Soziale KluftMaria und Josef im Ghetto des Geldes
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Es gibt zahllose Charity-Zirkel in Kronberg - auf dem Papier

Wie soll das erst werden, wenn die Krise kommt und mit ihr neue Arbeitslosigkeit? Wenn sich die Gerechtigkeitsfrage noch drängender stellt?

Natürlich haben Kronberg und Königstein das Pech, Synonyme zu sein. Wie Sylt und Sankt Moritz. Dabei gibt es nicht nur Millionäre hier, sondern auch Menschen, die in "Geschosswohnungsbauten" leben. Genau jene waren es, die uns am menschlichsten erschienen: eine Bäckerin. Ein Pfarrer. Eine Rezeptionistin. Ein Gärtner. Die Hilfskräfte und Hoflieferanten im deutschen Wolkenkuckucksheim.

Es wird nicht richtig hell am Sonntag, dem zweiten Advent, an dem unser Experiment zu Ende geht, dieser ernst gemeinte Spaß, dieser oberflächliche Undercover-Einsatz. Anders als der wandernde Schriftsteller Holzach wären wir im Taunus nicht verhungert, eher satt erfroren, hätten wir’s darauf angelegt.

In Kronberg ruft Glockengeläut zum Gottesdienst. Was der Pastor wohl predigen wird?

Wir wandern zum Schlosshotel hinauf, nicht mehr Victorias Witwensitz, sondern "Germany’s Leading Resort" in Besitz des Landgrafen und der Prinzen von Hessen. Hier werden Knigge-Kurse für Kinder angeboten. In der Bar hängt ein Originalgemälde William Turners. Und falls ein Gast 700 Euro zahlt, wird ihm in der Royal Suite das Bett von Kaiser Wilhelm II. bezogen. Wir wollen nur einen Kaffee trinken – und bezahlen.

Die Straße zum Hotel hat keinen Bürgersteig. Hier läuft man nicht, hier fährt man vor. Wie ein zerklüfteter grauer Fels steht das Schloss auf dem Golfplatz. Es scheint von innen zu glühen, Kronleuchter strahlen. Heute ist ein besonderer Tag: Ein Kronberger Ehepaar – er ist Manager bei der Rating-Agentur Standard & Poor’s – hat zum Charity-Konzert geladen, wie jedes Jahr. Die Söhne und Töchter der Stadt werden Cello spielen, Geige und Klavier. Das Geld geht an erblindete Kinder in Bangladesch.

Es gibt zahllose Charity-Zirkel in Kronberg, aufwendig inszeniert und dokumentiert. Im Internet finden sich Bilder von Vorstandschefs in karger Krankenhauskulisse und Managern mit dunkelhäutigen Babys auf dem Arm. Die Konkurrenz scheint so groß zu sein, dass man schon Mehrfachbetroffenen helfen muss, um überhaupt aufzufallen. Nur Kinder in Bangladesch reichen nicht, sie müssen auch noch blind sein. Indirekte Hilfe wird bevorzugt – also verbunden mit Festlichkeit und Spenden nach möglichst weit weg. Bangladesch, Sri Lanka, Peru. Wer sich in die Nähe wagt, würde sich statt Dankbarkeit womöglich eine Verteilungsdebatte einfangen. So aber bleibt’s bei einem schönen Foto mit Riesenscheck.

"Das Tolle an Charity scheint zu sein", sagt Viola, "dass alle sehen: Man macht Charity."

Heute gibt es dieses gute Gefühl schon zum Eintrittspreis von 35 Euro.

Mit Sack und Pack treten wir ein. Im Foyer hilft ein Page den Gästen aus ihren Mänteln. Überall Kellner, mit jedem Schritt auf spiegelndem Marmor um Würde bemüht. In einer Vitrine ein Füller von Faber-Castell für 3200 Euro. Klingen von Gläsern. Freudiges Gemurmel. Viel Haut. Viel Anmut. Viel Schwarz. Viel Weiß. Und dazwischen plötzlich wir, die poor, direkt vorm Weihnachtsbaum. Gesichtsmuskeln, auf zig Empfängen auf Contenance trainiert, geraten außer Kontrolle. Getuschel. Gezischel. Endlich einmal trennt uns keine Tür, kein Zaun, keine Windschutzscheibe von den Studienobjekten! Wir suchen nach bekannten Gesichtern, nach den Koppers, Ackermanns und Blessings. Aber dazu bleibt keine Gelegenheit, nach dreißig Sekunden ist der Manager on Duty da, ein junger Mann mit alter Guttenberg-Frisur und tadellosen Türstehermanieren. Mit der Showtreppen-Eleganz eines Entertainers schiebt er uns durch ein schweigendes Spalier ins Freie.

"Das ist wirklich unpassend heute", sagt er mit hochgezogenen Augenbrauen. "Wir haben hier nämlich eine Wohltätigkeitsveranstaltung."

Draußen im Regen schauen wir uns um. Wie konnten wir das nur vergessen.

Mitarbeit: Amrai Coen und Caterina Lobenstein

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Leserkommentare
  1. ... die nicht langweilig wurden! Ein m. E. inhaltich wie stilistisch erstklassiger Beitrag! Schade, mich hätte noch interessiert, wie einer der dort ebenfalls ansässigen, prominenten Motivationstrainer auf das Paar reagiert hätte...

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    Man sollte genau prüfen, wenn man mit dem FInger zeigt, ob man nicht doch neidisch ist im Unbewussten. Ich bin nicht neidisch, da ich mir ziemlich sicher bin, dass die entweder genauso oder weniger zufrieden sind, als Otto Normal Verbraucher. Und irgendwie bin ich froh im Osten der Republik zu wohnen, ehrlich.

    • Dumdi
    • 26. Dezember 2011 13:45 Uhr

    .. und phantastischer Bericht.

    "Hier hilft euch keiner. Bitte, bitte fahrt nach Frankfurt."
    "Hier ist’s halt scheiße für solche wie euch, hier ist Königstein."

    Es ist mehr als an der Zeit, die Börsen- und Reichensteuer einzuführen.

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    Andernfalls schadet es nur den Kommunen bzw. dem Land

    • Karl63
    • 26. Dezember 2011 13:55 Uhr

    Nachdem ich die gedruckte Version dieser Reportage bereits gelesen habe, kam bei mir die Frage auf, wie es den Beiden wohl ergangen wäre, wenn sie diese Reportage in Frankfurt gemacht hätten.
    So wie in anderen Großstädten gibt es hier sehr wohlhabende Mitbürger und nicht eben wenige, die mit Arbeitslosengeld II irgendwie zurande kommen müssen.
    Obdachlose sind aber auch hier eine ganz besondere Gruppe in der Gesellschaft. Ich würde mal davon ausgehen, wenn man (Frau) hier in Frankfurt an fremde Türen klopft, um nach einer Möglichkeit zum Übernachten zu suchen, fallen die Reaktionen ähnlich "reserviert" aus wie im Taunus. Der Unterschied ist eher, hier gibt es Menschen / Institutionen die sich schwerpunktmäßig um Obdachlose kümmern.
    Anders ausgedrückt, es gibt hier so etwas wie ein soziales Netz, welches sich um jene kümmert, die in unserer Gesellschaft "ganz unten" angekommen sind.

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    • zylar
    • 26. Dezember 2011 16:28 Uhr

    Niemand ist in Deutschland gezwungen auf der Straße zu leben.
    Und wenn man es unbedingt will, so kann man sich "nicht sesshaft" in den Perso eintragen lassen und 1x tägl 10€ vom Sozialamt holen..

    Das wird halt über Steuern und Sozialabgaben finanziert.
    Gäbe es dieses System nicht, würden Menschen vllt auch mehr Almosen geben.
    Aber wieso muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man nicht alles doppelt und dreifach abgibt?

    • zeie
    • 26. Dezember 2011 20:21 Uhr

    Und doch verkennt das völlig die Praxis. Bestenfalls kann man dazu Sozialromantismus sagen. Wenn das jedoch ein älterer Erwachsener schreibt, von dem ich dann eigentlich Lebenserfahrung erwarte, dann frage ich mich welche Gründe er hat, so was zu schreiben. Oder was ihn dazu bringt, so sehr die Realität auszublenden.

    Lebenskrisen, psychische Krankheiten oder durchfallen durch alle sozialen Netze, Unkenntnis der Regelungen des Sozialstaates oder Unfähigkeit damit umzugehen ... Obdachlosigkeit kann bestimmt fast jeden treffen. Das Pech einer Psychose + niemanden, der dafür gut genung dafür sorgt, dass man in der Psychatrie gesichert wird, reicht völlig.

    Auch andere Psychische Krankheiten, Lebenskrisen, Unkenntnis der Regelungen des Sozialstaates oder unfähigkeit sie anzuwenden, reichen völlig aus, um obdachlos zu werden.

    Ich gehe davon aus: Ein Obdach zu haben ist kein eigener "Verdienst" - sondern Glück, wie alles was wir im Leben haben. Obdachlosigkeit kann jeden treffen.

    • Zack34
    • 26. Dezember 2011 13:56 Uhr


    Die "Charity"-Nummer: g-r-o-ß-a-r-t-i-g, auf den Punkt gebracht, ohne wenn und aber.

    Ich habe hier schon des ofteren Kritik an redaktionellen Beiträgen geübt, weil mir das im Durchschnitt einfach zu schlicht und flach war, wie zuletzt beim Voswinkel.

    Aber DAS hier... ist der Beweis, dass es echten Journallismus immer noch gibt.


    Danke an die Beiden

    76 Leserempfehlungen
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    Ich habe selten so gelacht ! Das ist mal Journalismus von der guten Sorte !

    Auch wenn es für die "echten" Betroffenen nicht so komisch wäre!
    Vielen Dank für die Bestätigung meiner Vorurteile !

    Wäre es nicht anders gewesen!!!

  2. der leider genau so hervorragend auf den Punkt bringt, was mit Menschen in einem System passiert, welches fast ausschließlich Gier, Geiz und Unmenschlichkeit belohnt.

    »Mama! Da sind wieder die faulen Feiglinge.«

    [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine neutrale Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vn

    40 Leserempfehlungen
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    Wie soll ich denn einen persönlichen Kommentar mit meiner Meinung abgeben wenn ich neutral bleiben soll? Neutral zu bleiben ist IHRE Aufgabe als Journalist.

    Während ich den Artikel las, fühlte ich ein Rumoren in meinen Eingeweiden, die ich sonst nur von Magen-Darm-Grippen kenne...

    Ist das neutral genug, oder wie hätten Sie gerne dass ich meine Meinung mitteile?

    Lächerlich...

    Was ist denn das? Ich habe immer geglaubt, das seien Leserkommentare und die sind nun mal nicht neutral - oder es sind keine Kommentare. Aber vielleicht hätte die ZEIT neutrale Kommentare doch lieber...

    • Ellmax
    • 26. Dezember 2011 14:09 Uhr

    und Diebstahl an der Allgemeinheit.

    Dem kann man vorbeugen:

    Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer, Finanztransaktionssteuer, Kapitalverkehrskontrollen, ... um nur einige zu nennen.

    Wir brauchen keinen Geldadel.

    Bitte nehmen Sie Abstand von polemischen Äußerungen. Die Redaktion/mak

    31 Leserempfehlungen
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    • Ellmax
    • 26. Dezember 2011 14:53 Uhr

    »Mama! Da sind wieder die faulen Feiglinge.«

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke. Die Redaktion/no.

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