Countertenöre Künstliche Insel
Zwei Stars der Countertenorszene erkunden die sanfte Seite des barocken Italiens.
© Simon Fowler

Der französische Countertenor Philippe Jaroussky
Eine seltsame Welt ist das mit ihren Schäfern, Nachtigallen, sanft brechenden Herzen. Ein Leben, in dem der Schmerz schlimmstenfalls zu einer Sekundreibung führt, ehe selige Terzen folgen. So mild, so diskret und intim wie auf dieser CD hat man die Musik jener Zeit noch nicht gehört, das Italien um 1700, in dem ja keineswegs Windstille herrschte. Auch furiose und dramatische Arien entstanden da, von Caldara bis Händel, sie haben viele Barockfans süchtig gemacht nach immer neuen Aufnahmen. Die Sopranistin Cecilia Bartoli verzeichnet Rekordverkäufe mit solcher Musik, Philippe Jaroussky wurde damit zum Apoll der Countertenöre. Doch nun erkundet er das Idyll jenseits der Feuerwerke.

Der männliche Mezzosoprano Max Emanuel Cencic
Gemeinsam mit Max Emanuel Cencic, einem weiteren Star der Szene, hat er Duetti aufgenommen, jene Kammerduette, wie sie zu Hunderten und Aberhunderten von Wien bis Neapel komponiert wurden und vor allem in Rom, wo die Accademia dell’Arcadia ihren Sitz hatte. Ein Kreis von Künstlern und kunstsinnigen Mächtigen. Einer wie Marchese Ruspoli konnte morgens 1.200 Mann in den Krieg gegen Habsburg schicken und abends einer Kantate von Alessandro Scarlatti lauschen: Unterhaltung für eine Elite. Zwei Vokalisten, zwei Geigen, Cello, Laute und ein Tasteninstrument, das genügte, um sich am schönen Schmerz all der Dorinden und Cloris, Silvios und Mirtillos auf arkadischen Auen zu weiden, an der Kunst der Komponisten und der Sänger.
Letztere hat seither lange gebraucht, um der Delikatesse der Wortausdeutung, der fast instrumentalen Linienführung, den eleganten Ornamenten wieder angemessen begegnen zu können, und ein Duettieren wie das zwischen Jaroussky und Cencic wäre noch vor zehn Jahren kaum denkbar gewesen. Für derartig unangestrengte Übereinstimmung musste in der spät etablierten Szene der Countertenöre erst ein stilistischer Konsens entstehen, eine Basis der Technik, musste eine Generation auftauchen, die sich nicht mehr in Pionierk(r)ämpfen verschleißt. Aus den Jahren, als Counter exotisch waren, ist allenfalls die Solidarität geblieben, die weiblichen Diven fehlt: Hier bricht keinem Star ein Zacken aus der Krone, wenn er noch einen neben sich hat.
Mit klarer, leicht pastellener Stimme übernimmt Jaroussky meist den höheren Part der für Soprane und Mezzi geschriebenen Duette, Cencic, dunkler timbriert und mit schärferer Kontur, ergänzt das so ideal, dass selbst die Binnenspannung einzelner Silben bei beiden identisch ist. Zusammengebracht hat sie Altmeister William Christie, der auch die kleine, leider zu leise aufgenommene Combo leitet und wunderbare Funde zusammenstellte. Einen Bononcini etwa, der zum Wort »Abgrund« schon 1691 Bach’sche Motivik komponiert. Einen Marcello, der aus zwölf Worten zweisame Liebestrauer von jener Schlichtheit macht, die nur Meistern gelingt – wobei er im Hauptberuf venezianischer Jurist ist.
Zugegeben, manchmal fehlt einem eine etwas leidenschaftlichere Nummer zwischen all den noblen Liebesklagen. Aber sie sollten ja auch nicht überwältigen und nur bezaubern. Gedruckt wurden die wenigsten der auf Zuruf komponierten Stücke, und die Handschrift, die Scarlatti 1706 dem Marchese Ruspoli in Rom überreichte, tauchte erst 1923 wieder auf. Aus Amore e Virtù ist ein Paarlauf beschwingter Koloraturen zu hören. Sein verstörend abruptes Ende lässt rätseln, ob der Komponist die Konvention sprengen wollte oder ob schlicht ein paar Takte fehlen. Jedenfalls markiert es drastisch den Rand der künstlichen Insel, die jenes Arkadien war.
Duetti – Philippe Jaroussky, Max Emanuel Cencic, Les Arts Florissants, Ltg.: William Christie (EMI)
- Datum 01.01.2012 - 19:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.12.2011 Nr. 52
- Kommentare 1
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..."Farinelli" ein.
Vielleicht hat jemand auch den schönen Film desselben Titels gesehen, der vor etwa 10 Jahren in den Kinos lief...
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