Sie sollte der ganze große Wurf werden, eine hochschulpolitische Innovation, die über Deutschlands Grenzen hinaus Beachtung findet. 15 Millionen Euro hat die Bundesregierung für ihre Entwicklung spendiert. Doch jetzt droht der Onlineplattform, die die aufwendige Auswahl und Zulassung Hunderttausender Erstsemester revolutionieren sollte, schon vor ihrer Einführung das endgültige Scheitern.

Das jüngste Kapitel in der jahrelangen Pannenserie ist das Eingeständnis der zuständigen Stiftung für Hochschulzulassung , dass die Software, die eigentlich bereits in diesem Wintersemester die Hochschulen versorgen sollte, auch zum Ausweichtermin 2012/13 nicht flächendeckend einsatzfähig sein wird. Grund seien erneut »technische Probleme«. Man wolle jetzt versuchen, die Hochschulen nach und nach anzuschließen – eine erstaunliche Ankündigung, bringt das neue System des bundesweiten Bewerberabgleichs doch Experten zufolge nur dann einen Vorteil, wenn die Mehrheit der Hochschulen mitmacht.

Landespolitiker und Rektoren sind empört, denn nun drohen auch nächstes Jahr Zehntausende Studienplätze unbesetzt zu bleiben. Ihr Ärger richtet sich vor allem gegen den führenden Anbieter von Hochschul-Verwaltungs-EDV: das von Bund und Ländern getragene Hochschul-Informations-System (HIS) , das entgegen früheren Versprechungen bis heute nicht in der Lage ist, die am weitesten verbreitete Version seiner Hochschulsoftware mit dem neuen System kompatibel zu machen. Thüringens Wissenschaftsminister Christoph Matschie (SPD) forderte personelle Konsequenzen und drohte laut Welt Online sogar, dem HIS den Geldhahn zuzudrehen .

Die Länder sind mitverantwortlich

Pikant ist dabei, dass die Länder selbst Mitverantwortung am Chaos tragen. Sie besetzen gemeinsam mit den Hochschulen das Aufsichtsorgan der Stiftung für Hochschulzulassung, besser bekannt unter ihrem ehemaligen Namen Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS). Die frühere ZVS soll das neue Vergabesystem administrieren, doch offenbar ist die Exbehörde schon mit der Auftragsvergabe ans HIS komplett überfordert. Auch die Bundesregierung als Geldgeber steht in der Kritik, da sie zwar eine Überprüfung der IT-Sparte beim HIS angekündigt hat, sich aber ansonsten bislang auffallend passiv verhält.

Die siebenstündige Sitzung des Stiftungsrates vergangene Woche habe zum Teil absurde Züge angenommen, berichten Teilnehmer. Ausgerechnet der seit Monaten unermüdlich für eine Lösung kämpfende ehrenamtliche Stiftungsratsvorsitzende Micha Teuscher sei von den Mitarbeitern der Ex-ZVS vorgeführt worden. So habe Teuscher, im Hauptberuf Rektor der Hochschule Neubrandenburg , in Abstimmung mit der Behörde den Vorschlag forciert, das neue Vergabesystem 2012 wenigstens mit einem einzigen Fach zu beginnen, nämlich der Psychologie. Mitten in der angeregten Diskussion über den neuen Plan hätten sich dann jedoch plötzlich die Mitarbeiter der Stiftung zu Wort gemeldet und mitgeteilt, dass so ein Verfahren angesichts der hohen Bewerberzahlen in diesem Fach technisch gar nicht möglich sei.

Einige Mitglieder des Rates hatten zudem vor der Sitzung frustriert gefordert, den Hochschulen offiziell zur Anschaffung von HIS-Konkurrenzprodukten zu raten. Sie seien die ewigen Versprechungen und Ausreden des HIS leid. Tatsächlich hat der private Dienstleister Datenlotsen , der eine Minderheit von Hochschulen mit Verwaltungs-EDV versorgt, die Anbindung an das Zulassungssystem längst hinbekommen.

Zu einer solchen Empfehlung allerdings konnte sich der Stiftungsrat nicht durchringen, »aus vergaberechtlichen Gründen«. Auch eine von vielen als überfällig erachtete Stellungnahme zu den fortdauernden Lieferschwierigkeiten des staatseigenen HIS sei unterblieben, vor allem auf Drängen des Vertreters von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), wie weiter berichtet wurde.

Mittlerweile geht es um Gesichtswahrung

In dem Dickicht der sich überschneidenden Loyalitäten versuchte die Stiftung, in einer Pressemitteilung die eigentliche Nachricht der erneuten Pleite hinter der Formulierung zu verstecken, dass 2012 ein »Pilotbetrieb« beginne. Doch werden schätzungsweise höchstens 40 von rund 200 infrage kommenden Hochschulen technisch in der Lage sein, daran teilzunehmen. Rektoren kritisieren daher, ein solcher Betrieb diene nur der Gesichtswahrung, weil für das Funktionieren die Beteiligung von mindestens 100 Hochschulen nötig sei. Immer mehr Rektoren spielen angesichts des fortgesetzten Chaos offenbar sogar mit dem Gedanken, ihre Beteiligung an dem System ganz abzusagen. Es wäre das Aus der Plattform.

Der Grünen-Politiker Kai Gehring sprach von dem »Ergebnis organisierter Verantwortungslosigkeit auf dem Höhepunkt des Studierenden-Ansturms«. Grüne und SPD forderten Schavan auf, die Hochschulzulassung bundeseinheitlich zu regeln. Doch der Stiftungsratsvorsitzende Teuscher gibt zu bedenken: »Mit einem Gesetz bekommen wir die Software auch nicht zum Laufen.«