KlimapolitikDie Klimapolitik wird erwachsen

Beim Gipfel in Durban zeigt sich eine neue Weltordnung. Europa steht im Mittelpunkt – und geht ein Bündnis mit den ärmsten Ländern ein. von 

EU-Kommissarin Connie Hedegaard mit dem polnischen Umweltminister Marcin Korolec auf dem Klimagipfel in Durban

EU-Kommissarin Connie Hedegaard mit dem polnischen Umweltminister Marcin Korolec auf dem Klimagipfel in Durban  |  © Rajesh Jantilal/AFP/Getty Images

Der letzte Tag der Klimakonferenz in Durban. Die Welt der Mächtigen und Ohnmächtigen verdichtet sich in diesen Nachtstunden auf wenige Quadratmeter. Im Zentrum Connie Hedegaard, die europäische Klimakommissarin, ihr gegenüber an einem schmalen Konferenztisch die indische Umweltministerin Jayanthi Natarajan. Hedegaard sieht aus, als würde sie gleich über den Tisch steigen, so weit lehnt sie sich vor; die Inderin weicht mit finsterster Miene zurück. Es ist kurz vor 3 Uhr, wenige Stunden vor Ende der Konferenz. Alles steht auf der Kippe. Natarajan will die Abschlusserklärung aufweichen, aus ihrer Sicht bedrohen Klimaschutzauflagen Indiens Entwicklung. Gerade hat sie die südafrikanische Konferenzleiterin minutenlang angeschrien. Hedegaard besteht auf einer harten Formulierung. Die Europäer haben gedroht, die Konferenz lieber platzen zu lassen, als eine schwache Abschlusserklärung hinzunehmen.

Wo sind die Weltmächte? Das Adlergesicht des US-Sonderbotschafters Todd Stern ragt aus der Menschentraube. Er ist in der zweiten Reihe stecken geblieben, ebenso wie der chinesische Chefverhandler Su Wei, dessen grau-schwarzer Stoppelschnitt zwischen den Köpfen der Umstehenden durchschimmert. Luiz Figueiredo, der Chef der brasilianischen Delegation, versucht, ins Zentrum des Geschehens vorzudringen. Wie Sekundanten stehen hinter Hedegaard der Chef der EU-Delegation, Artur Runge-Metzger, und der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen.

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Es gibt eine neue Macht in der Klimadiplomatie: die Europäische Union, von der dieser Tage eigentlich keiner mehr dachte, dass sie irgendwo noch geeint und offensiv auftreten könne. Und es gibt eine neue Allianz in der Klimadiplomatie: Europa hat sich mit der großen Mehrheit der ärmsten Nationen und den beiden Schwellenländern Brasilien und Südafrika zusammengetan.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse dieses Gipfels . Stand der Name Kyoto für den gescheiterten Versuch, den Klimaschutz zur globalen Verpflichtung zu erheben, so steht Durban für eine neue Weltordnung in Sachen Klimapolitik.

In der Sache sind die Beschlüsse von Durban kaum der Rede wert. 193 Staaten versprechen einander hoch und heilig, 2015, also in vier Jahren, tun zu wollen, wozu sie heute um keinen Preis bereit sind: einen Weltklimavertrag abzuschließen, der dazu beiträgt, die globale Erwärmung in halbwegs verträglichen Grenzen zu halten. Dass die Teilnehmer dieser Konferenz am Ende über den genauen Inhalt dieses bizarren Versprechens so sehr in Streit gerieten, dass der Klimagipfel fast noch komplett gescheitert wäre – das könnte man komisch finden, wäre die Lage nicht so ernst.

Dennoch war dieser Gipfel ein Erfolg . Auf das Ergebnis wird es in einigen Jahren kaum noch ankommen; es gehört ein großes Stück Naivität dazu, zu glauben, dass die internationale Staatengemeinschaft im Jahr 2015 einen Vertrag schließen wird, weil ein dann vier Jahre alter Gipfelbeschluss es verlangt. Die neue Allianz aber ist ein echter Fortschritt . Das Bündnis der reichen Europäer mit den Hauptbetroffenen der globalen Erwärmung wird zusammengehalten durch ein gemeinsames Interesse: Man will einen verbindlichen Weltklimavertrag, der die Politik des Weiter-so der in gegenseitiger Blockade verharrenden Mächte USA, China und Indien überwinden soll. Dass der Showdown zwischen Europa und Indien unentschieden endete, war schließlich gar nicht mehr so wichtig.

Und noch etwas Erstaunliches ist in Durban passiert: Ein neuer Realismus hat eingesetzt. Durban, das ist das Ende der Klimapolitik, wie wir sie kannten – und der Anfang von etwas Neuem: einer Klimapolitik, die aus dem Ritual des Anklagens und der Empörung über die Untätigkeit einer dummen und unvernünftigen Welt ausbricht und beginnt, praktikable Vorschläge zu machen. Die sich nicht nur des Ernstes der Lage bewusst ist, sondern auch ihrer begrenzten Möglichkeiten. Die diese Möglichkeiten endlich nutzt, statt Jahr um Jahr, Klimakonferenz um Klimakonferenz, gegen eine Wand anzurennen – bloß um beim jeweils nächsten Mal noch mehr Anlauf zu nehmen.

Leserkommentare
  1. "Klimahilfszahlungen an arme Länder in Höhe der westlichen Verteidigungsausgaben standen ebenso auf dieser Liste wie ein Weltklimagerichtshof, der all das durchsetzen soll."

    Klingt stark nach einer Umverteilung von der 1. in die 3. Welt.
    Innerhalb der westlichen Gesellschaften haben wir das Phänomen der Umverteilung von der Masse hin zur Elite und nach ganz unten, in der EU das Phänomen der Umverteilung von Reich zu arm (sogenannte "Transferunion", die sich ankündigt, sollten Eurobonds, EZB-Interventionen etc Realität werden) und mit der Rechtfertigung anhand der anthropogenen Klimawandelshypothese eine angestrebte Umverteilung vom Westen in die 3. Welt (wenn auch nicht so stark, wie geplant - zumindest die Green Climate Fonds aber, wurden meines Wissens nach jedoch beschlossen).
    Dazu ständig Phrasen wie "Neue Weltordnung" (Lieblingswort der US-Präsidenten) und "Weltregierung" in den zeitschen Durban-Artikeln.

    Dann neuerdings noch die Vielzahl Artikel, die sich der Abschaffung des Kapitalismus und einem neuen Sozialismus widmen.

    Wenn man das ganze Bild mal zusammensetzt, dann klingt es tatsächlich ein wenig nach Umverteilung des Reichtums und Gleichmachung (=viel mehr Armut für den Westen & künftig Indien und China, etwas weniger Armut für den Rest), sowie letztlich einer Weltregierung.

    Bzgl. solcher großangelegten Umwälzungen, sitzt die Zeit ja ohnehin an vorderster Informationsquelle...
    Das gezeichnete Bild kann man also vllt tatsächlich als Zukunftsplanung begreifen.

    • joG
    • 18. Dezember 2011 16:30 Uhr

    ...streng"
    und grundsätzlich der falsche Ansatzpunkt. Zielführend kann wahrscheinlich nur ein globaler Ansatz sein, der den Preis von Klimagasen so hoch stellt, dass der erwünschte Ausstoß sich ergibt. Alle anderen Methoden, die ich bisher angesehen habe, werden viel zu große Effizienz Einbußen und Ungleichgewichte hervorrufen.

  2. Was ist jetzt der Massstab für die Klimagerechtigkeit ?
    Die Co2 Erzeugung je Einwohner ?
    Die Co2 Erzeugung je Quadratmeter ?
    Die Co2 Erzeugung je Nation absolut ?
    Wir müssen wohl irgendeinen Wüstenstaat integrieren und schon sieht die Klimabilanz hervorragend aus.
    Von Stickoxiden wird garnicht geredet, dafür abenteuerliche Forderungen gestellt, bei denen es im Grunde nur darum geht ohne eigene Leisung irgendwelche Gelder der ´´reichen´´ Nationen abzugreifen.
    So ein Gipfel muss scheitern und ist gescheitert.

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    Nun sehen sie das nicht so negativ....

    Man hat beschlossen im Jahre 2020 nochmal zusammen zu kommen, und dann wirklich ernsthaft über das Probnlem nachzudenken.

    Ich finde solche Berichterstattung unglaublich...
    Was vesteht man nur mittlerweile alles unter "Journalismus"....

  3. Real wird gar nichts an CO2 reduziert, da es erstens immer mehr Menschen gibt und zweitens diese, wen sollte es wundern, so leben wollen, wie wir in der westlichen Welt. Ob Deutschland ein paar Windmühlen mehr oder weniger baut ist völlig belanglos, da z.B. nur in China allein ein neues Kohlekraftwerk pro Woche an das Netz geht. Und es gibt nicht nur China, dass sich entwickeln will bzw. muss allein um politisch stabil zu bleiben, das gilt für die gesamte 3. Welt und damit für ein paar Milliarden Menschen mehr.

  4. ...leider irgendwie ohne Substanz. Zumindestens ist mir auch nach wiederholtem Lesen nicht aufgefallen, weshalb einen die (Nicht-)Ergebnisse von Durban nun optimistisch stimmen sollten. Nur weil Europa und Afrika gemeinsam untergehen? Erscheint mir doch sehr mager.

    In dem Zusammenhang passt es natürlich auch, dass man gleich im ersten Kommentar wieder das ewig-gestrige Wort von der "anthropogenen Klimawandelhypothese" über sich ergehen lassen muß. Nicht nur semantischer Blödsinn (als könne es irgend eine nicht-anthropogene Hypothese geben), sondern auch inhaltlich eher in der Nähe von kleindkindlichem Wunschdenken anzusiedeln.

    • keibe
    • 19. Dezember 2011 0:22 Uhr

    wieder betonen, dass der Peak of Oil nicht mehr allzu fern ist und Klimaschutzdebatten somit ohnehin obsolet werden, da dann effektiv weniger da sein wird, das schädliche CO2-Emissionen verursacht.

  5. Nun sehen sie das nicht so negativ....

    Man hat beschlossen im Jahre 2020 nochmal zusammen zu kommen, und dann wirklich ernsthaft über das Probnlem nachzudenken.

    Ich finde solche Berichterstattung unglaublich...
    Was vesteht man nur mittlerweile alles unter "Journalismus"....

    Antwort auf "Co2 Gerechtigkeit"
  6. will die "Zeit" das deutsche Volk für dumm verkaufen?

    Anm.: Bitte bemühen Sie sich um eine sachliche und konstruktive Kritik. Danke. Die Redaktion/ag

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    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentarbereich für die Artikeldiskussion gedacht ist. Anmerkungen zur Moderation senden Sie deshalb gern an community@zeit.de Danke, die Redaktion/mk

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