Die Tat des Anders Breivik und die des Berliner U-Bahn-Schlägers Torben P. haben eines gemeinsam: Sie erinnern uns daran, wie wichtig die Vergeltung als Strafzweck für uns ist. Wer über Breiviks Morde liest, wer die Bilder der Berliner Überwachungskamera sieht, will eine Bestrafung der Täter, der will Vergeltung. Sie sollen für ihre Taten »bezahlen« – das ist die Bedeutung des germanischen Wortes geldan, von dem »vergelten« abstammt. Menschen haben den Wunsch nach Vergeltung, und für diesen Wunsch ist es nicht erforderlich, dass jemand zugleich hofft, die Bestrafung werde die Täter und die Allgemeinheit von künftigen Taten abschrecken.

Immanuel Kant hat das philosophisch gerechtfertigt und auf die Spitze getrieben: Selbst wenn ein Inselvolk beschlösse, auseinanderzugehen und sich in alle Winde zu zerstreuen, müsse zuvor noch der letzte verurteilte Mörder hingerichtet werden, damit jedem das widerfahre, »was seine Taten wert sind«. Nur dann sei der Gerechtigkeit Genüge getan, und wenn sie untergehe, habe es keinen Wert mehr, »dass Menschen leben auf Erden«.

Hingerichtet wird in Deutschland zum Glück niemand mehr, und das Grundgesetz schließt eine Wiedereinführung der Todesstrafe aus. Aber das Inselbeispiel lässt sich abwandeln: Diebe statt Mörder, Geldstrafe statt Hinrichtung. Was ist nun von Kants Vergeltungsimperativ zu halten? Nichts, sagen die Strafrechtsprofessoren. Sie wollen ihren Studenten mit dem Beispiel von Immanuel Kant zeigen, dass Vergeltung als Strafzweck – ganz wörtlich verstanden – unsinnig sei, weil sie keinen Nutzen für die Zukunft einer Gesellschaft bringe.

Wer das falsch findet, mag sich damit trösten, dass Professoren in ihren Hörsälen nicht viel Unheil stiften können und die Gerichte sehr wohl auch die Vergeltung als Strafzweck betrachten. Doch ist es unbefriedigend, wenn sich Theorie und Praxis so deutlich widersprechen – zumal jeder Richter zunächst an einer Universität studiert haben muss. Zweitens fehlt der Praxis gerade für den Strafzweck der Vergeltung die Theorie, es mangelt also an empirischen Erkenntnissen darüber, welche Taten den Bürgern wie viel Strafe »wert sind«; das Gesetz lässt dafür weite Spielräume, und sie werden von den Gerichten erschreckend unterschiedlich genutzt. Beim Totschlag etwa liegt das Strafmaß zwischen fünf Jahren und lebenslanger Freiheitsstrafe. Wo und vor welchem Richter verhandelt wird, hat auf das Strafmaß oft größeren Einfluss als die Tat.

Eine Basis dafür, Theorie und Praxis zu versöhnen, bieten neuere verhaltenspsychologische Studien. Der amerikanische Psychologe Kevin Carlsmith hat mit Hunderten Probanden eine Reihe von Versuchen gemacht, um zu ermitteln, nach welchen Kriterien Menschen eine Strafe bemessen. Ergebnis: Abstrakt gefragt, gaben alle an, unterschiedliche Strafzwecke parallel für richtig zu halten; neben der Vergeltung vor allem die Abschreckung anderer und die Verwahrung des Täters. Wurden Probanden dagegen gebeten, für bestimmte Taten konkrete Strafen festzusetzen, hatten sie allein das Ausmaß des Unrechts, also die moralische Verfehlung im Blick – und die ist maßgeblich für eine gerechte Vergeltung. Zum Beispiel milderten sie die Strafe bei uneigennützigem Handeln und verschärften sie, wenn das Opfer besonders hilflos war. Alle anderen Faktoren jedoch, die Carlsmith in seine Fälle eingebaut hatte, schlugen nicht auf die Ergebnisse durch; etwa die Aufmerksamkeit der Medien, die für den Strafzweck der Abschreckung eine Rolle gespielt hätte.

Ist aber für den Einzelnen die Vergeltung zentral, so gilt dies auch für die Gesellschaft. Sie muss diesem Bedürfnis Rechnung tragen, wenn sie Bestand haben will und nicht in anarchischer Selbstjustiz versinken soll. Und das ist ein positives, zukunftsorientiertes Ziel, auch wenn es viele der Vergeltung absprechen. Vergeltung ist nicht gleichbedeutend mit Rache, im Gegenteil. Sie verhindert Rache, die schnell maßlos werden kann. Sie befriedet die Gemeinschaft.