DIE ZEIT:Herr Hildebrandt , können wir sagen, die Bahn ist Ihr zweites Zuhause?

Dieter Hildebrandt: Ich habe im Jahr 160 Vorstellungen, und mehr als die Hälfte aller Orte erreiche ich mit der Bahn. Das heißt, ich fahre wahrscheinlich Tausende von Kilometern, ich habe sie noch nicht zusammengerechnet. Und als jemand, der sehr pünktlich zu Vorstellungen da sein muss, äußerst pünktlich, weil es sich dabei um meine eigenen handelt, bin ich abhängig von diesem Transportmittel.

ZEIT: Ist das nicht etwas unvorsichtig? Die Bahn ist nicht immer pünktlich.

Hildebrandt: Ohne Angst geht es nicht. Einen Teil meiner Nerven lasse ich auf dem Zug, bevor ich die Stätte meines Auftritts überhaupt erreiche. Am gefährlichsten ist das Umsteigen: Zwischen Ankunft und Abfahrt liegen immer zehn, zwölf Minuten, und da erreicht der Reisende oft den Anschlusszug nicht mehr, immer dann, wenn er vom ICE in die Regionalbahn umsteigen muss. Ohne Regionalzüge geht es aber nicht, denn ich will auch in Orte, in die die Bahn nur noch ungern fährt...

ZEIT: Ist das nicht im Grunde Ihre eigene Schuld? Sie fahren in diese Orte, obwohl Sie umsteigen müssen.

Hildebrandt: Ja, das ist meine Schuld. Es ist auch meine Schuld, dass ich überhaupt mit der Bahn fahre. Aber ich habe ernst genommen, was damals der neue Bahnchef versprochen hat .

ZEIT: Der aktuelle Bahnchef?

Hildebrandt: Nein, der vor ihm, der jetzt bei Air Berlin ist , damit die Leute wieder zurück in die Züge fliehen. Der gab damals die Parole aus: »Wir müssen alles auf die Schiene legen.« Da dachte ich als folgsamer Bürger: Ich lege mich auf die Schiene.

ZEIT: Das haben Sie zum Glück nicht wirklich getan! Eben erst verklagte ein Lokführer die Hinterbliebenen eines Menschen, der sich vor seinen Zug geworfen hat, auf Schmerzensgeld.

Hildebrandt: Ich bin manchmal kurz davor, wenn ich Bahn fahre.

ZEIT: Sie haben also in gutem Glauben Ihr Auto abgeschafft?

Hildebrandt: Ich habe es nicht abgeschafft. Es gibt ja inzwischen immer mehr Orte, die per Bahn gar nicht mehr erreichbar sind. Wo die ehemaligen Bahnhöfe inzwischen Gasthöfe sind. Oder Bibliotheken. Oder Kleinkunsttheater. Sehr oft Kleinkunsttheater...

ZEIT: So kann man die verzweifelten ehemaligen Bahnkunden bei Laune halten.

Hildebrandt: Richtig. Und als Ersatz für die Bahn gibt es Busgesellschaften, von denen man auch wieder abhängig ist. Das ist noch schlimmer als bei der Bahn.

ZEIT: Noch schlimmer?

Hildebrandt: Die Busse sind oft zu klein. Ich habe immer Gepäck dabei, anscheinend rechnet man damit bei heutigen Reisenden nicht. Aber die Bedingungen, den Koffer in die Bahn zu kriegen, sind auch nicht ideal. Die Treppen am Zug sind steil. Und ich bin ja nun schon in einem gewissen Alter...

ZEIT: Sie sind 84. Das ist wirklich gut für jemanden, der noch Bahn fährt.

Hildebrandt: Und da es in diesem Alter nicht mehr so einfach ist, den Koffer zu heben, schlenkere ich ihn hin und her und gebe ihm dann mit dem Knie einen Schubs – dafür muss ich aber Platz haben, sonst treffe ich immer andere Leute.

ZEIT: Reisen Sie erster oder zweiter Klasse?

Hildebrandt: Ich fahre erster Klasse, das leiste ich mir. Außerdem ist es unterhaltsam, weil da alle Leute telefonieren. Ich höre die wunderbarsten Sachen mit. Zahlen, Nummern, Details. Und habe mir schon öfter gedacht, jetzt könnte ich mit diesem Wissen dort anrufen, wo der Mensch eben angerufen hat, und könnte das ganze Geschäft canceln. Meist höre ich allerdings andere Dinge.