Seiner Revolution folgte die amtskirchlich vereinnahmte Institution
Das wollte er gar nicht, sagt Stiegemann. Er suchte das Martyrium und hätte es als gottgewollt empfangen. Er geht immer aufs Ganze, er ist kein Mann des Als-ob, so auch gegenüber dem Papst. Erstaunlich, wie er sein radikales Projekt mit der kirchlichen Hierarchie kompatibel bekam.
Eigentlich unterwirft er sich doch nicht. Er weiß sich der göttlichen Offenbarung inne, als Direktempfänger, ohne amtskirchliche Vermittlung. Ziemlich protestantisch, oder?
Ja, unter einem anderen Papst als dem integrativen Innozenz III. hätte das schiefgehen können. Ein Hardliner hätte kurzen Prozess gemacht.
Herr Stiegemann, jetzt brauch ich Anschauung.
Wir wandern durchs Diözesanmuseum. Die Augen gehen über. Da, Franziskus’ Brevier, sein Reisekelch – originale Sinnfälligkeiten der unfassbaren Idee vom Menschen bei Gott. Und all die Evangeliare und Reliquiare, die kalligrafischen Klosterschriften, die Ablassbriefe und der Nonnenstaub. Franz’ Gefährtin Santa Clara. Die missionarischen Folger: der dreifache Bischofshutverächter Bernhardin von Siena, der eifernde Berthold von Regensburg. Die bezeugenden Maler Giotto und Fra Angelico... Franziskus, sagt Stiegemann, hat in der Kunst eine unvergleichliche Bildgeschichte ausgelöst. Im Tiefsten ist er selbst Künstler, als ganzheitlicher Denker des Herzens und Imitator Christi. Der verhärmte Gottesnarr, der seinen »Esel Körper« kasteit. Der Bräutigam seiner »Herrin Armut«. Der Eremit, dem 1224 ein Engel auf dem Berg Alverna Christi Stigmata einprägt. Der Sterbende, der sich nackt, mit gekreuzten Armen, als Grabeschristus auf die Erde legt...
1226 starb Franziskus. Zwei Jahre später wurde er heiliggesprochen. Santo subito, fürwahr. Seine programmatische Indienstnahme setzte unverzüglich ein. Seiner Revolution folgte die amtskirchlich vereinnahmte Institution. Zum Kernkonflikt der franziskanischen Ordensgeschichte wurde das Armutsideal. Was blieb, war die immerwährende Suche nach dem gottgemäßen Leben.
Nach der Reformation wandten sich auch viele Mönche der lutherischen Lehre zu, in der sie das Ursprungscharisma spürten. 1580 war Paderborn zu 90 Prozent protestantisch – nicht das Domkapitel. Es rief die Jesuiten. Sie drehten das Rad zurück. Cuius regio, eius religio. Mit Feuer und Schwert rekatholisierte der Bischof Dietrich von Fürstenberg die Stadt.
Das erzählt uns der Historiker Klaus Zacharias, als er uns durch Paderborn führt. Die Kapuzinerkirche, 1683 geweiht, veranschaulicht den Widerspruch von franziskanischem Geist und weltlichem Regiment. Der Fürstbischof verlangte und bekam sein prunkvolles Stifterwappen, doch die Ordensregel gebot Demut: eine schlichte Hallenkirche, ohne Seitenschiffe, mit eingezogenem Chor. Dietrich von Fürstenbergs Grabmal protzt, 16 Meter hoch, im Dom. Die Geistlichen ruhen im Kreuzgang. Bei den Gräbern liegt der stählerne Mantel jener Luftmine, die im März 1945 das Dominnere zerfetzte. Neun Zehntel von Paderborn zerfielen zu Schutt, als der deutsche Krieg nach Hause kam.
Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens / dass ich Liebe übe, wo man mich hasst... Am Abend wird die Ausstellung eröffnet. Mönchsscharen und bürgerliches Volk strömen in die Paderborner Kaiserpfalz gleich hinter dem Museum. Mittelalterliche Musik klingt auf, es sprechen Emissäre aus Assisi und Rom. Der Franziskaner-Professor Johannes-Baptist Freyer hält den Festvortrag. Die Einfalt und Einfachheit der franziskanischen Ursprünge, sagt er, hat eben nicht nur herbe Askese, Abtötung der Sinne und Armut hervorgebracht, sondern auch die legitime Lust am Schönen, die Freude am Leben und die atemraubende Inspiration zum Höchsten Guten.
Heute würde Franziskus in Frankfurt vor den Banken protestieren
Bis Mitternacht hält das Diözesanmuseum auf. Zu später Stunde haben wir die Schätze fast für uns allein. Der Gang durch die Jahrhunderte endet an einer Video-Station. Mönche und Nonnen erzählen, was ihnen Franziskus sei. Mein Bergführer, sagt einer; der Weg hat Täler; der Gipfel ist, ein guter Mensch zu sein. Ein anderer: In den Tagen des Franziskus erloschen die italienischen Städtekriege, weil so viele Menschen zu den Franziskanern strömten und sich weigerten, Waffen zu tragen. Ein Dritter: Heute würde Franziskus nach Frankfurt vor die Banken ziehen und gegen die virtuelle Finanzwirtschaft protestieren.
Wir aber leben in einer Gesellschaft zunehmender Sozialabstände, deren Struktur »Wachstum« verlangt: Vernutzung der Erde, unaufhörliche Warenproduktion und nimmermüden Erwerb von Besitz. Wir exportieren Waffen auf Teufel komm raus und militarisieren unsere Außenpolitik. Der Krieg und das Töten als menschliche Normalität? Da scheint Franziskus ein Bußrufer der Gegenwart, nicht der vorreformatorischen Antike.
»Franziskus. Licht aus Assisi«, Diözesanmuseum Paderborn, bis zum 6. Mai 2012; Tel. 05251/1251400. Der prachtvolle Katalog ist im Hirmer Verlag, München, erschienen (443 S., 39,90 €)
- Datum 23.12.2011 - 10:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2011 Nr. 52
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Sehr informativer Artikel und eine gute Einstimmung für die Ausstellung.
Franz von Assisi ist tasächlich sehr aus unserem Denken verschwunden, dabei würde er in unsere heutige Zeit viel besser passen.
Endlich mal ein Heiliger für Hipster:)
Auffallend an dem Artikel ist die gehobene Sprache. Vermutlich nicht von einem Journalisten und vielleicht etwas zu umständlich für ein Onlineportal, aber man darf ruhig eigene Standarts setzen, meine ich.
Sehr gut, vielen Dank!
Auch heute brauchen wir Menschen die das leben, was sie "prädigen". Von selbstherrlichen Protagonisten die überall absahnen und nach besonderen Privilegien gieren haben wir die Nase voll. Die Menschen wachen auf. Siehe Rußland u.s.w. Ich wünssche mir die Wende, doch mit Würde und ohne Waffen. Möge uns das gelingen!
Franz von Assisi wird zunehmend wieder wahrgenommen. Pilgern auf dem 590 km langen Franziskusweg von Florenz über Assisi nach Rom, oder einer Teilstrecke, gilt inzwischen als Geheimtipp und Alternative zum Jakobsweg.
Inspiriert hat mich z.B. ein Artikel aus der taz.die tageszeitung von Julia Reichardt "Pilgern in Mittelitalien - Auf den steilen Pfaden des Bettelmönchs" http://www.taz.de/Pilgern-in-Mittelitalien/!75222/ Einige weitere Literaturlinks zu Franz von Assisi und Klara von Assisi, Pilgerführer, sowie einen Vorschlag einer Etappenplanung finden Sie auf meiner Website http://www.sutterer.net/o...
der Menschheit. Und zwar deshalb, weil er in den für mich als wichtigste Wesenszüge empfundenen besonders stark war: Aufrichtigkeit, Mitleid Nächstenliebe und Konsequenz.
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