Soziale KluftMaria und Josef im Ghetto des Geldes
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Niemand weiß, wie viele Millionäre es in Deutschland wirklich gibt

Wir inspizieren Kronbergs "Toplage", den Ortsteil Schönberg, Hanglage wie im Voralpenland, Blick bis zum Anschlag. An die sechs Millionen Euro kosten die Villen hier – trotz eines "Mankos für Ästheten", wie das Wirtschaftsmagazin Capital bedauert: Der Weg hinauf führt durch eine Straße "mit Geschosswohnungsbau". Was mehr als drei Stockwerke hat, steht im Taunus im Ruf eines Ghettos.

Es ist eine Welt der Namenlosen, die wir nun betreten. An allen Toren, jeder Pforte blanke Klingelschilder, allenfalls Initialen. M., H., K. Einige heißen auch "Mustermann", andere "Klingel". Reglos schauen uns Kameraaugen an, aus deren schwarzen Pupillen wir eine Mischung aus Angst und Abscheu zu lesen glauben. In einer Straße wie dieser – dem Seedammweg im benachbarten Bad Homburg – wurde 1989 Alfred Herrhausen von der RAF ermordet. Wir wundern uns, wo die privaten Sicherheitsleute bleiben, von denen wir vorher so viel gehört haben.

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Einkünfte und Einkommensteuer
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Vielleicht sitzen sie in den auffällig vielen Handwerker-Kleinlastern. Sehen uns als Pixelpaar auf ihren Überwachungsschirmen. Oder gibt es hier gar keine Wachdienste? Und all die blinden Klingeln sind eher Attitüde einer Schicht, die sich dem Rest der Gesellschaft kaum mehr zugehörig fühlt? Gedankenwelt und Lebenswirklichkeit der reichen Deutschen sind fast unerforscht, anders als die Armen sind sie den Ämtern kaum Rechenschaft schuldig. Sogar Reichtumsforscher wissen nicht, wie viele Millionäre es in Deutschland gibt, ihre Schätzungen pendeln zwischen 400.000 und 800.000. Genau weiß das niemand, weil Einkommen leichter zu erfassen ist als Vermögen. Auch der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung widmet sich auf 400 Seiten den Armen und auf zehn den Reichen. Erfasste der Bericht den Einfluss im Land, dürften die Seitenzahlen im umgekehrten Verhältnis stehen.

Wir klingeln. Wir warten. Dumpfes Gebell. In den Kameraaugen leuchtet kurz eine Korona auf. Die Menschen hinter den Mauern machen sich ein Bild von uns – und schweigen. Nur selten knarzt ein "Ja?!" aus den Lautsprechern, dann sagen wir: "Wir sind obdachlos und auf der Durchreise und wollten fragen, ob..."

"...nein, danke!"

"...ich arbeite hier nur, tut mir leid."

"...deutscher Chef nich da. Arbeit bei Bank. Klingelt nächste Haus!"

"...die Hausherrin ist nicht hier, und ich darf nicht helfen."

Selbst dort, wo die Reichen wohnen, ist es unmöglich, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Nur eine Frau um die 40, die gerade Einkaufskörbe aus ihrem Mercedes hievt, kann uns nicht entkommen. Sie ist der Typ Familienmanagerin mit Kurzhaarschnitt und Parka. Viola fragt, ob sie die Toilette benutzen dürfe – und macht Bekanntschaft mit einer beheizten Klobrille. Das ist mehr, als zu erwarten war, in jeder Hinsicht. Diese Frau ist die Erste, die uns ihre Tür öffnet, zu einer hell gefliesten Hauswelt mit Fensterfront zur Burg, an den Wänden Kinderzeichnungen. Sie ist auch die Erste, die nach unserer Geschichte fragt, mit der Souveränität einer Personalchefin oder vielfachen Mutter. Endlich können wir unsere Legende erzählen, die von zwei gescheiterten Gestalten auf dem Weg nach Süden, vielleicht nach Spanien, wo sie auf Wärme hoffen.

"Da haben Sie es aber noch weit", sagt sie.

Endlich der Ansatz eines Gespräches, eine Frage, ein Entgegenkommen. Wir ahnen nicht, dass dies auch das letzte Mal gewesen sein wird.

Bis in den Abend sind uns Menschen und Häuser verschlossen. Bleibt bloß der Pfarrer.

Das Pfarrhaus der evangelischen Kirche sieht aus wie aus einem Adventskalender in die Wirklichkeit kopiert: Holztür, Veranda, Weihnachtsbaum.

Wieder Klingeln, wieder Warten, wieder ein blechernes "Ja!?" aus einem Lautsprecher.

"Wir haben eine Bitte."

Nach einer Weile öffnet sich die Tür, im hellen Spalt eine schwarze Silhouette. Der Pfarrer.

"Wir sind ohne Obdach und wollten fragen, wo man hier schlafen kann."

"Meines Wissens gibt es hier nichts."

"Dürfen wir nicht bei Ihnen übernachten?"

"Nein. Wir haben uns darauf verständigt, dass das nicht geht."

"Aber Sie sind doch die Kirche."

Mit diesem Satz ist unsere Verlegenheit zu ihm gewechselt. "Trotzdem", sagt er.

"Wir haben auch Schlafsäcke dabei."

"Nein. Und mit Verlaub: So etwas ist hier noch nie vorgekommen."

Heißt es in der Bibel nicht: "Klopfet an, so wird euch aufgetan"? Und sagt Jesus nicht: "Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan"? Wo jeder hat, kann man offenbar nicht helfen lernen.

Und doch: Der Pfarrer macht die Tür nicht ganz zu. Er scheint mit sich zu ringen. Wie oft hat er mit den Kindern der Gemeinde das Krippenspiel geprobt, und jetzt das! Wenn er nicht hilft, wer dann? Er zögert, grübelt, verschwindet dann im Pfarrhaus – nicht ohne vorher vorsichtshalber die Tür zu schließen – und kommt zurück mit 20 Euro, der Adresse einer Jugendherberge 15 Kilometer weiter und einer Plastiktüte, in die er fast all seine Vorräte gestopft haben muss: ein halber Laib Brot, Wurst, Käse, Tomaten, Äpfel, Orangen, Wasser, Kekse. Sogar Gummibärchen.

Die Tasche wiegt so schwer wie sein Gewissen. Und ist so voll, dass wir uns auf einen langen Weg machen könnten. Weit weg von dieser Stadt.

Mit der S-Bahn-Linie 4 fahren wir zurück, vorbei an Pferdekoppeln und Streuobstwiesen, durch das Gewürfel der Gewerbegebiete hinein in Frankfurts Hochhauskulisse, wo wir ein Hotel nehmen. Die Lebensmittel lassen wir in der Bahnhofsmission.

Wird der Pfarrer in dieser Nacht über seinen Ablasshandel nachgedacht haben?

Ob das Mädchen aus dem Park vor dem Einschlafen seine Mutter gefragt hat, wo die faulen Feiglinge geblieben sind?

Und was wird die Frau getan haben, die Viola auf ihre Toilette ließ? Hat sie ihr Bad desinfiziert? Sich von ihrem Mann anhören müssen, dass man keine fremden Katzen füttert? Ist sie beunruhigt oder stolz zu Bett gegangen? Oder hat sie uns vergessen?

Womöglich haben wir kleine Erschütterungen in Kronberg ausgelöst. Ganz gewiss aber in uns selbst. Was hätten wir an ihrer Stelle getan? Hätten wir anders gehandelt? Das sind die Fragen, die sich jedem Kritiker und jedem Tester stellen – und auf die es keine Antwort gibt. Nur einen zweihundert Jahre alten Satz Gotthold Ephraim Lessings: "Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt." Sein verhasstes Verdienst ist, zu beschreiben, was er sieht.

Leserkommentare
  1. ... die nicht langweilig wurden! Ein m. E. inhaltich wie stilistisch erstklassiger Beitrag! Schade, mich hätte noch interessiert, wie einer der dort ebenfalls ansässigen, prominenten Motivationstrainer auf das Paar reagiert hätte...

    2 Leserempfehlungen
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    Man sollte genau prüfen, wenn man mit dem FInger zeigt, ob man nicht doch neidisch ist im Unbewussten. Ich bin nicht neidisch, da ich mir ziemlich sicher bin, dass die entweder genauso oder weniger zufrieden sind, als Otto Normal Verbraucher. Und irgendwie bin ich froh im Osten der Republik zu wohnen, ehrlich.

    • Karl63
    • 26. Dezember 2011 13:55 Uhr

    Nachdem ich die gedruckte Version dieser Reportage bereits gelesen habe, kam bei mir die Frage auf, wie es den Beiden wohl ergangen wäre, wenn sie diese Reportage in Frankfurt gemacht hätten.
    So wie in anderen Großstädten gibt es hier sehr wohlhabende Mitbürger und nicht eben wenige, die mit Arbeitslosengeld II irgendwie zurande kommen müssen.
    Obdachlose sind aber auch hier eine ganz besondere Gruppe in der Gesellschaft. Ich würde mal davon ausgehen, wenn man (Frau) hier in Frankfurt an fremde Türen klopft, um nach einer Möglichkeit zum Übernachten zu suchen, fallen die Reaktionen ähnlich "reserviert" aus wie im Taunus. Der Unterschied ist eher, hier gibt es Menschen / Institutionen die sich schwerpunktmäßig um Obdachlose kümmern.
    Anders ausgedrückt, es gibt hier so etwas wie ein soziales Netz, welches sich um jene kümmert, die in unserer Gesellschaft "ganz unten" angekommen sind.

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    • zylar
    • 26. Dezember 2011 16:28 Uhr

    Niemand ist in Deutschland gezwungen auf der Straße zu leben.
    Und wenn man es unbedingt will, so kann man sich "nicht sesshaft" in den Perso eintragen lassen und 1x tägl 10€ vom Sozialamt holen..

    Das wird halt über Steuern und Sozialabgaben finanziert.
    Gäbe es dieses System nicht, würden Menschen vllt auch mehr Almosen geben.
    Aber wieso muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man nicht alles doppelt und dreifach abgibt?

    • zeie
    • 26. Dezember 2011 20:21 Uhr

    Und doch verkennt das völlig die Praxis. Bestenfalls kann man dazu Sozialromantismus sagen. Wenn das jedoch ein älterer Erwachsener schreibt, von dem ich dann eigentlich Lebenserfahrung erwarte, dann frage ich mich welche Gründe er hat, so was zu schreiben. Oder was ihn dazu bringt, so sehr die Realität auszublenden.

    Lebenskrisen, psychische Krankheiten oder durchfallen durch alle sozialen Netze, Unkenntnis der Regelungen des Sozialstaates oder Unfähigkeit damit umzugehen ... Obdachlosigkeit kann bestimmt fast jeden treffen. Das Pech einer Psychose + niemanden, der dafür gut genung dafür sorgt, dass man in der Psychatrie gesichert wird, reicht völlig.

    Auch andere Psychische Krankheiten, Lebenskrisen, Unkenntnis der Regelungen des Sozialstaates oder unfähigkeit sie anzuwenden, reichen völlig aus, um obdachlos zu werden.

    Ich gehe davon aus: Ein Obdach zu haben ist kein eigener "Verdienst" - sondern Glück, wie alles was wir im Leben haben. Obdachlosigkeit kann jeden treffen.

    • Zack34
    • 26. Dezember 2011 13:56 Uhr
    4 Leserempfehlungen
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    Ich habe selten so gelacht ! Das ist mal Journalismus von der guten Sorte !

    Auch wenn es für die "echten" Betroffenen nicht so komisch wäre!
    Vielen Dank für die Bestätigung meiner Vorurteile !

    Wäre es nicht anders gewesen!!!

  2. der leider genau so hervorragend auf den Punkt bringt, was mit Menschen in einem System passiert, welches fast ausschließlich Gier, Geiz und Unmenschlichkeit belohnt.

    »Mama! Da sind wieder die faulen Feiglinge.«

    [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine neutrale Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vn

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    Wie soll ich denn einen persönlichen Kommentar mit meiner Meinung abgeben wenn ich neutral bleiben soll? Neutral zu bleiben ist IHRE Aufgabe als Journalist.

    Während ich den Artikel las, fühlte ich ein Rumoren in meinen Eingeweiden, die ich sonst nur von Magen-Darm-Grippen kenne...

    Ist das neutral genug, oder wie hätten Sie gerne dass ich meine Meinung mitteile?

    Lächerlich...

    Was ist denn das? Ich habe immer geglaubt, das seien Leserkommentare und die sind nun mal nicht neutral - oder es sind keine Kommentare. Aber vielleicht hätte die ZEIT neutrale Kommentare doch lieber...

    • Ellmax
    • 26. Dezember 2011 14:09 Uhr

    und Diebstahl an der Allgemeinheit.

    Dem kann man vorbeugen:

    Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer, Finanztransaktionssteuer, Kapitalverkehrskontrollen, ... um nur einige zu nennen.

    Wir brauchen keinen Geldadel.

    Bitte nehmen Sie Abstand von polemischen Äußerungen. Die Redaktion/mak

    Eine Leserempfehlung
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    • Ellmax
    • 26. Dezember 2011 14:53 Uhr

    »Mama! Da sind wieder die faulen Feiglinge.«

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke. Die Redaktion/no.

  3. Selten in der ZEIT so eine gut geschriebene Reportage gelesen, bitte mehr davon!!!!!
    Was man daraus lernt und was jeder ernsthafte Journalist eigentlich weiß ist es, dass man für solche Reportagen raus muss "auf die Strasse" und nicht nur am Schreibtisch mit Mr. Google sich was zusammenreimt.

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