Reichtum"Klassenkampf von oben"

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer über die "Parallelgesellschaft" der wohlhabenden Deutschen von 

DIE ZEIT: Herr Heitmeyer, sechs Tage lang waren wir als Obdachlose bei Deutschlands Reichen. Nur für eine Nacht fanden wir Unterkunft – bei einem Pfarrer. Überrascht Sie das?

Wilhelm Heitmeyer: Überhaupt nicht. Aus unseren Erhebungen weiß ich, dass es nicht mehr nur eine Ungleichheit in der Gesellschaft gibt, sondern eine regelrechte Ideologie der Ungleichwertigkeit.

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ZEIT: Was meinen Sie damit?

Heitmeyer: Soziale Ungleichheit hat es immer gegeben. Erkennbar ist aber, dass die Starken die Schwachen verstärkt abwerten. Ein Beispiel: Etwa 35 Prozent der Bundesbürger wünschen sich, dass Obdachlose aus Fußgängerzonen entfernt werden. Und 61 Prozent finden, dass zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden müssen.

ZEIT: Was lässt sich gegen das Argument einwenden, dass viele an ihrer Lage selbst schuld sind?

Heitmeyer: Dass wir es nur als Behauptung verwenden. Oder sind Sie bei Ihrem Experiment nach Ihrer persönlichen Geschichte gefragt worden?

ZEIT: So gut wie nie.

Heitmeyer: Sehen Sie. Die Gruppe als ganze wird abgewertet. Das Interesse am einzelnen Schicksal spielt keine Rolle mehr.

ZEIT: Während unserer Recherche halfen uns eigentlich nur die Helfer der Reichen – die Reichen selbst waren total erstaunt, dass wir ausgerechnet sie um Hilfe baten.

Prof. Wilhelm Heitmeyer

ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Er forscht unter anderem zum Thema »Gruppen-bezogene Menschenfeindlichkeit« und beobachtet seit 2002 mittels der Langzeitstudie »Deutsche Zustände« die Entwicklung von Einstellungen und Vorurteilen gegenüber Minderheiten.

Heitmeyer: Das ist die Folge eines weitverbreiteten ökonomistischen Menschenbildes. Bei Wohlhabenden gibt es dabei einen besonders hohen Zusammenhang mit Abwertungen anderer, übrigens auch von Langzeitarbeitslosen. In der Selbstwahrnehmung der Vermögenden strotzen deren Biografien vor Effizienz, Nützlichkeit und Verwertbarkeit. Dazu kommen durch ihre Sozialisierung – etwa durch Abschottung, ihre Wohnlage – bestimmte Habitusmuster. Dazu gehört Gleichgültigkeit gegenüber Obdachlosen. Es gibt eine elitäre Parallelgesellschaft, in der ein eisiger Jargon der Verachtung herrscht und kaum Interesse an gesellschaftlichen Integrationsproblemen. Es gibt also keine Auseinandersetzung mit dem, was in unserer Gesellschaft geschieht. Es geht den Reichen bei ihrer Abschottung um die Sicherung ihres Status. Insofern gibt es sozusagen einen Klassenkampf von oben.

ZEIT: Wie das?

Heitmeyer: Unstrittig ist, dass in letzter Zeit eine Umverteilung von unten nach oben stattgefunden hat: Der Spitzensteuersatz wurde gesenkt, Aktiengewinne werden niedriger besteuert als so manches Arbeitseinkommen. Noch dazu wollen die Eliten eine Revolution der gebenden Hand in Gang setzen. Wenn etwa der Philosoph Peter Sloterdijk von einem kleptokratischen Sozialstaat spricht und stattdessen ebendiese gebende Hand will, also das Recht der Armen auf Hilfe ablösen möchte durch die "Gnade des Gebens", dann ist das eine Feudalisierung.

ZEIT: Derzeit geht es Deutschland im internationalen Vergleich gut. Was wird passieren, wenn die nächste Krise nach der Gesellschaft greift?

Heitmeyer: Ich habe wenig Hoffnung, dass es dann besser wird. In unseren Studien sagen 75 Prozent der Bürger, dass sich bei einer Bedrohung des eigenen Lebensstandards die Solidarität mit den Schwachen deutlich verringert. Dass Bemühungen um Gerechtigkeit besonders in Krisenzeiten erfolglos sind, sagen 60 Prozent. Dabei sind Fairness, Gerechtigkeit und Solidarität die Kernnormen für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft! Wenn eine derart große Zahl von Bürgern nicht mehr daran glaubt, dass diese zentralen Normen einzuhalten sind, gerät ein Land in Schieflage. Denn durch zunehmende Ungleichheit und eine Ideologie der Ungleichwertigkeit wird jede Gesellschaft zersetzt.

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Leserkommentare
  1. Ich habe für Menschen, die sich in bigotter Weise ein christliches Deckmäntelchen umhängen kein Verständnis.
    "An ihren Taten sollt ihr sie messen" habe ich in dem Zusammenhang in Erinnerung.

    Auch ich halte eine Gesellschaft in der die Mittelschicht beängstigend schnell schmilzt für gefährlich. Wenn nur noch "die da unten" und "die da oben" übrig sind, muss es fast zwangsläufig zum Klassenkampf kommen und der wird kaum friedlich verlaufen.

    Ob jedoch noch jemals "die da unten" aus einem solchen Klassenkampf als Sieger hervorgehen können, wie bei der französischen Revolution, möchte ich bezweifeln. Dafür sind die Kräfteverhältnisse zu ungleich zugunsten der Besitzenden.

    Herr Buffet hat es auf den Punkt gebracht. "Es herscht Klassenkampf und es ist meine Klasse, die der Reichen, die gewinnt" - ich fürchte er hat Recht.

    • Ellmax
    • 26. Dezember 2011 14:26 Uhr

    "Am 09.11.1989 haben wir mit der Maueröffnung auch die Abrissbirne gegen den Sozialstaat in Position gebracht. Hartz V bis Vlll werden demnächst folgen. Es ist Klassenkampf und es ist gut so, dass der Gegner auf der anderen Seite kaum wahrzunehmen ist."

    Michael Rogowski, Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) am 16.12.2004 auf PHOENIX

    http://www.nrhz.de/flyer/...

  2. Grosses Lob an die Redaktion für diesen Artikel, der ein in unseren Medien meiner Meinung nach viel zu selten diskutiertes Problem beleuchtet.

    2 Leserempfehlungen
    • Ad.F.
    • 26. Dezember 2011 17:40 Uhr

    Ich will mich zu der ganzen Debatte eigentlich nicht groß äußern. Aber mit einer Aussage von Herr Heitmeyer bin ich gar nicht einverstanden: "Unstrittig ist, dass in letzter Zeit eine Umverteilung von unten nach oben stattgefunden hat: Der Spitzensteuersatz wurde gesenkt, Aktiengewinne werden niedriger besteuert als so manches Arbeitseinkommen."
    Nein!! Es gibt keine Umverteilung von unten nach oben!! Umverteilt wird von oben nach unten. Eine Senkung des Spitzensteuersatzes hat nicht das geringste mit einer "Umverteilung von unten nach oben" zu tun. Da die Reichen die größten Teil des Steueraufkommens beisteuern, findet eine Umverteilung von oben nach unten statt. Punkt.

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    In Deutschland wird der Löwenanteil der Steuereinnahmen von Arbeitnehmern Lohnsteuer und der Umsatzsteuer erbracht.
    http://www.destatis.de/je...

    Die Zeche zahlen in Deutschland die Arbeitnehmer. Deutschland belastet Arbeitseinkommen am zweithöchsten aller OECD Staaten und Niedrig- und Durchschnittsverdiener noch mal uberproportional hoch obendrauf.
    http://www.rentenreform-a...

    Im Gegensatz dazu wurden in den letzten Jahren die Steuern und Abgaben für Selbständige und Unternehmen massiv gesenkt. Selbst bei gleichem Bruttoeinkommen hat ein Selbständiger mehr Nettoeinkommen und Deutschland ist ein Steuerparadies für Vermögende. Die Steuern und Abgaben auf Vermögen sind für Deutschland am zweitniedrigsten in der OECD.

    Also findet natürlich eine Umverteilung von unten nach oben statt. Ganz leicht daran zu merken, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden.
    Punkt - Punkt und Doppelpunkt!

  3. In Deutschland wird der Löwenanteil der Steuereinnahmen von Arbeitnehmern Lohnsteuer und der Umsatzsteuer erbracht.
    http://www.destatis.de/je...

    Die Zeche zahlen in Deutschland die Arbeitnehmer. Deutschland belastet Arbeitseinkommen am zweithöchsten aller OECD Staaten und Niedrig- und Durchschnittsverdiener noch mal uberproportional hoch obendrauf.
    http://www.rentenreform-a...

    Im Gegensatz dazu wurden in den letzten Jahren die Steuern und Abgaben für Selbständige und Unternehmen massiv gesenkt. Selbst bei gleichem Bruttoeinkommen hat ein Selbständiger mehr Nettoeinkommen und Deutschland ist ein Steuerparadies für Vermögende. Die Steuern und Abgaben auf Vermögen sind für Deutschland am zweitniedrigsten in der OECD.

    Also findet natürlich eine Umverteilung von unten nach oben statt. Ganz leicht daran zu merken, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden.
    Punkt - Punkt und Doppelpunkt!

    4 Leserempfehlungen
  4. Der Heitmeyer ist nunmal ein sozialistischer Kollektivist. Da müssen dann alle alle mögen, jeder soll seinen gerechten Platz in der Gesellschaft bekommen und was gerecht ist, das habe der Staat festzulegen. Sozialisten irren in so vieler Hinsicht, das was er da als Wissenschaft verkaufen will, ist leider nicht verwertbar.

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    • KatZwe
    • 27. Dezember 2011 4:59 Uhr

    dass jeder seinen gerechten Platz bekommt, wenn es doch der gerechte und somit richtige ist? Und wer sollte es sonst festlegen, wenn nicht der Staat, als Zusammenschluss seiner Bürger, vertreten durch gewählte Abgeordnete und seine Regierung? Glauben Sie, es besser zu wissen?

    • KatZwe
    • 27. Dezember 2011 4:59 Uhr

    dass jeder seinen gerechten Platz bekommt, wenn es doch der gerechte und somit richtige ist? Und wer sollte es sonst festlegen, wenn nicht der Staat, als Zusammenschluss seiner Bürger, vertreten durch gewählte Abgeordnete und seine Regierung? Glauben Sie, es besser zu wissen?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ach ja, der Heitmeyer "
  5. Ich denke, dass es tatsächlich das Gefährlichste ist, den Hass, der sich aufbaut, zu unterschätzen. Und es ist auch das Tragische daran. Weil dem stillen Hass, der einstweilen gegen die Erfolglosen - und die Erfolglosigkeit selbst - sich richtet, der offene Hass folgt, weil niemand gegen den stillen sagte: pass auf mein Freund, vieles, aber nicht das! Sag das sie stinken, das sie ungepflegt sind, keine Manieren haben vielleicht (jedenfalls nicht die deinen), aber dieser verborgene Hass da, den lässt du schön sein mein Freund. Was die von diesem Obdachlosen da trennt ist nichts als ein Zufall. Und den sollte man nicht provozieren, schon gar nicht, wenn alle Verteidigung dagegen aus deinem kleinen Hass besteht.

    Aber sowas ist ja Sozialistengeschwätz. There is no society, meinte die Thatcher und sie sagte damit there mustn't be a society. Es gibt überhaupt keine sozialen Missstände, die durch sowas wie Ungleichheit ausgelöst werden könnten, es gibt auch kein Elend, mit dem irgendwer ausser der Elende selbst was zu schaffen hätte, es gibt keine Probleme, für die man nicht irgendwann bezahlen und könnte und wenn man nichts bezahlen kann, gibt es auch kein Problem. Probleme sind Privilegien, also nichts, das Obdachlose haben könnten oder irgendwie mit ihnen in Verbindung gebracht werden könnte ausser dem Problem, dass die Odachlosen existieren. Das sollte man mal beheben. Sie nerven und sie sehen nicht gut aus. Mein Kind hat Angst, bei Berührung so zu werden wie die da.

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  • Schlagworte Biografie | Ideologie | Norm | Obdachlose | Peter Sloterdijk | Solidarität
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