DIE ZEIT: Herr Heitmeyer, sechs Tage lang waren wir als Obdachlose bei Deutschlands Reichen. Nur für eine Nacht fanden wir Unterkunft – bei einem Pfarrer. Überrascht Sie das?

Wilhelm Heitmeyer: Überhaupt nicht. Aus unseren Erhebungen weiß ich, dass es nicht mehr nur eine Ungleichheit in der Gesellschaft gibt, sondern eine regelrechte Ideologie der Ungleichwertigkeit.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Heitmeyer: Soziale Ungleichheit hat es immer gegeben. Erkennbar ist aber, dass die Starken die Schwachen verstärkt abwerten. Ein Beispiel: Etwa 35 Prozent der Bundesbürger wünschen sich, dass Obdachlose aus Fußgängerzonen entfernt werden. Und 61 Prozent finden, dass zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden müssen.

ZEIT: Was lässt sich gegen das Argument einwenden, dass viele an ihrer Lage selbst schuld sind?

Heitmeyer: Dass wir es nur als Behauptung verwenden. Oder sind Sie bei Ihrem Experiment nach Ihrer persönlichen Geschichte gefragt worden?

ZEIT: So gut wie nie.

Heitmeyer: Sehen Sie. Die Gruppe als ganze wird abgewertet. Das Interesse am einzelnen Schicksal spielt keine Rolle mehr.

ZEIT: Während unserer Recherche halfen uns eigentlich nur die Helfer der Reichen – die Reichen selbst waren total erstaunt, dass wir ausgerechnet sie um Hilfe baten.

Heitmeyer: Das ist die Folge eines weitverbreiteten ökonomistischen Menschenbildes. Bei Wohlhabenden gibt es dabei einen besonders hohen Zusammenhang mit Abwertungen anderer, übrigens auch von Langzeitarbeitslosen. In der Selbstwahrnehmung der Vermögenden strotzen deren Biografien vor Effizienz, Nützlichkeit und Verwertbarkeit. Dazu kommen durch ihre Sozialisierung – etwa durch Abschottung, ihre Wohnlage – bestimmte Habitusmuster. Dazu gehört Gleichgültigkeit gegenüber Obdachlosen. Es gibt eine elitäre Parallelgesellschaft, in der ein eisiger Jargon der Verachtung herrscht und kaum Interesse an gesellschaftlichen Integrationsproblemen. Es gibt also keine Auseinandersetzung mit dem, was in unserer Gesellschaft geschieht. Es geht den Reichen bei ihrer Abschottung um die Sicherung ihres Status. Insofern gibt es sozusagen einen Klassenkampf von oben.

ZEIT: Wie das?

Heitmeyer: Unstrittig ist, dass in letzter Zeit eine Umverteilung von unten nach oben stattgefunden hat: Der Spitzensteuersatz wurde gesenkt, Aktiengewinne werden niedriger besteuert als so manches Arbeitseinkommen. Noch dazu wollen die Eliten eine Revolution der gebenden Hand in Gang setzen. Wenn etwa der Philosoph Peter Sloterdijk von einem kleptokratischen Sozialstaat spricht und stattdessen ebendiese gebende Hand will, also das Recht der Armen auf Hilfe ablösen möchte durch die "Gnade des Gebens", dann ist das eine Feudalisierung.

ZEIT: Derzeit geht es Deutschland im internationalen Vergleich gut. Was wird passieren, wenn die nächste Krise nach der Gesellschaft greift?

Heitmeyer: Ich habe wenig Hoffnung, dass es dann besser wird. In unseren Studien sagen 75 Prozent der Bürger, dass sich bei einer Bedrohung des eigenen Lebensstandards die Solidarität mit den Schwachen deutlich verringert. Dass Bemühungen um Gerechtigkeit besonders in Krisenzeiten erfolglos sind, sagen 60 Prozent. Dabei sind Fairness, Gerechtigkeit und Solidarität die Kernnormen für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft! Wenn eine derart große Zahl von Bürgern nicht mehr daran glaubt, dass diese zentralen Normen einzuhalten sind, gerät ein Land in Schieflage. Denn durch zunehmende Ungleichheit und eine Ideologie der Ungleichwertigkeit wird jede Gesellschaft zersetzt.