Die neue Generation von Konsumenten stellt nun fest, dass sie oftmals gar nicht die Produkte will, sondern nur den Nutzen, den sie stiften. Nicht die CD, sondern die Musik, die diese spielt. Nicht die DVD, sondern den Film, der darauf läuft. Nicht die Bohrmaschine, die zeitlebens nur 6 bis 13 Minuten im Einsatz ist, sondern Löcher in der Wand. In wachsenden Teilen der Wirtschaft wollen Verbraucher nutzen statt besitzen. Sie empfinden Eigentum nicht länger als Privileg, sondern eher als Bürde. Sie sehnen sich nach einem leichteren Leben, nach der Leichtigkeit des Nichtbesitzens. Oder wie es der Poet und Sachbuchautor Mark Levine im New York Times Magazine ausdrückte: »Teilen verhält sich zu Besitz wie der iPod zur Achtspurkassette, das Solarmodul zum Kohlebergwerk. Teilen ist sauber, frisch, urban, postmodern; Besitzen ist langweilig, selbstsüchtig, ängstlich, rückständig.«

Noch gehört Levine zur Minderheit. Noch ist Deutschland eine Meins-Gesellschaft. Laut einer Studie für das Bundesumweltministerium von 2010 haben 40 Prozent der Befragten in den vergangenen drei Jahren nie einen Gebrauchsgegenstand gemietet, fast 30 Prozent haben nie etwas bei einem Bekannten oder Nachbarn ausgeliehen. Doch die Bräuche ändern sich. Rund ein Drittel der Verbraucher gibt sich aufgeschlossen gegenüber Formen des eigentumslosen Konsums. Oft sind es Menschen mit höherem Bildungsgrad, Familien mit kleinen Kindern oder jüngere Menschen, die häufiger Wohnung und Arbeitsplatz wechseln und schon deshalb nicht so viel mit sich herumschleppen wollen.

Die Aufgeschlossenen gehören vor allem der Generation an, die mit dem Gedanken des Tauschens und Teilens im Internet vertraut ist. Die in Sozialen Netzwerken die Logik des Gebens und Nehmens verinnerlicht hat. Dort teilen Nutzer Neuigkeiten (Twitter), Fotos (Flickr), Videos (YouTube), Interessen (Digg), Freunde (Facebook) oder Geschäftskontakte (Xing). Diese Netzwerke funktionieren nur, weil Massen kooperieren und Informationen tauschen.

Was in der virtuellen Welt selbstverständlich ist, erobert nun die Welt der Güter und Produkte. Die Räume innerhalb und außerhalb des Netzes verschmelzen. Und es entstehen Verbünde, in denen Menschen reale Dinge gemeinsam nutzen: Fahrräder, Büros, Küchen, Bohrmaschinen, Musikinstrumente, Handtaschen, Designeruhren, Kinderspielzeug, auch Kunst. Alles kann getauscht, geteilt, geliehen werden, bei Firmen oder Privatleuten. Aus Verkäufern werden Dienstleister, aus Käufern Nutzer, aus Märkten Netzwerke.

Und manchmal werden aus Fremden Bekannte.

Was Paul Gaitzsch und Iris Brettschneider an diesem kalten Novembermorgen in der Hamburger City zusammenführt, ist froschgrün, hat 60 PS und 120.000 Kilometer auf dem Zähler: ein Nissan Micra, Baujahr 2001. Gaitzsch, 30 Jahre, Jurist, besitzt ihn. Brettschneider, 40 Jahre, Bankangestellte, braucht ihn, um damit zum Segeln nach Kiel zu fahren. Was folgt, ist Routine: Ein Handschlag zur Begrüßung, Small Talk, dann überreicht Gaitzsch Schlüssel und Fahrzeugschein, Brettschneider unterschreibt das Übergabeprotokoll.

24 Stunden später wird sie den Autoschlüssel in Gaitzschs Briefkasten werfen und ihm per SMS mitteilen, wo genau sie den Wagen abgestellt hat. Brettschneider bezahlt Gaitzsch für seinen Micra, der sonst nur herumstünde, 16,50 Euro am Tag. Dazu kommen 7,50 Euro für eine Vollkaskoversicherung, die Brettschneider für den Schadensfall abschließen musste. »Das ist viel günstiger als ein Mietwagen«, sagt sie. »Und mit Paul ist das total unkompliziert.« Auch Gaitzsch hat auf Brettschneiders Profilseite im Internet gepostet: »Wieder super gelaufen!«