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Hitler stahl das rosa Kaninchen, doch der Hase mit den Bernsteinaugen ist ihm entkommen. Jahrelang lag er mit den Schildkröten, dem Totenköpfchen, dem bösen Geist und 260 anderen kleinen Figuren versteckt vor Hitlers Schergen in der Matratze des Dienstmädchens Anna.

Die Figuren, Netsuke genannt, stammen aus Japan , wo man sie zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert am Kimono trug. Sie sind aus Elfenbein, Wurzelholz oder Walrosszähnen geschnitzt und nahezu das Einzige, was von dem märchenhaften Reichtum der jüdischen Händler- und Bankiersfamilie Ephrussi übrig blieb. Heute stehen sie in einer Vitrine im Londoner Haus des Nachkommens Edmund de Waal , 47. Dieser Mann stellt kleine Keramiken her, die in großen Museen gezeigt werden, und sagt von sich: "Für mich ist es nicht nebensächlich, wie Objekte angefasst, benutzt und weitergegeben werden. Das ist mein Thema. Ich habe Tausende, Abertausende Gefäße gemacht."

Die Dinglichkeit als Lebensthema – selbst bei seinem Ausflug ins Abstrakte nimmt de Waal sie als Ausgangspunkt, zu dem er immer wieder zurückkehrt. Der Keramiker hat nämlich ein Buch geschrieben, das nun schon einige Zeit auf den englischen Bestsellerlisten steht und im Sommer auch auf Deutsch erschienen ist. Anhand der ererbten japanischen Figürchen verfolgt er die Geschichte seiner Familie zurück bis zu Charles Ephrussi, der die Netsuke Ende des 19. Jahrhunderts in Paris erstand. Charles förderte Künstler und diente Marcel Proust als Vorbild für dessen Zeitsucher Charles Swann. Seiner Erzählung hat Edmund de Waal ein Zitat von Swann vorangestellt: "Selbst wenn man nicht mehr an den Dingen hängt, ist es nicht unbedingt gleichgültig, ob man daran gehangen hat, denn immer ist es aus guten Gründen gewesen, die den anderen entgehen..." Die Gründe, warum de Waal so an den Netsuke hängt, werden nach der Lektüre seines wunderbaren Buches keinem mehr entgehen. Und offensichtlich haben auch viele Leser eine Art Zuneigung zu ihnen gefasst. Der Hase mit den Bernsteinaugen, der dem Buch den Titel gibt, ist auf dem Cover zu sehen. Doch gehen nun, wie der Autor auf seiner Website erklärt, immer mehr Leserbriefe bei ihm ein, die beklagen, dass keine weiteren der für das Buch so entscheidenden Netsuke gezeigt werden. Dies holen wir hiermit nach.

Die Bilder der Figuren sind auf der Website des Autors und im aktuellen ZEITmagazin zu sehen.