Franz von Assisi Bruder Franz
"Licht aus Assisi": Eine faszinierende Ausstellung in Paderborn beleuchtet das Leben des heiligen Franziskus.
Er war uns, wir bekennen es, recht fremd. Es störte seine antiintellektuelle Einfalt, sein gottbesonntes Gemüt. Seine Leibfeindschaft stieß ab, seine willentliche Armut provozierte. Und die legendäre Vogelpredigt, die Missionierung der Fische, die Bekehrung des mörderischen Wolfs von Gubbio – nun gut, das sind Fioretti, herzensfromme Blümelein katholischer Andachtspoesie. Aber was sagt er uns Heutigen, der heilige Franz von Assisi? Die Menschgestalt Gottes bleibt Jesus von Nazareth. Und unser Schutzpatron des Evangeliums ist nicht heilig, sondern Martin Luther.
So fühlt der protestantische Reporter, im trutzigen Anmarsch auf Paderborn. Dort zeigt das Diözesanmuseum die große Ausstellung Franziskus. Licht aus Assisi. Am Eröffnungstag gewährt uns der emphatische Direktor Christoph Stiegemann eine mehrstündige Vor-Schau, beginnend mit Elementarunterweisung. Gern denkt ja der Protestant, die wahre Kirchengeschichte habe erst 1517 begonnen, mit dem hämmernden Mönch zu Wittenberg.
1182 kam Franziskus im umbrischen Assisi zur Welt, als ältester Sohn des vermögenden Tuchhändlers Pietro Bernardone. Seine Jungmännerzeit verbrachte er als Partyhengst und Möchtegern-Aristokrat. 1202 nahm er an Assisis Städtekrieg gegen Perugia teil, geriet in Gefangenschaft und wurde nach einem Jahr freigekauft. Obwohl durch die Haft gereift, schloss er sich einem päpstlichen Feldzug an. Sein Ehrgeiz zielte auf Kriegsruhm und die Erhebung in den Ritterstand. Vorzeitig, vermutlich krank, kehrte er zurück.
Dann die radikale Lebenswende. Franziskus begegnet den Aussätzigen, den Leprakranken. Wie jede Stadt verbannt auch Assisi die Unberührbaren extra muros, wo sie in sogenannten Leprosorien vegetieren. Diesen Elenden und ihrer Pflege widmet sich Franziskus. Für barmherzige Zwecke veruntreut er Geld aus der väterlichen Firma. Der Vater tobt. Der Sohn sagt sich öffentlich von ihm los; sein Vater sei im Himmel. Er opfert die bürgerliche Existenz, die irdische Sicherheit. Er stellt sein Leben ganz auf Gott. Er einsiedelt und betet sich in Trance. Er zieht umher und predigt als Bettelmönch. Bald folgen ihm andere, dann viele. Gerufen hat er sie nicht. Und Rom wird nervös.
Man muss sich klarmachen, was Franz tat, sagt Direktor Stiegemann. Der Umgang mit Aussätzigen war tabuisiert. Elend und Krankheit galten als selbst verschuldete Gottesstrafe. Das legitimierte diesen frühen Sozialdarwinismus.
Franz widerstand der Strafpraxis Gottes.
Richtig. Das katapultierte ihn aus der Stadtgesellschaft und den verkrusteten klerikalen Strukturen. Es hätte leicht in die Häresie führen können. Denken Sie an die Katharer, die Waldenser und andere Buß- und Laienbewegungen, die Rom blutig verfolgte.
Aber Franziskus unterstellt sich der Kirche. Er erwirkt für sich und die Seinen päpstliche Anerkennung. Warum?
In allem drückt sich ihm der Schöpfer aus, auch in der Kirche. Franziskus spürt Gottes Anwesenheit in jeglichem Phänomen. Das heiligt ihm die Natur, als Gottesspiegel. Das bringt ihn auch zum Dialog mit den Muslimen.
1219 zieht Franziskus embedded mit einem Kreuzfahrerheer gegen die Sarazenen. Unfassbar: der bettelkuttige Friedensfreak inmitten wüster Christenhorden, die – Deus lo vult! – Muslime erschlagen sollen. Im Nildelta belagert das Heer die Festungsstadt Damiette. Franziskus erlangt eine Audienz beim hochgebildeten Sultan Melek al-Kamil. Er predigt dem freundlich erstaunten Potentaten von Christus und schlägt ein Gottesurteil vor. Der Sultan möge seinen Imam durchs Feuer gehen lassen. Er, Franziskus, wolle Gleiches tun, auf dass sich weise, wessen Gott der rechte sei. Das könne den Krieg ersparen. Der Sultan lehnt ab.
Im Tiefsten ist Franz von Assisi selbst Künstler
Schade. Das hätte wohl mit einem allversöhnenden Remis geendet.
Denke ich auch, sagt Stiegemann.
Damiette wird erobert. Das Blutbad und die folgende Pest überstehen 3.000 Bewohner, von 80.000. Aber wie konnte Franziskus erwarten, das Gespräch mit dem Sultan zu überleben?
Das wollte er gar nicht, sagt Stiegemann. Er suchte das Martyrium und hätte es als gottgewollt empfangen. Er geht immer aufs Ganze, er ist kein Mann des Als-ob, so auch gegenüber dem Papst. Erstaunlich, wie er sein radikales Projekt mit der kirchlichen Hierarchie kompatibel bekam.
Eigentlich unterwirft er sich doch nicht. Er weiß sich der göttlichen Offenbarung inne, als Direktempfänger, ohne amtskirchliche Vermittlung. Ziemlich protestantisch, oder?
Ja, unter einem anderen Papst als dem integrativen Innozenz III. hätte das schiefgehen können. Ein Hardliner hätte kurzen Prozess gemacht.
Herr Stiegemann, jetzt brauch ich Anschauung.
Wir wandern durchs Diözesanmuseum. Die Augen gehen über. Da, Franziskus’ Brevier, sein Reisekelch – originale Sinnfälligkeiten der unfassbaren Idee vom Menschen bei Gott. Und all die Evangeliare und Reliquiare, die kalligrafischen Klosterschriften, die Ablassbriefe und der Nonnenstaub. Franz’ Gefährtin Santa Clara. Die missionarischen Folger: der dreifache Bischofshutverächter Bernhardin von Siena, der eifernde Berthold von Regensburg. Die bezeugenden Maler Giotto und Fra Angelico... Franziskus, sagt Stiegemann, hat in der Kunst eine unvergleichliche Bildgeschichte ausgelöst. Im Tiefsten ist er selbst Künstler, als ganzheitlicher Denker des Herzens und Imitator Christi. Der verhärmte Gottesnarr, der seinen »Esel Körper« kasteit. Der Bräutigam seiner »Herrin Armut«. Der Eremit, dem 1224 ein Engel auf dem Berg Alverna Christi Stigmata einprägt. Der Sterbende, der sich nackt, mit gekreuzten Armen, als Grabeschristus auf die Erde legt...
1226 starb Franziskus. Zwei Jahre später wurde er heiliggesprochen. Santo subito, fürwahr. Seine programmatische Indienstnahme setzte unverzüglich ein. Seiner Revolution folgte die amtskirchlich vereinnahmte Institution. Zum Kernkonflikt der franziskanischen Ordensgeschichte wurde das Armutsideal. Was blieb, war die immerwährende Suche nach dem gottgemäßen Leben.
Nach der Reformation wandten sich auch viele Mönche der lutherischen Lehre zu, in der sie das Ursprungscharisma spürten. 1580 war Paderborn zu 90 Prozent protestantisch – nicht das Domkapitel. Es rief die Jesuiten. Sie drehten das Rad zurück. Cuius regio, eius religio. Mit Feuer und Schwert rekatholisierte der Bischof Dietrich von Fürstenberg die Stadt.
Das erzählt uns der Historiker Klaus Zacharias, als er uns durch Paderborn führt. Die Kapuzinerkirche, 1683 geweiht, veranschaulicht den Widerspruch von franziskanischem Geist und weltlichem Regiment. Der Fürstbischof verlangte und bekam sein prunkvolles Stifterwappen, doch die Ordensregel gebot Demut: eine schlichte Hallenkirche, ohne Seitenschiffe, mit eingezogenem Chor. Dietrich von Fürstenbergs Grabmal protzt, 16 Meter hoch, im Dom. Die Geistlichen ruhen im Kreuzgang. Bei den Gräbern liegt der stählerne Mantel jener Luftmine, die im März 1945 das Dominnere zerfetzte. Neun Zehntel von Paderborn zerfielen zu Schutt, als der deutsche Krieg nach Hause kam.
Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens / dass ich Liebe übe, wo man mich hasst... Am Abend wird die Ausstellung eröffnet. Mönchsscharen und bürgerliches Volk strömen in die Paderborner Kaiserpfalz gleich hinter dem Museum. Mittelalterliche Musik klingt auf, es sprechen Emissäre aus Assisi und Rom. Der Franziskaner-Professor Johannes-Baptist Freyer hält den Festvortrag. Die Einfalt und Einfachheit der franziskanischen Ursprünge, sagt er, hat eben nicht nur herbe Askese, Abtötung der Sinne und Armut hervorgebracht, sondern auch die legitime Lust am Schönen, die Freude am Leben und die atemraubende Inspiration zum Höchsten Guten.
Heute würde Franziskus in Frankfurt vor den Banken protestieren
Bis Mitternacht hält das Diözesanmuseum auf. Zu später Stunde haben wir die Schätze fast für uns allein. Der Gang durch die Jahrhunderte endet an einer Video-Station. Mönche und Nonnen erzählen, was ihnen Franziskus sei. Mein Bergführer, sagt einer; der Weg hat Täler; der Gipfel ist, ein guter Mensch zu sein. Ein anderer: In den Tagen des Franziskus erloschen die italienischen Städtekriege, weil so viele Menschen zu den Franziskanern strömten und sich weigerten, Waffen zu tragen. Ein Dritter: Heute würde Franziskus nach Frankfurt vor die Banken ziehen und gegen die virtuelle Finanzwirtschaft protestieren.
Wir aber leben in einer Gesellschaft zunehmender Sozialabstände, deren Struktur »Wachstum« verlangt: Vernutzung der Erde, unaufhörliche Warenproduktion und nimmermüden Erwerb von Besitz. Wir exportieren Waffen auf Teufel komm raus und militarisieren unsere Außenpolitik. Der Krieg und das Töten als menschliche Normalität? Da scheint Franziskus ein Bußrufer der Gegenwart, nicht der vorreformatorischen Antike.
»Franziskus. Licht aus Assisi«, Diözesanmuseum Paderborn, bis zum 6. Mai 2012; Tel. 05251/1251400. Der prachtvolle Katalog ist im Hirmer Verlag, München, erschienen (443 S., 39,90 €)
- Datum 23.12.2011 - 10:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2011 Nr. 52
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Sehr informativer Artikel und eine gute Einstimmung für die Ausstellung.
Franz von Assisi ist tasächlich sehr aus unserem Denken verschwunden, dabei würde er in unsere heutige Zeit viel besser passen.
Endlich mal ein Heiliger für Hipster:)
Auffallend an dem Artikel ist die gehobene Sprache. Vermutlich nicht von einem Journalisten und vielleicht etwas zu umständlich für ein Onlineportal, aber man darf ruhig eigene Standarts setzen, meine ich.
Sehr gut, vielen Dank!
Auch heute brauchen wir Menschen die das leben, was sie "prädigen". Von selbstherrlichen Protagonisten die überall absahnen und nach besonderen Privilegien gieren haben wir die Nase voll. Die Menschen wachen auf. Siehe Rußland u.s.w. Ich wünssche mir die Wende, doch mit Würde und ohne Waffen. Möge uns das gelingen!
Franz von Assisi wird zunehmend wieder wahrgenommen. Pilgern auf dem 590 km langen Franziskusweg von Florenz über Assisi nach Rom, oder einer Teilstrecke, gilt inzwischen als Geheimtipp und Alternative zum Jakobsweg.
Inspiriert hat mich z.B. ein Artikel aus der taz.die tageszeitung von Julia Reichardt "Pilgern in Mittelitalien - Auf den steilen Pfaden des Bettelmönchs" http://www.taz.de/Pilgern-in-Mittelitalien/!75222/ Einige weitere Literaturlinks zu Franz von Assisi und Klara von Assisi, Pilgerführer, sowie einen Vorschlag einer Etappenplanung finden Sie auf meiner Website http://www.sutterer.net/o...
der Menschheit. Und zwar deshalb, weil er in den für mich als wichtigste Wesenszüge empfundenen besonders stark war: Aufrichtigkeit, Mitleid Nächstenliebe und Konsequenz.
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