TrauerredeEin Schutzengelgeschwader

Totenrede für die Schriftstellerin Christa Wolf, gehalten am 13. Dezember 2011 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin von Volker Braun

Sie starb ruhig, ohne Schmerzen. Ihre große Familie war um sie versammelt. Kein Kampf, sie willigte wohl in den Abschied. Sie hatte noch einmal die Augen weit geöffnet, sie schien in die Ferne zu sehn. Die Züge im Tod entspannt, ein Lächeln umlief sie. Das Gesicht glatt; sie sah schön aus.

Es war ein trüber Tag. Das Bild, das sie in der Minute ihres Todes sehen wollte: der Himmel über der mecklenburgischen Landschaft, blau grundiert, Kumuluswolken, Wolkenstreifen darüber. Der Kirschbaum mitten auf der Wiese, der trotz der Kälte blüht. Das sanfte, heitere Licht. Ihr Leben wäre erlöst.

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Ich kannte sie in jungen Jahren: hochgewachsen, und am Ende in ihrer Erdenschwere.

Jetzt, da ihr Leib in die Erde kommt, und alles fällt von ihm ab, was ihn anstrengte – denn er trug ihr Schreiben mit, reflektierte es, und sei es, daß die Gelenke blockierten –, jetzt denke ich daran, daß sie in einer großen Not über den Ozean anrief: Mein Körper entfernt sich von mir. So wie sich die Zeit entfernt! Es war die Angst, sich selbst zu verlieren. – Sie war aber diese Eine, Ganze, die mit allen Fasern lebte und nach sich selber fragte. Sie hatte die Kraft.

Wer sie ist, das wollte sie immer wissen. Das Kaufmannskind von der Warthe, die seßhafte Autorin an der Spree. Sie mußte danach fragen in der Zeit des Kriegs, der Flucht, in Aufbauepochen und Abrißjahren. Die Hoffnungsvolle, Zweifelnde. »Nimm alles nicht so schwer«, sagte die Mutter zu ihr, und so hat auch Anna Seghers zu ihr gesprochen. Doch als einmal in einem Trinkspruch allen wenigstens noch ein Leben gewünscht wurde, dasselbe Leben noch einmal, sah sie die Seghers erschrecken, die Jüdin, die Kommunistin, die Exilantin. – Christa Wolf konnte sagen: Ich wollte kein andres Leben als das.

Sie war oft krank, oft erschöpft von Streit, aber sie hatte den Halt an den Ihren. Ihr gütiger, kluger Mann. Die Kinder, der Alltag, der 27. September. Was für ein liebevolles, tätiges, reiches Leben, und sie gab davon ab, wenn einer Mut brauchte oder einen Mantel. Wie frei, unbefangen, herzlich war unser Gespräch, und von dem Ernst, mit dem man Lieder singt. Dat du min Lewsten bist / dat du woll weeß. Es wurde in ihrer Nähe alles weit. Sie ließ sich nicht einschränken in das gebremste Leben. Die Nachmittage mitunter / In Meteln, Pinien- / Duft! Atmende / Fern von Troja: // Auf auf zum Kampf / Ihr Waffenlosen.

Man warf ihr das Hierbleiben vor: die doch so weit fortging, bis in die Mythenwelt, in uralte Geschichte, an die Wurzeln des Unglücks, auf den Grund. Das war ihr fraulicher Mut. Sie ging bis an die Grenze, an der man sich selbst als Fremder entgegenkommt. Sie wagte diesen Gang. Nimm dein Verhängniß an. Laß alles unbereut. In welchem Spannungsfeld stand sie. In dem gespaltenen Land, der zerrissenen Menschheit, zwischen Tat und Enttäuschung. Der selbstgewisse Westen war nicht die Alternative. Sie sah nicht hier noch dort den Staat, der lernt und Gemeinsinn übt, den Einspruch gegen das Ganze.

Sie blieb nach dem Umbruch voll Neugier, die Spottlust ungestillt, und das Nachdenken über alles. Ein Fassungbewahren in der Großen Verwerfung. Ernüchterung: blieb ihr Zauberwort. Sie hat der deutschen Literatur wie wenige Würde und Weltbewußtsein gegeben.

An ihr, der Kenntlichen, rieben sich die Debatten. In ihr Fleisch schnitten die Schmähungen ein. Irrtum, Verstrickung: wir hätten uns, West und Ost, etwas vorzurechnen? Ogott! nie waren wir so, wie heute, verstrickt, verirrt, in demokratische Kriege, die Jahrmarktwirtschaft, sinnentleerte Vernunft. – Wie vornehm haben wir uns betragen gegen die Siegergewißheit.

Den 80. feierte sie heiter in drei Pankower Stuben, es wurde wieder gesungen, getafelt, die Enkel haben das Fest bereitet. Es war etwas aufgegangen. Das hatte diese Gesellschaft doch vermocht, das Hinnehmen, Dulden, Einrichten ins Unannehmbare aufzukündigen. Es ist ein Kapitel, dem andere folgen, aber zu dem man zurückblättern wird.

»Je älter man wird, desto mehr braucht man Freunde wie Euch«... nun fehlt sie so je so mehr. Das Urteil der andern, der Nachwelt haben wir nicht in der Hand, ließ sie die Günderode sagen. »Aber alles, was wir aussprechen, muß wahr sein, weil wir es empfinden.« Das war weit entfernt von Brechts List, die Wahrheit zu sagen; der V-Effekt: daß sie nun nah beieinanderliegen.

Auch Anna Seghers kam hier an, mit militärischem Ehrenbegräbnis. Draußen vor dem Eisentor, auf der Chausseestraße, mußte die Menge warten, mir schoß das Wasser in die Augen. – Christa kannte beizeiten Gedränge. Wohl nie hat so viel Liebe eine Tote zum Grab geleitet.

Vielleicht haben wir alle gehofft, daß sie nie sterben wird. – »Nun ja! Das nächste Leben geht aber Heute an.« Nun nein, sie kann nicht mehr. In ihr letztes Buch ist wohl ihre Lebenskraft geflossen. Sie geht leibhaftig fort. Ausgelebt, ausgekämpft das alles. Ich höre sie lachen. Sie steht nun drüber, und liegt eben drunten. Der Alltag der Toten beginnt. Er wird bei ihr ausgefüllt sein.

Die Gestalten, die sie heraufrief, Kassandra, Medea, umstehn sie wie Schwestern, ein Schutzengelgeschwader. Sie haben alle ihre Gestalt. Sie geht nun selbst in den Mythos ein.

Wenn wir hier um sie trauern, so mit Dankbarkeit, in schmerzlicher Freude, in unserer Freiheit.

Was sah sie zuletzt, welches Licht? Winter wird es.

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Leserkommentare
    • helgam
    • 14. Dezember 2011 14:46 Uhr

    Christa Wolf war die beste ihres Faches.
    Jedes Ihrer Bücher ist authentisch,ist lesenswert, macht nachdenklich.
    Die Werke waren sogar noch sehr gut verständlich, bei denen der DDR-Zensor Zeilen gestrichen hatte.
    Und wer STADT DER ENGEL liest, begreift Amerika ohne hin zu müssen.
    In Dankbarkeit werde ich manches Buch noch einmal von ihr lesen.

    4 Leserempfehlungen
    • colca
    • 14. Dezember 2011 16:14 Uhr
    2. Danke

    Mein Dank an die ZEIT-Redaktion für diese Veröffentlichung.
    Eine großartige Trauerrede für die vermutlich bedeutendste deutsche Dichterin der letzten Jahrzehnte.

    2 Leserempfehlungen
    • reimuse
    • 14. Dezember 2011 22:47 Uhr

    Es gehört schon Mut dazu, etwas oder einen Menschen der fest mit der DDR verwurzelt war, so zu würdigen. Ihre Kollegen in anderen Blättern, konnten es sich nicht verkneifen, in einem Nachruf, Dinge eines Lebens aus dem Zusammenhang zu reissen und Unwahrheiten zu verbreiten. Christa Wolf war ein Stück DDR. Und ich bin stolz darauf sie gekannt zu haben.

    2 Leserempfehlungen
    • Kometa
    • 17. Dezember 2011 12:46 Uhr

    Volke Braun: ein "Schutzengelgeschwader".
    Ich stimme ihm in der für Christa Wolf transzendente Eben des weiteren Wirkens gerne zu, als Leser, als Lehrer, der Chrrista Wolf den Schülern andern Lesewillige anbot; aber ein"-gschwader"? Ob Braun sich verschrieb, ob er dem militärischen "-geschwader" vertraute?
    Engel in den Füpften, die nicht kindisch-infantil ausgelobt werden wollen - gab er nur dieses Kompositum mit dem Grundwort "-geschwader"?
    Ich weiß, in der Bibel gibt es "Heerscharen"; die auch das militärisch-feldzugsmäßig Kriegerische aus den Köfpen der Propheten und Evangelisatoren - in nomine DEI- in die Köpfe und Körper der Nachbeter implantieren sollten.

    Wortwahl?
    Selbst "-geschwirr" wäre einfühlsamer...

    Ja, Engel - ohne dass man ihre Vollzugsweise mit Konnotationen so grundelendig inhuman mitbestimmen muss - ja, die gibt es!

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  • Schlagworte Christa Wolf | Anna Seghers | Alltag | Duft | Troja | Berlin
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