Thyssen-KruppMal krachen lassen

Milliardenverluste, Managerdemontage, Firmenverkäufe: Thyssen-Krupp begeht seinen 200. Geburtstag auf ganz eigene Weise. von 

Krupp ist gerade 200 Jahre alt geworden , aber wenn der Konzern, der seit der Fusion 1999 Thyssen-Krupp heißt, so weiterwirtschaftet wie in den zurückliegenden Jahren, hat er keine große Zukunft mehr. Unter dem vergangenen Geschäftsjahr, das bei Deutschlands größtem Stahlkonzern im September endet, stand ein Verlust von 1,8 Milliarden Euro. Das desaströse Ergebnis hält den Vorstand und den Aufsichtsrat aber nicht davon ab, den Aktionären eine Dividende ausschütten zu wollen, die mangels Gewinn aus der Substanz bezahlt werden muss. Das Ganze wird im Januar auf einer Hauptversammlung beschlossen werden. Bei diesem Termin wird dann ausgerechnet der Mann fehlen, den man bei gleicher Gelegenheit ein Jahr zuvor mit Standing Ovations als Vorstandschef verabschiedet und sogleich mit einem Sondervotum des Großaktionärs in den Aufsichtsrat gehievt hatte, obwohl der Gesetzgeber genau das ungern sieht.

Man muss schon sagen: Der Essener Stahl- und Technologiekonzern begeht sein großes Jubiläum auf eine höchst eigenwillige Art.

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Seit vergangener Woche ist Exchef Ekkehard Schulz , 70, Geschichte, während die Konzerngeschicke noch immer maßgeblich von Berthold Beitz, 98, bestimmt werden. Die lebende Legende lässt sich dabei nach wie vor von Gerhard Cromme, 68, in der Funktion des Aufsichtsratsvorsitzenden assistieren, der seinerseits darauf hoffen darf, Beitz eines Tages als Festspielleiter auf dem Essener Hügel nachzufolgen.

Der unglückselige Schulz, ein aus Westpreußen stammender Hüttenkundler mit Kleiderschrankstatur und einer großen Jagdleidenschaft, legt derweil sein Aufsichtsratsmandat zum Jahresende nieder und scheidet als Kurator bei der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung aus, der wiederum 25,3 Prozent der Aktien des Unternehmens gehören. Sein früherer Jagdkamerad Beitz hat ihm diesen Schritt nahegelegt.

Schulz’ Rückzug ist anständig, und er hat noch andere Verdienste aus seiner 13-jährigen Vorstandszeit. Doch der hochdekorierte Industrieveteran (»Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E. h. Dr. h. c.«) hat den Beweis dafür erbracht, dass man auch in der Realwirtschaft Milliardensummen verzocken kann. Es braucht dazu eine gute Idee (Eisenerz dort zu Stahl verarbeiten, wo es zu finden ist) und die Fähigkeit, in der Ausführung fast alles falsch zu machen, was man falsch machen kann. Sein Waterloo erlebte Schulz in der Sepetiba-Bucht, nicht weit von Rio de Janeiro. Dort wurde von 2005 an ein gigantisches Stahlwerk gebaut, das sich, noch bevor die Hochöfen im vergangenen Jahr angeblasen wurden, als groß dimensionierter Geldgully erwies.

Die Hauptschwierigkeiten bei dem Bau waren der sumpfige Boden und die Inkompetenz eines chinesischen Zulieferers. Und so passierte es, dass die Hütte, die mal mit 1,3 Milliarden Euro kalkuliert worden war, samt Kokerei am Ende mit mehr als fünf Milliarden Euro zu Buche schlug – deutlich mehr, als etwa Stuttgart 21 kosten soll. Dazu kommen noch Hunderte von Millionen betrieblicher Verluste, weil die brasilianische Anlage noch immer nicht so läuft, wie sie soll.

Das Debakel in der Bucht von Sepetiba wurde jetzt in handfeste Zahlen gegossen, weil Cromme mit dem früheren Siemens-Manager Heinrich Hiesinger einen Outsider in die nagelneue und mit 300 Millionen Euro Baukosten auch nicht gerade billige Konzernzentrale geholt hatte. Hiesinger hat nun – wie es in der deutschen Industrie guter Brauch ist – die Altlasten seines Amtsvorgängers radikal neu bewerten lassen.

Leserkommentare
  1. Auch Thyssen-Krupp kocht schon lange nicht mehr nur Stahl, sondern baut [...] sogar Industrieanlagen, weshalb es im Nachhinein besonders schwer zu verstehen ist, warum man die Kokerei in Brasilien von der chinesischen Citic bauen ließ und nicht von der eigenen Anlagentochter Uhde.

    Der vermutlich gewichtigste Grund werden die Kosten gewesen sein. Beim vertrauenswürdigen Uhde arbeiten hochqualifizierte Kräfte mit enormer Praxiserfahrung, während bei Citic ... ja keine Ahnung, es ist billiger. Passt schon!

    Ich könnte jetzt schön über Manager, deren Gehälter und Absichten in Bezug auf das Wohl von Arbeitnehmern und dem Unternehmen jammern, aber das würde zur gleichen Diskussion überleiten, wie sie vor ungefähr 2½ Jahren in den Medien geführt wurde. Damals wurden Kritiker meines Schlages als Neider bezeichnet. Wird wohl so sein. Ich bin neidisch darauf, kein milliardenschweres Unternehmen in Richtung Abgrund steuern zu dürfen und dabei am Ende mit persönlichem Gewinn herausgehen zu können, und verzichte damit auf weitere Diskussion.

    Eine Leserempfehlung
  2. ...über all diese grandiosen Nachrichten. Zb. dass das Parlament sich eine Diätenerhöhung von 600€/Monat gönnt. Oder der Chef des Krankenkassenverbandes um +35% auf 400.000€

    Selbst Lottozahlenvorleserinnen verdienen wieder vernünftig: Zwar immer noch nur 450.000€/Jahr, was gerade so auch zum von was Leben reicht - aber dafür muss man die Zahlen nicht mehr vorlesen, weil das zu anstrengend ist...

    Und überhaupt... Produktion - da macht man sich nur die Finger schmutzig. Lasst uns einfach so clever sein, nur noch Finanzprodukte, Steueresetze und Moralapostel zu exportieren - so werden wir alle reich!

    Auch müssen wir die armen Pensionäre unterstützen - von 2400€ im Durchschnitt kann doch kein Ex-Beamter leben. Wenn sogar schon MINT-Absolventen 2200€ Brutto bekommen und ausländische Fachkräfte die freche Grenze von 33.000€ fordern...

    [das war jetzt Sarakasmus. Und ich möchte daramit suggerieren, dass Wohlstand nicht durch Panflötenspieler bei DSDS entsteht]

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