»Wir sind jetzt alle Sozialisten«, titelte das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise am 6. Februar 2009. Man konnte sich die Augen reiben. Man konnte sie sich auch gleich noch mal reiben, wenn man weiterlas. Der Sozialismus, auf den die US-Journalisten ihr Land da zumarschieren sahen, war derjenige, der schon Westeuropa in seinen Klauen gehalten habe. »Wir werden zunehmend französischer«, schrieb das Blatt.

Unter Sozialismus stellt sich jeder etwas anderes vor; das war schon immer so. Wenn nicht gerade vom real existierenden (beziehungsweise nicht mehr existierenden) Sozialismus der früheren Ostblockstaaten die Rede ist, pendeln die Zielvorstellungen zwischen autokratischer Staatsaufsicht, demokratischer Bestimmung der wirtschaftlichen Ziele und anarchistischer Verwirklichung in freien Kollektiven, zwischen gewaltsamer Revolution und friedlicher Überzeugungsarbeit, zwischen der Erfüllung historischer Aufträge und der tastenden Suche nach einer besseren Zukunft .

Und trotzdem: 22 Jahre nach dem Fall der Mauer und drei Jahre nach dem Ende von Lehman Brothers zeigen sich in diesem Durcheinander einige Kristallisationspunkte, mit deren Hilfe man sich eine konkrete Politik vorstellen kann – und vielleicht sogar einen neuen Sozialismus. Seit Jahren schon schaut die Linke nach Zentral- und Südamerika. In Venezuela spricht Staatschef Hugo Chávez seit seiner Machtergreifung 1998 vom »Sozialismus des 21. Jahrhunderts«. Er ließ sich vom deutschstämmigen und in Mexiko forschenden Soziologen Heinz Dieterich beraten und fand Nachahmer in Ländern wie Bolivien und Ecuador. Chávez enteignete internationale Konzerne, legte sich aber auch mit heimischen Firmen an und steckte große Teile der Öleinnahmen in populistische Umverteilungsprogramme zugunsten der sozial Schwachen.

»Der zentrale Gedanke ist hier die Wiederaneignung von Enteignetem«, sagt Elmar Altvater , Soziologe aus Berlin und Kenner der linken Szene, »ein Gedanke, der bis auf Rosa Luxemburg zurückgeführt werden kann.« Ob Bodenschätze oder Energieversorgung, ob Urheberrechte oder Patente auf Erbgut: Wenn Konzerne und sonstige Machteliten sich diese unter den Nagel gerissen hätten, dann dürfe die Mehrheit sie sich zurückholen. Auf Altvater wirkt der Gedanke erstaunlich frisch. »Man kann sagen, dass die Occupy-Bewegung, die an der Wall Street und in Frankfurt demonstrierte, in Lateinamerika vorgedacht und vorpraktiziert worden ist.«

Die wichtige Frage bleibt: Und dann? Die autokratische Revolution des Hugo Chávez gilt nicht mal wesentlichen Teilen der Linken als gelungen – eine tragfähige neue Form des Wirtschaftens ist dort nicht entstanden, und ohne Erdöleinnahmen wäre das Land bankrott. Ein leuchtendes Vorbild für eine sozialistische Wirtschaftsordnung kann das nicht sein.

Ein Lösungsvorschlag für dieses Problem, der im Moment viel Aufmerksamkeit erfährt, ist Old school -Sozialismus im neuen Gewand: Der Staat oder eine andere gesellschaftliche Organisationsform soll die ganze Wirtschaft planen. In Moskau und an anderen Orten ist das zwar schon mal schiefgegangen, eigentlich auch bei Chávez , aber schließlich – sagen die neuen Anhänger der öffentlichen Planung – gibt es den technischen Fortschritt. Computer, Netzwerke, Verfahren zur Datenberechnung sowie Einsichten aus der Psychologie und der Managementlehre könnten dabei helfen, eine funktionierende Planwirtschaft zu bauen. Was sind transnationale Konzerne heute anderes als globale Planwirtschaften, koordiniert mit Computerhilfe? Wenn die das schaffen, warum nicht auch Sozialisten?

Eine andere populäre Denkrichtung entspringt der Wiederentdeckung und der Faszination für gemeinschaftliche Produktionsformen , die spontan entstehen. Ausgerechnet die Trägerin des Wirtschaftsnobelpreises im Jahr 2009, die amerikanische Sozialforscherin Elinor Ostrom, hat ihr Leben der Erforschung sogenannter Allmenden gewidmet: Wälder, Wasserreservoire oder Jagdgründe, die von einer Gruppe gemeinsam bewirtschaftet werden. Ostrom hat gezeigt, dass die gemeinschaftliche Verwaltung hier ohne staatliche Planwirtschaft, aber auch ohne eine Überführung in den Privatbesitz funktioniert. Häufig handeln die beteiligten Fischer, Jäger oder Landwirte untereinander die Regeln aus und beaufsichtigen deren Einhaltung.

Sozialismus ohne Einheitspartei

Verwandt damit sind gemeinschaftliche Arbeitsformen, wie sie in der Open-Source-Bewegung und im Internet gedeihen. Die gemeinschaftliche Produktion ganzer Betriebssysteme (Linux) oder Lexika ( Wikipedia ), bei der die Beteiligten nicht für Geld, sondern für Spaß und Anerkennung arbeiten, ist offenbar hoch produktiv, und auch hier funktioniert die Abstimmung zwischen den Menschen spontan. Entstehen da die Keimzellen für einen neuen, zwanglosen, aber zugleich produktiven Sozialismus, der die Menschen glücklicher macht, als sie es beim Arbeiten für Geld sind? »Solche immateriellen Formen des Wohlstands – Computercodes, pharmazeutische Formeln – werden produktiver eingesetzt, wenn sie nicht im Privatbesitz sind, sondern wenn sie geteilt werden und wenn es offenen Zugriff darauf gibt«, sagt Michael Hardt, Mitautor von Empire , einem Standardwerk der linken Szene.

Gemeinsam ist allen Entwürfen eines neuen Sozialismus , dass sie sich noch nicht zu einem großen Ganzen formen. Einzelne Ideen und Lösungsansätze werden mal für die Industrie, mal für das Internet oder für die Allmenden formuliert; auf eine ganze Gesellschaft in all ihrer Komplexität übertragen hat sie noch niemand.

Wenn über den Sozialismus des 21. Jahrhunderts gesprochen wird, wird daher vieles noch als Ziel oder gar als Traum beschrieben: Mehr Fairness zwischen den sozialen Schichten, mehr Geschlechtergerechtigkeit, mehr Toleranz zwischen den Kulturen und Ethnien, mehr Nord-Süd-Gerechtigkeit, ein besserer Umgang mit der Natur. Oder ex negativo : Die Zukunft nach dem Kapitalismus ist ein Sozialimus ohne Moskau, ohne Einheitspartei, ohne Personenkult und ohne Unterdrückung der menschlichen Vielfalt und Schöpfungskraft. Braucht man dann eigentlich noch das S-Wort? »Für manche Menschen ist es wichtig, zu sagen, das ist unsere Tradition«, sagt der Soziologe Altvater. »Identitäten stellen sich ja auch in kritischer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ein.«

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