Ärzte in Syrien Der Arzt der Revolution

Heimlich behandelte Ibrahim Othman in Syrien Regimegegner, die bei Demonstrationen verletzt wurden. Sein Engagement bezahlte er mit dem Leben.

Damaskus. Sein Gesicht ist greisenhaft weiß. Er hat seit Wochen nicht richtig geschlafen. Ibrahim Othman, 27, Orthopäde in Damaskus, kann sich kaum auf den Beinen halten in dieser Nacht, die kein Ende hat. Schlafen? Er lächelt schwach. »Wie stellst du dir das vor? Ich kann nicht abschalten«, sagt er. »Es hängt ja alles von mir ab.«

Es ist der August dieses Jahres. Syrien ist in Aufruhr. Jeden Abend wird in der Hauptstadt demonstriert. An ständig wechselnden Orten sammeln sich Hunderte, manchmal Tausende Regimegegner für wenige Minuten. Jeden Abend machen bewaffnete Sicherheitskräfte Jagd auf sie. »Exekutiert Assad!«, rufen die Menschen auf den Straßen. Es ist der Wendepunkt. Die bis dahin friedliche Revolution wird zu einem Bürgerkrieg. Ich treffe Ibrahim in dieser Zeit mehrere Male. Er ist der Gründer eines Netzwerkes von geheimen Lazaretten zur Versorgung verletzter Demonstranten. In den staatlich kontrollierten Krankenhäusern ist kein Opfer der Sicherheitskräfte mehr sicher.

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»So viele meiner Kollegen sind zu Verbrechern geworden«, sagt Ibrahim, der in Damaskus im Al-Assad-Universitätskrankenhaus arbeitet. Er berichtet von einem Patienten, der mit einer Schusswunde im Bein eingeliefert und dem dann in der Klinik die Hüfte zerschmettert wurde. »Jemand ist auf sein Becken gesprungen!« Er kennt Ärzte, die ohne Betäubung Beinbrüche behandelten, Geheimdienstler, die Patienten in den Krankenzimmern schlugen. Davon weiß nicht nur Ibrahim. Davon berichten Menschen seit Ausbruch der Unruhen aus dem ganzen Land.

Er fährt mit mir durch die Nacht, weicht den Straßensperren über Abkürzungen und Seitenwege aus. Über die Viertel verstreut hat er geheime Apotheken eingerichtet, in denen Medikamente zur Wundversorgung lagern. »Ich habe mit zwölf Kollegen angefangen«, sagt er. »Heute gehören in Damaskus 60 Ärzte zu uns.«

Ibrahim ist längst Legende im syrischen Untergrund, den »Doktor« nennen sie ihn nur. Er hat sich den Decknamen Khaled al-Hakim zugelegt. Heimlich beziehen die Mediziner in der Nähe der geplanten Proteste Quartier, die »Doktoor al-Thaura«, die Ärzte der Revolution. Sie verstecken sich in Wohnungen, Autos, Fabriken. Sie operieren auf Küchentischen, Sofas und auch mal auf einer Plastikplane über dem Betonboden. »Hinterher müssen wir alle Spuren beseitigen.« In diesem System riskieren alle ihr Leben, die Ärzte, die Eigentümer der Wohnungen, selbst die, die Blutkonserven lagern. Ihnen allen wirft das Regime vor, »Terroristen« zu unterstützen. Und wer Terroristen unterstützt, gilt ebenfalls als Terrorist.

Ibrahim will vor Tagesanbruch Antibiotika in eines der Verstecke bringen. Es ist die Nacht vor den großen Freitagsdemonstrationen, er erwartet Dutzende Verletzte, eventuell Tote. Viel Zeit bleibt nicht, vor Beginn der Proteste riegelt die Regierung die Unruheviertel weitläufig ab. Er hat Medikamente und Kanülen im Kofferraum. Noch geht er tagsüber zur Arbeit ins staatliche Krankenhaus, aber er wird bald kündigen. Die Lage dort, sagt er, werde immer gefährlicher. Eine Krankenschwester habe neulich beobachtet, wie ein Kardiologe in seinem Büro etwas auf Facebook geladen habe. »Viele der Schwestern bei uns sind Alawiten und haben Ehemänner bei den Sicherheitskräften.« Angehörige dieser religiösen Minderheit dominieren in Syrien Militär und Geheimdienste. Die Schwester habe es ihrem Mann verraten, der alle Ärzte der Herzchirurgie verhaften ließ. »Sie haben die Kollegen einfach in ein Behandlungszimmer gesperrt und verprügelt«, sagt Ibrahim. Sie hätten ihnen die Rippen gebrochen, sie mit Stromstößen an den Genitalien gefoltert. »Unser Krankenhaus konnte deswegen einen Tag lang keine Herzpatienten behandeln.« Seither gebe es in der Klinik kein Internet mehr.

Die Untergrundapotheke liegt in einem Wohnviertel, in dem Angehörige des Sicherheitsapparates leben. Beste Hanglage mit Blick auf die glitzernde Stadt. »Der Dieb schläft auf dem Dach der Polizeistation«, sagt Ibrahim und grinst. Für Augenblicke blitzt durch, was Ibrahim vor der Revolution war: einer, der gern herumalberte, Musik mochte und eine Heavy-Metal-Band gründen wollte. Im Internet kursiert ein Video, das ihn singend in der Berliner U-Bahn zeigt – vor ihm eine Mütze voller Münzen. Eine kurze Schauspieleinlage. In Deutschland hatte er einige Monate lang studiert.

Leser-Kommentare
  1. IO ist das Beispiel für einen der vielen mutigen Ärzte, die den Freiheitskampf gegen die Diktatur unterstützen, indem sie sich eindeutig auf die Seite der Unterdrückten stellten.

    Auch in Deutschland sollten sich die Ärzte sich zu den Massakern des Assad-Regimes und dem Terror gegen ihre Kollegen dort eindeutig äussern.

  2. "Er berichtet von einem Patienten, der mit einer Schusswunde im Bein eingeliefert und dem dann in der Klinik die Hüfte zerschmettert wurde. »Jemand ist auf sein Becken gesprungen!« Er kennt Ärzte, die ohne Betäubung Beinbrüche behandelten, Geheimdienstler, die Patienten in den Krankenzimmern schlugen."

    Den Rest habe ich nicht und brauche ich auch nicht zu lesen. Wer Menschen so misshandeln lässt, kann selber kein Mensch sein.

    • Anmar
    • 18.12.2011 um 11:10 Uhr

    Danke für den Artikel.

  3. wo ist jemand wie Bernard-Henri Lévy, der eine europäische Einmischung anführt?

  4. Es wird Zeit, dass Assad verhaftet wird und vor ein Kriegsgericht gestellt wird.

  5. Man kann schreiben, was man will. Eine politische Isolierung Syriens führt nicht dazu, dass das System Assad aufgibt, im Gegenteil, werden sie sich eingeschlossen fühlen und wie in Libyen bis zum letzten Mann morden.
    Unsere Politiker schauen immer noch weg, die Italiener und Russen machen dort noch dicke Geschäfte, Geschäfte auf den Rücken der Unterdrückten.
    Wir lieben unsere "Freunde"

    Eine friedliche Lösung wird es nicht mehr geben. Eine gewaltsame muss nicht bedeuten, dass ein Frontenkrieg entsteht, diese hat durchaus Chancen.
    Letztens noch gelesen, dass ein CDU Bundestagsabgeordneter in Damaskus war und meinte, dort "lieben" alle Assad.
    Was soll man da vom Bundestag erwarten?

    Vie Wochen vor dem ausbrechenden Krieg in Libyen, wollten europäische Politiker Gadafhi mit einem "Menschenrechtspreis" auszeichnen.
    In was für eine absurden Welt wir doch leben.

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    Seh ich nicht so, unsere Politiker haben sich mehrfach für eine UN Resolution stark gemacht. Gescheitert ist das an der Blockade der Musterdemokraten Russland und China...

    Mir dreht sich der Magen um, wenn ich diesen Artikel lese. Wir schmücken hier den Weihnachtsbaum und ein paar Tausend Kilometer weiter werden unzählige Menschen verkrüppelt und ermordet.

    Aber: Sobald der Westen eingreifen würde (vor allem ohne UN Mandat!), würden sich auch hier im Forum wieder alle das Maul zerreißen, Stichwort Imperialismus. Wo sind die Linksforisten jetzt, was sind ihre Lösungsvorschläge? Die Mär von den bewaffneten Banden, die all die Zivilisten auf dem Gewissen haben, ist eine Verhöhnung der Opfer, und das nimmt ihnen niemand mehr ab.

    Seh ich nicht so, unsere Politiker haben sich mehrfach für eine UN Resolution stark gemacht. Gescheitert ist das an der Blockade der Musterdemokraten Russland und China...

    Mir dreht sich der Magen um, wenn ich diesen Artikel lese. Wir schmücken hier den Weihnachtsbaum und ein paar Tausend Kilometer weiter werden unzählige Menschen verkrüppelt und ermordet.

    Aber: Sobald der Westen eingreifen würde (vor allem ohne UN Mandat!), würden sich auch hier im Forum wieder alle das Maul zerreißen, Stichwort Imperialismus. Wo sind die Linksforisten jetzt, was sind ihre Lösungsvorschläge? Die Mär von den bewaffneten Banden, die all die Zivilisten auf dem Gewissen haben, ist eine Verhöhnung der Opfer, und das nimmt ihnen niemand mehr ab.

  6. Erstaunlich, dass noch kein Tyrannenliebhaber die Vorgehensweise gegen ´´Terroristen´´ verteidigt .
    Ein erschreckender Artikel, der wieder einmal es mir bewusst macht, was für ein blödes Wort Betroffenheit ist, denn ich bin zwar nicht betroffen, doch vom Schicksal der mutigen Gegner des Regimes habe ich höchsten Respekt und schäme mich so ein wenig, dass ich da nicht viel helfen kann ausser meinen Unmut kund zu tun.

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    Nun sie meinen also, dass "Tyrannenliebhaber" gleichzusetzten ist mit Pazifisten und Kritische Menschen, die vlt. nicht alles sofort glauben wollen, was ihnen vorgesetzt wird?

    Ihre undifferenziertheit, führt zu einer sehr subjektiven Ansicht, die leider sehr gefühlsbetont ist. Dadurch fehlt ihnen die Ansicht, für das große Ganze.

    Warum dieser Artikel nicht kritisiert wird? Er hat in meinen Augen keine Aussagekraft für die Gesamtsituation. Wenn Ärzte wegen ihrer Ideologie falsch arbeiten und Patienten misshandeln ist das in der Tat schlimm, nur damit wieder systematische Misshandlungen (wie z.B. die Viagra-Geschichten in Lybien) vorzuwerfen (was der Artikel nicht tu, dafür aber viele Foristen) ist reine Vermutung.

    Der Artikel beschreibt tatsächlich einen großen Missstand und ich habe selber großen Respekt davor, was der Mann tut. Aber diesem Respekt zeige ich ihm, indem ich die Revolution hinterfrage und mich nicht einem Schwarz-Weiß denken aussetzte.

    Post Scriptum: In Deutschland sind nicht zulässige Ärzte bzw. Krankenstationen ebenfalls verboten und diese "Notlazarette" würden ebenfalls gestürmt werden.

    LG
    A.G.

    Da freue ich mich ja , einem kritischen Foristen zu begegnen, der ´´das Grosse Ganze ´´ sieht und das Leid der Menschen ausblenden kann.
    Solche Menschen hinterfragen aus der Entfernung den Widerstand gegen einen Tyrannen. Da Journalisten nun nicht nach Syrien gelassen werden um dort unvoreingenommen zu berichten spricht dies leider nicht für Ihre Fernsicht.
    Wieso Pazifisten nun Tyrannenliebhaber sind , erschliest sich mir nicht, das können sie aber besser beurteilen.
    Wenn diese jedoch andere für sich demonstrieren / schiessen lassen, dann sind sie nicht gerade moralisch sehr hochstehend sondern äusserst egoistisch.

    Nun sie meinen also, dass "Tyrannenliebhaber" gleichzusetzten ist mit Pazifisten und Kritische Menschen, die vlt. nicht alles sofort glauben wollen, was ihnen vorgesetzt wird?

    Ihre undifferenziertheit, führt zu einer sehr subjektiven Ansicht, die leider sehr gefühlsbetont ist. Dadurch fehlt ihnen die Ansicht, für das große Ganze.

    Warum dieser Artikel nicht kritisiert wird? Er hat in meinen Augen keine Aussagekraft für die Gesamtsituation. Wenn Ärzte wegen ihrer Ideologie falsch arbeiten und Patienten misshandeln ist das in der Tat schlimm, nur damit wieder systematische Misshandlungen (wie z.B. die Viagra-Geschichten in Lybien) vorzuwerfen (was der Artikel nicht tu, dafür aber viele Foristen) ist reine Vermutung.

    Der Artikel beschreibt tatsächlich einen großen Missstand und ich habe selber großen Respekt davor, was der Mann tut. Aber diesem Respekt zeige ich ihm, indem ich die Revolution hinterfrage und mich nicht einem Schwarz-Weiß denken aussetzte.

    Post Scriptum: In Deutschland sind nicht zulässige Ärzte bzw. Krankenstationen ebenfalls verboten und diese "Notlazarette" würden ebenfalls gestürmt werden.

    LG
    A.G.

    Da freue ich mich ja , einem kritischen Foristen zu begegnen, der ´´das Grosse Ganze ´´ sieht und das Leid der Menschen ausblenden kann.
    Solche Menschen hinterfragen aus der Entfernung den Widerstand gegen einen Tyrannen. Da Journalisten nun nicht nach Syrien gelassen werden um dort unvoreingenommen zu berichten spricht dies leider nicht für Ihre Fernsicht.
    Wieso Pazifisten nun Tyrannenliebhaber sind , erschliest sich mir nicht, das können sie aber besser beurteilen.
    Wenn diese jedoch andere für sich demonstrieren / schiessen lassen, dann sind sie nicht gerade moralisch sehr hochstehend sondern äusserst egoistisch.

  7. Seh ich nicht so, unsere Politiker haben sich mehrfach für eine UN Resolution stark gemacht. Gescheitert ist das an der Blockade der Musterdemokraten Russland und China...

    Mir dreht sich der Magen um, wenn ich diesen Artikel lese. Wir schmücken hier den Weihnachtsbaum und ein paar Tausend Kilometer weiter werden unzählige Menschen verkrüppelt und ermordet.

    Aber: Sobald der Westen eingreifen würde (vor allem ohne UN Mandat!), würden sich auch hier im Forum wieder alle das Maul zerreißen, Stichwort Imperialismus. Wo sind die Linksforisten jetzt, was sind ihre Lösungsvorschläge? Die Mär von den bewaffneten Banden, die all die Zivilisten auf dem Gewissen haben, ist eine Verhöhnung der Opfer, und das nimmt ihnen niemand mehr ab.

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