VorstellungsgesprächDas Zitat... und Ihr Gewinn

Albert Camus sagt: Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit. von 

Der Personalchef fragt mit Unschuldsmiene: »Mal angenommen, Sie wären der Geschäftsführer Ihrer jetzigen Firma – welche Veränderungen würden Sie an seiner Stelle anschieben?« Was er nicht fragt, aber heimlich doch gefragt hat, ist etwas anderes: »Sollen wir als neuer Arbeitgeber nur eine Fluchtburg sein?« Und: »Neigen Sie zur Quertreiberei – oder unterstützen Sie den Kurs, der von oben vorgegeben wird?«

Eine andere Lieblingsfrage im Vorstellungsgespräch : »Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?« Gemeint ist: »Verraten Sie uns, ob die vakante Position tatsächlich reizvoll für Sie ist.« Oder der Bewerber wird scheinheilig gefragt: »In welchen Bereichen könnten wir Sie durch Fortbildungen am meisten unterstützen?« Gemeint ist: »Legen Sie Ihre Schwächen offen!« Wer auf diese Frage ehrlich und ausführlich antwortet, kickt sich selbst aus dem Rennen.

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Ähnlich heimtückisch sind projektive Fragen: »Was hätten Ihre Kollegen wohl an der Betriebskultur Ihrer aktuellen Firma zu kritisieren?« Man hofft, dass der Bewerber seine eigene Kritik nun in fremde Münder legt. Und jedes kritische Wort fällt ihm selbst auf die Füße!

Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

Ich frage mich: Muss dieses Schattenboxen wirklich sein? Was wäre eigentlich verkehrt daran, wenn ein Personaler ganz direkt fragte : »In welchen Punkten gehen Sie mit Ihrem Geschäftsführer konform? Und was sehen Sie anders?« Sage mir bitte keiner: »Das wäre zu billig!« Denn was bringen abgewetzte Standardfragen? Nichts als abgewetzte Standardantworten , die aus (oft schlechten) Bewerbungsratgebern nachgeplappert werden. Unechte Fragen beschwören unechte Antworten herauf. Ein Trauerspiel für Firmen und Bewerber.

Ich kenne mittelständische Unternehmen, deren Inhaber sich bei Einstellungsgesprächen von ihrem gesunden Menschenverstand leiten lassen – und das ist ein gutes Werkzeug. Sie fragen das, was sie wissen wollen, in klaren Worten. Und sie bekommen verblüffend klare Antworten. Frei nach Albert Camus: Die einzige Art, gegen die Pest der Heuchelei zu kämpfen, sind ehrliche Fragen!

Eine Beziehung kann nur so gut sein wie die Basis, auf der sie eingegangen wird. Wenn das Vorstellungs- nur ein Verstellungsgespräch ist – wie soll dann die Arbeits-Ehe glücken?

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Leserkommentare
    • Serok
    • 29. Dezember 2011 18:41 Uhr
    1. Danke

    für dieses kurzzeitige Aufflimmern von Menschenverstand!

    • Martyy
    • 29. Dezember 2011 21:04 Uhr

    - gefääält mir!

  1. 3. Hut ab

    vor diesem Artikel.

    Macht viel Sinn, obwohl ich in diesem Gebiet nun wirklich ein Laie bin; da ich bislang nur mit "normalen" Berufsfeldern zu tun hatte.

    • vonDü
    • 30. Dezember 2011 3:01 Uhr

    Ist das wirklich die einzige Erklärung, die ein Kommunikationsprofi mir anbieten kann, um die besseren Ergebnisse bei der Personalauswahl durch Mittelständler zu begründen?

    Es geht, ganz simpel, um Präzision. Präzision bei der Zieldefinition und Präzision in der Kommunikation. Ein Mittelständler, der Betrieb, Abläufe, Anforderungen und Mitarbeiter aus persönlicher Erfahrung kennt, hat eine viel präzisere Vorstellung davon, welche Eigenschaften ein Mitarbeiter haben sollte, damit er optimal auf eine bestimmte Stelle im System Firma passt.

    Habe ich eine genaue Vorstellung davon, wen ich für was haben will, dann kann ich meine Fragen leicht dementsprechend präzisieren. Ein Personalchef in einer großen Firma, dem Detailkenntnisse über spezielle Arbeitsplätze und Teams fehlen, kann mit Schema-F Fragen höchstens eine prinzipielle Eignung eines Bewerbers feststellen. Jemand, der prinzipiell teamfähig ist, muss noch lange nicht in ein bestimmtes Team passen.

    Es gibt keine "fiesen", oder "heimtückischen" Fragen, sondern im Rahmen eines Bewerbunsgespräches, nur mehr oder weniger zielführende Antworten. Damit umgehen zu können, ist keine große Kunst die schwer zu erlernen wäre. Niemand ist leichter zu "überlisten" als Schema-F Analysten.

    Wehrle hat Recht wenn er Ineffizienz bei der Personalfindung bemängelt. Es wundert mich nur, dass ihm als Profi, die Ursachen und Lösungen dafür nicht bekannt sind.

  2. Das mit den Standard-Fragen ist schon richtig. Ich habe schon oft in meinem Leben Standard-Porsonalern gegenüber gesessen und keins dieser Gespräche ist da zu einem natürlichen Gespräch ausgeartet. Es sind eben Fragen, die in sogenannten Bewerbungsbibeln, Bewerbungstrainings ausführlich behandelt werden und man buchstäblich darauf trainieren kann. Wenn man es recht bedenkt ergibt das keinen Sinn - weder für das Unternehmen noch für den Bewerber. Was soll man sich auch schon mit dummen Standard-Fragen/Antworten gegenseitig was in die Tasche lügen. Man hört doch schon am Tonfall, dass es sich um eine dieser blöden Fragen handelt und eigentlich nur Unbehagen verursachen wie auch die ganze Aufmachung eines sogenannten Vorstellungsgesprächs. Es ist eben Standard und es wirkt unnatürlich. Ich persönlich halte nicht viel davon, wenn Unternehmen/Bewerber sich künstlich bzw. unnatürlich präsentieren und ein falsches Bild von sich zeichnen. Es bringt im Endeffekt niemanden etwas. Ein Unternehmen, dass Standard-Personaler einsetzt ist auch Standard und es wird ihm auch kaum gelingen wirklich richtig gute Leute an Bord zu ziehen bzw. lange zu halten, da in vielen Fällen durch Standard-Rekrutierungsmethoden eben hauptsächlich Leute an Bord gezogen werden, die irgendwelchen Standard-Anforderungsprofilen entsprechen und so auch insgesamt wenig Kreatives produziert wird oder entstehen kann. Standard eben!

    • vonDü
    • 30. Dezember 2011 4:42 Uhr

    "Was wäre eigentlich verkehrt daran, wenn ein Personaler ganz direkt fragte: »In welchen Punkten gehen Sie mit Ihrem Geschäftsführer konform?"

    Warum eine Frage, die geradezu dazu einlädt Inhalts-, und Beziehungsebenen zu vermischen?
    Besonders direkt ist sie auch nicht, weil die Frage eigentlich die Antwort liefern soll, in welchen Bereichen der Mitarbeiter mit dem Geschäftsführer nicht konform geht.

    Warum nicht einfach: Wie könnten wir aus Ihrer Sicht, die Ziele unserer Firma/Abteilung noch optimaler erreichen?

  3. Wäre ich in einer solchen Situation, würde ich wohl bei solchen Fragen die Auskunft verweigern. Schließlich fragt hier ein Konkurrent meines gegenwärtigen Arbeitgebers nach Interna!

  4. ... man könne nur Menschen vertrauen, mit denen man schon einen Topf voll Salz gegessen habe.
    .
    Listige Personalerfragen schaffen nicht mehr Vertrauen als die russische Methode. Warum lässt man es nicht drauf ankommen? Es gibt doch das Probehalbjahr!

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