StilkolumneDer Hang der Männer zur Formlosigkeit

Tillmann Prüfer über 150 Jahre Smoking

Damen-Smoking von Stella McCartney, 1395 Euro

Damen-Smoking von Stella McCartney, 1395 Euro

Der Smoking ist ein Kleidungsstück, das man für den Mann mit höchster Förmlichkeit assoziiert. Wenn der Dresscode »Black Tie« vorschreibt, wird das Revers schmal, und Satinstreifen glänzen an der Hosennaht. So feierlich ist der Smoking, dass man als Mann darin außerhalb eines Smoking-Anlasses seltsam verkleidet wirkt. Ein Smoking funktioniert nicht bei Tageslicht, er trägt sich am besten in geschlossenen Räumen, zu etwas überladenen Abendkleidern und getragener Musik im Hintergrund. Wie ein Kostüm hat er nur eine Berechtigung, wenn die Kulisse stimmt – so förmlich ist er. Da fällt es schwer, zu glauben, dass er vor 150 Jahren einmal entwickelt wurde, um dem Mann einen Ausweg aus allzu steifer Förmlichkeit zu ebnen.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

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Damals bot der Smoking eine dandyhafte Alternative zum Frack – geschneidert nach dem Vorbild einer kurzen Samtjacke, die man im Rauchersalon überzog, damit man nachher nicht zu verqualmt roch. Rasch setzte sich dann dieser »kleine Abendanzug« als Garderobe für weniger förmliche Anlässe durch. Den »großen Abendanzug«, den Frack, gibt es heute nur noch in Königshäusern. Es ist bezeichnend, dass die Herrenmode offenbar stetig in Richtung Schlumpfigkeit zielt. Ginge es nach den Männern, wäre auch schon der Smoking eingemottet. Man muss sich nur auf einem der zahlreichen Bälle zum Jahresende umsehen, um sich davon zu überzeugen. Längst setzen sich dort die einfachen Anzüge durch, und oft sind sie nicht einmal schwarz. Einzig in Wien wird man noch vom Saaldiener des Balls verwiesen, wenn man sich nicht an den Dresscode hält.

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Dass der Smoking in der Mode lebendig geblieben ist, ist vor allem den Frauen zu verdanken. Die entdeckten das Kleidungsstück in den dreißiger Jahren für sich und machten es zum Symbol der selbstbewussten Frau, die es wagt, Männerkleidung zu tragen. 1966 entwarf Yves Saint Laurent den ersten Damen-Smoking, und auch heute wird auf den Laufstegen weiter Smoking für die Frau getragen, etwa bei Dolce & Gabbana oder, in Weiß, bei Stella McCartney und Jason Wu. Givenchy hat einen Smoking mit glänzendem Revers für die Frau im Programm, Ralph Lauren ebenso. Der Smoking gehört heute praktisch der Frau, sie kann ihn immer und überall tragen, ohne je verkleidet zu wirken.

 
Leserkommentare
  1. Mir scheint der Wunsch nach bequemer Kleidung einfach nur klug. Sich lächerlich unbequemen Moden zu unterwerfen - Dresscodes zu erfüllen - gehört klar auf den Index.

    4 Leserempfehlungen
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    Die Attitüde, die Sie, bluemilla, hier so selbstbewusst vertreten, mag ihre Berechtigung haben - würden alle Männer, oder gar Menschen, ihr folgen, dann dürften wir den Sinn fürs Schöne allerdings schon bald zu Grabe tragen.

    Kultur ist aufs nun einmal aufs scheinbar Überflüssige angewiesen, und diese Einstellung muss der Mensch zu allererst aufs eigene Fleisch beziehen. Ein Schlabberpulli mag ebenso warm halten wie ein gut geschnittener Dreiteiler, und ein bügelfreies Hemd einfacher anzulegen sein als eben Smoking oder Frack; der ästhetische Wert einer gestärkten Piqué-Hemdbrust, einer leicht asymmetrisch gebundenen schwarzen (bzw. weißen) Schleife oder einer stramm gebügelten Umschlagmanschette (traditionell übrigens zu Smoking & Frack inkorrekt) geht allerdings durch so viel Bequemlichkeit verloren.

    Dieses Beispiel soll nicht glauben machen, ich hielte dogmatisch an der traditionellen Abendgarderobe fest - so schick ich einen Smoking auch finde, bis in alle Zeit überdauern muss er keineswegs; alles hat bekanntlich seine Zeit.
    Allein: eine vergleichbar schicke Alternative ist mir noch nie untergekommen. Sollten Smoking und Frack also je abgelöst werden, wie Herr Prüfer im Artikel spekuliert, dann bitteschön von einem ebenso raffinierten Kleidungsstück und weder vom langweiligen Businessanzug (siehe Teenager-Abtanzball), noch von jener stilistischen Indifferenz, die bluemilla für besonders fortschrittlich zu halten scheint.

    Die Attitüde, die Sie, bluemilla, hier so selbstbewusst vertreten, mag ihre Berechtigung haben - würden alle Männer, oder gar Menschen, ihr folgen, dann dürften wir den Sinn fürs Schöne allerdings schon bald zu Grabe tragen.

    Kultur ist aufs nun einmal aufs scheinbar Überflüssige angewiesen, und diese Einstellung muss der Mensch zu allererst aufs eigene Fleisch beziehen. Ein Schlabberpulli mag ebenso warm halten wie ein gut geschnittener Dreiteiler, und ein bügelfreies Hemd einfacher anzulegen sein als eben Smoking oder Frack; der ästhetische Wert einer gestärkten Piqué-Hemdbrust, einer leicht asymmetrisch gebundenen schwarzen (bzw. weißen) Schleife oder einer stramm gebügelten Umschlagmanschette (traditionell übrigens zu Smoking & Frack inkorrekt) geht allerdings durch so viel Bequemlichkeit verloren.

    Dieses Beispiel soll nicht glauben machen, ich hielte dogmatisch an der traditionellen Abendgarderobe fest - so schick ich einen Smoking auch finde, bis in alle Zeit überdauern muss er keineswegs; alles hat bekanntlich seine Zeit.
    Allein: eine vergleichbar schicke Alternative ist mir noch nie untergekommen. Sollten Smoking und Frack also je abgelöst werden, wie Herr Prüfer im Artikel spekuliert, dann bitteschön von einem ebenso raffinierten Kleidungsstück und weder vom langweiligen Businessanzug (siehe Teenager-Abtanzball), noch von jener stilistischen Indifferenz, die bluemilla für besonders fortschrittlich zu halten scheint.

  2. Dass der Smoking in der Mode lebendig geblieben ist, ist vor allem den Frauen zu verdanken. Die entdeckten das Kleidungsstück in den dreißiger Jahren für sich und machten es zum Symbol der selbstbewussten Frau, die es wagt, Männerkleidung zu tragen.

    Ich habe das nie verstanden, weshalb viele Frauen allen Ernstes glauben, Selbstbewusstsein dadurch zu signalisieren, dass sie sich wie Männer kleiden. Ein vorgeschriebener Dresscode bedeutet doch streng genommen nichts anderes als Individualität aufzugeben und sich in eine Ordnung einzufügen. Es entsteht ein zweifelhaftes Bild, wenn der Sklave sich zwar aus seiner Unterdrückung befreit, aber anschließend als Gebieter präsentiert. Das ist fehlgerichtete Emanzipation.

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    Ich habe das nie verstanden, weshalb viele Frauen allen Ernstes glauben, Selbstbewusstsein dadurch zu signalisieren, dass sie sich wie Männer kleiden.

    Es ist eine schlichte Projektion von menschlichen Charakteristika auf unbelebte Kleidungsstücke um sich diese durch anziehen aneignen zu können.

    Gleiches gibt es auch bei Männern, die sich passive "Sexyness" im autoerotischen Sinne dadurch zu Eigen machen (mehr oder weniger erfolgreich) in dem sie damit assoziierte Bekleidung für Frauen anziehen.

    Eigentlich nicht weiter der Rede wert, wäre da nicht die Asymetrie in der Verhaltensbewertung seitens der Gesellschaft.

    Ich habe das nie verstanden, weshalb viele Frauen allen Ernstes glauben, Selbstbewusstsein dadurch zu signalisieren, dass sie sich wie Männer kleiden.

    Es ist eine schlichte Projektion von menschlichen Charakteristika auf unbelebte Kleidungsstücke um sich diese durch anziehen aneignen zu können.

    Gleiches gibt es auch bei Männern, die sich passive "Sexyness" im autoerotischen Sinne dadurch zu Eigen machen (mehr oder weniger erfolgreich) in dem sie damit assoziierte Bekleidung für Frauen anziehen.

    Eigentlich nicht weiter der Rede wert, wäre da nicht die Asymetrie in der Verhaltensbewertung seitens der Gesellschaft.

  3. Aber wehe du kommst als Mann im Rock zum Bewerbungsgespräch ;-)

    2 Leserempfehlungen
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    • HugoMZ
    • 04.01.2012 um 0:23 Uhr

    Ich gönne es den Frauen durchaus, auch Smoking und Boxershorts (mit Eingriff!) zu tragen.
    Ich bezeichne sie deswegen auch nicht als gestört, pervers, "keine richtigen Frauen", Fetischist(inn)en, o.ä.

    Gleiche Betrachtungsweise würde ich mir aber für die Männer ebenso wünschen.

    • HugoMZ
    • 04.01.2012 um 0:23 Uhr

    Ich gönne es den Frauen durchaus, auch Smoking und Boxershorts (mit Eingriff!) zu tragen.
    Ich bezeichne sie deswegen auch nicht als gestört, pervers, "keine richtigen Frauen", Fetischist(inn)en, o.ä.

    Gleiche Betrachtungsweise würde ich mir aber für die Männer ebenso wünschen.

    • Fackel
    • 19.12.2011 um 15:28 Uhr
    4. Retro

    Ist der moderne Hosenanzug für die Frau nicht auch schon ein Schritt in diese Richtung? Aber wurde der nicht schon in den 20zigern von "Frau" getragen?

    Ach so nebenbei, die Aussage, dass "Mann" keinen Smoking mehr trägt ist Unsinn, genauso wie die Aussage "Frack" "nur noch bei Königshäusern". Ausser man betrachtet den Bundespresseball als das Non plus Ultra des gesellschaftlichen Lebens.

    Eine Leserempfehlung
  4. in anderen ländern (z.b. grossbritannien) ist der smoking noch immer ein gerne und oft getragenes kleidungsstück und auch in deutschland gibt es vereinigungen wie die freimaurer, bei denen er immernoch zur standardgarderobe gehört.
    dass sich der autor ihn nur abend vorstellen kann liegt vielleicht auch daran, dass man ihn - wie den frack, der ja als tagespendant den cut hat - in der regel nur abends trägt....

  5. Ich habe das nie verstanden, weshalb viele Frauen allen Ernstes glauben, Selbstbewusstsein dadurch zu signalisieren, dass sie sich wie Männer kleiden.

    Es ist eine schlichte Projektion von menschlichen Charakteristika auf unbelebte Kleidungsstücke um sich diese durch anziehen aneignen zu können.

    Gleiches gibt es auch bei Männern, die sich passive "Sexyness" im autoerotischen Sinne dadurch zu Eigen machen (mehr oder weniger erfolgreich) in dem sie damit assoziierte Bekleidung für Frauen anziehen.

    Eigentlich nicht weiter der Rede wert, wäre da nicht die Asymetrie in der Verhaltensbewertung seitens der Gesellschaft.

  6. Dass der Smoking heute v.a. von der Frau getragen würde, habe ich bisher noch wirklich nicht erlebt. Auf sämtlichen Bällen, auf denen ich bisher war, wurde der Smoking fast ausschließlich von Herren getragen. Der Frack ist außerdem beileibe nicht nur in Königshäusern anzutreffen, sondern ist immer noch Bestandteil zahlreicher stilvoller Abendanlässe, meist zusätzlich zum Smoking. Ein Ball wäre für mich zudem kein Ball mehr und ziemlich langweilig, wenn die Damen plötzlich alle auch im Smoking kämen und nicht mehr den Abend mit ihren farbigen und individuellen Abendkleidern verschönern würden!!
    Bisher habe ich im Übrigen den Smoking tatsächlich immer als lässigere Alternative zum Frack verstanden, weshalb er wohl auch bevorzugt von den jüngeren Herren getragen wird, falls sowohl Frack als auch Smoking im Dresscode der Einladung erwähnt sind.

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    • HugoMZ
    • 04.01.2012 um 0:27 Uhr

    > Ein Ball wäre für mich zudem kein Ball mehr und ziemlich
    > langweilig, wenn die Damen plötzlich alle auch im Smoking
    > kämen und nicht mehr den Abend mit ihren farbigen und
    > individuellen Abendkleidern verschönern würden!!

    Warum dürfen Frauen sich bunt präsentieren?
    Warum soll der Mann sich an ein Schwarz-Weiß-Schema halten?

    Wäre ein Smoking (am Mann) in royalblauem Samt nicht ebenso eine Bereicherung?

    • HugoMZ
    • 04.01.2012 um 0:27 Uhr

    > Ein Ball wäre für mich zudem kein Ball mehr und ziemlich
    > langweilig, wenn die Damen plötzlich alle auch im Smoking
    > kämen und nicht mehr den Abend mit ihren farbigen und
    > individuellen Abendkleidern verschönern würden!!

    Warum dürfen Frauen sich bunt präsentieren?
    Warum soll der Mann sich an ein Schwarz-Weiß-Schema halten?

    Wäre ein Smoking (am Mann) in royalblauem Samt nicht ebenso eine Bereicherung?

  7. Ausserhalb von Photos ist mir noch keine Frau im Smoking begegnet, dafür aber recht viele Männer im Frack. Wenn die ZEIT schon bei so simplen Dingen plattweg bei der Darstellung der Gegebenheiten versagt, was ist dann von ihrer Berichterstattung bei komplexen Gegebenheiten zu halten? Egal, wir werdens nicht ändern..

    2 Leserempfehlungen

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