Bundesanwalt Beyeler "Man will die Institution schwächen"
Der scheidende Bundesanwalt Erwin Beyeler kontert die Angriffe gegen seine Behörde. Im letzten Interview seiner Amtszeit kritisiert er Politik, Medien, Gerichte und Anwälte.
DIE ZEIT: Herr Beyeler, was war Ihr größter Erfolg als Bundesanwalt?
Erwin Beyeler: Dass die Bundesanwaltschaft nach all diesen Reorganisationen jetzt wie eine normale Staatsanwaltschaft arbeiten kann.
ZEIT: Gab es auch Ziele, die Sie nicht erreichten?
Beyeler: Mir sind keine bekannt.
ZEIT: Immerhin standen Sie in Ihrer Amtszeit extrem im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, Sie wurden harsch kritisiert. Wurden Sie also von Medien und Politik falsch verstanden?
Beyeler: Das wäre ein Thema für ein Gespräch allein: Mit meinen Erfahrungen könnte ich gut mal als Referent am Medienausbildungszentrum auftreten. Aber Spaß beiseite: Ich fühle mich nicht von den Medien oder der Politik falsch verstanden. Es sind einzelne Exponenten, und die haben die Sache durchaus richtig verstanden, aber falsch dargestellt.
ZEIT: Was würden Sie denn am Medienausbildungszentrum lehren?
Beyeler: Es gibt die Gefahr der »Weltwochisierung« der Medienlandschaft. Der kann sich – wie mir scheint – zurzeit kein Medium entziehen.
ZEIT: Was meinen Sie mit »Weltwochisierung«?
Beyeler: Eine Kultur des Vorwurfs. Das durften auch andere erleben: Bundesratskandidat Bruno Zuppiger, vorher Regierungsrätin Karin Keller-Sutter, noch vorher Amtsdirektor Alard du Bois-Reymond. Gepaart ist die Kultur des Vorwurfs mit der Unkultur der Indiskretion. Zu viele Journalisten leben nur von Indiskretionen, die sie kolportieren und zu einem Vorwurf machen – et voilà! Und bei dieser »Weltwochisierung« muss jeder mitziehen, kein Blatt hält dagegen. Es ist das, was Alt Bundesrat Samuel Schmid in Ihrer Zeitung »Rudeljournalismus« genannt hat.
ZEIT: Die Bundesanwaltschaft steht doch seit Jahrzehnten in der Kritik. Wir erinnern an den Fichenskandal.
Beyeler: Die Bundesanwaltschaft zu kritisieren ist grundsätzlich ein dankbares Thema. Und es ist nicht schwierig.
ZEIT: Wieso?
Beyeler: Man hat rasch das Gefühl, dass man ein Strafverfahren versteht. Hinter so einem Verfahren steckt immer eine schöne Geschichte, die sich aufbereiten lässt. Bei einem finanzpolitischen Zusammenhang muss man sich eher reinknien.
ZEIT: Dann stünden die kantonalen Staatsanwaltschaften doch in einem ähnlich dichten Sperrfeuer.
Beyeler: Dort fängt es auch schon an. Ein Problem ist etwa hier wie dort, dass die öffentliche Wahrnehmung der Verfahren durch die Verteidigung gesteuert wird: Die Anwälte stellen sich hin, erzählen ihre Sicht der Dinge, und die Zeitungen übernehmen das widerspruchslos. Bei der Bundesanwaltschaft hatten wir zudem ein Problem mit dem Bundesstrafgericht, welches die Gnade hatte, uns in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Was nicht angeht.
ZEIT: Was hätte man anderes über die Bundesanwaltschaft erzählen sollen?
Beyeler: Unsere Argumente wurden jeweils unter den Tisch gewischt.
ZEIT: Können Sie uns Beispiele geben?
Beyeler: Da gab es einen Artikel in der NZZ am Sonntag über unsere Ausgaben...
ZEIT: ...dass diese massiv gewachsen seien.
Beyeler: Eben, Sie glauben das auch. Aber die Kosten sind bei genauer Betrachtung nicht gewachsen. Der Journalist bekam mehrfach schriftlich und am Telefon ausführlich Antwort auf seine Fragen und erhielt außerdem Hintergrundinformationen. Dann schreibt er, wir hätten 2,4 Millionen Franken Betriebsaufwand, der hauptsächlich für Dienstreisen eingesetzt werde. Dabei sind es 400.000 Franken für Dienstreisen, das andere sind übrige Betriebsauslagen. So etwas ist nicht mehr Nichtkönnen, so etwas ist Stimmungsmache.
- Datum 22.12.2011 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2011 Nr. 52
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