Der letzte Tag der Klimakonferenz in Durban. Die Welt der Mächtigen und Ohnmächtigen verdichtet sich in diesen Nachtstunden auf wenige Quadratmeter. Im Zentrum Connie Hedegaard, die europäische Klimakommissarin, ihr gegenüber an einem schmalen Konferenztisch die indische Umweltministerin Jayanthi Natarajan. Hedegaard sieht aus, als würde sie gleich über den Tisch steigen, so weit lehnt sie sich vor; die Inderin weicht mit finsterster Miene zurück. Es ist kurz vor 3 Uhr, wenige Stunden vor Ende der Konferenz. Alles steht auf der Kippe. Natarajan will die Abschlusserklärung aufweichen, aus ihrer Sicht bedrohen Klimaschutzauflagen Indiens Entwicklung. Gerade hat sie die südafrikanische Konferenzleiterin minutenlang angeschrien. Hedegaard besteht auf einer harten Formulierung. Die Europäer haben gedroht, die Konferenz lieber platzen zu lassen, als eine schwache Abschlusserklärung hinzunehmen.

Wo sind die Weltmächte? Das Adlergesicht des US-Sonderbotschafters Todd Stern ragt aus der Menschentraube. Er ist in der zweiten Reihe stecken geblieben, ebenso wie der chinesische Chefverhandler Su Wei, dessen grau-schwarzer Stoppelschnitt zwischen den Köpfen der Umstehenden durchschimmert. Luiz Figueiredo, der Chef der brasilianischen Delegation, versucht, ins Zentrum des Geschehens vorzudringen. Wie Sekundanten stehen hinter Hedegaard der Chef der EU-Delegation, Artur Runge-Metzger, und der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen.

Es gibt eine neue Macht in der Klimadiplomatie: die Europäische Union, von der dieser Tage eigentlich keiner mehr dachte, dass sie irgendwo noch geeint und offensiv auftreten könne. Und es gibt eine neue Allianz in der Klimadiplomatie: Europa hat sich mit der großen Mehrheit der ärmsten Nationen und den beiden Schwellenländern Brasilien und Südafrika zusammengetan.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse dieses Gipfels . Stand der Name Kyoto für den gescheiterten Versuch, den Klimaschutz zur globalen Verpflichtung zu erheben, so steht Durban für eine neue Weltordnung in Sachen Klimapolitik.

In der Sache sind die Beschlüsse von Durban kaum der Rede wert. 193 Staaten versprechen einander hoch und heilig, 2015, also in vier Jahren, tun zu wollen, wozu sie heute um keinen Preis bereit sind: einen Weltklimavertrag abzuschließen, der dazu beiträgt, die globale Erwärmung in halbwegs verträglichen Grenzen zu halten. Dass die Teilnehmer dieser Konferenz am Ende über den genauen Inhalt dieses bizarren Versprechens so sehr in Streit gerieten, dass der Klimagipfel fast noch komplett gescheitert wäre – das könnte man komisch finden, wäre die Lage nicht so ernst.

Dennoch war dieser Gipfel ein Erfolg . Auf das Ergebnis wird es in einigen Jahren kaum noch ankommen; es gehört ein großes Stück Naivität dazu, zu glauben, dass die internationale Staatengemeinschaft im Jahr 2015 einen Vertrag schließen wird, weil ein dann vier Jahre alter Gipfelbeschluss es verlangt. Die neue Allianz aber ist ein echter Fortschritt . Das Bündnis der reichen Europäer mit den Hauptbetroffenen der globalen Erwärmung wird zusammengehalten durch ein gemeinsames Interesse: Man will einen verbindlichen Weltklimavertrag, der die Politik des Weiter-so der in gegenseitiger Blockade verharrenden Mächte USA, China und Indien überwinden soll. Dass der Showdown zwischen Europa und Indien unentschieden endete, war schließlich gar nicht mehr so wichtig.

Und noch etwas Erstaunliches ist in Durban passiert: Ein neuer Realismus hat eingesetzt. Durban, das ist das Ende der Klimapolitik, wie wir sie kannten – und der Anfang von etwas Neuem: einer Klimapolitik, die aus dem Ritual des Anklagens und der Empörung über die Untätigkeit einer dummen und unvernünftigen Welt ausbricht und beginnt, praktikable Vorschläge zu machen. Die sich nicht nur des Ernstes der Lage bewusst ist, sondern auch ihrer begrenzten Möglichkeiten. Die diese Möglichkeiten endlich nutzt, statt Jahr um Jahr, Klimakonferenz um Klimakonferenz, gegen eine Wand anzurennen – bloß um beim jeweils nächsten Mal noch mehr Anlauf zu nehmen.