»Fragen wir doch das Publikum«, sagt Günther Jauch zum schwitzenden Quizkandidaten, der zwischen der 8.000- und der 16.000-Euro-Frage in eine Klemme geraten ist auf seinem Weg zum Millionär. Allein kommt der Kandidat nicht mehr weiter, aber er hat ja noch den Publikumsjoker, den setzt er jetzt ein: Die versammelte Intelligenz und die Bildung seiner Zuschauer werden ihn retten.

Was im RTL-Quiz funktioniert, muss im Theater doch auch gelingen. Joachim Lux, der Intendant des Hamburger Thalia Theaters , und Carl Hegemann, sein neuer Dramaturg, bedienen sich zur Gestaltung ihres Spielplans einer Instanz, welche man, wenn schon nicht Schwarmintelligenz, so doch Schwarmgeschmack nennen kann. Vier Aufführungen der Spielzeit 2012/13 werden per Online-Votum vom Publikum bestimmt . Aufgeführt werden dann die drei Stücke, die von den meisten Zuschauern genannt werden, sowie das Stück, das den Theaterchefs als das originellste erscheint. Solche Publikumsbefragungen haben einen doppelten Gewinn für den Veranstalter: Erstens zeigt er sich als Basisdemokrat, zweitens kommt er in den Besitz nützlicher Daten; die Liste, die er am Ende in Händen hält, verkörpert die Essenz des Publikumsgeschmacks. Damit kann er die Quote optimieren und den Mainstream noch besser »bedienen«.

Die Konkurrenten vom Hamburger Kampnagel-Theater streuen das Gerücht, die Thalia-Aktion habe noch andere Nutznießer: Unbekannte Dramatiker stimmten, unterstützt von ihrem Bekanntenkreis, in eigener Sache ab, um endlich die eigenen Stücke auf einer wichtigen Bühne zu sehen. Tatsächlich finden sich äußerst merkwürdige Dramen auf den Spitzenplätzen der Thalia-Liste, darunter Peers Heimkehr vom Autorenkollektiv Emig/Hopf/Schmidt oder Die Erbsenfrau von Jens Nielsen.

Doch zurück zum Publikumsjoker: Er wird immer dann eingesetzt, wenn der Kandidat in eine Notlage geraten ist. Ob das wohl auch für die wackeren Thalia-Leute gilt? Ist ihre Aktion ein Versuch, sich als Avantgarde zu behaupten auf dem rauen Hamburger Theatermarkt? Oder ist sie vielmehr die schlaue Parodie autonomer Künstler auf all die Publikumsbefragungen, auf die ausufernde Käuferverhaltensforschung, welche unsere Zeit beherrscht?

Aus der Schweiz flattert eine Meldung herein, die zu jener aus Hamburg ganz gut passt. Dort haben mehrere Theater eine Internetplattform gegründet, auf der sie ihre eigenen Premieren von freien Kritikern rezensieren lassen, und diese Kritiker werden honoriert von den Theatern selbst.

Die Bühnen agieren im Geiste einer großen Tradition; sie handeln, als wären sie Fürstenhöfe. Sie halten sich ein Publikum als dramaturgischen Beirat (Hamburg), und sie halten sich Kritiker als Hofnarren (Schweiz). All das im Dienste der Zuschauer, versteht sich.

Zu diesen neuesten Entwicklungen passt ein alter Text. In einem Aufsatz von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno namens Kulturindustrie heißt es: »Die Unverschämtheit der rhetorischen Frage, ›Was wollen die Leute haben!‹ besteht darin, daß sie auf dieselben Leute als denkende Subjekte sich beruft, die der Subjektivität zu entwöhnen ihre spezifische Aufgabe darstellt.«