Soziale Kluft : Maria und Josef im Ghetto des Geldes
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"Da sind wieder die faulen Feiglinge", meldet ein Mädchen seiner Mutter

Beschützt von unseren Mützenkrempen, betrachten wir die Passanten: auch die Rentner rank und schlank, Führungsfiguren mit durchgedrücktem Rücken. Nach einer halben Stunde tröpfeln die ersten Münzen in unseren Becher, verbunden mit dem Hinweis: "Aber nicht für Drogen!" Der Mittag geht, die Bäckerin kommt. Als sie uns vor ihrem Schaufenster sitzen sieht, verrutscht ihr das Gesicht. Sie schließt den Laden auf und sagt: "Hier können Sie aber nicht bleiben." Von innen beäugt sie uns durch ihre Auslagen. Als sie sieht, dass wir aufstehen, reicht sie uns in wortloser Verlegenheit eine Tüte mit drei Brötchen heraus.

Sieben Euro, 43 Cent, drei Brötchen – das ist die Bettelbeute des ersten Tages. Verglichen mit unseren Erwartungen, durch die Holzach-Lektüre vergiftet von Vorurteilen, richtig viel. Verglichen mit den 50000 Euro, die ein Kronberger, wie wir später erfahren werden, auf seiner Hochzeit allein für den Blumenschmuck ausgegeben hat, eher wenig.

Schnell fällt die Dämmerung. Wo schlafen? In einer der leeren Weihnachtsmarktbuden? Auf der Burg, deren Pforte offen steht? Ein Junge hat uns von einer Begegnungsstätte des Bundes der Pfadfinderinnen und Pfadfinder oben am Hang erzählt. Wir steigen eine Straße hinauf, vorbei an immer wuchtigeren Portalen, durch deren gusseiserne Gitter gewaltige Gärten zu sehen sind, tief und schwarz. Jaguare, Porsches, Maseratis jagen an uns vorbei den Berg hinauf. Röhrend kommen die Männer nach Hause.

Das Pfadfinderheim liegt am Ende einer Sackgasse. Über der Tür leuchtet ein roter Herrnhuter-Stern, an den Fenstern kleben Schneeflocken-Scherenschnitte, die Decken sind mit Kiefernholz vertäfelt. Der ganze gute Wille der sechziger Jahre, Geborgenheit in Zwei-, Vier- und Sechsbettzimmern. Ein paar Burschen spielen Tischtennis. Einer fragt leise: "Sind das Penner oder Zecken?"

Den Herbergseltern steht die Ablehnung schon in den Augen, als sie uns erblicken. Ein Paar um die sechzig, zwei müde Gesichter.

"Was wollen Sie denn?", fragt der Mann.

"Fragen, ob wir bei Ihnen schlafen dürfen."

"Das geht schon organisatorisch nicht. Wir nehmen nur Gruppen auf."

Er scheint zu riechen, dass wir kein Geld haben. Er fragt nicht mal danach. Hinter verschränkten Armen hat er sein Urteil längst gefällt.

"Und wenn wir im Garten helfen?", fragen wir. "Oder in der Küche?"

"Das schon mal gar nicht! Da ist das Gesundheitsamt vor."

Seine Frau sagt: "Sie können hier gern noch etwas essen..."

"...aber dann kommen die vielleicht nicht mehr weg", raunt er ihr zu.

Fünf Minuten später stehen wir wieder auf der Straße. In den Händen eine Tüte, eilig gepackt von der Herbergsmutter, darin Klappstullen, Äpfel, Mandarinen und Saft. Wir laufen den Hang wieder hinunter. Auf jedem Weg, in jeder Tempo-30-Zone hinterlassen wir einen Schweif aus Licht, herbeigezaubert von Bewegungsmeldern.

Ist es Trotz, der uns zur Burg treibt, dem Wahrzeichen der Stadt? Heimlich schlüpfen wir in den Burghof, wo der Rotary Club zwei Zelte für den Weihnachtsmarkt aufgespannt hat. In einem rollen wir unser Lager aus und versuchen zu schlafen. Nachts setzt Regen ein. Sturm zerrt am Zelt. Irgendwann murmelt Viola: "Jetzt büßen wir für unsere Lügen."

Nach dieser Nacht haben wir die innere Distanz zu unseren obdachlosen Doppelgängern weitgehend verloren und die nötige Glaubwürdigkeitspatina gewonnen.

Als die Sonne aufgeht, schwimmt Kronberg wie eine Insel auf einem goldenen Wolkenmeer. Im Süden ragt Frankfurts Skyline aus dem Dunst wie ein borstiges Stacheltier. Dort unten wird gearbeitet, hier oben gelebt. Ohne den Pragmatismus des einen Ortes gäbe es vermutlich die Romantik des anderen nicht – und andersherum. Ehrfurchtsvoll lassen wir das große Yin und Yang des Frankfurter Finanzkosmos auf uns wirken.

Im tauglänzenden Victoriapark begegnen wir einer Frau und ihrer kleinen Tochter. Das Mädchen schaut uns an und ruft: "Mama! Da sind wieder die faulen Feiglinge."

Das arme Kind. Ob seine Eltern die Meldung zur Kenntnis genommen haben, dass die Lebenserwartung deutscher Geringverdiener mittlerweile sinkt? Wird es von ihnen je erfahren, dass es größere Katastrophen gibt als einen Absturz des Dax? Wird es sich je darüber wundern, dass in Deutschland die reichsten zehn Prozent mehr als 60 Prozent allen Vermögens besitzen, die ärmsten 50 Prozent aber nur zwei?

Womöglich ist dem Mädchen gerade eine Kronberger Lebenslogik rausgerutscht: Wem es schlechter geht als einem selbst, der ist faul, feige oder sonst wie ein Versager. Von ganz oben betrachtet, muss die Welt dann von lauter Nichtsnutzen bevölkert sein.

Was ist das für ein Soziotop, in dem Spielmanns Officehouse sitzt, ein Inneneinrichter mit dem Slogan "Führen mit Stil", der Muammar al-Gadhafis Paläste in Libyen ausstattete und kürzlich auf 19 Flachbildfernsehern für den – inzwischen vom Volk getöteten – Diktator sitzen blieb? Ein Ort, in dem ein Banker namens Peter Gloystein seine CDU-Karriere startete, der 2005 als Bremer Wirtschaftssenator bei einem Weinfest einen obdachlosen Störer mit Sekt übergoss und sagte: "Hier, damit du auch was zu trinken hast!" Ein Ort, in dessen Anzeigenblatt Kronberger Bote ein Militärhistoriker "Militaria & Patriotika bis 1945" sucht.

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Kommentare

508 Kommentare Seite 1 von 67 Kommentieren

Das Wort (Sozial-) Neid wird in diesem Zusammenhang leider inflationär und oft auch fälschlicherweise benutzt. Neidisch ist "Otto Normal Verbraucher" wohl eher auf den direkten Nachbarn, der das bessere Auto fährt und dessen Haus größer und schöner ist.
Auf Menschen, die ihr z.T. pervers großes Vermögen ererbt- oder unredlich zusammen gerafft haben, sind die wenigsten. Diese monetäre Distanz ist viel zu groß.
Aber worum diese Ultrareichen am wenigsten zu beneiden sind, ist die Angst vor Entführung ihrer Kinder und der Begegnung mit dem Fußvolk.
Wer sich hinter Mauern und Zäunen abschotten muss, kann imho kein wirklich entspanntes und lebenswertes Leben leben.

Vielen Dank, @3, für Ihren...

...Kommentar.
Das Beispiel mit dem "Spiegel" ist so passend. Im Grunde ist es vielleicht die einzig überzeugende Reaktion auf den hervorragenden, wenn auch erschütternden Artikel...

Wir wissen um die soziale und emotionale Kälte in unserer Gesellschaft. Aber oft ändert sich nichts oder nur wenig daran...

Es wird viel zu wenig von den Menschen berichtet, die sehr wohl "Gutes" tun. Vielleicht, weil sie selbst zu bescheiden sind, darüber zu sprechen. Oder, weil für sie Nächstenliebe etwas Selbstverständliches ist, worüber man nicht gross zu tönen braucht. Oder, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass man sie verlacht und sie als "Gutmenschen" bezeichnet...
Man könnte viel, sehr viel zu dem Thema sagen.
...
Wenn man nur sehr wenig zu essen hat, allein ist und zu zerbrechlich, sich in der harten Menschenwelt "zurecht" zu finden, dann hilft dieser Rat, den ich selbst einmal bekommen habe:
"Kaue ganz langsam - dann geht der Hunger schneller weg."

Allen noch einen schönen 2. Weihnachtstag und alles Gute für das Neue Jahr.

Im wohlhabenden Frankfurt

Nachdem ich die gedruckte Version dieser Reportage bereits gelesen habe, kam bei mir die Frage auf, wie es den Beiden wohl ergangen wäre, wenn sie diese Reportage in Frankfurt gemacht hätten.
So wie in anderen Großstädten gibt es hier sehr wohlhabende Mitbürger und nicht eben wenige, die mit Arbeitslosengeld II irgendwie zurande kommen müssen.
Obdachlose sind aber auch hier eine ganz besondere Gruppe in der Gesellschaft. Ich würde mal davon ausgehen, wenn man (Frau) hier in Frankfurt an fremde Türen klopft, um nach einer Möglichkeit zum Übernachten zu suchen, fallen die Reaktionen ähnlich "reserviert" aus wie im Taunus. Der Unterschied ist eher, hier gibt es Menschen / Institutionen die sich schwerpunktmäßig um Obdachlose kümmern.
Anders ausgedrückt, es gibt hier so etwas wie ein soziales Netz, welches sich um jene kümmert, die in unserer Gesellschaft "ganz unten" angekommen sind.

Hals nicht voll bekommen?

Niemand ist in Deutschland gezwungen auf der Straße zu leben.
Und wenn man es unbedingt will, so kann man sich "nicht sesshaft" in den Perso eintragen lassen und 1x tägl 10€ vom Sozialamt holen..

Das wird halt über Steuern und Sozialabgaben finanziert.
Gäbe es dieses System nicht, würden Menschen vllt auch mehr Almosen geben.
Aber wieso muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man nicht alles doppelt und dreifach abgibt?

Wer ist "Niemand" ??

Solange ich bewusst zurück blicken kann (und dies umfasst inzwischen rund 4 Jahrzehnte) war Obdachlosigkeit hier in Frankfurt stets ein gesellschaftliches Faktum. Ob die Ursachen dafür in Suchtkrankheiten, Psychischen Erkrankungen allgemein, oder nicht verarbeiteten Lebenskrisen liegen - darüber mögen andere / kompetentere Urteilen.
Fakt ist auch, trotz der Bankenkrise ist Frankfurt am Main immer noch einer wohlhabenden Städte in der Republik (eine derartige Einnahmesituation hätte manch anderer Kämmerer nur allzu gerne), aber wo viel Licht da (auch) viel Schatten.
Unser soziales Netz gehört eindeutig zu den positiven Errungenschaften unserer Republik, aber ist schlechterdings unmöglich dafür zu sorgen, dass es "perfekt" funktioniert. Es wird immer Menschen geben, die durch die "Lücken" ganz nach unten durchgereicht werden.
Ich will mal folgende These aufstellen: selbst wenn es mir vergönnt sein sollte so alt wie Johannes Heesters zu werden (dies wären immerhin noch rund sieben Jahrzehnte in die Zukunft) werde ich den Tag nicht mehr erleben, an dem das Problem Obdachlosigkeit aus dieser Gesellschaft gänzlich verschwunden ist.
Wie Man / Frau mit Leuten umgeht, die um Hilfe bitten, dies ist eine ganz individuelle Entscheidung und da mag ich auch keine pauschale Wertung abgeben. Was ich keinesfalls will sind Zustände wie in den USA, weil die Gesellschaft dort zahlt letztlich einen hohen Preis dafür - auch wenn es keiner offen einräumen mag.

stimmt - *rein theoretisch* muss niemand auf der strasse leben

Und doch verkennt das völlig die Praxis. Bestenfalls kann man dazu Sozialromantismus sagen. Wenn das jedoch ein älterer Erwachsener schreibt, von dem ich dann eigentlich Lebenserfahrung erwarte, dann frage ich mich welche Gründe er hat, so was zu schreiben. Oder was ihn dazu bringt, so sehr die Realität auszublenden.

Lebenskrisen, psychische Krankheiten oder durchfallen durch alle sozialen Netze, Unkenntnis der Regelungen des Sozialstaates oder Unfähigkeit damit umzugehen ... Obdachlosigkeit kann bestimmt fast jeden treffen. Das Pech einer Psychose + niemanden, der dafür gut genung dafür sorgt, dass man in der Psychatrie gesichert wird, reicht völlig.

Auch andere Psychische Krankheiten, Lebenskrisen, Unkenntnis der Regelungen des Sozialstaates oder unfähigkeit sie anzuwenden, reichen völlig aus, um obdachlos zu werden.

Ich gehe davon aus: Ein Obdach zu haben ist kein eigener "Verdienst" - sondern Glück, wie alles was wir im Leben haben. Obdachlosigkeit kann jeden treffen.