Die Stimmung ist angespannt, obwohl das Spiel noch gar nicht begonnen hat. Vor dem Dresdner Stadion zünden Fans der SG Dynamo Pyrotechnik. Polizisten in Kampfmontur schreiten ein, gehen aber auch auf Unbeteiligte los. Ein junger Mann fühlt sich drangsaliert. Seine Freunde brüllen die Beamten an. Eskaliert die Situation? Christian Kabs vom Fanprojekt eilt herbei. Die Lage beruhigt sich von selbst, aber die Stimmung, sagt Kabs, wolle er im Blick behalten. Polizisten und Fans werfen sich gegenseitig Provokationen vor – das ist oft das Problem in Dresden. Kabs weiß: Der Nachmittag wird noch lang. Er hat ja gerade erst angefangen.

Dresden gegen Cottbus an einem Sonntag, wieder ein sogenanntes Risikospiel in der zweiten Fußballbundesliga, wieder mit Hundertschaften, Hundestaffel, Hubschrauber. Die Fans von Dynamo haben einen schlechten Ruf, einer aggressiven Minderheit wegen. Zuletzt machte sie Schlagzeilen in Dortmund Ende Oktober; Ausschreitungen während des Dresdner Gastspiels im DFB-Pokal – mit 17 Verletzten, 15 Festnahmen, einem Sachschaden von 150.000 Euro. Seitdem wird wieder über mögliche Maßnahmen gegen Fangewalt diskutiert: über Stadionverbote, Alkoholverbote, Fahndungsfotos. Dynamo Dresden, das ist die erste Konsequenz für den Verein, wurde für den kommenden Pokalwettbewerb ausgeschlossen. Denn Fernsehbilder von Dresdner Schlägern vor Millionenpublikum soll es nicht wieder geben. Doch heißt das auch, dass jene Schläger ihre Aggression verlieren? Oder wird sie sich an anderen Stellen entladen? Auf Volksfesten, in Diskotheken, in Familien?

Christian Kabs, 37, setzt auf Nachhaltigkeit, doch manchmal muss er kurzfristig das Schlimmste verhindern. Er hat nun die Eingänge des K-Blocks erreicht, wo im Stadion, das jetzt »Glücksgas-Stadion« heißt, die Hartgesottenen unter den Fans ihren Platz haben. Kabs ist ein Mann von mächtiger Statur, er trägt eine dunkelblaue Wollmütze und graue Jacke. Er fällt in der Masse nicht auf, das würde er auch gar nicht wollen. Kurz vor dem Spiel beobachtet er, wie sich Dutzende Polizisten dem K-Block nähern, obwohl sie sonst außerhalb des Stadions bleiben. Sie haben ihre dunklen Helme aufgesetzt, einige umklammern Schlagstöcke. Sie wollen Fans herausgreifen, die gegen das Sprengstoffgesetz verstoßen, die gezündelt haben sollen.

Plötzlich stürmen vierzig, fünfzig Dynamo-Fans aus dem K-Block herbei. Einige verdecken ihre Gesichter mit Schals und Kapuzen. Sie spannen ihre Körper an, breiten ihre Arme aus, klatschen im Rhythmus, schimpfen auf Polizisten. Christian Kabs steht zwischen Fans, die sich pauschal kriminalisiert fühlen, und Beamten, die einen Befehl ausführen sollen. Wieder könnte die Lage außer Kontrolle geraten. Kabs ist nun die Instanz, die vermittelt, der Stadion-Diplomat. Er hat große Mühe, die Anhänger zu besänftigen. Er hat große Mühe, den Polizisten klarzumachen, dass sich junge Männer in der Anonymität der Masse solidarisieren können, unter Emotionen, manchmal unter Alkoholeinfluss. Kabs ist geschult für solche Fälle. Er hat lange mit Jugendlichen gearbeitet. Und er weiß, wie er reagieren muss. Er ist nicht in Sachsen aufgewachsen, sondern in Bayern. Er findet Dynamo sympathisch, aber er ist nicht bedingungslos Fan. Wahrscheinlich hilft ihm das.

Aus dem Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze geht hervor, dass in der abgelaufenen Saison, Erste und Zweite Liga, 846 Menschen verletzt wurden, so viele wie nie seit Einführung der Statistik. Zugleich sank die Zahl der Strafverfahren gegenüber dem Vorjahr von 6.043 auf 5.818. Der Profifußball verzeichnete in dem Zeitraum mehr als 17 Millionen Besucher, 0,0003 Prozent von ihnen wurden verletzt. Es ist wahrscheinlicher, beim Oktoberfest in eine Schlägerei zu geraten als im Stadion. Dennoch haben Innenminister und weitere Politiker wieder eine Taskforce ins Leben gerufen, um alte Fragen neu zu diskutieren. Es sind Fragen, die Christian Kabs dauerhaft beschäftigen; nicht immer nur dann, wenn das Fernsehen Randale live überträgt.

»Es hat Jahre gedauert, das Vertrauen in der Szene zu gewinnen«, sagt Kabs. »Die meisten Jugendlichen wollen nicht pädagogisiert werden, wir nehmen ihre Anliegen sehr ernst.« Drei Pädagogen sind im Fanprojekt angestellt. Sie arbeiten nicht für den Verein, nicht für die Fußballverbände – sondern für die Jugendlichen. Das Fanprojekt nutzt die Anziehungskraft des Sports, um Jugendhilfe anzubieten: Antirassismusarbeit, Gewaltprävention, Mädchen- und Frauenprojekte. Hausaufgabenhilfe. Die Sozialarbeiter wollen den Fußball nicht isoliert von anderen Milieus ihrer Zielgruppe betrachten, von Schule, Elternhaus, Ausbildung.