Social GamesDie Monsteridee

Eine junge Rostockerin erreicht mit ihrem Facebook-Spiel Millionen – und macht dadurch eine Berliner Firma zum Global Player. von 

Drei Schreibtische, ein paar Laptops: Das ist der erste Eindruck, den Stephanie Kaiser von ihrem neuen Arbeitsplatz hat. Und dass ihr kalt ist: Obwohl Juni ist, dringt die Sonne nicht ins Erdgeschoss des Hinterhofgebäudes, wo die Firma ihr Büro hat. Es ist ein Start-up, ein neues Internetunternehmen. Sie haben nicht mehr als viele der anderen Internetklitschen, die es im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gibt: eine Idee und einen Firmennamen mit Schwung. Wooga will Computerspiele herstellen – keine 3-D-Welten wie World of Warcraft , sondern Social Games, einfache, kleine Spiele, die so heißen, weil sie über Facebook gespielt werden, gegen Leute, die man kennt. Gesellschaftsspiele fürs Internet.

Es ist der Sommer 2009. Die Firma hat 300.000 Euro Kapital. Ein Drittel kommt von einem Investor, zwei Drittel kommen von den beiden Gründern. Jens Begemann und Philipp Möser haben ihre gesamten Ersparnisse in Wooga gesteckt. Sie kennen sich von Jamba, dem Klingelton-Konzern, dessen Verkauf 2004 drei Berliner Brüder märchenhaft reich gemacht hat. Wie viele ehemalige Jambaner warten die damals 32-Jährigen seither auf die nächste große Welle. Seit einiger Zeit glaubt Begemann, dass er sie erkennen kann. »Spielen ist ein core human need «, hat er Stephanie Kaiser bei einem Anwerbegespräch in Kreuzberg erklärt, Stichwort Spieltrieb, Stichwort Homo ludens: ein menschliches Grundbedürfnis, für das im Internet aber bislang nur Teenager ein Angebot fänden. Mit den friedlichen, freundlichen Social Games , meint Begemann, werde jetzt auch der Rest Welt zu Computerspielern.

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Als Gehalt bietet er ihr 2.000 Euro, garantiert bis Jahresende. Spätestes dann braucht die Firma neues Kapital. Zu solchen Konditionen bekommt man keinen erfahrenen Manager. Kaiser ist 26, Begemann kennt sie ebenfalls von Jamba. Dort arbeitete sie als Junior-Produktmanagerin viele Etagen unter ihm, dem Mitglied der Geschäftsführung. Trotzdem war ihm die Rostockerin, die ein paar Semester Romanistik und Bibliothekswissenschaften studiert hat, aufgefallen: weil sie gut mit Menschen umgehen konnte und wegen ihrer Detailversessenheit. Begemann fand: »Ein Riesenpotenzial.«

Er war ihr immer »besonders menschlich« vorgekommen. Das ist ihr wichtig; in ihrem aktuellen Job läuft es nicht gut, nach neun Monaten Durcharbeiten ist ihre Dermatitis wieder ausgebrochen. Als ihr Chef ihr trotzdem keinen Urlaub geben will, bestätigt das ihre schlimmste Befürchtung: dass der Kapitalismus gnadenlos sei. Als Kind hat sie oft gehört, wie ihre Eltern sich darüber unterhalten haben, dass in der DDR vieles nicht funktioniert hat, außer in der Arbeitswelt, wo der Mensch noch etwas gezählt habe. Ein paar Wochen später sitzt sie mit einer Wärmflasche auf den Knien in der neuen Firma. Kaiser ist die erste fest angestellte Mitarbeiterin. Außer ihr gibt es nur einen Praktikanten und ein paar freie Programmierer in Polen. Sie schreiben das erste Spiel für Wooga, Brain Buddies , ein Quiz, mit dem die Firma Investoren beweisen will, dass sie überhaupt ein Social Game produzieren kann. Um Geld zu verdienen, brauchen sie ein zweites Spiel, Kaiser wird es entwickeln. Es muss die Spieler süchtig machen, so sehr, dass manche sogar Geld dafür ausgeben. Das ist das Geschäftsmodell: Gratisspiele für alle in der Annahme, dass etwa zwei Prozent der Spieler Geld für Extras zahlen. Im Amerika leben bereits einige Firmen davon, Unternehmen wie Zynga, Playdom, Playfish, die im Juni 2009 schon ein paar Hundert Mitarbeiter haben. Da wollen sie auch hin: ein Häuflein junger Deutscher, die sich in den Kopf gesetzt haben, etwas Großes zu schaffen. Wird es ihnen gelingen? Oder werden sie zur Mehrheit der Start-ups gehören, die über die Startphase nicht hinauskommen? Keinem von ihnen leuchtet der brennende Ehrgeiz eines Steve Jobs oder Mark Zuckerberg aus den Augen. Im Gegenteil. Als Kaiser zum Arbeitsbeginn ein MacBook bekommt, denkt sie: O Gott, hoffentlich kann ich das rechtfertigen.

Im der Zentrale im Hinterhof findet in diesem Sommer ein erstes Brainstorming statt. Begemann, der CEO, hat seinen Laptop aufgeklappt. Gesucht wird ein Thema für Stephanies Spiel. Klar ist nur, dass es darum gehen soll, eine künstliche Welt aufzubauen. Ein Spiel wie Restaurant City , das in diesem Sommer bereits 1,5 Millionen Leute dazu bringt, auf ihrer Facebook-Seite ein fiktives Restaurant zu betreiben. Nach 30 Minuten hat Begemann notiert: »Hundeolympiade, Freizeitpark, Weltreise«. Kaiser denkt in eine andere Richtung. Ihre Eltern haben vor ihrem Haus eine Wildblumenwiese angelegt. Sie selbst hat vor einigen Wochen ein altes Computerspiel namens Wurzelimperium entdeckt, das sie obsessiv spielt. Säen, wässern, ernten: Irgendwas liegt in diesem gleichförmigen Rhythmus, dem sie sich kaum entziehen kann. Irgendwann sagt sie: »Garten!«

Leserkommentare
  1. Es tut mir leid das ich immer negative Kommentare abgeben muss, aber zwei, drei Dinge sollte auch bei einer solchen Reportage ganz *vorne* stehen -- und nicht im Artikel.

    1) Der ganze Kram geht nur mit Facebook.
    2) Der Holtzbrinck Verlag (=Die Zeit) steckt mit drin.
    3) Wie solche Firmen leben, benutzt werden und sterben ist im Buch "Die Datenfresser" (nicht im ZEIT Verlag erschienen) bestens nachzulesen, da hilft auch alles ZEITMAGAZIN-gemenschliche nicht.

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    muss man gar nicht lesen

    Das muss ja ein Wahnsinns-Spiel sein, wenn man es in mehr Ländern spielen kann, als es Nationen auf dieser Welt gibt!!
    Wer hat denn diese Info recherchiert?

    Der Kram geht auch über Google+, und über HTML5-wobei man da einen Facebookaccaunt braucht.

    Was mich an der abgelehnten Person mit hohen Qualitfikationen stört ist, sie nehmen ja auch nicht Leute die etwas weniger qualifiziert sind und aber lernfähig sind.

    Ich habe außerdem auch zwei andere Artikel gelesen. Einer, wo erwähnt wurde, dass die Leute aufgefordert werden Überstunden zu machen. Ein anderer, wo über die Familienplanung im Unternehmen geschrieben wurde. Da wurden einfach mal zwei sich widersprechende Artikel ins Netz gestellt.

    Leider sind auch viele neue Spiele nicht der Hammer.
    Die immer wieder kehrenden Wiederholungen von Aufgaben können über Wochen schon, oder Tage, sehr langweilig werden. Ich für mein Teil brauche ein Ziel. Ich will wissen, was am Ende passiert. Das treibt an, das Spiel zu spielen.

    Sie nutzen etwas, was angeblich schnell auf mobilen Geräten funktionieren soll. HTML5. Ich habe das Spiel mal auf mein Mobile Device versucht zu starten, das klappte einfach nicht. Ich weiß, dass mein Telefon funktioniert, weil es immer noch tolle Engines gibt, bei denen das Spiel auf mein Telefon Reibungslos funktioniert.

    • Zack34
    • 18. Dezember 2011 16:46 Uhr
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    Wie meinen Sie das? Die Tristesse?

  2. "Einen Bewerber hat sie neulich trotz außergewöhnlicher Qualifikationen abgelehnt, weil er ihr im Vorstellungsgespräch zu selbstsicher erschien."

    Das sind die Manager, egal ob Mann oder Frau - sie wollen niemanden, der fachlich besser sein könnte.

    Und der Witz ist, hier in der Berufsrubrik empfehlen die "Karriereberater" selbstbewusst und fordernd zu sein... aua.

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    auch eine fachliche Niete kann selbstsicher auftreten ;-)

    "Und der Witz ist, hier in der Berufsrubrik empfehlen die "Karriereberater" selbstbewusst und fordernd zu sein... aua."

    Ja, selbstbewusst schon, >zu< selbstbewußt nein. Alles eine Frage der Relation ...

  3. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen inhaltlich an der Diskussion. Danke, die Redaktion/jz

  4. Wie gesagt, ich habe meine Bedenken an einer anderen Stelle.

    Die Geschichte von Frau Kaiser finde ich nachvollziehbar und auch sympathisch, auch wenn es bei der Zeit nach einer sehr merkwürdigen "coming of age" Geschichte klingt ("Das Macbook", "die Aufgabe", "die Idee", "Leitung durch Steve Jobs") dann aber endlich durch Beharrlichkeit, Aufgebegehren und Familienhilfe der "Durchbruch" und Übernahme von "Verantwortung", damit irgendwie Menschwerdung(!?) -- die dann zu einem selbstbewussten Umgang mit dem iPhone, iPad und Macbook auch in der Türkei führt.

    Da wird mir etwas übel, aber ich denke auch, dass hierdurch Frau Kaiser falsch dargestellt wird. Ich hoffe die pseudo Startup-Berlin-iDings-Elitementalität, die ein schlimmes Zusammenhaltgefühl erzeugt wird Frau Kaiser hat die Kraft nehmen auch Nein zusagen, wenn Unmögliches von der Firma gefordert wird ...

    Ob Heike Faller wohl "long" auf "Wooga" gehen würde?

    Die weißen Insignien werden nicht helfen, wenn der Kapitalgeber aussteigt ... Mal sehen, wie es dann den Angestellten ergehen wird, wenn der Gewinn verteilt wird. "Es war ne gute Zeit". Ich glaube der Stock von Zynga rauscht gerade wieder etwas nach unten.

  5. Und ich hatte schon fast vergessen, warum die Indie Games Szene soviel Sympathie ausstrahlt.

    Danke dafür.

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    anfangen mich über die sogennaten "Social Games" und deren Design auszulassen aber ich schließe mich einfach nur deinem Kommentar an.

  6. anfangen mich über die sogennaten "Social Games" und deren Design auszulassen aber ich schließe mich einfach nur deinem Kommentar an.

    Antwort auf "Heureka!"
  7. ist es nicht. Schon die zappelnde Oberfläche nervt. Das, was der Artikel vermiteln möchte bleibt ein Wunsch.

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