Es gibt in der Politik die einfache, die reine und die lautere Wahrheit, das wusste schon Konrad Adenauer. Es gibt die ganze Wahrheit. Und es gibt die Antwort, die Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, am 18. Februar 2010 im Landtag auf eine Anfrage der Grünen gab: Nein, »in den letzten zehn Jahren« habe es »keine geschäftlichen Beziehungen« zwischen ihm und dem Unternehmer Egon Geerkens gegeben . Das war formal womöglich korrekt, aber es war trotzdem nur die halbe Wahrheit. Denn Wulff hatte, so hat es Anfang der Woche die Bild -Zeitung enthüllt, 2008 mit Geerkens Frau Edith einen Kreditvertrag über 500.000 Euro zum günstigen Zinssatz von vier Prozent abgeschlossen, um mit seiner neuen Frau Bettina ein Haus für 415.000 Euro in Großburgwedel zu kaufen.

Wie kommt es, dass ein Mann wie Christian Wulff, der immer eher zu korrekt wirkte, um interessant zu sein, dessen politische Methode es war, aus der Deckung zu arbeiten, sich plötzlich auf so glitschigem Gelände wiederfindet? Die Spurensuche weist bis zurück zu Wulffs Aufstieg, sie führt über ein deutsches Schickimicki-Provinz-Biotop namens Hannover bis hin zu Schein und Sein eines Lebens in der Spitzenpolitik.

Gerüchte hatte es schon seit Anfang 2009 gegeben: Wulff habe beim Hauskauf einen großzügigen Unterstützer gehabt. Mehrere Medien gingen der Sache nach, die meisten vermuteten hinter der halben Million den früheren Air-Berlin-Chef Joachim Hunold, vor allem aber den niedersächsischen Unternehmer Carsten Maschmeyer. Mit ihm und seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Veronica Ferres, sind die Wulffs befreundet. Der Spiegel erwirkte vor einigen Wochen auf dem Gerichtsweg Einsicht ins Grundbuch. Doch statt Maschmeyer fand sich dort nur eine Eigentümergrundschuld und ein Hinweis auf die baden-württembergische DW-Bank.

Edith Geerkens Kredit hatte Wulff im Februar 2010 in einen normalen Bankkredit umgewandelt, unmittelbar nachdem er im Landtag mit der Nachfrage nach ihrem Ehemann konfrontiert worden war. Der Kredit, heißt es heute im Präsidialamt, sei von vornherein nur als Zwischenlösung gedacht gewesen. Zum Vertragszeitpunkt, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, sei die Lösung sowohl für Wulff als auch für Edith Geerkens günstig gewesen. Die Unternehmergattin habe ihr Geld damals nicht zugleich sicher und lukrativ anlegen können und es lieber ihrem Freund Wulff zur Verfügung gestellt. Der wiederum habe die Zeit überbrücken können, bis es bei der Bank wieder günstigere Kreditzinsen gab. Als dies der Fall gewesen sei, habe man den Privatkredit in einen ganz normalen Bankkredit umgewandelt. »Völlig transparent und korrekt« sei das Ganze, ließ Wulff am Dienstag durch einen Sprecher erklären. Warum aber hatte Wulff dann auf eine Nachfrage des sterns erklärt, die BW-Bank »war und ist der Kreditgeber«? Es müsse auch einen Raum für Privates geben, argumentiert das Präsidialamt und zieht sich auf die juristische Position zurück: Gefragt worden sei im Parlament nach Egon Geerken. Das Geld stamme aber ausschließlich aus dem Privatvermögen seiner Frau, das Paar habe sogar Gütertrennung vereinbart.

Egon Geerkens, genannt »Bubi«, gelernter Elektriker, lebt in der Schweiz. Er hat mal mit Schrottautos, mal mit Immobilien gehandelt und war Besitzer eines Juweliergeschäfts in Osnabrück, Wulffs Heimatstadt. Wulff bezeichnet Geerkens als väterlichen Freund, der 68-Jährige war Trauzeuge bei seiner ersten Hochzeit. Dreimal nahm er den Unternehmer bei Reisen als Ministerpräsident mit.

Was Bild vermeintlich exklusiv enthülle, seien in Wahrheit Informationen, die das Präsidialamt selbst zur Verfügung gestellt habe, heißt es dort. Nachdem die Fragen nach dem Kreditgeber nicht nachließen, hatte Wulff tatsächlich Redakteuren der Boulevardzeitung wie auch des sterns umfangreiche Unterlagen zur Verfügung gestellt, darunter den Darlehensvertrag sowie Kontoauszüge. Der Name der Kreditgeberin wurde genannt, gegen das Versprechen, ihn nicht zu veröffentlichen. Offenbar war man im Präsidialamt so erfreut, endlich die These dementieren zu können, dass es sich nicht um den umstrittenen Maschmeyer handelte, dass man gar nicht mehr bemerkte, dass auch der Vertrag mit der Unternehmergattin Fragen aufwirft.