Zehn Zentimeter Schnee, und Zehntausende von Reisenden sitzen fest . In überfüllten Wartesälen, in Flughafenhallen, in provisorisch aufgeschlagenen Zelten, in eiligst requirierten Kongresszentren. Flugbahnen müssen geräumt, Hochgeschwindigkeitszüge enteist, Hightech-Lokomotiven ausgewechselt werden. Stunden, manchmal Tage verstreichen. Ein paar Wetterkapriolen, und das Reisen wird zum Exerzitium des Wartens.

Der Philosoph und Theologe Ivan Illich hat vor 40 Jahren vorgerechnet, dass die durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit im Pkw bei rund zehn Stundenkilometern liege, wenn man die im Stau verlorenen Stunden, die Wartezeiten in Werkstätten und Waschanlagen und die für alle Kosten verausgabte Arbeitszeit zusammenrechne. Ob das nun genau stimmt oder nicht: Ohne Zweifel hängt an jeder gefahrenen und geflogenen Reisestunde ein undurchschaubar großer Zeitaufwand der Vorbereitung, des Stockens und Wartens. Dafür sind keineswegs nur die Wechselfälle des Wetters verantwortlich. Staus auf Autobahnen und städtischen Ausfallstraßen gehören zum Alltag der Autofahrer. Um einen einstündigen Inlandsflug ranken sich, wenn’s gut geht, drei Stunden für An- und Abfahrt zum Flughafen, Einchecken, Warten auf Terrorkontrolle, Zubringerbus, Gepäckausgabe. Die Verspätungen der Bundesbahn haben mittlerweile schon in Spanien für befriedigte Schlagzeilen gesorgt: Der Deutsche an sich ist auch nicht mehr so verlässlich, wie er einmal war. Und wenn gar ein Extremereignis eintritt wie der Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull im Frühjahr 2010, dann nähert sich die Reisegeschwindigkeit für Millionen von Passagieren, alle Wartezeiten eingerechnet, bedenklich dem Rhythmus des 1873 – lange vor der Erfindung des Flugzeugs – erschienenen Romans In achtzig Tagen um die Welt.

Ist das Reisen also an die Grenze der Beschleunigung gekommen? Sind wir in die Epoche eines rasenden Stillstands eingetreten, in der hochkomplexe Transportsysteme so störungsanfällig werden, dass sie ihre Funktion nur noch gelegentlich erfüllen? Ist der vorgebliche Zeitgewinn durch Autobahnen, Flugverkehr und ICEs letzten Endes illusionär?

Die zunehmende Beschleunigung und Vereinfachung des Reisens seit der Einführung der Eisenbahnen beruht vor allem auf einem Prinzip: der Eliminierung des Zwischenraums. In allen vorindustriellen Gesellschaften war Reisen mühsam, anstrengend, gefährlich und langwierig. Nicht zufällig hat travel sprachgeschichtlich die gleichen Wurzeln wie das französische Wort für Arbeit: travail. Der Ortswechsel war kein Vergnügen, denn die Strecke setzte den Reisenden Widerstände aller Art entgegen: schlecht befahrbare Straßen, steile Bergpässe, malariaverseuchte Sumpfgebiete, sturmgepeitschte Ebenen, betrügerische Wirte. Reisen erforderte Mut, vor allem aber Geduld. Zwischen dem Ausgangspunkt und dem Ziel lag der zu durchquerende Raum, ein Territorium mit unbekannten, überraschenden und bedenklichen Eigenschaften.

Das moderne Reisen kommt ohne diesen Zwischenraum aus. Genauer gesagt: Es räumt ihn leer. Wichtig sind nur noch Ausgangspunkt und Ziel . Alle Hindernisse und alle Unregelmäßigkeiten der Strecke werden beseitigt: Eisenbahnlinien und Autobahnen führen, wo immer möglich, schnurgerade durchs Land. Berge und Täler werden nicht auf kurvigen Wegen überwunden, sondern mithilfe von Viadukten und Tunneln nivelliert. Flüsse, Seen, Wälder, Wiesen, Gebirge gehen nicht mehr in die Erfahrung ein, sondern tauchen allenfalls als Bilder hinter der Fensterscheibe auf, reduziert auf ihre visuelle Erscheinung. Die Unbilden des Wetters bleiben draußen, solange Heizung und Klimaanlage funktionieren.

Der Flugverkehr treibt diese Entwicklung auf die Spitze. Im Auto und im Zug ist der durchfahrene Raum ja immer noch rudimentär spürbar. Steigungen verringern das Tempo, und das Bild der Landschaft bleibt den Reisenden vor Augen. Im Flugzeug scheint der Zwischenraum nahezu spurlos vernichtet. Nur im zeitlichen Aufwand macht er sich noch bemerkbar. Für heutige Reisende ist es gleichgültig, ob zwischen zwei Orten 500 oder 1.500 Kilometer liegen, ob sich am Wege Ebenen oder Berge, Viehweiden oder Obstplantagen, Wüsten oder Meere finden. Entscheidend ist nur die Dauer der Fahrt: Barcelona liegt zwei Flugstunden von München entfernt, nach New York sind es neun Stunden. Der Raum löst sich auf in Kategorien der Zeit.