Das Feld ist abgeerntet, doch knapp über dem Boden hängen an den abgeschnittenen Stängelresten noch einzelne braune Hülsen. Jede enthält bis zu fünf Sojabohnen. »Der Schotenansatz war etwas zu niedrig für den Mähdrescher«, sagt Dieter Trautz , »daran müssen wir noch arbeiten.« Auch die Beregnungsanlage, die den Wassermangel in der sensiblen Blütezeit verhindern soll, geht erst nächstes Jahr in Betrieb. Dann seien bis zu drei Tonnen Soja-Ertrag pro Hektar möglich, ist der Agrarwissenschaftler Trautz überzeugt – nicht weniger als in den USA.

Das abgeerntete Feld ist Teil eines Forschungsprojekts der Hochschule Osnabrück . So weit nördlich wurde Soja noch nie zuvor angebaut. Die proteinreiche Hülsenfrucht stammt ursprünglich aus China. Eigentlich benötigt sie Wärme und kurze Tage zum Aufblühen, beides zusammen kann Norddeutschland nicht bieten. Doch mit gezielter Züchtung, cleverer Anbautechnik und etwas Unterstützung durch den Klimawandel könnte Soja einen Erfolgszug in Deutschland antreten – wie der Mais, eine ursprünglich tropische Pflanze.

Obwohl Mais und Soja botanisch völlig unterschiedlich sind, haben beide ähnlich reizvolle Eigenschaften: Sie kommen mit ärmeren Böden zurecht, die für den Anbau von Weizen oder Gemüse ungeeignet sind. Und beide dienen vor allem als Kraftfutter in der Massentierhaltung. Doch als Eiweißlieferant ist Soja dem besonders stärkehaltigen Mais weit überlegen. Der Grund: Auf dem Weltmarkt ist Soja so billig, dass es zu 40 Prozent niedrigeren Kosten denselben Energiegehalt liefert wie Getreide. Außerdem eignet sich proteinreiches Futter am besten zur Erzeugung von magerem Fleisch. Und das ist besonders begehrt. 

Deshalb ist der Eiweißbedarf im Lauf der vergangenen Jahrzehnte massiv gestiegen: Lag der Getreideanteil im Kraftfutter vor 50 Jahren noch bei 80 Prozent, ist er inzwischen unter 30 Prozent gesunken. Rinder, Schweine und Hühner werden nun vor allem mit importiertem Sojaschrot gefüttert.

Gleichzeitig werden in Europa aber kaum noch Eiweißpflanzen angebaut. Einheimische Hülsenfrüchte wie Erbsen, Ackerbohnen oder Lupinen sind teurer und als Tierfutter nicht so gut geeignet wie Soja. Die Sojabohne hingegen wird in Europa einzig in Italien und Rumänien in größeren Mengen geerntet. Die EU deckt ihren Bedarf an Eiweißpflanzen zu 80 Prozent aus Importen. Diese »Eiweißlücke« der Europäer stellt ein massives globales Problem dar.

In den USA, dem größten Erzeuger und Exporteur, wächst genveränderte Soja in riesigen Monokulturen, die mit Millionen Hektolitern Herbiziden wie Roundup unkrautfrei gehalten werden. In Brasilien hat der Sojaboom zum Abholzen von mehr als einer Million Hektar Regenwald geführt . Und in Europa fehlen heute die Hülsenfrüchte (Leguminosen). Früher waren die Leguminosen sehr wichtig, weil sie Stickstoff aus der Luft aufnehmen und im Boden lagern. Das erspart Mineraldünger – und verbessert nebenbei die Klimabilanz. So könnten Leguminosen den Ausstoß an Treibhausgasen um fast zwei Drittel senken. Bloß werden sie heute kaum noch berücksichtigt, wenn es um die Abwechslung verschiedener Pflanzen auf einem Feld geht, der sogenannten Fruchtfolge.

Weil Leguminosen in Europa nur noch auf drei Prozent der Agrarflächen angebaut werden, in Deutschland sogar nur noch auf einem Prozent, müssen jährlich 40 Millionen Tonnen Soja als Viehfutter importiert werden. Das beansprucht rund 20 Millionen Hektar in Übersee, ein Zehntel der gesamten Agrarfläche der EU! »Unsere Tierproduktion basiert auf Fernfütterung«, kritisiert der grüne Europaabgeordnete Martin Häusling , »das ist ein unhaltbarer Zustand.« Unter seiner Ägide hat Anfang des Jahres ein Bericht des Landwirtschaftsausschusses für das EU-Parlament aufgezeigt, wie das europäische Proteindefizit verringert werden könnte. Die Hauptforderung lautet, Marktbedingungen zu schaffen, die eine »lokale Erzeugung von Eiweißpflanzen gegenüber eingeführten Erzeugnissen begünstigen«.