Sie belügen den Kaiser voller Demut und Hingabe. Schicken ihm seine Beamten ihre Berichte, dann tun sie dies »respektvoll kniend«, aus dem Wort »ich« wird »Euer Sklave« – was aber noch lange nicht heißt, dass ihre Berichte den Tatsachen entsprechen. Wer hätte es auch gewagt, seine Anstellung, vielleicht gar seinen Kopf zu riskieren, um dem Kaiser die Wahrheit zu sagen?

Die Wahrheit wäre mitten im ersten chinesisch-britischen Opiumkrieg zwischen 1839 und 1842 gewesen, dass Zehntausende Chinesen gestorben sind und die Briten von Sieg zu Sieg eilen, ohne dass die Soldaten des Kaisers ihnen auch nur das Geringste entgegensetzen können. Die Kriegsdschunken, die Forts, das so gewaltige wie korrupte Heer – sie können kaum etwas ausrichten.

Doch Chinas Kaiser Daoguang weiß von all dem nichts. So wie er nicht weiß, was die Briten eigentlich genau begehren. Seine Beamten haben sich wiederholt geweigert, das Schreiben entgegenzunehmen, in dem die Engländer ihre Friedensbedingungen diktieren. Und am allerwenigsten ahnt der Kaiser, dass die Ankunft der Fremden den Anfang vom Ende einleitet, den letzten Akt in der Geschichte der Qing-Dynastie. Wenige Jahrzehnte später wird das Reich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Und mit ihm das mehr als zweitausendjährige chinesische Kaisertum.

Vergeblich klammert sich Daoguang an die Vorstellung, China bilde die unverrückbare Mitte der Welt. Je länger der Krieg gegen die Briten währt, desto größere Opfer fordern seine blinden Befehle. Großbritannien aber will das Land unbedingt für seine Opium-Importe öffnen. Die hat der Kaiser verboten, weil die Droge zu einer Plage geworden ist. Für England hingegen ist sie ein profitables Geschäft. Deshalb erzürnt die Regierung in London das Verbot, zumal die Engländer ihrerseits nach Tee und Seide verlangen. Verkauft man kein Opium, wird das Handelsdefizit zu groß. So führt Großbritannien einen Krieg, den selbst der Generalbevollmächtigte der britischen Krone in China für moralisch verwerflich hält.

Mit vollen Nachttöpfen kämpft General Yang gegen die Briten

1841 schließlich schickt Daoguang den hoch dekorierten General Yang Fang, »Marquis der energischen Tapferkeit«, in die südchinesische Stadt Kanton. Yang ist 71 Jahre alt und so gut wie taub, was den Kaiser nicht daran hindert, das Unmögliche von ihm zu erwarten. Britische Kanonenboote belagern die Stadt, und nur eins könnte China jetzt noch retten: eine funktionstüchtige Marine. Doch wer soll die so schnell aufbauen?

Gut, dass Yang einen genialen Plan hat. Er lässt die vollen Nachttöpfe der Frauen von Kanton einsammeln und schickt seine Soldaten mitsamt den stinkenden Schüsseln auf floßartigen Booten den Fluss hinunter in Richtung der Feinde. Dort angekommen, sollen die chinesischen Kämpfer die ausländischen Teufel niedermachen.

Welche militärische Schlagkraft Yang gefüllten Nachttöpfen zumaß, ist nicht überliefert. Offensichtlich glaubt er an magische Kräfte, verdächtigt er selbst doch die Briten, »von den Schwarzen Künsten Gebrauch zu machen«. Yangs Plan scheitert jäh. Denn seine Matrosen trauen der Wunderwaffe nicht. Kaum erblicken sie die britischen Fahnen, desertieren sie samt allen Anführern.

Yang bleibt nichts anderes übrig, als es wie seine Vorgänger zu machen: Er lügt dem Kaiser einen gloriosen Sieg vor. Begeistert informiert dieser sein Kabinett: »Ich bin sprachlos vor Glück!« Wie hätte der Kaiser auch begreifen sollen, dass die bärtigen Fremden so ganz anders sind als die »Barbaren«, mit denen es das Reich normalerweise zu tun hat?

»Tianxia« nennt sich das Kaiserreich selbst: »Alles unter dem Himmel«. China hält sich für die Macht, die allen anderen die Zivilisation brachte. Selbst Eroberer passten sich an – wie auch die Kaiser der Qing-Dynastie. Bereitwillig sogen sie, die Mandschus, die chinesische Kultur in sich auf, nachdem sie sich um die Mitte des 17. Jahrhunderts das Land untertan gemacht hatten. An den Rändern des Reichs leben die tributpflichtigen Völker, wobei das Wort »Tribut« zuweilen für eine kostspielige Befriedungspolitik steht. So besänftigen die Chinesen manch kampflustigen Nachbarn, indem sie ihm zum Sonderpreis Waren abkaufen, die sie eigentlich nicht brauchen.

Nun aber stößt eine militärisch und technisch überlegene Macht an Chinas Küsten vor, die dem Reich ein Spiel aufdrängt, dessen Regeln es nicht durchschaut. Ausgerechnet die Qing sind außerstande, die imperialen Gelüste der Fremden zu erkennen – haben sie doch selbst stets großen Appetit auf fremde Territorien verspürt.