Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Seit es das Internet gibt, ist die gesellschaftliche Bedeutung des Schimpfens stark gestiegen, im Internet beschimpfen sich die Menschen ununterbrochen. Der Autor Malte Welding hat in der Berliner Zeitung die Frage gestellt, ob es im Deutschen Schimpfwörter gibt, die politisch korrekt sind und die man auch als politisch sensibler Mensch bedenkenlos verwenden kann. Ein Schimpfwort soll den Adressaten beleidigen, das ist klar und als Ziel gesellschaftlich akzeptiert. Andererseits stellt fast jedes Schimpfwort, wenn man es genau nimmt, eine pauschale Abwertung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe dar. »Depp«, »Hohlkopf« und »Vollidiot« spielen in unakzeptabler Weise auf Bildungs- und Begabungsunterschiede an, »Spacko« ist behindertenfeindlich. Das angeblich seit dem frühen Mittelalter gebräuchliche »Arschloch« gilt inzwischen, wie ich bei Welding gelesen habe, als schwulenfeindlich. Für Bezeichnungen wie »Wuchtbrumme« gibt es den Fachbegriff »lookistisch«. Lookismus ist die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Aussehens.

»Blöde Kuh«, »Grasdackel« sowie der Karl-May-Lesern geläufige »Hundesohn« laufen bei Diskriminierungsfachleuten unter »Speziesismus«. Der Speziesismus weist darauf hin, dass manche Lebewesen, zum Beispiel Dackel, aufgrund ihrer Artzugehörigkeit diskriminiert werden. Speziesisten sagen, dass nicht nur die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen, sondern auch die Unterscheidung zwischen Tieren und Menschen ein willkürliches soziales Konstrukt sei. Statt des Wortes »Tiere« müsse man »nicht menschliche Tiere« sagen. Das Schimpfwort »Hurenbock« wäre demnach in doppelter Weise diskriminierend, weil es sowohl die männlichen Ziegen in unangemessener Weise herabsetzt als auch die Sexarbeiterinnen, auch der »Lahmarsch« ist ein Fall von Doppeldiskriminierung, Behinderte und Schwule, während die Verwender von »Spinatwachtel« sich mit den Vegetariern und den Vogelschützern zwei besonders streitbare Bevölkerungsgruppen zum Feind machen.

Offenbar ist, wenn alle sich Mühe geben, eine Welt ohne Diskriminierung machbar. Für unvorstellbar dagegen halten selbst die größten Optimisten eine Welt, in der es keinerlei Beschimpfungsbedarf mehr gibt. Deshalb werden auf einer Facebook-Seite diskriminierungsfreie Schimpfwörter aufgeführt, unter anderem gehören dazu die Wörter »Klugscheißer«, »Flachpfeife«, »Klappstuhl« und »Normativo«, wobei Letzteres, wegen des nicht deutschen Klanges, meiner Ansicht nach trotz allem einen leicht ausländerfeindlichen Beigeschmack hat. Der »Klugscheißer« atmet ein gewisses Ressentiment gegen die Hochbegabten, die es auch nicht immer einfach haben. Zu große Klugheit kann eine Art Behinderung sein. »Klappstuhl« ist okay, obwohl, genau genommen, natürlich auch die Unterscheidung zwischen Möbeln und Menschen ein soziales Konstrukt darstellt. Es ist überhaupt fast alles ein soziales Konstrukt, man denke sich die Gesellschaft und die Menschen weg, was bleibt da an Begriffen noch übrig? Das Universum wäre ein einziger großer Schweigemarsch.

Meiner Meinung nach ist der Kampf gegen sprachliche Diskriminierung mit der Magersucht vergleichbar. Es ist vernünftig, maßvoll zu essen, und es ist richtig, gegen Diskriminierung die Stimme zu erheben. Wenn man es aber übertreibt, dann wird in beiden Fällen eine Krankheit daraus. Wer sich durch die Verwendung des Wortes »Depp« oder des Wortes »Hurenbock« pauschal diskriminiert fühlt, soll sich einfach vorstellen, er oder sie sei ein Klappstuhl.

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