Ecuadors Präsident Rafael Correa (rechts) spricht auf einer Veranstaltung zu Ehren des venezolanischen Amtskollegen Hugo Chávez (Mitte). Links daneben Evo Morales, Präsident Boliviens (Archivbild). © Thomas Coex/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: In der Finanzkrise titelte die Zeitschrift Newsweek : Wir sind jetzt alle Sozialisten. Ehrlich?

Heinz Dieterich: Der Begriff ist ausgesprochen überfrachtet, und das war ein Problem, als ich mein Buch Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts schrieb. Wenn man den Begriff benutzt, kommen die Erfahrungen der DDR und der Sowjetunion hoch. Lässt man ihn weg, dann schließt man viele Menschen aus, deren Herz noch links schlägt. Ich will die Kontinuität einer Alternative zur Marktwirtschaft darstellen, aber auch deutlich machen, dass die mit dem Sozialismus des 20. Jahrhunderts nichts zu tun hat. Daher » Sozialismus des 21. Jahrhunderts «.

ZEIT: Haben Sie dafür eine klare Definition?

Dieterich: Ein wirtschaftlich-gesellschaftliches System, das auf demokratischer Planung und partizipativer Demokratie beruht und das als Bewertungsmaßstab nicht Marktpreise benutzt, sondern die Arbeitswerte. Ich denke, das ist der entscheidende Unterschied zur Sozialdemokratie heute und im Grunde zu allen anderen vorliegenden Alternativprojekten einer neuen Wirtschaft.

ZEIT: Das müssen Sie erklären.

Dieterich: Im Grunde ist der gesamte Produktionsprozess auf Zeit aufgebaut. Eine Krankenschwester muss eine bestimmte Anzahl von Patienten in einem bestimmten Stundenrhythmus versorgen. In der Produktion am Fließband sind alle Arbeitsschritte zeitlich genau festgelegt. Die Zeiteinheit ist das entscheidende Strukturmuster für wirtschaftliches Verhalten, aber es wird dann konvertiert in monetäre Bewertung, und da tauchen alle möglichen Probleme sozialer Gerechtigkeit auf. Im Sozialismus des 21. Jahrhunderts geht man zurück auf die ursprüngliche Zeitbewertung. Ein Produkt ist so viel wert, wie an Arbeit in das Endprodukt oder die Dienstleistung eingeflossen ist – das lässt sich bei den heutigen Produktionsmethoden interessanterweise sehr genau messen.

ZEIT: Ja, auch dank der modernen Computertechnik. Aber was soll es nützen, den Wert von Produkten auf diese Weise zu bestimmen statt über Angebot und Nachfrage auf dem Markt?

Dieterich: Die wirtschaftlichen Beziehungen werden transparent. Das ist die Voraussetzung für Wirtschaftsdemokratie. Anders als im Sozialismus des 20. Jahrhunderts soll die Ökonomie nicht verstaatlicht werden, sondern vergesellschaftet. Jeder soll, im Prinzip, Anspruch auf das volle Wertprodukt haben, das er erwirtschaftet. Wenn jemand 40 Stunden arbeitet, dann bedeutet das ein Anrecht auf Produkte und Dienstleistungen im Wert von 40 Stunden, die andere erwirtschaftet haben. Also statt einer Kreditkarte bekommt man eine Wertkarte, und damit geht man zum Friseur. Da werden zehn Minuten abgebucht...

ZEIT: Wenn man sehr wenige Haare hat.

Dieterich: ...und dann geht man einkaufen fürs Wochenende, da sind dann drei Stunden weg.

ZEIT: Das klingt so einfach. Zehn Stunden ärztlicher Arbeit kaufen in Ihrem System zehn Stunden Friseurarbeit. Wird dann noch jemand Arzt?

Dieterich: Der erste Forscher, der diesen Gedanken weiterentwickelt hat, war Arno Peters aus Bremen. Peters ging davon aus, dass die Entlohnung der Arbeit direkt proportional sein muss, 40 Stunden des Ingenieurs müssen also tatsächlich den gleichen Warenkorb ergeben wie 40 Stunden des Arztes oder desjenigen, der die Müllabfuhr betreut. Nur das ist gerecht. Jede andere Lösung ist willkürlich. Warum soll ein Ingenieur 1,3-mal mehr bekommen als ein Techniker und nicht 1,5-mal so viel? Aber man muss natürlich auch pragmatisch sein. Wenn Veränderungen stattfinden, dann graduell.