100 Jahre Republik China Der Kaiser war nur Gips
1911 endete in China die Agonie des jahrtausendealten Kaisertums – am 1. Januar 1912 wurde das Land Republik.
Sie belügen den Kaiser voller Demut und Hingabe. Schicken ihm seine Beamten ihre Berichte, dann tun sie dies »respektvoll kniend«, aus dem Wort »ich« wird »Euer Sklave« – was aber noch lange nicht heißt, dass ihre Berichte den Tatsachen entsprechen. Wer hätte es auch gewagt, seine Anstellung, vielleicht gar seinen Kopf zu riskieren, um dem Kaiser die Wahrheit zu sagen?
Die Wahrheit wäre mitten im ersten chinesisch-britischen Opiumkrieg zwischen 1839 und 1842 gewesen, dass Zehntausende Chinesen gestorben sind und die Briten von Sieg zu Sieg eilen, ohne dass die Soldaten des Kaisers ihnen auch nur das Geringste entgegensetzen können. Die Kriegsdschunken, die Forts, das so gewaltige wie korrupte Heer – sie können kaum etwas ausrichten.
Doch Chinas Kaiser Daoguang weiß von all dem nichts. So wie er nicht weiß, was die Briten eigentlich genau begehren. Seine Beamten haben sich wiederholt geweigert, das Schreiben entgegenzunehmen, in dem die Engländer ihre Friedensbedingungen diktieren. Und am allerwenigsten ahnt der Kaiser, dass die Ankunft der Fremden den Anfang vom Ende einleitet, den letzten Akt in der Geschichte der Qing-Dynastie. Wenige Jahrzehnte später wird das Reich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Und mit ihm das mehr als zweitausendjährige chinesische Kaisertum.
Vergeblich klammert sich Daoguang an die Vorstellung, China bilde die unverrückbare Mitte der Welt. Je länger der Krieg gegen die Briten währt, desto größere Opfer fordern seine blinden Befehle. Großbritannien aber will das Land unbedingt für seine Opium-Importe öffnen. Die hat der Kaiser verboten, weil die Droge zu einer Plage geworden ist. Für England hingegen ist sie ein profitables Geschäft. Deshalb erzürnt die Regierung in London das Verbot, zumal die Engländer ihrerseits nach Tee und Seide verlangen. Verkauft man kein Opium, wird das Handelsdefizit zu groß. So führt Großbritannien einen Krieg, den selbst der Generalbevollmächtigte der britischen Krone in China für moralisch verwerflich hält.
Mit vollen Nachttöpfen kämpft General Yang gegen die Briten
1841 schließlich schickt Daoguang den hoch dekorierten General Yang Fang, »Marquis der energischen Tapferkeit«, in die südchinesische Stadt Kanton. Yang ist 71 Jahre alt und so gut wie taub, was den Kaiser nicht daran hindert, das Unmögliche von ihm zu erwarten. Britische Kanonenboote belagern die Stadt, und nur eins könnte China jetzt noch retten: eine funktionstüchtige Marine. Doch wer soll die so schnell aufbauen?
Gut, dass Yang einen genialen Plan hat. Er lässt die vollen Nachttöpfe der Frauen von Kanton einsammeln und schickt seine Soldaten mitsamt den stinkenden Schüsseln auf floßartigen Booten den Fluss hinunter in Richtung der Feinde. Dort angekommen, sollen die chinesischen Kämpfer die ausländischen Teufel niedermachen.
Welche militärische Schlagkraft Yang gefüllten Nachttöpfen zumaß, ist nicht überliefert. Offensichtlich glaubt er an magische Kräfte, verdächtigt er selbst doch die Briten, »von den Schwarzen Künsten Gebrauch zu machen«. Yangs Plan scheitert jäh. Denn seine Matrosen trauen der Wunderwaffe nicht. Kaum erblicken sie die britischen Fahnen, desertieren sie samt allen Anführern.
Yang bleibt nichts anderes übrig, als es wie seine Vorgänger zu machen: Er lügt dem Kaiser einen gloriosen Sieg vor. Begeistert informiert dieser sein Kabinett: »Ich bin sprachlos vor Glück!« Wie hätte der Kaiser auch begreifen sollen, dass die bärtigen Fremden so ganz anders sind als die »Barbaren«, mit denen es das Reich normalerweise zu tun hat?
»Tianxia« nennt sich das Kaiserreich selbst: »Alles unter dem Himmel«. China hält sich für die Macht, die allen anderen die Zivilisation brachte. Selbst Eroberer passten sich an – wie auch die Kaiser der Qing-Dynastie. Bereitwillig sogen sie, die Mandschus, die chinesische Kultur in sich auf, nachdem sie sich um die Mitte des 17. Jahrhunderts das Land untertan gemacht hatten. An den Rändern des Reichs leben die tributpflichtigen Völker, wobei das Wort »Tribut« zuweilen für eine kostspielige Befriedungspolitik steht. So besänftigen die Chinesen manch kampflustigen Nachbarn, indem sie ihm zum Sonderpreis Waren abkaufen, die sie eigentlich nicht brauchen.
Nun aber stößt eine militärisch und technisch überlegene Macht an Chinas Küsten vor, die dem Reich ein Spiel aufdrängt, dessen Regeln es nicht durchschaut. Ausgerechnet die Qing sind außerstande, die imperialen Gelüste der Fremden zu erkennen – haben sie doch selbst stets großen Appetit auf fremde Territorien verspürt.
Ursprünglich kamen sie aus Chinas Norden und waren zunächst nur ein paar halbnomadische Stämme, die den Chinesen der Ming-Zeit (1368 bis 1644) schlichtweg als Wilde galten. Das änderte sich mit Nurhaci, dem ersten Qing-Kaiser. Im späten 16. Jahrhundert begann er so bescheiden, wie man als Gründer einer Dynastie nur beginnen kann: als Ginseng-Händler. Am Anfang seiner machtpolitischen Karriere verfügte er über gerade einmal 13 Rüstungen, um seine Gefolgsleute zu schützen. Doch in den folgenden Jahrzehnten stürzte er nicht nur das Haus der Ming. In kürzester Zeit eroberten er und sein Sohn Huang Taiji das gesamte chinesische Reich, später unterwarfen die Qing Tibet und die Mongolei.
Ein Reich dieser Größe ließ sich auf Dauer nicht mit Gewalt zusammenhalten. Das konnte nur durch einen kalkulierten Multikulturalismus gelingen. So gab es tibetische, mongolische, europäische Einflüsse; alles war den Qing recht, solange es ihrer Machterhaltung diente. Sie zeigten sich gleichzeitig als konfuzianische Weise, Nachfahren Dschingis Khans und Förderer des tibetischen Lamaismus. Auch versicherten sie sich der Dienste europäischer Missionare, wenn nötig mit Zwang: 1673 drohte der Qing-Kaiser Kangxi allen Jesuiten, sie des Landes zu verweisen, sollten sie ihm nicht dabei helfen, Kanonen zu bauen.
So offen sie für kulturelle Einflüsse waren, so sehr grenzten sich die Mandschus ethnisch ab. Mischehen durfte es nicht geben. Dabei waren die Mandschus selbst eine Minderheit. Die Han-Chinesen machten damals 95 Prozent der Bevölkerung aus. Alle männlichen Han hatten sich den Vorderkopf zu scheren und die Haare des Hinterkopfs zum Zopf zu flechten – als weithin sichtbares Zeichen ihrer Unterwerfung.
In ihrem gerade erschienenen Buch The Opium War vergleicht die britische Sinologin Julia Lovell das Regiment der Qing-Kaiser mit einer zirzensischen Leistung: ein Staat auf dem Hochseil, in der Balance gehalten allein »durch Ehrgeiz, Bluff, Pomp und Pragmatismus«. Mitte des 18. Jahrhunderts allerdings hatte das Seil bereits gefährlich zu schwanken begonnen. Die Bevölkerung wuchs unaufhörlich, das Land wurde von Hungersnöten heimgesucht, vielerorts kam es zu Aufständen. Noch funktionierte das System, wenngleich es zunehmend erstarrte. Veränderung und Fortschritt wurde kein großer Wert beigemessen, und eine freie intellektuelle oder bürgerliche Klasse, die darauf gepocht hätte, kannte es nicht. Nun aber, Mitte des 19. Jahrhunderts, wird es mit einem anderen System konfrontiert, einem System, das den Fortschritt und die Zukunft umarmt. China ist plötzlich ein Land unter vielen, ein rückständiges zudem.
Der Schock ist gewaltig. 1842 muss Kaiser Daoguang seine Niederlage eingestehen, Chinas Häfen öffnen und Hongkong an die Briten abtreten. Und die Europäer greifen, unter allerlei Vorwänden, 1856 erneut an. Es ist der Beginn des Zweiten Opiumkriegs. Wieder erweist sich China als machtlos: 1860 marschieren Franzosen und Briten in Peking ein; Daoguangs Sohn Xianfeng muss kapitulieren.
Das Kaiserreich gerät ins Wanken. Hungersnöte plagen die Chinesen, Banden treiben ihr Unwesen, Geheimgesellschaften unterminieren die Macht des Hofes. Zugleich zermürben unzählige Rebellionen das Reich – wie der von einer christlichen Sekte vorangetriebene Taiping-Aufstand, der zwischen 1851 und 1864 Millionen Menschenleben fordert und China verwüstet.
Die europäischen Mächte haben das Land als souveräne Macht längst abgeschrieben. China, höhnt eine britische Zeitung, sei »nichts weiter als eine fette Qualle«. Ein ausländischer Beobachter bemerkt eine allgemeine Stimmung des Trübsinns und der Schwermut. Und bei vielen Han-Chinesen wächst die Wut auf die Fremdherrscher, die Mandschus.
Die Revolution bricht los – und sucht einen Anführer
In dieses erschöpfte Land kehrt 1883 der 17-jährige Bauernsohn Sun Yat-sen zurück. Es ist der Auftakt eines neuen Stücks, eines, das so abrupt anfängt, wie es wieder enden wird: China als Republik.
Sun hat drei Jahre lang in Hawaii bei seinem älteren Bruder gelebt und dort britische und amerikanische Schulen besucht. Der Bruder beschloss schließlich, ihn heimzuschicken, zu sehr schienen die ausländischen Sitten Sun zu verderben: Den Zopf, dessentwegen er in der Schule oft gehänselt wurde, wollte er abschneiden. Viel schlimmer aber war, dass er damit liebäugelte, zum Christentum überzutreten.
Auf dem Schiff zurück in die Heimat hat Sun sein politisches Erweckungserlebnis. Qing-Beamte verlangen Schmiergeld von den Reisenden. Sun streitet heftig mit ihnen. Als sie schließlich abziehen, die Taschen voll Geld, hebt Sun vor den Mitreisenden zu einer Rede an: »China ist in der Hand korrupter Beamter. Wie könnt ihr nur hier sitzen und nichts tun?«
Kaum in sein Heimatdorf Cuiheng in der Provinz Guangdong zurückgekehrt, beginnt er, die Dörfler aufzuwiegeln. Gemeinsam mit einem Freund marschiert er zum Dorftempel, der dem Gott des Nördlichen Kaisers gewidmet ist. Aufgefordert, niederzuknien, geht er zu der Gipsstatue und bricht ein Stück ihres Mittelfingers ab. »Seht: Ich habe dem Nördlichen Kaiser den Finger abgebrochen. Und er lächelt noch immer. Glaubt ihr wirklich, so einer könnte euch beschützen?« Suns Auftritt kommt im Dorf nicht besonders gut an, er muss eiligst abreisen. In Hongkong findet er Zuflucht, beginnt ein Medizinstudium – und tritt zum Christentum über.
Ruhe gibt er nicht. Seit 1905 gilt er als Anführer von revolutionären Vereinigungen und Anti-Qing-Gruppen, die sich lose zur sogenannten Revolutionären Allianz zusammengeschlossen haben. Unermüdlich reist Sun um die Welt. In Tokyo, New York und London schult er sich als Redner und entwickelt sich zu einem polyglotten eleganten Mann. Nicht ohne Erfolg wirbt er um Geld und Unterstützung – und verpasst darüber die Revolution, die er doch so sehr herbeigesehnt hat: Sun treibt gerade mal wieder Spenden ein, in den USA, als China von jenem Aufstand erfasst wird, der nicht nur die Qing-Dynastie nach 268 Jahren hinwegfegt, sondern auch das Kaisertum insgesamt in den Untergang stürzt. Schwach, wie die Monarchie inzwischen ist, braucht es nicht viel, ihr den Todesstoß zu versetzen.
Am 9. Oktober 1911 explodiert eine Bombe im Hauptquartier einer revolutionären Gruppe in Hankou nahe Wuhan. Die Polizei eilt herbei, konfisziert die Mitgliederliste und exekutiert drei Revolutionäre. Um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen, stürmen die übrigen am nächsten Tag ein Waffendepot in Wuhan. Die Erhebung ist ein Erfolg, innerhalb von Stunden fällt die Stadt in die Hände der Aufständischen. Und das, obwohl man noch nicht einmal einen Anführer gefunden hat. Die Rebellen entscheiden sich schließlich für den Militärkommandanten Li Yuanhong, beliebt bei Soldaten und lokalen Politikern. Zudem ist er des Englischen mächtig, das soll die ausländische Gemeinde in Wuhan beruhigen.
Das Problem ist nur: Li selbst ist gar kein Revolutionär und will die Aufgabe nicht annehmen. Man überredet ihn schließlich mit dem unschlagbaren Argument, er werde sonst erschossen. Rasch breitet sich der Aufstand auf andere Städte aus. Einige Provinzen ergreifen die Chance und erklären ihre Unabhängigkeit, darunter Tibet und die Mongolei.
Das Kaiserhaus, in dem Verwandte für den erst fünfjährigen Herrscher Pu Yi die Regierung führen, versucht zu retten, was zu retten ist. In einem letzten atemlosen Reformversuch erklärt es das Land im November zu einer konstitutionellen Monarchie. Die Allmacht des Kaisers ist gebrochen. Die Qing bieten dem mächtigen General Yuan Shikai an, Premier zu werden. Doch es ist zu spät. Der Untergang des Kaiserreichs schreitet unaufhaltsam voran.
Yuan, ein bulliger Kerl, dem sein üppiger Schnauzer ein seelöwenhaftes Aussehen verleiht, befehligt die modernste Streitmacht des Reiches, die Beiyang-Armee, und ist daher der Mann, dessen Loyalität sich alle Seiten versichern wollen – eine Situation, die er geschickt ausnutzt. Yuan spielt ein doppeltes Spiel, er pendelt zwischen den Revolutionären und dem Kaiserhaus hin und her und verhandelt.
Es ist eine Zwischenzeit, in der das Neue gerade beginnt und das Alte noch nicht vergangen ist. Ein halbes Jahr lang hat China beides: einen republikanischen Präsidenten und einen Kaiser, jenes Kind Pu Yi, dem der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci 1987 mit seinem berühmten Film Der letzte Kaiser ein Denkmal setzen wird. Erst als man Pu Yis Familie zusagt, weiterhin in Pekings Verbotener Stadt residieren und ihre Schätze behalten zu dürfen, und ihnen eine jährliche Apanage von vier Millionen Dollar verspricht, stimmt ein Gericht am 12. Februar 1912 der Abdankung des letzten Kaisers zu.
Der starke Mann der Republik ist nicht Sun Yat-sen, sondern ein Militär
Bereits am 1. Januar 1912 hat Sun Yat-sen, der erst eine Woche zuvor in China angekommen ist, in Nanking die Republik ausgerufen. Viele glauben, in ihm den idealen Führer gefunden zu haben. Doch der Mann, der noch heute in China und Taiwan als Gründerfigur verehrt wird, glaubt das offenbar selber nicht. Noch am Tag, an dem man ihn zum Präsidenten macht, dem 1. Januar 1912, telegrafiert er an General Yuan: »Die Präsidentschaft wartet auf Sie. Ich hoffe, dass Sie mein Angebot bald annehmen werden.«
Yuan lässt nicht lange auf sich warten, zwei Monate später tritt er Sun Yat-sens Nachfolge an. Sun wird Eisenbahnminister. Er reist fortan durchs Land und tut, was er am besten kann: Reden halten. Sun ist kein Macher und kein begnadeter Organisator, doch er versteht es wie kein Zweiter, die neu erwachte chinesische Öffentlichkeit zu fesseln. Es gibt brillantere Denker als ihn, und doch berührt er mit seinem Dreiklang von Patriotismus, Demokratie und Fortschrittsglauben die Menschen. Er schenkt ihnen ein Ideal, das von der Republik allerdings nicht mit echtem Leben erfüllt werden kann.
Denn es zeigt sich, dass die autoritären Traditionen stärker sind als der noch junge republikanische Geist. Yuan Shikai duldet keine Konkurrenten. Die ersten Wahlen im Dezember 1912 – die Ergebnisse werden im Januar 1913 verkündet – gewinnt Sun Yat-sens Nationalisten-Partei, die Kuomintang (KMT). Sie ist aus der Revolutionären Allianz Suns hervorgegangen und folgt seinen drei Prinzipien: Nationalismus, Demokratie und Volkswohl. Ihren Wahlerfolg verdankt sie vor allem Song Jiaoren, einem begabten jungen Politiker, der die KMT-Kampagne organisiert hat. Als er Yuan zu mächtig wird, lässt dieser Song kurzerhand umbringen. Die Spannungen zwischen dem General und der Partei verschärfen sich. Die Nationalisten kritisieren seine Finanzpolitik, er bezichtigt die Kuomintang »staatsgefährdender Umtriebe« und verbietet sie schließlich. Ihre Abgeordneten müssen das Parlament verlassen, eine Einrichtung, von der er ohnehin nicht viel hält. »Das Parlament«, klagt er, »ist einfach eine Institution, die nicht funktionierte. 800 Männer! 200 waren gut, 200 passiv und 400 einfach komplett nutzlos.«
Auch Sun Yat-sen muss fliehen und geht ins japanische Exil. Im Dezember 1915 lässt Yuan Shikai sich zum Kaiser krönen. Die Republik, kaum erwacht, ist bereits erloschen. Zwar dankt Yuan nach erbitterten Protesten kurz darauf wieder ab und stirbt drei Monate später an einer Blutvergiftung. Doch die Republik reüssiert nicht. Die Kriegsherren in den Provinzen ziehen die Macht an sich, das Land ist zerrissen und zutiefst verunsichert. Nicht wenige glauben an seinen Untergang.
Nach dem Ersten Weltkrieg fühlt sich das neue China vom Westen verraten
Was kann China nur retten, fragen sich Künstler, Schriftsteller und andere Intellektuelle. Ähnlich wie im Deutschland der Weimarer Republik löst das Gefühl der Krise einen massiven kulturellen Schub aus. Selten war China geistig freier als in dieser nervösen, angespannten Zeit. Nicht wenige Künstler stehen zur Demokratie. Aber der Westen enttäuscht sie. 1919, nach dem Ersten Weltkrieg, schlagen die Westmächte die ehemaligen deutschen Kolonialgebiete in China – wie Qingdao (Tsingtau) – Japan zu. Die junge Sowjetunion behandelt das Land hingegen vergleichsweise fair, und so wirkt der Kommunismus gleich viel anziehender.
In der folgenden Zeit versinkt China in einem endlosen Bürgerkrieg. Warlord kämpft gegen Warlord, seit dem Ende der zwanziger Jahre mischen verstärkt die Kommunisten mit. Im Sommer 1937 greifen die Japaner, die bereits die Mandschurei besetzt haben, nach der Macht über ganz China und errichten in den eroberten Regionen ein Schreckensregime.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt es schließlich zum finalen »Duell« zwischen Kommunisten und Nationalisten. Maos Partei triumphiert, und 1949 fliehen die verbliebenen Truppen der Kuomintang unter ihrem Führer Chiang Kai-shek – Sun Yat-sen ist schon 1925 gestorben – nach Taiwan. Jede der beiden Parteien ruft ihr eigenes China aus.
Mit dem Beginn des Kalten Krieges ist der Traum von der Demokratie ausgeträumt. Während sich Taiwan in eine Diktatur westlicher Prägung verwandelt (und erst Ende der achtziger Jahre zu republikanischen Prinzipien zurückkehrt), entfaltet sich auf dem Festland Maos kommunistische Gewaltherrschaft.
Und dennoch hat die Erfahrung von 1911 Bleibendes hinterlassen. Denn die Republik, so argumentiert der US-Historiker David Strand in seinem vor wenigen Monaten erschienenen Buch An Unfinished Republic, habe das Ideal politischer Gleichheit und Partizipation im Land verankert. Und das könne, so entleert und entseelt es derzeit auch sei, wiedererweckt werden. Sei erst der richtige Moment gekommen, werde das Volk sich darauf berufen und sich gegen Bürokratismus und Autokratie wenden. So wie es Ende der achtziger Jahre in Osteuropa geschehen ist. Oder wie in diesem Frühjahr in Arabien.
- Datum 18.12.2011 - 19:07 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 15.12.2011 Nr. 51
- Kommentare 18
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Das chinesische Kaisertum war eine Republik, der Kaiser war ein Gefangener seines Hofzeremoniells.
Man muss sich das immer wieder vergegenwärtigen :
England zwang die Chinesen Opium zu importieren, mit Waffengewalt.
Der Import und Genuss in England war aber verboten.
Die Mehrheit im englischen Parlament stimmte für den Krieg.
Ich hoffe, dass hier noch Wiedergutmachungsansprüche gerichtlich geltend gemacht werden. Ein schlimmes Kapitel des englischen Imperialismus.
Letzlich hat England damit den Zusammenbruch des chinesischen Reiches zu verantworten.
Immerhin wurde damals noch niemand mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
@darthmax
Letzlich hat England den Zusammenbruch des mandschurischen Imperialismus vielleicht beschleunigt, den Untergang aber nicht ausgelöst.Der Untergang des Mandschurischen Reiches war bereits lange vor der Ankunft britischer Kriegsschiffe durch das Wesen des Qing-Reiches besiegelt worden , da eine Minderheit (wenige Millionen Mandschu)nicht dauerhaft über ein 400-Millionen-Volk der Han-Chinesen herrschen konnte, ohne Komptenzen an die han-Chinesen abzugeben, was wiederum deren Untergang bedeuten würde.Versucht haben die Mandschus, die haben eine endlose Palisadenmauer vor den Toren der mandschurei gebaut, um die Mandschurei frei von Han-Chinesen zu halten.Dies wiederum hat die dünn besiedelte Mandschurei den Russen zum Eindringen "freigegeben", sodass ein Großteil der Mandschurei, die Heimat der Mandschu, im späten 19.Jh praktisch von den Russen besezt wurde.
Bereits vor dem Opiumkrieg hat ein Großaufstand der Han-Chinesen in Sichuan/Hubei die Qing-Dynastie nachhaltig geschwächt und die Staatskassen ruiniert.
Den Todesstoß setzte der Taiping-Aufstand im 19.Jh.Die mandschurischen Banner-Truppen wurden von den Taiping zerschlagen.Da war klar, dass die Qing mit mandschurischen nicht mehr zu retten war.Eigentlich wäre die Qing damals untergegangen, hätten die Briten bzw andere Großmächte nicht den Qing gefolfen, die Taiping niederzuschlagen, und hätten die han-chinesischen Grundherren nicht gegen die Taiping gekämpft.
@darthmax
Letzlich hat England den Zusammenbruch des mandschurischen Imperialismus vielleicht beschleunigt, den Untergang aber nicht ausgelöst.Der Untergang des Mandschurischen Reiches war bereits lange vor der Ankunft britischer Kriegsschiffe durch das Wesen des Qing-Reiches besiegelt worden , da eine Minderheit (wenige Millionen Mandschu)nicht dauerhaft über ein 400-Millionen-Volk der Han-Chinesen herrschen konnte, ohne Komptenzen an die han-Chinesen abzugeben, was wiederum deren Untergang bedeuten würde.Versucht haben die Mandschus, die haben eine endlose Palisadenmauer vor den Toren der mandschurei gebaut, um die Mandschurei frei von Han-Chinesen zu halten.Dies wiederum hat die dünn besiedelte Mandschurei den Russen zum Eindringen "freigegeben", sodass ein Großteil der Mandschurei, die Heimat der Mandschu, im späten 19.Jh praktisch von den Russen besezt wurde.
Bereits vor dem Opiumkrieg hat ein Großaufstand der Han-Chinesen in Sichuan/Hubei die Qing-Dynastie nachhaltig geschwächt und die Staatskassen ruiniert.
Den Todesstoß setzte der Taiping-Aufstand im 19.Jh.Die mandschurischen Banner-Truppen wurden von den Taiping zerschlagen.Da war klar, dass die Qing mit mandschurischen nicht mehr zu retten war.Eigentlich wäre die Qing damals untergegangen, hätten die Briten bzw andere Großmächte nicht den Qing gefolfen, die Taiping niederzuschlagen, und hätten die han-chinesischen Grundherren nicht gegen die Taiping gekämpft.
"In dieses erschöpfte Land kehrt 1883 der 17-jährige Bauernsohn Sun Yat-sen zurück. Es ist der Auftakt eines neuen Stücks, eines, das so abrupt anfängt, wie es wieder enden wird: China als Republik."
China war und ist eine Republik, wie sie meint, eine "Volksrepublik".....
"Auch Sun Yat-sen muss fliehen und geht ins japanische Exil. Im Dezember 1915 lässt Yuan Shikai sich zum Kaiser krönen. Die Republik, kaum erwacht, ist bereits erloschen."
Nächstes mal lies ich erst den ganzen Artikel und danach kommentiere ich...
"Sie belügen den Kaiser voller Demut und Hingabe. Schicken ihm seine Beamten ihre Berichte, dann tun sie dies »respektvoll kniend«, aus dem Wort »ich« wird »Euer Sklave«"
Das ist eine typische Kultur der Qing-Dynastie.Die Mandschuren waren kurz vor der Machtübernahme Chinas im frühen 17.Jh noch eine Sklavengesellschaft, in der die unterworfenen Han-Chinesen der Manschurei zu Sklaven (Baoyi,包衣)gemacht wurden.In China selber wurde das Leibeigentum/Sklaventum bereits in der Song-Dynastie vor etwa tausend jahren gesetzlich verboten.Von kulturellen Standpunkten gesehen war die Machtübernahme der Mandschu in China ein zivilisatorischer Rückschritt.Allein die Gesetze der Qing-Dynastie, die die Han-Chinesischen Männer zu mandschurischen Zopftracht und Kledungen unter Androhung der Todeestrafe zwangen, konnten nur durch brutalste Gewalt durchgesetzt werden.
"Enweder ihr behaltet eure Haare, dann verliert ihr eure Köpfe.Oder ihr behaltet eure Köpfe und verliert eure Haare".Der Zopferlass 1645.
Darüberhinaus waren han-Chinesische Kledungen strengst verboten.Vom äußeren Erscheinungsbild des traditionellen Han-Chinesen ist durch die Qing-Dynastie fast nichts mehr übrig geblieben.In den Augen vieler Nachbarvölker Chinas, die die han-chinesische Huaxia-Zivilisation weitergepflegt haben, haben sich die Chinesen durch deren totale Unterwerfung und kultuelle Veränderung ab 1644 disqualifiziert, Erbe der Huaxia-Zivilisation zu sein.
"In den Augen vieler Nachbarvölker Chinas, die die han-chinesische Huaxia-Zivilisation weitergepflegt haben, haben sich die Chinesen durch deren totale Unterwerfung und kultuelle Veränderung ab 1644 disqualifiziert, Erbe der Huaxia-Zivilisation zu sein".
Interessante Sichtweise. Von welchen "Nachbarvölkern Chinas" sprechen Sie denn konkret?
Ich habe Bekannte in Chiang Mai, die einmal behaupteten, dass die Lanna-Kultur im Norden Thailands und selbst das Staatsverständnis der "Taksim-Dynastie" stark vom republikanischen Gesellschaftsverständnis der Huaxia-Zivilisation geprägt sei. Wenn das zutrifft, würde das natürlich auch die politischen Konfliktlinien in Thailand in einem anderen Licht erscheinen lassen.
Ich würde mich über eine "Erleuchtung" bezüglich dieser Frage freuen, Sie scheinen auf diesem Gebiet ja Experte zu sein.
"In den Augen vieler Nachbarvölker Chinas, die die han-chinesische Huaxia-Zivilisation weitergepflegt haben, haben sich die Chinesen durch deren totale Unterwerfung und kultuelle Veränderung ab 1644 disqualifiziert, Erbe der Huaxia-Zivilisation zu sein".
Interessante Sichtweise. Von welchen "Nachbarvölkern Chinas" sprechen Sie denn konkret?
Ich habe Bekannte in Chiang Mai, die einmal behaupteten, dass die Lanna-Kultur im Norden Thailands und selbst das Staatsverständnis der "Taksim-Dynastie" stark vom republikanischen Gesellschaftsverständnis der Huaxia-Zivilisation geprägt sei. Wenn das zutrifft, würde das natürlich auch die politischen Konfliktlinien in Thailand in einem anderen Licht erscheinen lassen.
Ich würde mich über eine "Erleuchtung" bezüglich dieser Frage freuen, Sie scheinen auf diesem Gebiet ja Experte zu sein.
"Wer hätte es auch gewagt, seine Anstellung, vielleicht gar seinen Kopf zu riskieren, um dem Kaiser die Wahrheit zu sagen?
"
In der Qing-Dynastie jedenfalls nicht von han-chinesischen Beamten.In der vorherigen han-chinesischen Ming-Dynastie jedoch waren die konfuzianischen Beamten so mächtig geworden, dass die Staatspolitik ohne die Zustimmung des von Konfuzianischen Beamten besetzten Kabinetts nicht zu machen war.Ein Erlass des Ming-Kaisers in der späteren Phase der Ming-Dynastie ohne die Zustimmung des Kabinnes konnte von den Beamten verweigert werden, ohne dass sie sich vor Konsequenzen fürchten mussten.Der Wanli-Kaiser der Ming-Dynastie konnte nicht mal seinen Wunsch des Thronnachfolgers gegen die Beamtenkaste durchsetzen und musste Jahrzehnlang aus Protest die kaiserlichen Audienzen boykottieren.Den Kaiser zu kritisieren, galt als Ehrensache.Ein Held wurde man, den Kaiser so weit zu provozieren, dass man vor dem Palast Stockschläge auf den Hintern bekam.So war die späte Ming-Dynastie.Eine Phase der intellektuellen Rebellion.
Die Qing-Dynastie indessen war in erster Line eine Fremdherrschaft, in der die wichtigsten Regierungsposten von Mandschu-Adligen besetzt wurden.Han-Chinesische Beamte wurden stets misstrauig beäugt, nach dem Motto der Mandschu-Adligen:"Wenn die Han stark sind, dann gehen die Mandschu unter!".
Unzählige sogenannte Schriftinquisitionen zur Verfolgung han-chinesischer Intellektueller haben die han-chinesische Bildungselite mundtot gemacht.Da ist man eben vorsichtig geworden.Den Kaiser zu kritisieren oder gar in Frage zu stellen?Schaut bloss auf die Schicksale unzähliger anderer han-chinesicsher Intellektuelle: Sippenhaft/hinrichtungen.Familie, Lehrer,Freunde, Bekannte, alle entweder durch die Ling-Chi-strafe öffentlich einen Tod durch tausendfaches Zerschneiden gestorben, oder in die Mandschurei in die Sklaverei mandschurischer Krieger getrieben.
@darthmax
Letzlich hat England den Zusammenbruch des mandschurischen Imperialismus vielleicht beschleunigt, den Untergang aber nicht ausgelöst.Der Untergang des Mandschurischen Reiches war bereits lange vor der Ankunft britischer Kriegsschiffe durch das Wesen des Qing-Reiches besiegelt worden , da eine Minderheit (wenige Millionen Mandschu)nicht dauerhaft über ein 400-Millionen-Volk der Han-Chinesen herrschen konnte, ohne Komptenzen an die han-Chinesen abzugeben, was wiederum deren Untergang bedeuten würde.Versucht haben die Mandschus, die haben eine endlose Palisadenmauer vor den Toren der mandschurei gebaut, um die Mandschurei frei von Han-Chinesen zu halten.Dies wiederum hat die dünn besiedelte Mandschurei den Russen zum Eindringen "freigegeben", sodass ein Großteil der Mandschurei, die Heimat der Mandschu, im späten 19.Jh praktisch von den Russen besezt wurde.
Bereits vor dem Opiumkrieg hat ein Großaufstand der Han-Chinesen in Sichuan/Hubei die Qing-Dynastie nachhaltig geschwächt und die Staatskassen ruiniert.
Den Todesstoß setzte der Taiping-Aufstand im 19.Jh.Die mandschurischen Banner-Truppen wurden von den Taiping zerschlagen.Da war klar, dass die Qing mit mandschurischen nicht mehr zu retten war.Eigentlich wäre die Qing damals untergegangen, hätten die Briten bzw andere Großmächte nicht den Qing gefolfen, die Taiping niederzuschlagen, und hätten die han-chinesischen Grundherren nicht gegen die Taiping gekämpft.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren