenes Jahr entlassen wurde, kaufte er sich als Erstes ein Mobiltelefon von E-Plus, hier, in diesem Hamburger Einkaufscenter, das ihm vorkam wie eine gigantische Zeitmaschine. Im Mai 2010 hatte Müller in seiner Zelle gehört, wie Claus Kleber im heute-journal verkündete, dass Sicherungsverwahrte wie er nun freikämen, das hätten die Richter in Straßburg entschieden . Müller, der bis dahin fest davon überzeugt war, dass er »nur noch mit den Füßen zuerst rauskommt«, bat um ein halbes Jahr Vorbereitungszeit. Drei Wochen später war er frei.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte die unbefristete Verlängerung der Sicherungsverwahrung für rechtswidrig erklärt – vor allem bei jenen Häftlingen, die vor 1998 verurteilt worden waren, also zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland für die Sicherungsverwahrung noch eine Obergrenze von zehn Jahren galt. Ein Jahr später, im Mai 2011, beschloss das Bundesverfassungsgericht, dass sämtliche »Altfälle« wie Müller entlassen werden müssten. Bundesweit sind es siebzig Männer, die bis Ende dieses Jahres freigekommen sein werden – es sei denn, bei ihnen liegt eine schwere psychische Störung vor.

Seine Gefährlichkeit sei reduziert, sagen die psychiatrischen Sachverständigen, die Müller im Herbst 2011 begutachtet haben, sein Aggressionspotenzial habe sich während der dreißig Gefängnisjahre abgeschliffen. Trotzdem wird Müller, seit er aus der Justizvollzugsanstalt Freiburg entlassen wurde, rund um die Uhr von vier Polizisten überwacht, insgesamt von 24 Beamten. Seit vergangenem Sommer ist er Deutschlands berüchtigster Exhäftling. »Tickende Zeitbombe« nannten ihn Zeitungen: »der Sex-Gangster«, der 1980 in Heilbronn eine Frau vergewaltigte und eine andere sexuell nötigte.

Als Müller im vergangenen Sommer in Hamburg eintraf, wurde er von Medien und Anwohnern quer durch die Stadt gejagt , ein halbes Dutzend verschiedene Wohnsitze hatte er inzwischen, und aus jedem wurde er vertrieben. Monatelang suchte die Stadt nach einer geeigneten Bleibe, doch niemand wollte Müller aufnehmen. Das höchste deutsche Gericht hat Müller zum freien Bürger erklärt, es betrachtet die Wiedereingliederung in die Gesellschaft als das »herausragende Ziel einer Freiheitsstrafe«. Aber die Gesellschaft will Müller nicht. Nicht im Hamburger Stadtteil Harburg, nicht in Niendorf und auch nicht in Jenfeld, wo sich der Protest in diesen Tagen formiert. Man hasst ihn, man verachtet ihn, man fürchtet ihn.

Auf zehn Prozent schätzt einer der Gutachter das Risiko, dass Müller rückfällig werden könnte. Das ist nicht viel. Aber das ist auch nicht nichts. Der Fall Hans-Peter Müller wirft ein Dilemma auf: Was zählt mehr – die Ängste der einen oder das Grundrecht auf Freiheit der anderen? Die zentrale Frage, wie viel Risiko eine Gesellschaft aushalten muss, wird längst von einer zweiten Frage übertönt: Lässt sich über Sicherungsverwahrung überhaupt noch sachlich diskutieren?

Mehr als ein Dutzend Psychiater haben versucht, Müller zu ergründen

Die Stadt Hamburg hat Müller vorerst im stillgelegten Flügel eines Krankenhauses untergebracht. In einem leeren Bürotrakt hat er ein Feldbett, einen Tisch und einen Fernseher aufgestellt. In einem Nebenraum warten die Polizisten in wechselnden Schichten – junge Beamte, die noch üben müssen, ältere kurz vor der Pensionierung. An die Wand hat Müller wahllos Kalenderblätter gehängt: Elefanten, Vögel, leuchtendes Herbstlaub, eine Blüte. Damit es weniger kahl ist, rieten ihm seine Bewährungshelfer.

Müller hat zwar jetzt ein Handy, aber es gibt niemanden, den er anrufen könnte. Er war drei Jahrzehnte fort, wer sollte ihn vermissen?

»Ich kann gut auf Menschen verzichten«, sagt Müller mit seiner rauen, viel zu lauten Stimme. Seine eingefallenen Wangen verziehen sich zu einem schiefen Grinsen. Wie immer trägt Müller eine Baseballkappe, eine zerschlissene Jeans schlottert um seine Beine. Müller hat kaum Zähne im Mund, er ist Anfang fünfzig, aber er sieht aus wie siebzig. Wie jemand, der lange nicht mehr unter Menschen war, ein Eremit oder ein Flüchtling. Müller gibt sich keine Mühe, gemocht zu werden, er flößt kein Vertrauen ein, und er will kein Verständnis. Müller ermöglicht kein Mitgefühl, und vielleicht ist sein Fall auch deshalb der richtige, um sich dem Dilemma entlassener Sicherungsverwahrter zu nähern: Er zwingt sein Gegenüber, ihn mit dem Verstand zu erfassen.

Müller hat mehr Lebenszeit im Gefängnis verbracht als außerhalb. Die ersten zehn Jahre in Zelle 395, die restlichen zwanzig in Zelle 398 der JVA Freiburg. Zehn Quadratmeter ohne Ausblick. Keine Lockerung, kein Ausgang. Müller schrieb keine Briefe, schrieb kein Tagebuch, er malte nicht, er bastelte nicht. Müller arbeitete: als Bauhelfer, Maurer und Schweißer. »Ich hab das gesamte Gefängnis umgebaut«, sagt er. »Alle vier Flügel.« In 15 Jahren hat Müller quadratmeterweise Putz runtergeklopft, die Großraumduschen abgebaut und mit der Schaufel einen ganzen Sportplatz umgegraben.

Müller sagt: »Ich hab mir im Knast einen Namen gemacht. Wenn ich gesagt hab, so läuft der Has’, dann lief er so.«

An das Gefängnis erinnert Müller nur noch sein Fernseher, sonst hat er die dreißig Jahre, so gut es ging, ausgelöscht. Eingedampft auf ein paar wenige Anekdoten, Storys, in denen er unbemerkt Schnaps brannte, in denen Müller der Held ist und die anderen die Idioten sind. Oder die Arschlöcher. Je nachdem, ob die Geschichte von Mithäftlingen handelt oder von der Anstaltsleitung.

Mehr als ein Dutzend psychiatrischer Sachverständiger haben versucht, Müller zu ergründen. Eines der zahllosen Gutachten über ihn kommt zu dem Schluss, Müller neige zu einem übersteigerten Geltungsbedürfnis: »M. lebt in permanenter Selbsttäuschung, weil es sein äußerst empfindliches narzisstisches Gleichgewicht zu sehr stören würde, wenn er sich auch nur ein Mal als schwach und hilfsbedürftig erleben müsste.« Müller sagt: »Hartz IV ist nichts für mich. Das können andere machen.«

Müller ist auf dem Weg zum Arbeitsamt. Er sucht eine Stelle. Seit anderthalb Jahren ist er jetzt in Freiheit, aber immer noch hat er keine feste Bleibe, keine Beschäftigung. Um die Rückfallgefahr zu verringern, schreiben die Gutachter, sei es wichtig, dass Müllers Alltag eine Struktur habe. Müller gilt als Impulstäter – als einer, dessen Taten spontan auf eine Kränkung folgten. Das von Müller ausgehende Risiko reduziere sich in dem Maße, wie er sich integriere. Müller brauche eine stabile Umgebung mit festen Gewohnheiten und Menschen, auf die er sich verlassen kann.

Auch deshalb bringt ein sechsköpfiger Betreuungsstab Müller das Leben neu bei, wie einem Schlaganfallpatienten das Laufen. Ein Sozialarbeiter des städtischen Trägers »Fördern und Wohnen« spielt regelmäßig mit ihm und einer Gruppe trockener Alkoholiker Skat. Müller soll den Umgang mit Menschen lernen. Eine andere Sozialarbeiterin übt das Einkaufen mit ihm, ein dritter hilft ihm bei Bewerbungen. Sie holen all die Entlassungsvorbereitungen nach, die eigentlich während der Haft stattfinden sollten – bei Müller aber nie stattgefunden haben. Niemand rechnete damit, dass einer wie er wieder unter Menschen kommt.

Vor zehn Jahren verkündete der Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Bild am Sonntag, Sexualstraftäter müsse man »wegschließen – und zwar für immer!«. In der Folge hat sich die Zahl der Sicherungsverwahrten mehr als verdoppelt – auf 524 im Jahr 2010. Die Sicherungsverwahrung ist keine Strafe, sondern eine »Maßnahme zur Besserung und Sicherung« von Menschen, die ihre Strafe bereits verbüßt haben. Gleichzeitig ist sie das empfindlichste Übel, das die Justiz verhängen kann: ein Wegsperren auf Verdacht. Seit 1998 wurde dieses Übel kontinuierlich ausgeweitet: Seit 2004 darf ein Gericht die Sicherungsverwahrung auch nachträglich anordnen – selbst dann, wenn sie gar nicht im Urteil steht. 2008 wurde diese Möglichkeit sogar auf Jugendliche ausgedehnt . Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Europäische Gerichtshof diesen deutschen Sonderweg des Einsperrens stoppen würde.

Wie ein ausgewildertes Tier habe Müller gewirkt, sagen die Polizisten, die den Entlassenen bewachen. Mittlerweile schaffe er es, einen guten Tag zu wünschen, sagt die Bewährungshelferin, die ihn seit 18 Monaten betreut: »Müllers soziale Kompetenzen waren vollständig verkümmert.« Unüberschaubare Situationen flößen ihm immer noch Angst ein. Die Regulierung von Nähe und Distanz ist sein größtes Problem. Die Menschen weichen vor ihm zurück.

Die Arbeitsvermittlerin weigert sich, Müller zu betreuen, als sie hört, wer er ist

Als Müller an diesem Morgen das Arbeitsamt betritt, bellt er ein raues »Morgen!« in den Raum. Die verwunderten Blicke der Wartenden folgen ihm, als er sich viel zu dicht vor dem Schalter einer älteren Frau aufbaut. »Wo sind denn hier die Computer?«, nuschelt er. Die Kundenbetreuerin weist ihn irritiert in den dritten Stock. Dort angekommen, versucht Müller vergeblich, einen der Computer anzuschalten, er nestelt an seiner Kappe, schließlich klopft er wahllos an geschlossene Türen. Ein Sachbearbeiter ruft ihn herein. »Ich such Arbeit«, sagt Müller. »Schweißer bin ich. Bauhelfer kann ich auch.«

»Sie sind also Leistungsbezieher? Dann sagen Sie mal, wie Sie heißen.«

»Müller, Hans-Peter«, nuschelt Müller.

»Heinz-Peter?«

»Hans!«, versetzt Müller zwar mit Nachdruck, aber noch undeutlicher als zuvor. »Also Heinz«, lächelt der Berater verunsichert, dann ruft er in seinem Computer mögliche Angebote auf und druckt sie Müller aus. Eine Firma sucht einen Schweißer, unbefristet, eine andere einen Bauhelfer, befristet.

An die hundert Bewerbungen hat Müller schon verschickt

Müller lässt sich die Adressen in die Hand drücken, doch als er eine Stunde später bei den Firmen anruft, ist die Sache schon erledigt: Er brauche gar nicht erst vorbeizukommen, heißt es bei der einen; der Auftrag sei leider in Mecklenburg, bei der anderen. Müller winkt ab. »War ja klar«, sagt er, dann lässt er enttäuscht die Luft aus seinen Backen entweichen: »Pffft!« An die hundert Bewerbungen hat Müller schon verschickt, aber nicht eine der Firmen hat ihn zurückgerufen. Bei zehn Zeitarbeitsfirmen ist Müller unter Vertrag, aber nicht eines der Angebote kam für ihn infrage: Sein Arbeitsplatz soll nicht weiter als zehn Kilometer von seiner Unterkunft entfernt liegen, so will es die Polizei.

Die Arbeitsvermittlerin, die sich anfangs um Müller kümmerte, weigerte sich, ihn im Amt weiter zu beraten, als sie erfuhr, dass ihr Klient »der aus der Zeitung« ist. Die Mitarbeiter des Bezirksamtes telefonierten für Müller drei Dutzend kleiner Betriebe ab, in denen er sich irgendwie nützlich machen könnte: ohne Erfolg. Als seine Bewährungshelferin ihm ein Praktikum bei der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald organisierte, vervollständigte Müller drei Wochen lang ein Rutschbahnhaus, doch dann hieß es, Müller brauche nicht mehr zu kommen. An der Leistung habe es nicht gelegen, sagt der Geschäftsführer Rüdiger Kruse, Müller habe »ruhig« seine Arbeit verrichtet – allerdings würden manchmal hundert Meter entfernt Kindergruppen spielen... »Ich weiß, dass Herr M. keine Kinder missbraucht hat, aber erklären Sie das mal der Öffentlichkeit.« Es habe Mitarbeiter gegeben, die Urlaub beantragten, solange Müller bei ihnen beschäftigt sei.

Als Müller schließlich am Harburger Elbcampus, einer Ausbildungseinrichtung, die auch andere entlassene Strafgefangene beschäftigt, eine Fortbildung zum Elektroschweißer begann, berief die Geschäftsführung gleich am ersten Tag Konferenzen ein – eine der Ausbilderinnen war dahintergekommen, wer dieser Müller ist. Aus Angst um ihre Mitarbeiterinnen bestand sie darauf, dass die Polizisten Müller in seine 1,20 mal 1,20 Meter große Schweißkabine begleiten, in der dafür vorgesehenen Schutzkleidung. Das Landeskriminalamt versuchte, ihr das auszureden, der Aufwand sei nicht gerechtfertigt, doch die Frau ließ sich nicht beruhigen. Am fünften Tag brach Müller die Maßnahme ab.

Man habe ja gar nicht gewusst, wer da komme, verteidigt sich der Geschäftsführer Heinrich Rabeling. Der zuständige Kriminalhauptkommissar Oliver Joneleit notiert in seinem Abschlussbericht: »Eigentlich ist die Situation von Hr. Müller beim Aufnahmegespräch erklärt worden, eine nunmehr veränderte Sicht der Einrichtung ist nicht nachvollziehbar. Vorfälle hat es dort in keiner Weise gegeben.«

Müller will unbedingt arbeiten, die Psychiater raten dringend zu einer Beschäftigung, und die Bewährungshelfer sehen eine Stelle als entscheidend für seine Stabilisierung an. Der frühere Vergewaltiger Müller soll wieder Teil der Gesellschaft werden. Doch während Müller versucht zurückzukehren, errichten die Menschen eine Mauer um ihn. Nur: Bietet eine solche Mauer tatsächlich Schutz? Der Kriminalbeamte Joneleit bilanziert: »Nun haben wir natürlich ein weiteres Frusterlebnis.« Müllers Therapeut, den er einmal die Woche aufsucht, bedauert, dass M. »durch eine sehr schwierige Integrationsphase mit vielen Konflikten und Niederlagen« gehen müsse. Aggressive Fantasien durch so viele Kränkungen seien nachvollziehbar.

In der Schlosserei der Justizvollzugsanstalt Freiburg klemmt ein vergilbtes Passfoto über dem Schreibtisch, es zeigt Müller. Darunter eine Postkarte mit Hamburg-Motiv. In sauberer Druckschrift steht auf der Rückseite: »Einen Gruß und die besten Wünsche für und zu einem schönen Osterfest, euch allen, aus Hamburg, H-P Müller«. Nur wenige Meter entfernt sitzt Thomas Rösch, der Anstaltsleiter, in seinem Büro und würde den »Fall Müller« am liebsten für immer zu den Akten legen, denn dieser ist auch die Geschichte seines Scheiterns. Rösch sagt: »Der Müller hat ja nie eine Sozialtherapie gemacht. Er hat ja nie über seine Taten gesprochen.«

Der Langzeitgefangene Müller beging die Taten, für die er zu sieben Jahren und neun Monaten mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde, im April 1980. Damals war er 23 Jahre alt und gerade auf Bewährung draußen – er hatte Frauen bedroht und belästigt. Jetzt wollte er den Lohn für seine Arbeit bei einer Reederei in Heilbronn abholen. Nachdem die zuständige Sachbearbeiterin ihn ohne Geld weggeschickt hatte, überfiel Müller auf dem Rückweg spontan eine 42-jährige Spaziergängerin, die er mit vorgehaltener Druckluftpistole zwang, sein Glied in den Mund zu nehmen. Nachdem der Frau die Flucht gelungen war, drängte Müller eine 29-jährige Mutter mit ihrem eineinhalbjährigen Sohn von der Straße in ihre Wohnung. Er zwang sie, ihm auf die Toilette zu folgen, wo er sie vor den Augen des Kindes vergewaltigte.

Der Gutachter empfahl Lockerungen, doch die Anstaltsleitung blieb hart

Das Gericht hielt Müller damals zugute, dass er geständig war und Reue zeigte, doch seine Taten hatten im Laufe der Zeit an Brutalität gewonnen. Der Sachverständige Achim Mechler schrieb: »Emotional ist es unmöglich, an den Probanden heranzukommen. Weichere Gemütsregungen sind ihm nicht abzugewinnen.«

Müller war das fünfte von sechs Kindern. Bis zu seinem 15. Lebensjahr nässte und kotete er ein, wohl vor allem als Folge der ständigen Schläge im Elternhaus. 1973 attestierte ihm das Staatliche Gesundheitsamt Heilbronn einen »schweren Milieuschaden aufgrund des trinkenden Vaters«, doch kein Amt war auf die Idee gekommen, das Kind aus der Familie zu nehmen. Ein Gutachten des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Weinsberg erklärt drei Jahre später, als der Jugendliche das erste Mal auffällig wird: Der Proband habe »am Beispiel seines Vaters affektive Entgleisungen, mangelhafte Triebsteuerung und aggressive Verhaltensmuster von früher Kindheit an erlebt und übernommen«.

Immer wieder drang die Vollzugsleitung darauf, Müller solle sich einer Sozialtherapie unterziehen – einer jener mehrjährigen Gruppentherapien, bei denen Straftätern abverlangt wird, miteinander ihre Taten aufzuarbeiten. Die Sozialtherapie war der einzig gangbare Weg zu einer vorzeitigen Entlassung. Aber Müller sperrte sich. Dies sei ihm unmöglich, wegen des Misstrauens, »das mein Vater in mich hineingeprügelt hat«, gab er an. Er könne nicht darüber sprechen. Nichts ist schambehafteter als das Sprechen über Sexualstraftaten.

Trotzdem ließ sich Müller in den Achtzigern zwei Jahre lang auf eigene Kosten von einer auswärtigen Therapeutin behandeln. In den Neunzigern sprach er fünf Jahre lang mit einer externen Psychologin, die ihm eine Kirchengemeinde finanziert hatte. Doch das Verhältnis zwischen der Anstalt und dem Insassen war da bereits zerrüttet. Aus Angst, dass »alles in die Akte wandert«, hatte Müller sich geweigert, mit der Anstaltspsychologin zu sprechen. Die nämlich unterliegt keiner Schweigepflicht. Selbst die positiven Abschlussberichte seiner privat absolvierten Therapien ließ er aus Misstrauen niemanden lesen.

Müller lebte auf den 6. Dezember 1998 hin, das Datum seiner Entlassung nach zehn Jahren Sicherungsverwahrung. Doch im Juni, ein halbes Jahr bevor es so weit war, rief man ihn in den Gemeinschaftsraum, zusammen mit den anderen Sicherungsverwahrten. Die Regierung Kohl hatte kurz vor Ende ihrer Amtszeit beschlossen, dass die Sicherungsverwahrung von nun an nicht mehr auf zehn Jahre beschränkt sei, sondern per Gerichtsanordnung auch unbefristet verlängert werden könne. Es war der Anstaltsleiter persönlich, der jetzt verkündete: »Müller geht als Erster in die Verlängerung.«

In Müllers Kopf »entgleisten sämtliche Güterzüge«, wie er heute sagt. Seine Therapeutin notierte: »Nun sieht Herr Müller seine Bemühungen, sich selbst eine andere Richtung zu geben, ad absurdum geführt. Die gesamte Erlebnispalette von Misstrauen, Wut und Ohnmacht sowie die daraus resultierenden Machtphantasien wurden wiederbelebt, allerdings mit dem Unterschied, dass sich erstmals eine tiefe Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit dazugesellte.«

Nach jedem Gutachten wurde seine Sicherungsverwahrung verlängert

Der Gutachter Harald Krzepinski war im Jahr 2000 der Einzige, dem Müller vertraute und den er seine Therapieberichte lesen ließ. Krzepinski stellte fest, dass Müllers Aggressivität im Vollzug an Dynamik verloren habe. Er empfahl »ein strukturiertes, kompetent begleitetes Lockerungsprogramm«. Doch die Anstaltsleitung blieb hart. Auch wenn sie Müller attestierte, dass sein Arbeitsverhalten sich positiv entwickelt habe und er umgänglich sei gegenüber den Beamten, wurde seine Entlassung immer unwahrscheinlicher – weil der Gefangene sich nach wie vor einer Gruppentherapie verweigerte.

Jedes zweite Jahr wurde Müller jetzt begutachtet, und jedes Mal wurde seine Sicherungsverwahrung verlängert. Ein Routineakt im Büro einer Freiburger Strafvollstreckungskammer.

»Ihr könnt mich mal«, gab Müller jetzt in den Lockerungskonferenzen zu Protokoll. Er beschimpfte seine Gutachter, brach Untersuchungen ab, und irgendwann sprach er nur noch in Begleitung eines Anwalts. Er hatte die Anstaltsleitung als Feind ausgemacht und erkannte nicht, dass er sich selbst der größte Feind war. Denn je weniger Müller kooperierte, für umso gefährlicher hielt man ihn. Und für je gefährlicher man ihn hielt, desto weniger Gelegenheit bekam er, seine Ungefährlichkeit unter Beweis zu stellen. Thomas Rösch, der Anstaltsleiter, sitzt heute in seinem Büro und sagt: »Niemand wollte diese Leute draußen sehen, noch nicht mal die Bundeskanzlerin. Doch wir trugen die Verantwortung. Was hatten wir zu gewinnen?«

Als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Mai 2010 nahezu allen Regeln der deutschen Sicherungsverwahrung den Boden entzog – und damit dem Grundsatz »Keine Maßnahme ohne Gesetz« folgte –, traf diese Nachricht nicht nur Müller, sondern auch die Justizvollzugsanstalt Freiburg völlig überraschend. »Wir wurden von den Ereignissen überrollt«, sagt Rösch, »und es gab keine Warnsignale aus der Politik.«

Tatsächlich war es das überfällige Ende eines deutschen Alleingangs: Schon im schwarz-gelben Koalitionsvertrag 2009 hatte die Regierung versprochen, man werde das deutsche Gesetz »rechtsstaatlich« und »europarechtskonform« machen. Allein, nichts war geschehen. Nun agierten alle Beteiligten in einem Nebel der Zuständigkeiten. Das Urteil der europäischen Richter traf auf völlig unvorbereitete Kommunen und Länder: Es gab kein Konzept für die Unterbringung der zu Entlassenden, keine Mittel für ihre Überwachung, keinen Plan für ihre Resozialisierung. Man hatte geglaubt, sich ihrer für immer entledigt zu haben.

Am 15. Juli 2010 erklärt das Gericht Müllers Sicherungsverwahrung für erledigt. Müller erhält die Weisung, in ein Betreuungszentrum im niedersächsischen Bad Pyrmont zu ziehen, und zwischen dem baden-württembergischen und dem niedersächsischen Justizministerium gehen hektische E-Mails hin und her. Stuttgart schätzt Müller als »Hochrisikoproband« ein. Müller erhält die »Gefährdungsstufe A«.

»Todesstrafe!«, rufen die Leute, »Aufhängen!« prangt an der Tür

Als der Polizeiwagen mit Müller gegen Mitternacht vor der Einrichtung »An der Emmer« in Bad Pyrmont eintrifft, kampieren vor dem Eingang bereits Reporter der Bild- Zeitung. Am nächsten Morgen sieht Müller, wie Teams von RTL und Sat.1 ihre Kameras auf sein Fenster richten. Eine »unberechenbare Hormon-Zeitbombe« ticke mitten in Bad Pyrmont, titeln die Weserbergland Nachrichten. Journalisten interviewen bereits die Kinder auf den Spielplätzen der Umgebung. Müller ist noch keine 24 Stunden in seiner neuen Bleibe, als der Inhaber der Einrichtung eine Notfallkonferenz einberuft: Er fühlt sich »von der JVA gelinkt« – man habe ihm von dem Presserummel nichts gesagt, seine Geschäftsführerin könne »noch nicht mal mehr in Ruhe einkaufen«. Die eilig einberufene Runde, an der auch der Bürgermeister und der Landrat teilnehmen, kommt rasch darin überein, dass Müller »für den kleinen Ort nicht mehr tragbar« sei. Der mitgereiste Sozialarbeiter der JVA Freiburg fasst zusammen: »Die Sicherungsverwahrten und alle, die an der Entlassung fachlich beteiligt sind, werden quasi zum Abschuss freigegeben und erhalten keine Unterstützung – weder durch die verantwortliche Justiz noch durch die verantwortlichen Politiker.«

Schließlich ist es Müller selbst, der anbietet, er könne auch nach Hamburg ziehen, in die Anonymität der Großstadt, dorthin, wo die einzige Person lebt, die über zwanzig Jahre hinweg mit ihm losen Kontakt gehalten hat: die SPD-Justizexpertin Anke Pörksen, die Müller als Jurastudentin einmal im Monat besucht hat.

Es ist nachts um halb eins, am 19. Juli 2010, als Müller von den Polizisten des Hamburger Landeskriminalamts im Ibis-Hotel, Ortsteil Wandsbek, einquartiert wird. Drei Tage bleibt er dort, die Rechnung begleicht er von seinem Entlassungsgeld. Ein neues Gutachten, das klären soll, wie gefährlich Müller noch ist, wird in Auftrag gegeben, und von nun an ist eine ganze Armada städtischer Angestellter damit beschäftigt, für Müller eine Wohnung zu suchen.

»Der sadistische Serienvergewaltiger Hans-Peter M. darf mitten in Hamburg leben«, erregt sich die Hamburger Morgenpost. Die Bild- Zeitung warnt unter der Überschrift Deutschlands gefährlichster Sex-Verbrecher: »Der Tod ist jetzt auf freiem Fuß – nach 30 Jahren Knast«. Müller hat zwar niemanden umgebracht, aber das sind Details, die niemanden interessieren.

Schon in seiner zweiten Unterkunft, einer Wohneinrichtung in der Nähe des Flughafens, finden Anwohner aufgrund der vier Polizeibegleiter schnell heraus, wer Müller ist. Vor dem Männerwohnheim, das ihn als Nächstes beherbergen soll, liegen die Reporter bereits auf der Lauer. Nur dank eines Ablenkmanövers schaffen es die Polizisten, Müller in einem Burger-King-Restaurant in Sicherheit zu bringen, wo man überlegt, wie es jetzt weitergehen soll. Als Müller schließlich in eine städtische Notwohnung in der Anzengruberstraße im Hamburger Süden gebracht wird, vermeldet der Kriminalbeamte Joneleit: »Es eskaliert!«

Müller hatte sich in der Wohnung verschanzt, doch als er in den Innenhof trat, um zu rauchen, verschaffte sich ein Fotograf der Bild- Zeitung Zugang und überrumpelte ihn. Müller schlug nach der Kamera, bis er von seinen Polizisten zurück in die Wohnung gedrängt wurde.

Am nächsten Tag druckt die Bild- Zeitung Müllers Foto samt Lage der Wohnung. Ihre Reporter interviewen Nachbarn, die sie zuvor fotografiert haben: Sie halten Pappschilder vor sich, auf denen »Kinderficker!« steht oder »Vergewaltiger sollen keine Menschenrechte haben!«. Unter der Überschrift Jagdszenen in Harburg beschreibt die Hamburger Morgenpost die Szenerie: »Immer wieder brüllt ein Mann ›Todesstrafe!‹. Eine Frau schreit: ›Verpiss dich, du Bestie!‹« In Müllers Hausflur schmieren sie »Vergewaltiger raus«. »Aufhängen!« prangt an seiner Tür.

Ganz Deutschland hat inzwischen Angst vor Hans-Peter Müller, bundesweit bekannt als »die Bestie«. In einem Vermerk der gerichtlichen Führungsaufsicht heißt es: »Mit dem derzeitigen Verhalten will die Bild- Zeitung Müller anscheinend aus Hamburg vertreiben, bringt ihn aber tatsächlich durch ihr destabilisierendes Verhalten in die Gefahr eines strafrechtlichen Rückfalls.« Die Bewährungshelferin bilanziert: »Herr Müller ist zutiefst verunsichert.« Eine Fallkonferenz jagt jetzt die andere, eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe soll Möglichkeiten der Unterbringung eruieren. Doch Hamburg ist dicht besiedelt – wo soll Müller hin?

Als er schließlich in ein heruntergekommenes Fachwerkhaus im Wald gebracht wird, stöbert Bild ihn auch dort auf. Dana Schweiger, die Exfrau des Schauspielers, wohnt ganz in der Nähe, und wenige Tage später sitzt Til Schweiger in der ZDF-Talkshow Markus Lanz. »Kinderschänder« lautet das Thema, und Til Schweiger redet sich in Rage. In den Applaus des Publikums ruft er: »Das ist dieses deutsche Gutmenschentum, das mich so ankotzt! Ich bin der Meinung, dass jemand, der eine Sexualtat begeht, sein Recht in dieser Gesellschaft verwirkt hat.«

Der Entlassene Müller ist nun vogelfrei

Müller traut sich jetzt nur noch vor die Tür, wenn die Polizisten nachgesehen haben, ob die Luft rein ist. Es ist nicht mehr festzustellen, wer vor wem mehr Panik hat: die Menschen vor Müller oder Müller vor den Menschen.

Der Entlassene Müller ist nun vogelfrei. Das höchste deutsche Gericht hat ihm das Recht auf Resozialisierung zugesprochen. Doch es scheint, als habe sich das Land in Hysterie hineingesteigert. Der Hamburger Forensiker Guntram Knecht schreibt: »Obwohl die schweren Sexualdelikte seit Jahrzehnten abnehmen, hat sich die gesellschaftliche Toleranz diesen Tätern gegenüber deutlich verändert.« Wohin die Panikmache führt, ist in den USA zu beobachten: Im Bundesstaat Maine wurden 2006 zwei ehemalige Sexualstraftäter erschossen, nachdem der Staat ihre Adressen im Internet veröffentlicht hatte. Trotzdem fordert der CDU-Innenexperte Reinhard Grindel einen »Internetpranger« nach amerikanischem Vorbild, und sein Hamburger SPD-Kollege Andreas Dressel ruft nach der zügigen Einführung einer elektronischen Fußfessel – »für Fälle wie Hans-Peter M.«.

Das Grundgesetz betrachtet die Wiedereingliederung in die Gesellschaft als »das herausragende Ziel des Vollzugs von Freiheitsstrafen«. In Deutschland gilt der Datenschutz. Eine Fußfessel kann kein Politiker, sondern nur ein Gericht anordnen. Warum also schüren Männer wie Grindel Erwartungen, die sie nicht erfüllen können? Warum rufen Männer wie Dressel Ängste wach, wo sie aufklären müssten?

Müller lobt seinen Hund: »Dylan hat einen eins a Charakter«

Strafrechtsprofessoren aus Bochum und Tübingen, die entlassene Sicherungsverwahrte untersucht haben, kommen auf eine Rückfallquote von maximal zehn Prozent. Die daraus resultierende Frage, die kein deutscher Politiker mehr zu diskutieren wagt: Darf ein Rechtsstaat hundert Menschen wegsperren, weil vielleicht zehn von ihnen rückfällig werden?

Die Hundewiese hinter dem Krankenhaus liegt schon verlassen da, als Müllers Stimme durch die Dämmerung schallt. Mit einem Stock in der Hand schreitet er ein imaginäres Viereck ab wie ein einsamer Feldherr. »Bleib!«, kommandiert Müller, und Dylan, sein Labradormischling, duckt sich hechelnd auf das Gras. Er schaut Müller aufmerksam an. Eine Sekunde lang, zwei, dann sprintet er los.

Regelmäßig absolviert Müller die Übungen, die eine Hundetrainerin ihm vorgemacht hat. Es ist inzwischen Ende November und Müllers Zukunft immer noch ungewiss. Seit einem Jahr lebt er unbemerkt in dem stillgelegten Krankenhausflügel, aber der soll bald abgerissen werden. Müller lenkt sich ab, indem er spazieren geht, Dylan ordnet seinen Tag. Vor sechs Monaten hat Müller ihn durch eine Zeitungsanzeige gefunden, seitdem hat er eine Aufgabe. In seiner Tasche trägt er immer den gelben Hundeführerschein, der Dylan von der Anleinpflicht befreit. Müllers erster und bislang einziger Erfolg in Freiheit. »Wir haben alle Übungen bestanden«, sagt Müller stolz. »Auch den Wesenstest. Der Dylan hat einen eins a Charakter.«

Die Hundetrainerin sagt, Hundeerziehung sei vor allem Menschenerziehung, »und Herr Müller hat große Fortschritte gemacht«. Er habe gelernt, seinen Hund zu streicheln. Er erziehe ihn stets mit der Stimme, nie mit Schlägen. Müller trinkt keinen Schluck Alkohol, mit der Polizei kooperiert er »hochzuverlässig«. Er hält Frauen die Tür auf, sagt Bitte und Danke, zu Verabredungen ist er pünktlich. Müller wünscht anderen Hundebesitzern ein schönes Wochenende, und wenn er mit Dylan spazieren geht, rügt er rücksichtslose Radfahrer und Hundescheiße auf dem Gehweg. Er achtet darauf, dass er und nicht sein Gegenüber die Pfützen auf seiner Seite hat.

Herr Müller, warum haben Sie eigentlich nie die Sozialtherapie gemacht?

»Hätte, hätte, hätte! Hätt der Hund nicht geschissen, hätt er einen Has’ gefangen«, nuschelt Müller. Er spricht gern in Redensarten, auf Fragen antwortet er mit Volksweisheiten und Allgemeinplätzen, als brauchte er ein verlässliches Vokabular, das er abrufen kann. Zu seiner Verweigerung hat er dieses Sprichwort parat: »Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es heraus.« Seine persönlichen Dinge gingen niemanden etwas an. »Stacheldraht, Berliner Mauer, Panzersperre, Minenfeld – das ist mein Schutzmantel. Da kommt keiner durch.«

Der psychiatrische Sachverständige Jochen Brack, der Müller in diesem Jahr untersucht hat, sagt: »Herr Müller wäre für eine Psychotherapie im engeren Sinne gar nicht geeignet, seine Persönlichkeitsstörung ist zu gravierend. Eine solche Therapie wäre sogar kontraproduktiv.« Man müsse im Hier und Jetzt verhaltenstherapeutisch mit ihm arbeiten: »Er bräuchte ein Antiaggressions- und Sozialkompetenztraining, vor allem aber eine Beschäftigung und einen geschützten Wohnort.« Der Psychiater Guntram Knecht konstatiert, Müller sei »innerhalb des Vollzugs ruhiger, angepasster und weicher« geworden. Auch das Gutachten des Sachverständigen Jürgen Lotze rät, die Polizeiüberwachung »dosiert abzubauen«. Müller sei kontrollierbar.

Es ist seltsam. Alle fachlichen Indikatoren sprechen dafür, dass die Eingliederung des ehemaligen Sicherungsverwahrten Müller für die Gesellschaft verantwortbar ist. 7000 bis 10000 Sexualstraftäter werden in Deutschland jährlich verurteilt und nach Verbüßung ihrer Strafe geräuschlos resozialisiert. Doch Rembert Vaerst, der Geschäftsführer des Hamburger Trägers »Fördern und Wohnen«, der für Müllers Unterkunft sorgen soll, winkt ab: »Es ist so gut wie unmöglich, das Thema Sicherungsverwahrung rational zu diskutieren. Sachliche Argumente will keiner hören.«

Als Vaersts eigene Einrichtung in Sachsenwaldau bei Hamburg Müller aufnehmen wollte, machte der dortige Bürgermeister persönlich gegen den Störenfried mobil. Jede erdenkliche Unterkunft habe die Stadt inzwischen abtelefoniert, sagt Vaerst, und überall höre sie dasselbe: Wir fürchten um unseren Ruf. Ein Hamburger Tierheim will Müller noch nicht einmal einen herrenlosen Hund aushändigen, aus Furcht vor der Wut seiner Geldspender. Und Elisabeth Chowaniec, die landeskirchliche Beauftragte, sprach persönlich bei einer ganzen Reihe evangelischer Einrichtungen vor, ob Müller bei ihnen tagsüber etwas Gesellschaft haben könnte, vielleicht etwas zu Mittag essen oder eine Runde Karten spielen, selbstverständlich in Begleitung seiner vier Polizisten. Alle Christen lehnten ab: Ja, man wisse, die Wahrscheinlichkeit eines Übergriffs sei reine Statistik. »Aber was für Vorwürfe kämen auf uns zu, wenn doch etwas passiert? Was würden die Medien, die Öffentlichkeit sagen?«

Es ist, als trage Müller einen Pesthauch an sich

Es ist, als trage Müller einen Pesthauch an sich, der alles vernichtet, was in seine Nähe kommt. Die Bürger fürchten Müller. Müller fürchtet die Bürger. Und alle haben Angst vor der Presse. Müller, Hamburg und ganz Deutschland werden regiert von der Angst vor der bösen Schlagzeile, vor dem propagandistischen Bild. Sie tötet jeden guten Willen und hat alle infiziert – selbst Müllers Helfer, von denen keiner mit Namen in der ZEIT erscheinen will. Erst nach mehreren Anfragen beim Bezirksamt ist es möglich –, in Begleitung ihres Vorgesetzten – mit Müllers Bewährungshelferin zu sprechen. Die Polizisten, die Müller bewachen, dürfen mit Journalisten nicht reden. Und der städtische Träger »Fördern und Wohnen« lässt Reporter gar nicht erst in die Nähe seiner Betreuer – alles »aus Fürsorgepflicht«.

Im Einzelfall ist die Sorge nachvollziehbar, aber was, wenn die Besorgtheit des Einzelnen zur kollektiven Feigheit wird? Wenn sich eine Gesellschaft verrückt machen lässt? In Hamburg haben sich ganze Verwaltungsstäbe monatelang nur mit diesem einzigen Entlassenen beschäftigt, den drei Sachverständige unabhängig voneinander als kaum mehr gefährlich einstufen. 24 Polizisten sind seit anderthalb Jahren allein mit ihm befasst. Wie der Schwarze Peter wird Müller weitergereicht. Was soll er tun? Sich in Luft auflösen? In den nächsten Jahren werden noch Dutzende weiterer Sicherungsverwahrter entlassen – und dann?

Der Gutachter Brack findet, man könne froh sein, dass Müller dem Stress bislang standgehalten habe.

Der Justizstaatsrat Ralf Kleindiek sagt: »Wir müssen doch mal die Kirche im Dorf lassen. Dieser Fall hat längst eine völlig übertriebene Wertigkeit. Entlassene Straftäter stellen ein Rückfallrisiko dar. Das ist nicht neu. Damit müssen wir als Stadt umgehen.« Kleindiek sitzt in seinem Büro in der Hamburger Justizbehörde. Seit Monaten absolviert er wöchentlich einen Jour fixe zum Fall Müller. 25 Fallkonferenzen liegen hinter ihm, etliche Krisengipfel, und Kleindiek sagt, er sei heilfroh, dass Müller so pflegeleicht sei. Theoretisch könnte er überall hinziehen, in jede Straße, in jede Stadt, und keiner hätte ein Recht, ihn aufzuhalten. An diesem Mittag hat Kleindiek Müller zum ersten Mal getroffen, im Restaurant zum Steakessen. Er hatte die Berge psychiatrischer Gutachten gelesen, die Schilderung von Müllers Taten, und jetzt wollte Kleindiek sich selbst ein Bild machen. Auch, sagt er, um den Bürgern mit reinem Gewissen sagen zu können: Ihr braucht keine Angst haben, ich würde selbst neben ihm wohnen.

Es ist inzwischen Ende November, und Kleindiek will aus der Defensive kommen, er will endlich Bewegung in diesen Fall bringen, der seit Monaten festzuhängen scheint – denn am Horizont ziehen noch dunklere Wolken auf. In Hamburg sitzen weitere acht Sicherungsverwahrte, die entlassen werden könnten, Männer, die womöglich unberechenbarer sind als Müller. Da ist der Kindesmissbraucher mit der elektronischen Fußfessel. Da ist der Mörder, der zum Alkohol neigt. An Müller hängt jetzt alles: Läuft es mit ihm gut, beruhigt sich die Lage. Läuft es schlecht, ist das erst der Anfang.

Kleindiek ist erleichtert, dass sie endlich dieses leer stehende Haus in Hamburg-Jenfeld gefunden haben, in dem früher Alkoholiker entzogen haben. Der Holstenhof sei nahezu optimal, sagt er: Er stehe relativ einsam, eingegrenzt von einer Autobahn und der Bundeswehruniversität. Sozialpädagogen gebe es dort, auch einen privaten Sicherheitsdienst, sogar eine Arbeit im offenen Vollzug der JVA Glasmoor sei möglich. Müller hätte hier geregelte Abläufe und wäre gut zu beobachten, ganz so, wie es alle Gutachter empfehlen.

Diesmal muss es klappen. Kleindiek will aus alten Fehlern lernen und »die Bürger mitnehmen«. Er plant ein Briefing der Presse, ein Informationsgespräch mit den Anwohnern. Alles soll transparent sein. Er will die Schuldirektoren der Umgebung anrufen, die Pastoren. Niemand soll sich übergangen fühlen. »Wir wollen doch alle dasselbe«, sagt er. »Wir tun das alles doch nicht nur für Herrn Müller, wir tun das auch für die Bürger!«

Wochenlang haben drei Senatsbehörden an ihrem »Unterbringungskonzept für entlassene Sicherungsverwahrte« gearbeitet, doch dann dauert es nur zehn Minuten, bis das Volk ihnen jede Illusion raubt. »Kommen Sie zum Punkt!«, hört Kleindiek einen Herrn aus den hinteren Reihen rufen. »Die Märchenstunde ist beendet.«

Es ist der 6. Dezember, Nikolausabend, und mehr als hundert Anwohner sind in die Aula der Bundeswehruniversität in Jenfeld gekommen. Aus der Zeitung haben sie erfahren, dass der berüchtigte »Sex-Gangster« in ihre Nähe ziehen soll. Fernsehkameras zoomen auf wütende Gesichter, und auf dem Podium ringen der Hamburger Innensenator, der Sozialsenator und die Justizsenatorin um Worte. »Wir haben uns das hier nicht ausgesucht«, beginnt Jana Schiedek, die Justizsenatorin, und es klingt schon wie eine Entschuldigung. »Uns geht es doch darum, Sicherheit herzustellen«, fährt Schiedek fort. Dann zählt sie auf, dass vierzig Beamte rund um die Uhr Wache schieben, dass zusätzlich ein privater Sicherheitsdienst den Holstenhof kontrollieren werde.

»Alles auf Kosten der Steuerzahler«, schreit eine Frau in pinkfarbener Jacke.

»Unsere Meinung interessiert doch gar nicht!«, brüllt eine andere.

»Wie kamen Sie auf Jenfeld?«, ruft ein Mann.

»Wir haben eine Umgebung gesucht, die für alle Beteiligten akzeptabel ist.«

»Sie ist nicht akzeptabel!«, schallt es aus vielen Kehlen. »Hier wohnen Kinder, Jugendliche, Senioren. Können Sie uns garantieren, dass unseren Kindern nichts geschieht?«

»Wir haben ein Haus gesucht, das alleine steht und sich gut überwachen lässt...«

»Das sind doch Kinderficker und Mörder, die gehören in den Knast!« Der Saal johlt.

»Hans-Peter M.«, sagt die Justizsenatorin, »ist ein freier Mann.« Doch Schiedek redet inzwischen zu leise, ihre Worte gehen im Tumult unter.

»Schenken Sie uns Ihr Vertrauen!«, bittet der Leiter des Bezirksamts Wandsbek am Ende der Veranstaltung. »Lassen Sie uns doch Normalität herstellen«, fleht der Sozialsenator Detlef Scheele. Doch die Bürger denken nicht daran. »Wir lassen solche Leute nicht nach Jenfeld! Schminken Sie sich das ab!«, schreien sie. »Wir machen ihm die Hölle heiß!« Bereits vor Tagen haben sich Anwohner zu einer Bürgerwehr zusammengeschlossen. Fünfzig Nachbarn demonstrierten am Nachmittag vor dem Holstenhof. Müller hat das alles im Fernsehen verfolgt. Er sagt: »Die Menschen halten mich für ein Monster.« Er fürchtet sich vor dem Umzug. Doch spätestens im März ist es so weit. Dann, so drohen die Demonstranten, werden sie zu Hunderten anrücken.

* Name geändert