100 Jahre Republik China Der Kaiser war nur Gips
1911 endete in China die Agonie des jahrtausendealten Kaisertums – am 1. Januar 1912 wurde das Land Republik.

Der ehemalige Kaiser Chinas, Daoguang
Sie belügen den Kaiser voller Demut und Hingabe. Schicken ihm seine Beamten ihre Berichte, dann tun sie dies »respektvoll kniend«, aus dem Wort »ich« wird »Euer Sklave« – was aber noch lange nicht heißt, dass ihre Berichte den Tatsachen entsprechen. Wer hätte es auch gewagt, seine Anstellung, vielleicht gar seinen Kopf zu riskieren, um dem Kaiser die Wahrheit zu sagen?
Die Wahrheit wäre mitten im ersten chinesisch-britischen Opiumkrieg zwischen 1839 und 1842 gewesen, dass Zehntausende Chinesen gestorben sind und die Briten von Sieg zu Sieg eilen, ohne dass die Soldaten des Kaisers ihnen auch nur das Geringste entgegensetzen können. Die Kriegsdschunken, die Forts, das so gewaltige wie korrupte Heer – sie können kaum etwas ausrichten.
Doch Chinas Kaiser Daoguang weiß von all dem nichts. So wie er nicht weiß, was die Briten eigentlich genau begehren. Seine Beamten haben sich wiederholt geweigert, das Schreiben entgegenzunehmen, in dem die Engländer ihre Friedensbedingungen diktieren. Und am allerwenigsten ahnt der Kaiser, dass die Ankunft der Fremden den Anfang vom Ende einleitet, den letzten Akt in der Geschichte der Qing-Dynastie. Wenige Jahrzehnte später wird das Reich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Und mit ihm das mehr als zweitausendjährige chinesische Kaisertum.
Vergeblich klammert sich Daoguang an die Vorstellung, China bilde die unverrückbare Mitte der Welt. Je länger der Krieg gegen die Briten währt, desto größere Opfer fordern seine blinden Befehle. Großbritannien aber will das Land unbedingt für seine Opium-Importe öffnen. Die hat der Kaiser verboten, weil die Droge zu einer Plage geworden ist. Für England hingegen ist sie ein profitables Geschäft. Deshalb erzürnt die Regierung in London das Verbot, zumal die Engländer ihrerseits nach Tee und Seide verlangen. Verkauft man kein Opium, wird das Handelsdefizit zu groß. So führt Großbritannien einen Krieg, den selbst der Generalbevollmächtigte der britischen Krone in China für moralisch verwerflich hält.
Mit vollen Nachttöpfen kämpft General Yang gegen die Briten
1841 schließlich schickt Daoguang den hoch dekorierten General Yang Fang, »Marquis der energischen Tapferkeit«, in die südchinesische Stadt Kanton. Yang ist 71 Jahre alt und so gut wie taub, was den Kaiser nicht daran hindert, das Unmögliche von ihm zu erwarten. Britische Kanonenboote belagern die Stadt, und nur eins könnte China jetzt noch retten: eine funktionstüchtige Marine. Doch wer soll die so schnell aufbauen?
Gut, dass Yang einen genialen Plan hat. Er lässt die vollen Nachttöpfe der Frauen von Kanton einsammeln und schickt seine Soldaten mitsamt den stinkenden Schüsseln auf floßartigen Booten den Fluss hinunter in Richtung der Feinde. Dort angekommen, sollen die chinesischen Kämpfer die ausländischen Teufel niedermachen.
Welche militärische Schlagkraft Yang gefüllten Nachttöpfen zumaß, ist nicht überliefert. Offensichtlich glaubt er an magische Kräfte, verdächtigt er selbst doch die Briten, »von den Schwarzen Künsten Gebrauch zu machen«. Yangs Plan scheitert jäh. Denn seine Matrosen trauen der Wunderwaffe nicht. Kaum erblicken sie die britischen Fahnen, desertieren sie samt allen Anführern.
Yang bleibt nichts anderes übrig, als es wie seine Vorgänger zu machen: Er lügt dem Kaiser einen gloriosen Sieg vor. Begeistert informiert dieser sein Kabinett: »Ich bin sprachlos vor Glück!« Wie hätte der Kaiser auch begreifen sollen, dass die bärtigen Fremden so ganz anders sind als die »Barbaren«, mit denen es das Reich normalerweise zu tun hat?
»Tianxia« nennt sich das Kaiserreich selbst: »Alles unter dem Himmel«. China hält sich für die Macht, die allen anderen die Zivilisation brachte. Selbst Eroberer passten sich an – wie auch die Kaiser der Qing-Dynastie. Bereitwillig sogen sie, die Mandschus, die chinesische Kultur in sich auf, nachdem sie sich um die Mitte des 17. Jahrhunderts das Land untertan gemacht hatten. An den Rändern des Reichs leben die tributpflichtigen Völker, wobei das Wort »Tribut« zuweilen für eine kostspielige Befriedungspolitik steht. So besänftigen die Chinesen manch kampflustigen Nachbarn, indem sie ihm zum Sonderpreis Waren abkaufen, die sie eigentlich nicht brauchen.
Nun aber stößt eine militärisch und technisch überlegene Macht an Chinas Küsten vor, die dem Reich ein Spiel aufdrängt, dessen Regeln es nicht durchschaut. Ausgerechnet die Qing sind außerstande, die imperialen Gelüste der Fremden zu erkennen – haben sie doch selbst stets großen Appetit auf fremde Territorien verspürt.
- Datum 18.12.2011 - 19:07 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.12.2011 Nr. 51
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Das chinesische Kaisertum war eine Republik, der Kaiser war ein Gefangener seines Hofzeremoniells.
Man muss sich das immer wieder vergegenwärtigen :
England zwang die Chinesen Opium zu importieren, mit Waffengewalt.
Der Import und Genuss in England war aber verboten.
Die Mehrheit im englischen Parlament stimmte für den Krieg.
Ich hoffe, dass hier noch Wiedergutmachungsansprüche gerichtlich geltend gemacht werden. Ein schlimmes Kapitel des englischen Imperialismus.
Letzlich hat England damit den Zusammenbruch des chinesischen Reiches zu verantworten.
Immerhin wurde damals noch niemand mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
@darthmax
Letzlich hat England den Zusammenbruch des mandschurischen Imperialismus vielleicht beschleunigt, den Untergang aber nicht ausgelöst.Der Untergang des Mandschurischen Reiches war bereits lange vor der Ankunft britischer Kriegsschiffe durch das Wesen des Qing-Reiches besiegelt worden , da eine Minderheit (wenige Millionen Mandschu)nicht dauerhaft über ein 400-Millionen-Volk der Han-Chinesen herrschen konnte, ohne Komptenzen an die han-Chinesen abzugeben, was wiederum deren Untergang bedeuten würde.Versucht haben die Mandschus, die haben eine endlose Palisadenmauer vor den Toren der mandschurei gebaut, um die Mandschurei frei von Han-Chinesen zu halten.Dies wiederum hat die dünn besiedelte Mandschurei den Russen zum Eindringen "freigegeben", sodass ein Großteil der Mandschurei, die Heimat der Mandschu, im späten 19.Jh praktisch von den Russen besezt wurde.
Bereits vor dem Opiumkrieg hat ein Großaufstand der Han-Chinesen in Sichuan/Hubei die Qing-Dynastie nachhaltig geschwächt und die Staatskassen ruiniert.
Den Todesstoß setzte der Taiping-Aufstand im 19.Jh.Die mandschurischen Banner-Truppen wurden von den Taiping zerschlagen.Da war klar, dass die Qing mit mandschurischen nicht mehr zu retten war.Eigentlich wäre die Qing damals untergegangen, hätten die Briten bzw andere Großmächte nicht den Qing gefolfen, die Taiping niederzuschlagen, und hätten die han-chinesischen Grundherren nicht gegen die Taiping gekämpft.
@darthmax
Letzlich hat England den Zusammenbruch des mandschurischen Imperialismus vielleicht beschleunigt, den Untergang aber nicht ausgelöst.Der Untergang des Mandschurischen Reiches war bereits lange vor der Ankunft britischer Kriegsschiffe durch das Wesen des Qing-Reiches besiegelt worden , da eine Minderheit (wenige Millionen Mandschu)nicht dauerhaft über ein 400-Millionen-Volk der Han-Chinesen herrschen konnte, ohne Komptenzen an die han-Chinesen abzugeben, was wiederum deren Untergang bedeuten würde.Versucht haben die Mandschus, die haben eine endlose Palisadenmauer vor den Toren der mandschurei gebaut, um die Mandschurei frei von Han-Chinesen zu halten.Dies wiederum hat die dünn besiedelte Mandschurei den Russen zum Eindringen "freigegeben", sodass ein Großteil der Mandschurei, die Heimat der Mandschu, im späten 19.Jh praktisch von den Russen besezt wurde.
Bereits vor dem Opiumkrieg hat ein Großaufstand der Han-Chinesen in Sichuan/Hubei die Qing-Dynastie nachhaltig geschwächt und die Staatskassen ruiniert.
Den Todesstoß setzte der Taiping-Aufstand im 19.Jh.Die mandschurischen Banner-Truppen wurden von den Taiping zerschlagen.Da war klar, dass die Qing mit mandschurischen nicht mehr zu retten war.Eigentlich wäre die Qing damals untergegangen, hätten die Briten bzw andere Großmächte nicht den Qing gefolfen, die Taiping niederzuschlagen, und hätten die han-chinesischen Grundherren nicht gegen die Taiping gekämpft.
"In dieses erschöpfte Land kehrt 1883 der 17-jährige Bauernsohn Sun Yat-sen zurück. Es ist der Auftakt eines neuen Stücks, eines, das so abrupt anfängt, wie es wieder enden wird: China als Republik."
China war und ist eine Republik, wie sie meint, eine "Volksrepublik".....
"Auch Sun Yat-sen muss fliehen und geht ins japanische Exil. Im Dezember 1915 lässt Yuan Shikai sich zum Kaiser krönen. Die Republik, kaum erwacht, ist bereits erloschen."
Nächstes mal lies ich erst den ganzen Artikel und danach kommentiere ich...
"Sie belügen den Kaiser voller Demut und Hingabe. Schicken ihm seine Beamten ihre Berichte, dann tun sie dies »respektvoll kniend«, aus dem Wort »ich« wird »Euer Sklave«"
Das ist eine typische Kultur der Qing-Dynastie.Die Mandschuren waren kurz vor der Machtübernahme Chinas im frühen 17.Jh noch eine Sklavengesellschaft, in der die unterworfenen Han-Chinesen der Manschurei zu Sklaven (Baoyi,包衣)gemacht wurden.In China selber wurde das Leibeigentum/Sklaventum bereits in der Song-Dynastie vor etwa tausend jahren gesetzlich verboten.Von kulturellen Standpunkten gesehen war die Machtübernahme der Mandschu in China ein zivilisatorischer Rückschritt.Allein die Gesetze der Qing-Dynastie, die die Han-Chinesischen Männer zu mandschurischen Zopftracht und Kledungen unter Androhung der Todeestrafe zwangen, konnten nur durch brutalste Gewalt durchgesetzt werden.
"Enweder ihr behaltet eure Haare, dann verliert ihr eure Köpfe.Oder ihr behaltet eure Köpfe und verliert eure Haare".Der Zopferlass 1645.
Darüberhinaus waren han-Chinesische Kledungen strengst verboten.Vom äußeren Erscheinungsbild des traditionellen Han-Chinesen ist durch die Qing-Dynastie fast nichts mehr übrig geblieben.In den Augen vieler Nachbarvölker Chinas, die die han-chinesische Huaxia-Zivilisation weitergepflegt haben, haben sich die Chinesen durch deren totale Unterwerfung und kultuelle Veränderung ab 1644 disqualifiziert, Erbe der Huaxia-Zivilisation zu sein.
"In den Augen vieler Nachbarvölker Chinas, die die han-chinesische Huaxia-Zivilisation weitergepflegt haben, haben sich die Chinesen durch deren totale Unterwerfung und kultuelle Veränderung ab 1644 disqualifiziert, Erbe der Huaxia-Zivilisation zu sein".
Interessante Sichtweise. Von welchen "Nachbarvölkern Chinas" sprechen Sie denn konkret?
Ich habe Bekannte in Chiang Mai, die einmal behaupteten, dass die Lanna-Kultur im Norden Thailands und selbst das Staatsverständnis der "Taksim-Dynastie" stark vom republikanischen Gesellschaftsverständnis der Huaxia-Zivilisation geprägt sei. Wenn das zutrifft, würde das natürlich auch die politischen Konfliktlinien in Thailand in einem anderen Licht erscheinen lassen.
Ich würde mich über eine "Erleuchtung" bezüglich dieser Frage freuen, Sie scheinen auf diesem Gebiet ja Experte zu sein.
"In den Augen vieler Nachbarvölker Chinas, die die han-chinesische Huaxia-Zivilisation weitergepflegt haben, haben sich die Chinesen durch deren totale Unterwerfung und kultuelle Veränderung ab 1644 disqualifiziert, Erbe der Huaxia-Zivilisation zu sein".
Interessante Sichtweise. Von welchen "Nachbarvölkern Chinas" sprechen Sie denn konkret?
Ich habe Bekannte in Chiang Mai, die einmal behaupteten, dass die Lanna-Kultur im Norden Thailands und selbst das Staatsverständnis der "Taksim-Dynastie" stark vom republikanischen Gesellschaftsverständnis der Huaxia-Zivilisation geprägt sei. Wenn das zutrifft, würde das natürlich auch die politischen Konfliktlinien in Thailand in einem anderen Licht erscheinen lassen.
Ich würde mich über eine "Erleuchtung" bezüglich dieser Frage freuen, Sie scheinen auf diesem Gebiet ja Experte zu sein.
"Wer hätte es auch gewagt, seine Anstellung, vielleicht gar seinen Kopf zu riskieren, um dem Kaiser die Wahrheit zu sagen?
"
In der Qing-Dynastie jedenfalls nicht von han-chinesischen Beamten.In der vorherigen han-chinesischen Ming-Dynastie jedoch waren die konfuzianischen Beamten so mächtig geworden, dass die Staatspolitik ohne die Zustimmung des von Konfuzianischen Beamten besetzten Kabinetts nicht zu machen war.Ein Erlass des Ming-Kaisers in der späteren Phase der Ming-Dynastie ohne die Zustimmung des Kabinnes konnte von den Beamten verweigert werden, ohne dass sie sich vor Konsequenzen fürchten mussten.Der Wanli-Kaiser der Ming-Dynastie konnte nicht mal seinen Wunsch des Thronnachfolgers gegen die Beamtenkaste durchsetzen und musste Jahrzehnlang aus Protest die kaiserlichen Audienzen boykottieren.Den Kaiser zu kritisieren, galt als Ehrensache.Ein Held wurde man, den Kaiser so weit zu provozieren, dass man vor dem Palast Stockschläge auf den Hintern bekam.So war die späte Ming-Dynastie.Eine Phase der intellektuellen Rebellion.
Die Qing-Dynastie indessen war in erster Line eine Fremdherrschaft, in der die wichtigsten Regierungsposten von Mandschu-Adligen besetzt wurden.Han-Chinesische Beamte wurden stets misstrauig beäugt, nach dem Motto der Mandschu-Adligen:"Wenn die Han stark sind, dann gehen die Mandschu unter!".
Unzählige sogenannte Schriftinquisitionen zur Verfolgung han-chinesischer Intellektueller haben die han-chinesische Bildungselite mundtot gemacht.Da ist man eben vorsichtig geworden.Den Kaiser zu kritisieren oder gar in Frage zu stellen?Schaut bloss auf die Schicksale unzähliger anderer han-chinesicsher Intellektuelle: Sippenhaft/hinrichtungen.Familie, Lehrer,Freunde, Bekannte, alle entweder durch die Ling-Chi-strafe öffentlich einen Tod durch tausendfaches Zerschneiden gestorben, oder in die Mandschurei in die Sklaverei mandschurischer Krieger getrieben.
@darthmax
Letzlich hat England den Zusammenbruch des mandschurischen Imperialismus vielleicht beschleunigt, den Untergang aber nicht ausgelöst.Der Untergang des Mandschurischen Reiches war bereits lange vor der Ankunft britischer Kriegsschiffe durch das Wesen des Qing-Reiches besiegelt worden , da eine Minderheit (wenige Millionen Mandschu)nicht dauerhaft über ein 400-Millionen-Volk der Han-Chinesen herrschen konnte, ohne Komptenzen an die han-Chinesen abzugeben, was wiederum deren Untergang bedeuten würde.Versucht haben die Mandschus, die haben eine endlose Palisadenmauer vor den Toren der mandschurei gebaut, um die Mandschurei frei von Han-Chinesen zu halten.Dies wiederum hat die dünn besiedelte Mandschurei den Russen zum Eindringen "freigegeben", sodass ein Großteil der Mandschurei, die Heimat der Mandschu, im späten 19.Jh praktisch von den Russen besezt wurde.
Bereits vor dem Opiumkrieg hat ein Großaufstand der Han-Chinesen in Sichuan/Hubei die Qing-Dynastie nachhaltig geschwächt und die Staatskassen ruiniert.
Den Todesstoß setzte der Taiping-Aufstand im 19.Jh.Die mandschurischen Banner-Truppen wurden von den Taiping zerschlagen.Da war klar, dass die Qing mit mandschurischen nicht mehr zu retten war.Eigentlich wäre die Qing damals untergegangen, hätten die Briten bzw andere Großmächte nicht den Qing gefolfen, die Taiping niederzuschlagen, und hätten die han-chinesischen Grundherren nicht gegen die Taiping gekämpft.
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