Antarktis-Kreuzfahrten Mit weißer Weste in die Antarktis

Seit dieser Saison gilt im südpolaren Gewässer ein Schwerölverbot. Gut für die Umwelt, teuer für die Kreuzfahrtunternehmen

Nur noch kleinere Expeditionsboote können problemlos in der Antarktis kreuzen.

Nur noch kleinere Expeditionsboote können problemlos in der Antarktis kreuzen.

Die Felsen sehen aus wie mit schwarzem Strich auf seegrauem Papier skizziert. Lautlos nähert sich das Schiff dem Strand aus Eis und Stein. Die Segel fallen. Nur kurz stört der ins Wasser rauschende Anker die Stille. Dann ist es wieder ruhig.

Ein Segelschiff wie die Europa scheint perfekt zur grandiosen Leere der weißen Antarktis zu passen. Doch in Wahrheit ist der Eindruck von Einsamkeit und Leere eine Illusion. An den Rändern des südpolaren Eises herrscht jetzt, im antarktischen Sommer, reger Saisonbetrieb. Denn längst ist die Antarktis nicht mehr nur Urlaubsziel für ein paar Abenteurer, die eine Expedition ins Eis buchen. Seit zehn Jahren machen selbst Kreuzfahrtschiffe der AIDA-Klasse auf ihrer Welttournee gern mal einen Abstecher in die eisige Polargegend. Die Folge: 34000 Touristen bereisten im vergangenen Sommer die Antarktis, davon allein 14000 Kreuzfahrer.

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Einsamkeit gibt es unter solchen Bedingungen nur noch dank striktem Reglement. Dem Dreimast-Großsegler voraus fährt, ohne dass es zu sehen wäre, ein anderes Schiff, und das nächste folgt in einigem Abstand. Nur jeweils ein Schiff pro Ort darf ankern. Bereits Monate im Voraus sichern sich Reedereien und Veranstalter ihre sechs Stunden für den Landgang.

Besuchsregelungen gelten in dieser Region schon lange. So haben die Antarktis-Reiseveranstalter, organisiert in der IAATO (International Association for Antarctica Tour Operators), festgelegt, dass höchstens hundert Menschen gleichzeitig zwischen den Pinguinen herumspazieren dürfen. Schiffe mit mehr als 500 Passagieren lassen ihre Fahrgäste erst gar nicht an Land. Und die anderen müssen vor dem Landgang Stiefel desinfizieren und Schokoriegel abgeben. Kein Bazillus, kein Fremdkörper soll dieses fragile Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen.

Seit August 2011, also rechtzeitig vor Beginn der diesjährigen Sommersaison, gibt es eine weitere Regel für den Antarktistourismus, und deren Folgen werden erheblich sein: Die UN-Sonderorganisation für Maritimes, IMO (International Maritime Organisation), hat Schweröl in diesem Seegebiet komplett verboten. Für einen Teil des Antarktistourismus ist das ein harter Schlag, denn Schweröl ist der Treibstoff besonders der großen Schiffe. Es hat keinen guten Ruf, da es ein Abfallprodukt der Ölindustrie ist. Schiffe, die damit unterwegs sind, werden gelegentlich als »schwimmende Müllverbrennungsanlagen« bezeichnet. Das Zeug ist schwer, schwarz, zäh, stark schwefelhaltig und vor allen Dingen: billig. Der große Nachteil: Bei der Verbrennung von Schweröl entstehen Unmengen an luftverschmutzendem Schwefeldioxid. Dazu kommt, dass ein Schiffsunfall in dieser Gegend besonders folgenreich wäre. Wegen der Kälte würde es im Falle einer Katastrophe in der Polarregion Jahre dauern, bis die Natur das Schweröl abgebaut hat.

Das Schwerölverbot freut viele, auch Touristiker, die von der Unberührtheit der Antarktis leben. »Das ist nicht nur Gutmenschentum. Das ist langfristiges Denken«, sagt Reinoud van der Heiden, Geschäftsführer der Europa. Seeleute wissen genau, dass die Antarktis nicht immer malerische Idylle ist. Schiffsunglücke kommen in dieser abgelegenen, unwirtlichen und oft rauen Weltgegend immer wieder vor. 2008 strandete hier die MV Ushuaia. 2007 sank die M/S Explorer. 2006 liefen zwei Kreuzfahrtschiffe auf Grund. In diesem Revier ist die Seefahrt noch eine echte Herausforderung.

Prominentester Risikofaktor sind sicherlich die Eisberge, aber auch in anderer Hinsicht ist die Antarktis eine navigatorische Aufgabe. »Hier braucht man noch die traditionellen seemännischen Fertigkeiten«, sagt Klaas Gaastra, der seit elf Jahren den Großsegler Europa ohne Unfall in der Antarktis manövriert. Wer einfach nur seinem Navigationsgerät vertraut, läuft garantiert auf Grund. Tatsächlich gibt es hier noch weiße Flecken auf den Seekarten, Buchten liegen ein paar Hundert Meter weiter als kartografiert; die schönen zackigen Felsformationen setzen sich auch unter Wasser fort – niemand weiß genau, wie tief. Und die »katabatischen Winde«, die antarktischen Fallwinde, die in Orkanstärke von den Gletschern herabtosen, rütteln und zerren am Schiff, bis auch der zweite Anker nachgibt.

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