Im englischen Hambleton führen Kinder ein Krippenspiel zu Weihnachten auf. © Bethany Clarke/Getty Images

Die Weihnachtsgeschichte gehört zu den erfolgreichsten und folgenreichsten Erzählungen der Weltliteratur. Auch wer die Botschaft, die sie verkündet, nicht glaubt oder nicht versteht, hat von Maria und Josef und vom Jesuskind in der Krippe schon mal gehört oder gelesen. Wenn er zwischen den Glühweinständen der Weihnachtsmärkte umherschlendert, wird er in den Kitsch- und Nippesbuden die geschnitzten oder gemalten Anverwandlungen des Weihnachtswunders so selbstverständlich wiederfinden, als wäre es gerade erst geschehen. Und es wird ihm nicht leicht werden, den ewigen Weihnachtsschlagern zu entrinnen, ob Stille Nacht, heilige Nacht oder Kling, Glöckchen, klingelingeling.

Die Konfessionen sind derzeit von Zwist und Zweifel gequält, aber im Glanz der Kerzen fassen sie wieder Mut. Die Zahl der Kirchgänger sinkt, aber an Weihnachten sind die Gotteshäuser voll . Selbst in glaubensferne Wohnungen dringt die christliche Bilderwelt mit Macht hinein. Kaum ein Jahresgruß von Freunden oder Geschäftspartnern ohne weihnachtliches Motiv, kaum ein Fernsehprogramm ohne irgendeinen Bezug zu diesem eigenartigen Ereignis vor ewigen Zeiten.

Je mehr sich Lukas dem Wunder nähert, desto kürzer seine Sätze

Ist das nicht erstaunlich? Hartnäckig hält sich diese Geschichte, widersteht, ähnlich wie die großen Mythen, allen Umwälzungen. Dafür gibt es zunächst einen handwerklichen Grund: Sie ist gut erzählt. »Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging...« So fängt Lukas (in Luthers Übersetzung) an, indem er Zeit und Ort mit dem zurückgelehnten Blick des Historikers genauer umschreibt. Je mehr er sich aber dem Wunder nähert, desto kürzer werden seine Sätze: »Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht!«

Wie ein Kind nach Hause rennt, atemlos von einem Ereignis erzählt und alle Sätze mit »und« beginnt, so auch erzählt Lukas, um keinen Zweifel daran zu lassen: So war es.

War es so? Von der Geburt Jesu gab es keine Dokumente oder Augenzeugen, auf die sich Lukas, rund achtzig Jahre danach, hätte stützen können. Die Geburt war für die ersten Christen von nachrangiger Bedeutung. Zentral waren Tod und Auferstehung und die Verheißung der Wiederkunft. Lukas jedoch unternimmt eine Art Rekonstruktion, die Wirkliches und Spekulatives verschränkt und theologisch überhöht. Sein Ziel ist nicht der objektive Bericht, sondern die Beglaubigung einer unerhörten Begebenheit: Gott kam in die Welt, indem er als Baby zur Welt kam. Und nicht in einem Palast, sondern auf freiem Feld, unter ärmlichen Umständen. Das ist ein radikaler Geschichtsbruch, ein neuer Beginn ab ovo. Und deshalb ist die Jungfräulichkeit Marias für die Evangelisten (und für die Gläubigen) zentral: Die Genealogie der Königshäuser ist ein für alle Mal unterbrochen. Kein Stammesfürst hat hier seinen Samen hinterlassen. In die mörderische Horizontale der Menschheitsgeschichte fährt die göttliche Vertikale wie ein Blitz.

Markus, der früheste Evangelist, erzählt von der Geburt Jesu gar nichts. Johannes, der letzte, fasst sie in einer einzigen Wendung zusammen: »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.« Lukas und Matthäus aber schmücken das Hauptwunder durch allerlei Nebenwunder aus: das Heer der Engel, den Stern über Bethlehem, die Weisen aus dem Morgenland, die geglückte Flucht vor dem Kindesmörder Herodes. Spätere Autoren eifern ihnen nach. In den sogenannten Apokryphen, den nicht in der Bibel vereinten Texten, finden wir Elemente, die uns aus den grandiosen Bildern der Kunstgeschichte vertraut sind: die Grotte oder Höhle als Ort der Geburt, den Ochs und den Esel im Stall und anderes mehr. Das waren keine freien Erfindungen, sondern kongeniale Ergänzungen. Sie bezogen sich auf die prophetischen Schriften des Alten Testaments und wollten bedeuten: Hier geschah etwas unerhört Neues, aber es war vorhergesagt.

Uns modernen Rationalisten erscheint das wie ein Märchen: nett und gut erfunden. Aber wir sollten wissen, dass die Märchen haltbare Weisheiten und Wahrheiten transportieren. Das macht sie unvergänglich. Sie erzählen von Wundern, von jenen »alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat«, wie Wilhelm Grimm im Froschkönig sagt. Und wenn wir das Wünschen und Wundern verlernt hätten, wäre es wohl aus mit uns. Es gibt Geheimnisse, die wir nicht erklären können. Ohne sie wäre unser Leben erbärmlich. Deshalb müssen wir davon erzählen.

Auch die Weihnachtsgeschichte erzählt von einem Geheimnis, von einer Wahrheit. In ihrer Mitte steht die Freude über die Geburt. Jede Geburt, ungeachtet der damit verbundenen Schmerzen, zeugt von der Verheißung, dass etwas Neues beginne, und sei es bloß ein neuer kleiner Mensch. Zugleich zeugt sie von der Gewissheit, dass es weitergeht. Nichts ist zu Ende. Ich bin nicht allein. Die Geburt Jesu aber bezeugt weit mehr, und das singen die Engel: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!« Wer daran glaubt, gewinnt Zuversicht. Und wer nicht daran glaubt, wird zugeben: Es ist eine der besten Geschichten der Weltliteratur. Deshalb ist sie seit zweitausend Jahren so erfolgreich.

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