Michael Sandel © privat

Vor Kurzem stand auf der Titelseite des Magazins China Newsweek zu lesen, wer in China der einflussreichste Ausländer des Jahres sei. Es handelte sich um einen Mann mit jungenhaftem Gesicht und gelichteter Stirn, der seinem Publikum Fragen stellt, aber keine Antworten gibt. Das ist die Methode des derzeit wohl populärsten Professors der Welt, der davon überzeugt ist, dass ein verantwortlicher Bürger sich in der öffentlichen Debatte über moralische Fragen eine eigene Meinung bilden will, in einer Art Welt-Seminarraum. Die Frage, die ihm heute die Aufmerksamkeitsquoten von Mediensuperstars beschert, lautet nicht: Wie werde ich reich? Sie lautet: Was ist gerecht? Er widmet ihr eine Vorlesung. Dieser Philosoph, 58 Jahre alt, den man in elegantem Anzug bei der Arbeit sieht, lehrt in Harvard und heißt Michael Sandel.

Legendär ist seine Vorlesung über Gerechtigkeit schon seit Langem: Abertausende von Studienanfängern drängen Jahr für Jahr in das ehrwürdige Sanders Theatre, ein großes Auditorium der Harvard-Universität, in dem per Losverfahren jeweils 1.117 interessierte Studenten aller Fakultäten Platz finden, mehr passen nicht hinein. Neu sind die Verfilmung dieser Vorlesung fürs amerikanische Fernsehen 2009 und der Film, den Michael Sandel mit der BBC über Gerechtigkeit an deren philosophischen Schauplätzen, von Athen bis Berlin, 2010 gedreht hat. Noch neuer ist, dass die Justice-Vorlesung komplett auf der Website www.justiceharvard.org online zu sehen ist und millionenfach von Studenten in ganz Asien heruntergeladen wird. 200 Freiwillige in China haben Folge für Folge die chinesischen Untertitel dazu verfertigt. Und neu ist, dass Tickets für einen Vortrag Sandels in Japan für 500 Dollar gehandelt werden, seitdem sein Buch Justice auf Chinesisch, Japanisch und Koreanisch erschienen ist und millionenfach verkauft wurde.

Aber warum ist das so? Die Fragen Sandels entspringen der alltäglichen Erfahrung, und um die Argumente abzuwägen, wandert Sandel durch die Philosophiegeschichte: Ist es gerecht, fragt er im tief verschneiten Winter von Boston im Sanders Theatre seine Studenten, dass man sich einen vom Schnee selbst frei geschaufelten Parkplatz auch noch für den nächsten Tag frei halten kann und ihn also anderen wegnimmt? Ja, hätte der englische Philosoph John Locke gesagt, denn man hat Arbeit ins Schaufeln gesteckt, deren Früchte gehören einem, und so versteht es heute auch das geltende Recht in Boston. Aber, fragt Sandel dann sein Publikum, was meinen denn Sie? Und alsbald debattiert der ganze Saal, Sandel ruft die Wortmeldungen einzeln auf, bezieht sie aufeinander, konturiert die Argumente, bietet Lektüren zur Klärung an, bittet um Fortsetzung im Justice-Blog.

Zwischendurch erzählt er unterhaltsame Bits, zum Weitererzählen: Kant sei an seiner Universität nach der Kopfzahl seiner Studierenden bezahlt worden, »das sollte man ruhig in Harvard auch einführen«, Gelächter, Applaus. Und nächstes Thema.

Er macht das immer so, ob es um Steuergerechtigkeit geht, um die Höhe von Gehältern, um Designerbabys, Folter oder die gleichgeschlechtliche Ehe. Die Aktualität stellt die Fragen. In Tokyo, bei einem seiner begehrten Vortragsbesuche, lautete die erste Frage: »Ist es fair, Eintrittstickets auszulosen?« Und in dem Videoseminar, das Sandel nach der Katastrophe von Fukushima mit Studenten in Shanghai, Tokyo und Harvard gleichzeitig online hielt, hieß die Frage: Bedeutet die internationale Solidarität mit Japan, dass heutzutage das Mitgefühl mit dem Nächsten auf den Fernsten ausgedehnt werden kann? Die chinesischen und japanischen Untertitel liefen mit.

Auch umgekehrt werden dem Mann nun Fragen gestellt. Die japanische Zeitung Yomiuri Shimbun erkundigt sich, was davon zu halten sei, dass alte Menschen im heutigen Japan nach ihrem Tod bis zur Mumifizierung oft unbemerkt in ihren Wohnungen lägen. Sandel sagt daraufhin, diese Misere zeige, dass Marktgesellschaften die öffentliche Debatte darüber brauchten, welchen Preis an sozialer Erosion eine moderne Gesellschaft zu entrichten bereit ist. Aber Japan sei doch für diese Debatte kaum offen, viel zu scheu? Nun, antwortet Sandel, für seine japanischen Studenten jedenfalls gelte das nicht, sie seien hungrig nach moralischer Diskussion und fragten leidenschaftlich nach sozialer Gerechtigkeit. Nur die Medien seien außer an Klatsch und Gefühligkeit kaum noch an etwas interessiert. Dann kommt er wieder zu seiner Sache: Kant meint, wir seien moralisch für das verantwortlich, was wir selbst gewählt haben. Was heißt das heute? »Er betont die Bedeutung der Freiheit als Autonomie des vernünftigen Einzelnen, das steht natürlich in Spannung zur herkömmlichen Idee der Gemeinschaft.«

Mitunter verliert eine Frage unterwegs ihre Trennschärfe, dann werden Gerechtigkeit, Rechtfertigung und Moral irgendwie das Gleiche. Aber Sandels eigene Vorstellung von Gerechtigkeit ist konturiert, sie richtet sich gegen den zügellosen Individualismus, gegen Leistungsideologie und eine allzu selbstgewisse Autonomie, die sich der Freiheit beraubt, politisch zu werden. Er tritt für einen starken Begriff von Gemeinwohl ein, der auch den Staat zum Handeln legitimiert. Aber seine eigenen Ideen hält dieser Philosoph um der Methode willen lieber zurück. Er gibt eben nicht die sogenannte richtige Antwort, die an Asiens Universitäten oft noch üblich ist. 

Asiatische Studenten sitzen allerdings auch im Sanders Theatre in Harvard zuhauf, und an manchen Tagen meint man, sie bildeten hier schon die Mehrheit. An einem dieser Tage will Michael Sandel die Frage klären, ob denn die Leistung des Einzelnen entscheiden solle, was gerechte Verteilung sei, wenn schon die Herkunft und der freie Markt in Gerechtigkeitsdingen keine vernünftigen Ratgeber seien. Eine chinesische Studentin gibt zu bedenken, man solle den Schwächeren nicht durch Umverteilung von Gütern ihre Leistungsbereitschaft abkaufen, eine andere sagt, es führe geradewegs in eine sozialistische Gesellschaft, wenn sich Menschen nicht durch ihre Leistung unterschieden. Und ein Dritter meint: Wer viel leiste, verdiene auch mehr. Es ist zwei Minuten vor zwölf.

Da berichtet Michael Sandel noch kurz von einer neuen Studie, die belegt, dass besonders die Erstgeborenen einer Familie durch gute Leistung auffallen. Hands up, fragt er, wer hier im Saal ist ein Erstgeborener? Fast alle Hände gehen nach oben. Erschrockene Stille kehrt ein. »Ich bin auch der Älteste«, sagt Sandel. Punkt zwölf, Ende der Vorlesung, er verlässt den Raum. Die Studenten aber, maßlos verblüfft, bleiben noch lange sitzen.