Den klapprigen grauen Wagen hat er ausgeliehen, den Fahrer gleich dazu. »Mein Gehalt reicht bloß zum Fahrradfahren«, sagt Xue Bing. Heute braucht er ein Auto, denn er will seinen Forschungsgegenstand zeigen, und der ist ziemlich groß: ein ganzes Industriegebiet in der Stadt Shenyang im Nordosten Chinas.

Der Wagen rollt auf die »Straße des Aufbaus«, links und rechts stehen graue Mietskasernen, dahinter wachsen neue Wohntürme, 20-stöckig, rosafarben, mit Giebeln und Türmchen, die europäisch aussehen sollen. »Hier war früher alles voller Fabriken, 20.000 Schornsteine«, erzählt Xue. Jetzt ist das komplette Industriegebiet umgezogen, an den Stadtrand. Der Geograf untersucht, wie die Umwelt von diesem Exodus – 300 Unternehmen siedelten in den vergangenen neun Jahren um – profitiert hat. Das ist Xues Thema: der rasante Wandel in China und wie man seinen Schwung nutzen kann, um das Land ein bisschen sauberer zu machen.

»Die meisten denken nur«, sagt Xue. »Ich denke und handle.« Chinesische Dampfplauderei? Ein Blick in den Lebenslauf des erst 29-Jährigen, der schon Assistenzprofessor an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften ist, zeigt: Da muss etwas dran sein. Er stammt aus einem Dorf in der Provinz Jiangsu, nördlich von Shanghai, seine Eltern sind Bauern. Mit acht Stipendien hat er sich sein Studium finanziert, seine Doktorarbeit und Aufenthalte im Ausland. Unter anderem an der Fachhochschule Trier, wo er am Institut für angewandtes Stoffstrommanagement geforscht hat. Und in dieser Woche erhält Xue in Berlin den Green Talents Award , mit dem die Bundesforschungsministerin herausragende junge Umweltforscher auszeichnet.

Studiert hat er in einer Drei-Millionen-Stadt im von Trockenheit geplagten Norden, in Lanzhou. Es ist eine der schmutzigsten Städte Chinas. »Shanghai oder Peking wären mir zu groß gewesen, da wäre ich nicht klargekommen«, sagt Xue. »Und in Lanzhou war das Studium billig«. Was er nicht sagt: Auf die Spitzen-Unis kommt man nur mit sehr vielen Punkten in der Schulabschlussprüfung, die man an einer Dorfschule kaum erreicht. Immerhin, Lanzhou ist bekannt für ein sehr gutes Geografiestudium. Für die Doktorarbeit ging Xue dann nach Shenyang, mitten hinein in das »Ruhrgebiet des Ostens«, wie die Chinesen es nennen (doch, wirklich, »Dongfang Luhr«!). Da schwingt Respekt mit für den industriellen Boom im Kohlenpott; aber der Vergleich stimmt, unbeabsichtigt, auch für dessen Kehrseite: Bis vor Kurzem zählte die Weltbank Shenyang zu den zehn Orten mit der weltweit dreckigsten Luft. Xue lacht in sich hinein. »Ich habe es wohl mit den schmutzigen Städten!«

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Shenyang ist das Zentrum der Region, die man einst Mandschurei nannte, »Land des Überflusses«. Ihre reichen Rohstoffvorkommen machten sie vor hundert Jahren zur Wiege der chinesischen Industrialisierung. Als China sich in den neunziger Jahren immer mehr der Marktwirtschaft öffnete, zeigte sich aber, wie ineffizient die riesigen Staatsbetriebe waren. Hier, im Industriegebiet Tiexi, wurde ein Drittel der Arbeiter entlassen. Die Regierung beschloss, die Unternehmen umzubauen – ganz wörtlich: Alte Fabriken wurden abgerissen und am Rand der Stadt neu errichtet. Bezahlt wurde das mit der Pacht aus den alten Industrieflächen im Zentrum, wo Büros und Wohnungen wuchsen, Einkaufspassagen und ein Finanzzentrum.

Museum, erster Versuch: So rasend schnell wird China umgebaut, dass kaum Zeit bleibt, Altes zu bewahren. In Tiexi ist es gelungen, das will Xue zeigen. Er dirigiert den Fahrer zum »Arbeiterdorf«. Dessen dreistöckige Backsteinbauten im Sowjetstil blieben stehen, als Industriedenkmal. Ein kleines Museum ist dem Alltag der Arbeiter gewidmet. Wir dürfen aber nur ganz kurz rein, sagt der Wachmann. Stromausfall.