Demonstranten in Moskau © YURI KADOBNOV/AFP/Getty Images

Wer ist schuld, dass Russland aufgewacht ist? Noch im Sommer hat es friedlich geschnarcht, und das politische Leben in Russland schien auf Jahre hinaus tot zu sein. Wer hätte vorhersehen können, dass schon im Dezember Massen von Menschen auf den Straßen zahlloser russischer Großstädte, von Kaliningrad bis Wladiwostok, ihrer Empörung Ausdruck verleihen werden? Kein Mensch auf der ganzen Welt. In Russland vergeht die Zeit manchmal so wenig wie in der Ewigkeit, dann rast sie in irrem Tempo dahin. Ich dachte, ich wüsste, was in zehn Jahren mit Russland sein würde, und jetzt weiß ich nicht einmal, was morgen passiert.

Die Staatsmacht hat stets mehr an die Ewigkeit geglaubt als an die Bewegung der Zeit. Ewigkeit bedeutet in Russland Unantastbarkeit und Willkür. Anders gesagt – Autokratie. Wir haben unter zaristischer Autokratie gelebt, unter stalinistischer Autokratie und glaubten, die Putinsche Autokratie werde uns überleben. Im September, als Putin seine Kandidatur für die dritte Amtsperiode als Präsident ankündigte, hatten sich alle mehr oder weniger an den Gedanken gewöhnt, das sei eben das Schicksal unseres Landes. Die ganze Welt hatte sich daran gewöhnt. Man begrub die Hoffnungen auf eine russische Demokratie und fand sich damit ab, es mit einem Russland zu tun zu haben, das so ist, wie es ist. Und da plötzlich entstieg die russische Demokratie der Erde, und ihr Auftauchen aus dem Jenseits schockierte nicht nur die Staatsmacht, sondern auch die russische Demokratie selbst.

Egal, was weiter passiert, Russland hat im Dezember 2011 bewiesen, dass es zur Demokratie fähig ist und in bedeutendem Ausmaß von einem zurechnungsfähigen Volk mit Selbstwertgefühl bewohnt wird.

Die Staatsmacht ist selbst schuld daran, dass das Volk massenhaft auf die Straße geht und demonstriert. Sie hat sich als weichlich und überheblich zugleich erwiesen. Weichlich – weil sie selbst das Spiel vom konservativ-liberalen Tandem Putin-Medwedjew veranstaltet hat. Zuerst präsentiert sie intrigant ihre angeblich aufgeschlossene Gesinnung, um dann überheblich und ohne Rücksicht auf irgendjemanden, nicht einmal auf enge Vertraute, zu erklären, das Spiel sei beendet, genauer gesagt, es habe überhaupt nie ein Spiel gegeben. Das war selbst für die treuesten Anhänger der Staatsmacht eine intellektuelle Überforderung. Putin und Medwedjew trafen Entscheidungen für, aber ohne sie. Dafür, dass Medwedjew sich als treuer junger Freund zeigte, bot ihm Putin eine Rochade an, Medwedjew hatte für eine gewisse Zeit den Kopf verloren und akzeptierte dieses Angebot. Den anderen überließ man die Rolle der Claqueure und Lakaien.

Das war der erste Fehler der obersten Staatsführung, und als ergebene Polittechnologen ihr zu Hilfe eilten und nach einem neuen Kurs suchten, war es zu spät. Das Volk hatte den Respekt vor der Staatsmacht schon verloren.

Der zweite Fehler der Staatsmacht bestand darin, auf eine »nationale Idee« zu verzichten. Russland hat noch nie ohne eine Ideologie gelebt. Die Putinsche Ideologie war ein Deal: politische Loyalität der Bürger gegen Freiheit im Privatleben. Wir erhielten die in Russland nie gekannte Möglichkeit, den eigenen Lebensstil zu bestimmen. Im Lauf von zehn Jahren hat uns diese Freiheit ein wenig den Kopf verdreht. Wir wollten auf einmal mehr als nur Freiheit im Privaten. Besonders in den großen Städten. Im Stau stehend und im Café sitzend, dachten wir ununterbrochen darüber nach, was wir eigentlich, Pardon, wollen wollen. Das weichliche Regime verabreichte uns nicht die nötige Dosis Angst, um uns die Lust am Nachdenken auszutreiben.

Der dritte, verhängnisvolle Fehler unserer Staatsmacht waren die fahrlässig durchgeführten Wahlen. Ich weiß nicht, wie grob sie gefälscht wurden, vielleicht gar nicht mal besonders, doch die Staatsmacht hat zugelassen, dass die Bevölkerung darüber nachdenkt, ob die Wahlen unehrlich gewesen sein könnten. Eine autoritäre Staatsmacht darf nicht weichlich sein. Unsere Staatsmacht wollte Unvereinbares vereinbaren. Michail Chodorkowski einsperren, aber Fragen nach dem natürlichen oder gewaltsamen Tod des Anwalts Sergej Magnitzkis in der Untersuchungshaft zulassen. Die Sowjetunion lieben, bis einem nostalgische Schauer über den Rücken laufen, aber einen wie auch immer gearteten Kapitalismus aufbauen. Stalins Außenpolitik voll und ganz bejahen, aber an seiner Innenpolitik zweifeln. Diese Widersprüche konnten nicht gut enden. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie die »Silowiki«, die Vertreter der Geheimdienste und der Armee, und die Fernsehideologen verbittert den Kopf schüttelten.