Füüünf, viiier, dreeei, zweeei ...«, der Rest geht im Gekreische unter. Während der Countdown noch läuft, schaffen es die Ersten durch die Tür. 400 Frauen rennen hinterher, drängeln die Stufen hinauf, stolpern auf die Empore, um den 4000 ausgestellten Kleidungsstücken näher zu kommen. Wühltischszenen. Blusen fallen zu Boden, Bügel fliegen durch die Luft. Keine halbe Stunde dauert das Spektakel, dann sind die Stangen fast leer geräumt. Reste eines großen Rauschs, einer Powershoppingparty. Nur dass am Ende keiner bezahlt. Die Frauen kaufen die Kleider nicht, sie tauschen sie untereinander.

Tauschpartytime im einstigen Berliner Luxusclub Goya. Swap in the City heißt die Veranstaltungsreihe, die seit gut einem Jahr in allen Teilen der Republik Frauen in Scharen anzieht. In Köln kamen 800, in Frankfurt 700, in Stuttgart 400. Auch das Goya ist an diesem Abend des ersten Advents ausverkauft.

Für 15 Euro hat sich Sandra Neumann ein Ticket gesichert. Neumann, 28 Jahre, ist zufrieden mit ihrer Ausbeute. Sie hat eine Jeansweste ergattert, eine schwarze Tasche, ein pinkfarbenes Shirt und ein gestreiftes. »Das Oberteil sieht doch aus wie neu«, sagt die Logopädin aus Berlin-Köpenick, die schon zum zweiten Mal bei Swap in the City mitmacht. Sie bezahlt mit den grünen Plastikchips, die sie zuvor für ihre mitgebrachten Klamotten erhalten hat. Pro Teil gab es einen Chip, egal, ob Prada-Kleid oder H&M-Pulli.

Im Goya läuft eine Konsumparty mit einer neuen Art von Konsumenten. Sie wollen alles haben, aber nicht alles kaufen. Sie wollen auf nichts verzichten, aber nicht alles auf Dauer besitzen. Sie konsumieren nicht weniger, aber anders. Die Kleiderbörse in Berlin ist Teil einer neuen Ökonomie, die schnell wächst: der Meins-ist-deins-Wirtschaft. In dieser Wirtschaft kaufen die Menschen nicht, sie tauschen, teilen und leihen. Collaborative consumption nennt die Amerikanerin Rachel Botsman dieses Phänomen, das sie in ihrem Buch What’s mine is yours umfassend beschreibt: gemeinschaftlicher Konsum. Er verändert nicht so sehr das, was wir konsumieren, als wie wir es tun. Botsman erwartet Großes: »Wir erleben eine Verschiebung von einer Ich-Kultur hin zu einer Wir-Kultur.«

Im Goya findet sie Ausdruck in einem Event, das Fashionistas zusammenbringt. Aber das Phänomen geht weit über Mode hinaus. Bei den 24 Millionen Nutzern von Netflix, die gegen eine monatliche Gebühr Videofilme miteinander teilen, sind es DVDs. Mit dem Verleih per Post und Internet setzt das kalifornische Unternehmen jährlich mehr als zwei Milliarden Dollar um. Beim weltgrößten Carsharing-Unternehmen Zipcar nutzen 650.000 Mitglieder mehr als 9000 Leihautos gemeinsam. Und 3,5 Millionen Couchsurfer in aller Welt bieten über eine Plattform im Internet kostenlos ihr Sofa zum Schlafen an. Gemein ist ihnen, dass sie die Dinge miteinander teilen. Aus meins und deins wird unser. Sie konsumieren im Kollektiv.

Und das treibt mitunter bizarre Blüten. Selbst vor der Natur macht der Trend nicht halt: Auch Gemüsebeete werden zum Gemeinschaftsgut. Zehn Kilometer nordwestlich von Bonn steigt Marion Herrmann von ihrem Fahrrad. Es ist vielleicht der letzte milde Herbstnachmittag des Jahres, und Herrmann, 51 Jahre, Jeans, bequeme Schuhe, will den letzten Wirsingkohl ernten, bevor die Gartensaison zu Ende geht. Sie wird das Gemüse einfrieren, auf dem Ackergrundstück vor Bornheim wächst mehr, als ihre vierköpfige Familie essen kann: Kürbisse, Spinat, Kartoffeln, Bohnen, Mais, Rote Bete, zwischendrin stehen Sonnenblumen mit gesenkten Köpfen.

Die Sonne steht tief über den Feldern, keine Wolken, Vögel zwitschern, ansonsten ist Ruhe. »Garten Eden« hat Herrmann ihren Acker getauft, der ihr gar nicht gehört. Ihr Paradies ist gemietet. Für 329 Euro hat sie es bei Meine Ernte gepachtet , einem jungen Unternehmen, das zusammen mit Landwirten Gemüsegärten in Stadtnähe vermietet. Von Mai bis Oktober.