Catherine hat einen ausgestopften Wolf im Wohnzimmer. Alfred musste das Tier erschießen – es war zu oft ums Haus geschlichen und hatte wohl begriffen, dass Mülltonnen weniger Haken schlagen als Hasen. Catherine hätte gern einen Hund, am liebsten einen Welpen. Alfred will keinen Hund, weil die Wölfe ihn früher oder später fressen würden. Der Kompromiss ist ein selbstbewusstes Kaninchen, das nicht nach draußen darf und sich gut mit dem ausgestopften Wolf versteht.

Seit drei Stunden sitzen wir neben dem Wolf und lauschen den Geschichten von Catherine und Alfred, die im Valbona-Tal in den Albanischen Alpen wohnen. Echte Wildnis – dazu Schneemassen, anspruchsvolle Gipfel und Balkanflair: Genau das hatten meine Freunde und ich uns in dieser Gegend erhofft, die auf Albanisch Prokletije heißt, verwunschene Berge. Kellie, Lorenzo und ich waren schon in Patagonien und der Antarktis auf Skiern unterwegs. Dieses Jahr sollte es Albanien sein. Eine Woche Skitouren gehen und zum Schluss noch die Pistenkultur der Einheimischen erleben, die sich im Kosovo abspielt: Weil die Albaner kein eigenes Skigebiet mit Liften haben, besuchen sie ihre Nachbarn.

Bisher kommen ausländische Gäste fast nur im Sommer nach Albanien, und dann vor allem in den mediterranen Süden. 2011 haben die Rucksackromantiker des Lonely Planet das Land zum Reiseziel des Jahres erklärt. Touristen sonnen sich an der Albanischen Riviera, fahren Kajak auf türkisblauen Flüssen und gehen hier wandern.

Das Valbona-Tal ist im Norden. Die raue, bergige Gegend war lange als Banditenterritorium bekannt. Noch heute, munkelt man, existiere im Tal das archaische Gesetz der Blutrache. Am Abend unserer Anreise schneit es heftig. Trotz Allradantrieb und Schneeketten schafft es unser Geländewagen deshalb nur mit Mühe bis zur Fusha e Gjes, der höchstgelegenen Unterkunft im Tal: ein einfaches Holzchalet, das im Sommer Wanderer beherbergt und im Winter normalerweise niemanden.

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Auch am nächsten Morgen verbirgt sich die Landschaft hinter einem Vorhang aus Schneegestöber. Touren sind bei dieser schlechten Sicht nicht möglich, und das Dorf Valbona ist schnell erkundet: Es gibt eine Bar, eine Schule, keinen Laden und ein paar Betonruinen, die aus kommunistischen Zeiten übrig geblieben sind. Die kleinen Natursteinhäuser sehen neben ihnen aus wie Spielzeughütten.

Unsere Gastgeber im Fusha a Gjes haben uns empfohlen, zum Zeitvertreib die »crazy American woman« zu besuchen, die in der Nähe wohnt. So landen wir bei Catherine und ihrem albanischen Mann Alfred.

Als Kind, erzählt die gebürtige New Yorkerin, sei sie oft mit ihren Eltern in Italien gewesen. Man segelte in der Adria, und als sie fragte, was das da drüben sei, diese Küste im Osten, so dunkel und ohne freundliche Lichter, da sagte man ihr: »Das ist Albanien. Da darf keiner hin.« 

Drei Jahre ist es nun her, dass Catherine genug von der Hektik der Großstadt und der Arbeit in ihrer Brooklyner Buchhandlung hatte und eine Auszeit nahm. Mit ihren angesammelten Meilen flog sie in dieses mysteriöse Land ohne Lichter, wo inzwischen jeder hindurfte. Beim Wandern in den Bergen traf sie Alfred aus Valbona. Er hatte ein junges, schönes Lachen und pechschwarze Augen. Catherine blieb. Jetzt erzählt sie uns von ihrer Idee, den Wölfen zur Überwachung Funkhalsbänder anzulegen; von den Recyclingtonnen, die sie im Tal aufgestellt hat, und von ihrem geplanten Herbarium mit Tausenden einheimischen Pflanzen. Alfred steht lächelnd hinter der Hausbar, trinkt Raki und schweigt.

An den folgenden Tagen schneit es immer noch stark. Schwere, nasse Flocken sammeln sich in unseren Kapuzen. Wir gehen ein paar kleine Touren im dichten Laubwald; über die Baumgrenze trauen wir uns nicht wegen der Lawinengefahr. Viele Stämme tragen Jahreszahlen, 1985, 1986 und Initialen. Die Schnitzereien, erzählt man uns später, seien Hinterlassenschaften von Soldaten, die hier einst auf harten Märschen für den Diktator Enver Hodscha an den Grenzen patrouillierten.

Dann endlich tauchen zwischen Schnee und Wolken Bruchstücke der Landschaft auf, und wir ziehen los zu einer längeren Tour. Der Schnee ist tief und ganz frisch, er dämpft alle Geräusche. Zunächst winden wir uns die flachen Kehren einer Forststraße hinauf. Danach geht es querfeldein mit alten Geheimdienstkarten. Gent Mati, unser albanischer Reiseveranstalter, hat sie uns mitgegeben. Wo man sich nicht auskannte, schraffierte man kunstvoll. Wir klettern über viele Zäune und steigen in ein Seitental auf. Eine knappe Stunde Fußmarsch über Valbona liegt Kukaj, ein kleines Gehöft, vor dem ein paar missmutige Pferde im Schnee stehen.