SachsenHelden wie wir

Sachsen plant eine große Imagekampagne. Dabei weiß das Land noch nicht einmal, was es darstellen will.

Das winterliche Erzgebirge

Das winterliche Erzgebirge

Gesucht sind wenige Worte, und im besten Fall werden sie Kult. Spätestens seit dem Motto der Baden-Württemberger spricht jeder über Image-Kampagnen für Bundesländer. »Wir können alles. Außer Hochdeutsch.« Standortmarketing ist in Mode gekommen. Es funktioniert so: Man versucht, die Vielfalt einer Region auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen, der wiederum größere Strahlkraft hat als die Summe der einzelnen Teile. Dann werden Bewohner zu Botschaftern. Das aber ist eine schwere Aufgabe.

Nun stellt sie sich für den Freistaat Sachsen. Die Landesregierung plant eine groß angelegte, kostspielige Imagekampagne. An die 32 Millionen Euro sollen bis zum Jahr 2014 in eine sächsische Dachmarke investiert werden, die »Wirtschaft, Wissenschaft, Tourismus, Kultur und Sport einschließt«, so Staatskanzleichef Johannes Beermann (CDU). In einer Zeit, da politisches Handeln häufig mit dem Ziel verbunden verbunden ist, Geld einzusparen, ist das eine interessante Entscheidung. Es könnte ja etwas Gutes dabei herauskommen. Besseres jedenfalls als die ein paar Jahre alte, ziemlich peinliche Kampagne Ich bin ein Sächsist .

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Denn es geht um die Frage: Wer sind wir eigentlich? Was soll der Freistaat in Zukunft sein? Für die Menschen, die hier in den drei Großstädten Leipzig, Dresden und Chemnitz, aber auch im Vogtland, im Erzgebirge oder in der Oberlausitz leben – und für die Menschen anderswo. Und stellt sich diese Frage nicht auch deshalb, weil sich in den vergangenen 20 Jahren fast alles hier verändert hat?

Aber werden diese Fragen wirklich aufgeworfen? Mehr als vage Absichtserklärungen sind aus der Staatskanzlei zu diesem Großprojekt bisher nicht zu vernehmen gewesen, obwohl die Kampagne bereits im Frühjahr anlaufen soll. Zwar hat man ein Gremium mit Vertretern aus Wirtschaft, Kultur und Bildung formiert; zwar will man eine Homepage einrichten, auf der Bürger ihre Meinung einbringen können. Doch als vor zwei Wochen der Regierungssprecher Johann-Adolf Cohausz in der Sache Journalisten zu einem Hintergrundgespräch bat, wurde dort nicht mehr als eine Zettelsammlung mit alten Studien und Umfragen verteilt. Von Ideen, Konzepten oder drängenden Fragen nach der eigenen Identität war nichts zu spüren. Kann man in der Staatskanzlei wirklich Sächsisch? Weiß man wirklich schon, wer man ist?

Für einen Profi wie Sebastian Turner, den längjährigen Chef der Werbeagentur Scholz&Friends , ist eine ehrgeizige Selbstbefragung unumgänglich, muss die Politik einen sehr genauen Leitgedanken vorgeben. Aber kennt eigentlich jemand die Vision des Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) für sein Land? Hat er diese Vision je formuliert? Für Kurt Biedenkopf jedenfalls schien seine Botschaft immer klar zu sein: Er, der als Gescheiterter nach der Wende in den Osten kam, wollte nun in Sachsen alles richtig machen. Der brauchte keine Standortkampagne, der war sich als Werbefigur stets selbst genug.

In der Regel gehen Standortkampagnen schief. Es kommt dabei Reklame heraus, die im besten Falle keinen stört, weil sie nicht weiter auffällt: »Saarland. Schön, dass du da bist«; »MV tut gut«; »Nordrhein-Westfalen. Zusammen. Stark«; »An Hessen führt kein Weg vorbei« – so lauten die oft nichtssagenden Slogans anderer Bundesländer. Das viel gescholtene »Land der Frühaufsteher«, wie Sachsen-Anhalt für sich wirbt, wirkt in dieser Reihe geradezu gelungen.

Einig ist man sich in der Dresdner Staatskanzlei bisher nur in einem Punkt: Das Selbstbild der Sachsen ist positiver als die Fremdwahrnehmung der restlichen Deutschen. Während man hier die Landschaft als reizvoll rühmt, sich weltoffen, tolerant und wirtschaftlich stark wähnt, stören sich andernorts viele am als unangenehm empfundenen Dialekt, am Rechtsextremismus und der Arbeitslosigkeit, wie eine Studie aus dem Jahr 2009 belegt. Das soll anders werden. Dann, so die Hoffnung, kommen mehr Investoren, mehr Touristen, mehr Studenten, mehr Fachkräfte. Bislang gehen die Leute ja eher weg.

Leserkommentare
  1. Die Verfasserin hat einen wichtigen - wenn nicht gar den wichtigsten - Aspekt Sachsen vergessen: nämlich die exzellente kulturelle Tradition, die man in aller Welt schätzt, leider aber viel zu wenig in Deutschland.

    Man kann es nicht oft genug wiederholen: es gibt dort
    Kunstmuseen, Festivale, Orchester und Knabenchöre die weltweit Maßstäbe setzen. In dieser Kategorie können andere Städte auch wenn sie sich selbst für gebildet und kultiviert halten - wie Hamburg, München oder Düsseldorf - wirklich nicht mithalten. So verwundert es auch, dass Leipzig und Dresden all zu oft bei Städteränkings zur Lebensqualität (!) nur im Mittelfeld landen.

    Ein Sachse hat es schwer sich an die mittelmäßigen
    musikalischen Leistungen in den genannen Städten zu gewöhnen. In der Diaspora stellt dieser trotz Offenheit und Neugier für Neues mit größtem Bedauern immer wieder fest, dass es die Sächsische Staatskapelle, Staatsoper, Gewandhausorchester und Thomanerchor doch am besten können...

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    Muß ich auch als Nichtsachse anerkennen.

    Muß ich auch als Nichtsachse anerkennen.

  2. ... daß die sächsische Regierung den Denkmalschutz faktisch abgeschafft hat. Oder damit, daß die sächsischen Strafverfolgungsbehörden bundesländergrenzenüberschreitend gefährliche Staatsfeinde wie den friedlich, wenngleich lautstark gegen rechts wirkenden und demonstrierenden Jenaer Pfarrer Lothar König mit rechtsaugenblinden Anklagen überziehen (http://www.freitag.de/kul...).

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  3. Wenn ich mich recht erinnere, hat die "Alles. Außer Hochdeutsch"-Agentur diesen Slogan zuerst in Dresden angeboten, woraufhin sich die Sachsen empört gezeigt haben, frei nach dem Motto: "Mir Saxn haam soon scheen Humor. nur schode, dass mor keen Dialekt haam, dass mern ooch ausdrüggn."

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  4. Wenn die gesamte Kampagne 32 Millionen EURO kosten soll, dann ist jetzt klar, warum Sachsen in seinem Jugendhilfeetat drastische Kürzungen vorgenommen hat.
    Auch andere Bereiche, die eigentlich den Einwohnern Sachsens zugute kommen sollen, wurden drastisch gekürzt.
    Aber nach A U S S E N kann ja Sachsen sich gut präsentieren!?

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  5. Mein Slogan für Sachsen wäre:

    "SACHSEN - IRGENDWIE ANDERS"

    Nach fast 19 jähriger Sächsischer Staatsbürgerschaft, musste ich über einige Aussagen des Beitrages doch schmunzeln.

    Wir sind hier gar nicht so lustig, wie im Artikel beschrieben. Das Sächsische kommt bis heute laut und polternd daher. Eine Underdog-Sprache, die aber nicht deren Coolness ausstrahlt sondern beim Zuhörer ein schmerzhaftes inneres Zucken auslöst.
    Also in Dresden schaffen wir gerade die Lehrerausbildung und die Historiker ab. Dafür sind wir umso stolzer auf die peinliche Schatzkammer eines dicklichen Potentaten und scheren und einen Dreck um Weltkulturerbe. Das ist Sachsen!
    Pisa misst nicht Bildung, sondern rein technische Skills. Das fällt dem Sächs. Schulsystem leicht, welchses auf Inklusion weitgehend verzichtet und wo man nach ausländischen Schülern suchen muss.
    Der Freistaat ist doch in der Fläche längst ausgeblutet, zu Gunsten der drei Zentren. Tillich und die CDU haben wirklich keine Vision, außer der des eigenen Machterhaltes. Wer noch nicht einmal ein offenes Verfahren bei der mdr-Intendanten Wahl zulässt, der hat doch kein Interesse an Visionen. Wir sind hier in Sachsen staatlich repressiv, intellektuel rückwärtsgewandt und haben ein Problem mit nahezu Allem, was von Außen an uns herantritt - es sei denn, es handelt sich um Fördermittel und Transfers. Wir sind permanent beleidigt, weil unser Genie nicht erkannt wird und glauben jetzt auch noch, dass Identität durch Marketing entsteht.

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    ...ich hadere ja selbst mit meiner Herkunft.

    "Wir sind hier gar nicht so lustig, wie im Artikel beschrieben. Das Sächsische kommt bis heute laut und polternd daher."

    Deckt sich mit meiner Erfahrung, Humor ist anders. Allerdings gibts da wahrscheinlich große Unterschiede zwischen Stadt und Land und schon zwischen Dresden, Leipzig und Chemnitz ist der Dialekt stark verschieden und auch die Mentalität. Das Erzgebirge ist ganz eine Welt für sich.

    "Dafür sind wir umso stolzer auf die peinliche Schatzkammer eines dicklichen Potentaten"

    Stolz auf peinliche Potentaten ist keine sächsische Eigenschaft.

    "und scheren und einen Dreck um Weltkulturerbe."

    Zu Recht. Demokratie schlägt. Einer der wenigen Punkte, wo ich Sachsen gut finde, auch wenn es ansonsten keine Demokratie praktiziert und die Bürger äußerst zynisch behandelt werden. Da wirkt noch der Geist des alten Apparates nach.

    "Pisa misst nicht Bildung, sondern rein technische Skills."

    Wäre dir das Abfragen von Gedichten lieber? Auch technische Skills müssen gelernt werden, zumal ich deine Behauptung für zu pauschal halte. Die Abschaffung (bzw. nicht-Übernahme) der Hauptschule war ein großer Erfolg und mangels Migrationsproblemen leicht machbar. Ansonsten halte ich das Schulsystem für typisch deutsch und menschenfeindlich.

    "dass Identität durch Marketing entsteht"

    Auch das ist (leider) nicht sächsisch, sondern der absoluten Hilflosigkeit der gegenwärtigen politischen Klasse geschuldet.

    ...ich hadere ja selbst mit meiner Herkunft.

    "Wir sind hier gar nicht so lustig, wie im Artikel beschrieben. Das Sächsische kommt bis heute laut und polternd daher."

    Deckt sich mit meiner Erfahrung, Humor ist anders. Allerdings gibts da wahrscheinlich große Unterschiede zwischen Stadt und Land und schon zwischen Dresden, Leipzig und Chemnitz ist der Dialekt stark verschieden und auch die Mentalität. Das Erzgebirge ist ganz eine Welt für sich.

    "Dafür sind wir umso stolzer auf die peinliche Schatzkammer eines dicklichen Potentaten"

    Stolz auf peinliche Potentaten ist keine sächsische Eigenschaft.

    "und scheren und einen Dreck um Weltkulturerbe."

    Zu Recht. Demokratie schlägt. Einer der wenigen Punkte, wo ich Sachsen gut finde, auch wenn es ansonsten keine Demokratie praktiziert und die Bürger äußerst zynisch behandelt werden. Da wirkt noch der Geist des alten Apparates nach.

    "Pisa misst nicht Bildung, sondern rein technische Skills."

    Wäre dir das Abfragen von Gedichten lieber? Auch technische Skills müssen gelernt werden, zumal ich deine Behauptung für zu pauschal halte. Die Abschaffung (bzw. nicht-Übernahme) der Hauptschule war ein großer Erfolg und mangels Migrationsproblemen leicht machbar. Ansonsten halte ich das Schulsystem für typisch deutsch und menschenfeindlich.

    "dass Identität durch Marketing entsteht"

    Auch das ist (leider) nicht sächsisch, sondern der absoluten Hilflosigkeit der gegenwärtigen politischen Klasse geschuldet.

  6. Wir haben doch so gute Kabarettisten in Sachsen. Dann kann man sie auch gleich einen Spruch raussuchen lassen. Besseres als das, was in einem politischen Prozess an weichgespülte Floskeln herauskommt, wird dabei allemal gefunden.

  7. Stimme dem Vorredner zu 100% zu, nur mit der kleinen Einschränkung, dass all diese Missständen (vor allem die intellektuelle Rückwärtsgewandtheit) nur einen bestimmten, leider recht großen Anteil der Sachsen betrifft. Und natürlich - in erster Linie! - die herrschende CDU im Land und in den meisten Städten; besonders peinlich und unangenehm in Dresden. Die Image-Katastrophe mit dem Weltkulturerbe ist ja nicht den Dresdnern, sondern der Dresdner CDU zu verdanken, die Mehrheit der Dresdner ist nachwievor gegen diese sinnlose Brücke und war das auch schon, als die Entscheidung fiel.
    Abgesehen davon ist die Wirkung von Image-Kampagnen, wie im Artikel schon erwähnt, ja umstritten und es wieder typisch, dass die äußere Wahrnehmung den Herren von der Landesregierung wichtiger is, als die tatsächlich drängenden sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes. Wenn man wirklich Werbung für das Land machen will, dann sollte man m.E. die Leute, also die Wirtschaft, die Vereine, die Bürger usw. für konkrete Aktionen gewinnen, sie darin unterstützen und nicht so tun, als ob allein die Politik wüsste, was Sachsens Identität is (falls es sowas überhaupt gibt). Dieser Weg wäre auch weit vielversprechender als ein letztlich womöglich ähnlich peinliche Slogans, die die andern Bundesländer kreiert haben.

  8. Bin selbst aus Sachsen und wohne seit geraumer Zeit in Frankfurt. Den im Artikel erwähnten Rechtsextremismus kann ich, zumindest in den Städten, nicht sehen. Einzig was fehlt sind Konzernzentralen und Mittelständler: das brächte halt für die Doofen und Diversität in die Bevölkerung. Fakt ist: Sachsen wäre mit mehr Ausländern besser dran. Sowohl was verkrustete Mentalitäten als auch kleinkarierte politische Visionen angeht.

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    ...wäre mit mehr gut bezahlten Jobs besser dran. Bei gleichen Jobangeboten mehr Migration ist ein Pulverfass.

    Davon abgesehen halte ich deine Instrumentalisierung von aus wirtschaftlicher Not nomadisierenden Personen für menschenverachtend...

    ...wäre mit mehr gut bezahlten Jobs besser dran. Bei gleichen Jobangeboten mehr Migration ist ein Pulverfass.

    Davon abgesehen halte ich deine Instrumentalisierung von aus wirtschaftlicher Not nomadisierenden Personen für menschenverachtend...

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