Dante Alighieri um 1300 © Hulton Archive

Um keinen Dichter fremder Sprache mit Ausnahme Shakespeares hat sich das literarische Deutschland mehr bemüht als um Dante, den 1265 in Florenz geborenen und 1321 in Ravenna gestorbenen Dichter der Commedia, die seit dem 16. Jahrhundert oft Divina Commedia, Göttliche Komödie, genannt wird. Seit der Romantik reißt die Kette der Übersetzungen dieses um 1307 begonnenen, ungeheuren Gangs eines an der Welt Verzweifelten durch die jenseits unserer Welt liegenden Sphären von Inferno, Purgatorio und Paradiso nicht ab. Wer sich von der etwas altertümlichen Diktion nicht abschrecken lässt, für den ist die Übersetzung in Blankversen des Philalethes, des nachmaligen Königs Johann von Sachsen (1801 bis 1873), aus den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts mit seinem vorzüglichen Kommentar noch immer die schönste, kraftvollste und ausdrucksreichste. Doch ist es ihr so wenig wie allen nachfolgenden Übersetzungen gelungen, einen größeren Leserkreis zu erreichen. Dantes Commedia ist so voraussetzungsreich, so dicht, oft so poetisch kühn, dass nur der geduldige, langsam vordringende und innehaltende Leser, den wiederholte Lektüren nicht schrecken, zu diesem größten Werk der nachantiken Dichtung einen Zugang gewinnen kann.

Das will Kurt Flasch, Spezialist für spätantike und mittelalterliche Geschichte und Sozialgeschichte der Philosophie, jetzt ändern. Sein Dante in deutscher Prosa, begleitet von einer Einladung, Dante zu lesen, zwei edle Quartbände, umgeben von einem kostbaren Schuber, soll jetzt Dante seinem Leser nahebringen. Flaschs Axiom, in Majuskeln hervorgehoben, lautet: »Jeder Satz Dantes ist erklärbar.« Das läuft freilich entweder auf eine Trivialität hinaus oder aber auf eine Verkürzung der semantischen Komplexität von Dantes Dichtung. »Mein Dante spricht klar. Er schreibt, um verstanden zu werden«, fügt Flasch apodiktisch hinzu. Bleibt die Frage, ob Flaschs Dante und der Dante der Commedia dieselbe Sprache sprechen. Denn was für Flasch eine Folge erklärbarer Sätze ist, ist bei Dante eine Fügung von unerhörter Konzentration, in der Welt und Werk sich durchdringen.

Dante ist nicht nur schroff und knapp, sondern auch ratlos, verzweifelt, hoffend

Der erste Satz der Einladung, Dante zu lesen ist ein Programm: »Dies ist kein Buch für Dante-Spezialisten, sondern für Dante-Freunde und solche, die prüfen, ob sie es werden wollen.« Flaschs Einladung ist zugleich eine Ausladung: Ausgeladen sind die »Spezialisten«, also jene, die durch langes Studium von Dantes Werk eine intime Kenntnis haben. Für sie wird gleich eingangs eine Abseitsfalle aufgestellt. Flaschs Einladung, Dante zu lesen, ist vor allem die Einladung, Flaschs Dante zu lesen, da könnten »Spezialisten« leicht stören. Flasch enthebt sich kurzerhand des lästigen »Gedränges der Ausleger«, um sich zur Höhe einer Betrachtung aufzuschwingen, wo endlich der wahre Dante, »mein Dante«, zum Vorschein kommt. Flasch nennt seine Weise, Dante zu verstehen, mit einem aparten Begriff »Dantologia povera«. Gelten soll nur, was dasteht. Für ihn ist der Dante der Commedia »schroff, knapp, dantesk«. Nur, Dante ist kein poeta povero, er ist unendlich vielseitig, hart, lyrisch, betroffen, fragend, höflich, grausam, unbeherrscht, ratlos, verzweifelt und hoffend. Bei Dante spricht der Stolze stolz, der Jämmerling jämmerlich, der Freche frech, der Liebende liebend, der Traurige traurig, der Weise weise, der Herrscher herrscherlich, der Glückselige glückselig. In Flaschs »deutscher Prosa« sprechen sie alle die Sprache von Kurt Flasch. Eine »Dantologia povera« reicht nicht aus, um den Reichtum innerer Spiegelungen des Werks, der Sicherheiten und Unsicherheiten, der Andeutungen und Spekulationen zu erfassen.

Vieles, was Flasch in seiner überaus gesprächigen Einladung, in der viel von Boccaccio, den Frauen und ihm selbst die Rede ist, in lockerer Folge dem Leser darbietet, ist nützlich und hilfreich, vieles kommt dabei dem »Spezialisten« nicht unbekannt vor. Am besten ist Flasch, wo er die philosophischen und theologischen Hintergründe von Dantes Werk aufdeckt, hier ist alles aus erster Hand. Aber diese Gewichtung ist auch sein Problem. Denn der große Dichter Dante ist nur ein mittelmäßiger Philosoph und ein problematischer Theologe.

Flasch gibt sich als Liebhaber, der dem »freien Leser« dienstbar sein will. Aber unversehens wird er zum Mega- und Metaspezialisten, der dem Leser seine Ansichten als unbestreitbare Wahrheit aufnötigt. Der Liebhaber wird so schnell zum Rechthaber. Schließlich versucht sich Flasch sogar als Textkritiker, der sich frei zwischen den unterschiedlichen Textfassungen hin und her bewegt, ohne doch darüber textkritische Rechenschaft abzulegen, und so den Leser gänzlich überfährt. Dass die philologische Validität dieser Art von Textkonstitution auf schwankendem Boden steht, braucht nicht eigens erwähnt zu werden. In dem Kapitel Dante genießen der Einladung wird dem »freien, nicht-professionellen« Leser die Empfehlung gegeben, den »schlichten Wohlklang des Reimes zu genießen« (als ob das Wichtigste bei Dantes Reim der Wohlklang wäre). Schade nur, dass Flaschs Ausgabe der italienische Text Dantes fehlt, dem Leser also der Genuss von Dantes »Wohlklang« vorenthalten bleibt.

Dantes Commedia ist Dichtung am Limit, wie man heute sagen würde. Sie gibt dem, was dem prosaischen Verstand nicht fassbar ist, seine poetische Gestalt. Flasch dagegen sucht diese wieder auf ihren prosaischen Boden zurückzuführen. So fällt er in den schweren Gang einer Begrifflichkeit zurück, die das Prädikat »deutsche Prosa« oft zu Unrecht beansprucht. Die Musen, die Dante wiederholt um ihren Beistand anfleht, haben Flasch nicht beigestanden. Nicht immer freilich ist seine Übersetzung so ungelenk wie bei der ergreifenden Geschichte Francescas von ihrer Liebe zu Paolo im fünften Gesang des Inferno, einer zu Recht viel gerühmten Passage, wo sich Dantes souveräne Sprachkunst triumphal erweist. »Questi che mai non fia da me diviso«, »dieser, der nie von mir getrennt werden möge«, heißt bei Flasch »Der Mann, der nie von mir getrennt wird«. Nicht nur ist hier der Konjunktiv des sehnlichsten Wunschs in platte Faktizität verwandelt, der Geliebte erscheint in unsäglicher Schwerfälligkeit als »der Mann«. Beim Lesen des Prosa -Lancelot, den Flasch mit Chrétien de Troyes’ fünfzig Jahre früher, in den 1170er Jahren, erschienenem Versroman Lancelot verwechselt, »scolorocci il viso« , »entfärbte sich unser Gesicht«. Das heißt bei Flasch: »Wir sahen uns ins bleiche Gesicht.« Aus »codesto amante« , »jener Liebende«, wird ein »Liebhaber« alla Boccaccio. Dantes letzter Vers dieses Gesangs lautet: »E caddi come corpo morto cade«, »Dann fiel ich, wie ein toter Körper fällt«. In der Sprache gewordenen Erinnerung Dantes gewinnt dieser Augenblick der tiefen Erschütterung durch Francescas Geschichte ihrer Liebe poetische Ewigkeit. Kein Italiener, der diesen Satz mit dem Gewicht seiner Wiederholungen nicht kennt. Flasch verzichtet auf das Pathos und übersetzt: »Ich stürzte hin, wie ein toter Körper fällt.« Poesieloser lässt sich dieser Vers nicht wiedergeben. Im zwölften Gesang des Purgatorio erblickt Dante zu seinen Füßen, in den Stein gehauen, die Exempelgestalten berühmter Hochmütiger. Darunter ist der alttestamentarische Rehabeam, der seinem Volk droht und fliehen muss. »O Roboam, già non par che minacci / quivi ’l tuo segno.« – »O Rehabeam, schon scheint hier dein Abbild nicht mehr zu drohen.« Bei Flasch wird daraus, weil er den Konjunktiv minacci nicht versteht, der pure Unsinn: »O Roboam, offenbar bedrohst du hier dein Marmorbild nicht mehr.«

Dante wollte zu den Autoren gehören, die des Kommentars nicht so sehr bedürftig wie würdig sind. Mit dem ersten Erscheinen der Dante-Manuskripte – ein Autograf Dantes kam bis heute nicht zum Vorschein – beginnen auch schon die Kommentare. Auch die großen darunter, ohne die das Werk oft unzugänglich wäre, werden von Flasch beiseitegewischt, obwohl er sie reichlich benutzt: »Die vorhandenen Kommentare erklären meist nur Details.« Freilich ist genau das ihre Aufgabe. Besonders der unentbehrliche Kommentar der Ausgabe von Scartazzini-Vandelli von 1929, die Flasch nicht nennt, dürfte hier eine Goldgrube gewesen sein. Flaschs eigene Kurzkommentare, elegant an den Rand des Textes gesetzt, sind knapp und übergehen vieles, was der Erklärung bedürfte, im Gegensatz zu der von Flasch nicht der Erwähnung wert erachteten, 2010 erschienenen Prosa-Übersetzung von Hartmut Köhler.