London Schwarz wie die Kindheit

Charles Dickens kam aus armen Verhältnissen. Die dunklen Seiten des Lebens ließen den Schriftsteller auch später nicht los. Ein Spaziergang durch die Londoner Nacht anlässlich seines 200. Geburtstages

Nacht über der Themse. Eisig kommt der Wind vom Wasser hoch. Einige wenige Fußgänger hasten über die Waterloo Bridge. Auf der Südseite des Flusses spiegelt sich neonblau das große Riesenrad London Eye, vor dem Nordufer schwappen die Lichter von Westminster Palace und Big Ben im Wasser. Als Charles Dickens in den späten 1850er Jahren über die Brücke lief, muss es noch deutlich dunkler gewesen sein. Westminster Palace war eine Baustelle, nachdem ein Brand Teile des Gebäudes zerstört hatte, und Gaslaternen gab es nur in einzelnen Zonen der Stadt. Die Themse stank vor Unrat.

»Der Fluss hatte etwas Grauenhaftes, die Gebäude an seinen Ufern waren in schwarze Leichentücher gehüllt, und die widergespiegelten Lichter sahen aus, als stiegen sie aus der Tiefe des Wassers empor und würden von den Geistern der Selbstmörder gehalten, die zeigen wollten, wo sie untergegangen waren. Mond und Wolken waren in ihrem Ungestüm so ruhelos wie ein schlechtes Gewissen in einem zerwühlten Bett, und es war, als lastete der Schatten Londons in seiner riesenhaften Ausdehnung bedrückend auf dem Fluss.« So erinnert sich Dickens, der ein besessener Stadtwanderer war, in seinem Essay Night Walks von 1859.

Anzeige

Es war keine leichte Zeit für ihn: Nach 22 Ehejahren hatte er sich 1858 von seiner Frau Catherine getrennt und ging unter vielen Skrupeln eine Beziehung zu der jungen Schauspielerin Ellen Ternan ein. Noch stärker als in anderen Phasen seines Lebens wurde er von Schlaflosigkeit geplagt. Oft war er von Mitternacht bis zum Morgengrauen unterwegs.

Der 12-Jährige wanderte in der Nacht von der Fabrik zum Gefängnis 

Sein nächtliches Wandern war so bezeichnend, dass die große Ausstellung zum nahenden 200. Geburtstag des Schriftstellers, Dickens & London, von einer virtuellen Tour durch Dickens’ Dark London begleitet wird. Der bedeutendste englische Romancier und Chronist seiner Zeit war auch ein scharfer Sozialkritiker, nicht zuletzt in seiner weltbekannten Weihnachtsgeschichte. Was er sah, wenn er in den düsteren Zeiten und Zonen des Lebens unterwegs war, wenn er Gefängnisse und Slums aufsuchte, sich mit Armut, Gewalt und Tod konfrontierte, all das hat der junge Künstler David Foldvari im Auftrag des Museum of London mit dem Zeichenstift zu erfassen versucht. Seine Bilder, die zusammen mit gelesenen Dickens-Texten eine graphic novel ergeben, können in fünf aufeinanderfolgenden Apps für iPhone und iPad heruntergeladen werden – als Fortsetzungsgeschichte über das damalige London und seine Abgründe. Noch stehen nicht alle Sequenzen zur Verfügung. Aber man kann die Schauplätze von Dickens’ dunklem London nach Einbruch der Nacht natürlich auch selbst erlaufen.

Charles Dickens

Charles Dickens wird am 7. Februar 1812 in Portsmouth als zweites von acht Kindern einer Angestelltenfamilie geboren. 1822 wird sein Vater nach London versetzt, wo er in Geldschwierigkeiten gerät und 1824 mehrere Monate im Schuldnergefängnis sitzt. Charles muss etwa ein Jahr arbeiten und darf 1825 zurück in die Schule. Von 1832 an veröffentlicht er unter dem Pseudonym »Boz« essayistische Skizzen. Sein erster großer Erfolg werden 1836 die Pickwick Papers. Im selben Jahr heiratet er Catherine Hogarth, mit der er zehn Kinder haben wird. Die Romane Oliver Twist (1837/38) und Nicholas Nickleby (1839) befestigen Dickens’ Ruhm. Seine ungeheure Produktivität hält lebenslang an. 1858 trennt er sich von seiner Frau und geht exzessiv auf Lesereisen. 1870 erliegt er einem Schlaganfall.

In diesen Vorweihnachtstagen ist es bereits am späten Nachmittag stockdunkel. Am Rande der Themse stößt die Villiers Street parallel zur Charing Cross Station in Richtung Innenstadt vor. Die schmale Gasse ist voller Bars und Restaurants. Ein paar Touristen schauen sich bereits nach einem geeigneten Ort zum Abendessen um. Eine Gruppe Jugendlicher, gerade dem Vorortzug entstiegen, kommt lautstark die Stufen des Bahnhofs herunter. Bibbernd stehen die nylonbestrumpften Mädchen auf 15 Zentimeter hohen Absätzen, schon herausgeputzt für die Nacht. 

Wo die Steinmassen von Charing Cross dunkel gegen den Himmel aufragen, befand sich in den 1820er Jahren das Blacking Warehouse, eine Schuhwichsefabrik – ein »verwinkeltes, halb verfallenes altes Haus, das über den Fluss hinausragte und in dem es von Ratten wimmelte«. Hierher schickten Dickens’ Eltern den zwölfjährigen Charles zum Arbeiten. Und hier begann er später auch, zunächst unfreiwillig, mit seinen nächtlichen Wanderungen. Die Eltern waren in eine finanzielle Krise geraten, John Dickens wurde daraufhin in Schuldnerhaft genommen. Nach seinem Arbeitstag in der Fabrik machte sich Charles auf den Weg, um den einsitzenden Vater und die Mutter im Marshalsea-Gefängnis zu besuchen, mit beiden dort zu Abend zu essen und dann ein nahe gelegenes Nachtquartier anzusteuern.

Palace of Westminster

Palace of Westminster

Der Fußweg, abzugehen in insgesamt gut einer Stunde, führt unter wuchtigen Brückengewölben hindurch an der Themse entlang, die von den Lichterketten der am Ufer befestigten Boote beleuchtet wird. Über die London Bridge geht es dann nach Southwark, damals ein schlecht beleumundeter Außenbezirk mit mehreren Gefängnissen und reichlich Prostitution. Wieder bläst der Wind scharf vom Fluss hoch, Fußgänger laufen dick eingepackt, den Blick zu Boden gerichtet. Schaut man aber auf, dann sieht man jenseits der Brücke den eindrucksvollen Umriss der gotischen Southwark Cathedral und davor den Vorweihnachtsbetrieb auf dem Borough Market. An der nahen Borough High Street standen die dicken Mauern des Marshalsea-Gefängnisses. Vor der Plakette, die daran erinnert, sind wir mit dem Schriftsteller und Stadthistoriker Peter Ackroyd verabredet. »Diese Gegend hat sich in ihrer Architektur nur wenig verändert«, sagt Ackroyd, ein rundlicher Mann Anfang 60. In den Straßen ringsum stehen lauter schöne georgianische und viktorianische Häuser, hinter denen sich verwinkelte Hinterhöfe schier endlos dehnen: »Für Charles Dickens bewahrten diese Straßen sein altes Trauma. Obwohl er schon mit 25 berühmt war und gut verdiente, wurde er sein Leben lang die Angst nicht los, er könne wieder zurückstürzen in die frühere Armut.«

Nur wenige Meter entfernt liegt das George Inn. Der Innenhof des Gasthauses, im Sommer ein großer Biergarten, erstreckt sich über die gesamte Länge des fast 400 Jahre alten Gebäudes. Dahinter ragt hoch und unwirklich der hypermoderne Büroturm Gherkin (Essiggurke) von Norman Foster auf. Das George ist mit seinen Balkonen das letzte der alten galleried inns. »Dickens erwähnt es in seinem Roman Little Dorrit, bemerkt Ackroyd, bevor er die schwere Tür zum Inn öffnet. Dunkel gebeiztes Holz, über die Jahrhunderte schwarz geworden, niedrige Decken, fünf hintereinander gelegene Räume. Im ersten lässt man sich sein Bier zapfen und sitzt dann am rohen Holztisch, im Rücken ein Kaminfeuer. Schon für Dickens gehörte dieser Kneipentyp einer früheren Epoche an. Er schrieb: »Vielleicht ein halbes Dutzend dieser alten Inns gibt es noch, die es geschafft haben, der wütenden Sucht nach Verbesserung des öffentlichen Raums zu entgehen, der Sucht nach privater Spekulation. Es sind große, weitläufige, verrückte alte Dinger, mit ihren Galerien und Durchgängen und Treppen, groß und antiquiert genug, dass man Material für hundert Geistergeschichten in ihnen fände.«

Jenes London, das Dickens über Jahrzehnte hinweg durchstreifte, wandelte sich damals von der chaotischen bunten Stadt des 18. Jahrhunderts zur viktorianischen Megametropole, der es, wie Ackroyd sagt, vor allem um Uniformität und Schicklichkeit ging. Schon in den frühen 1830er Jahren, in denen Dickens noch als junger Journalist, Anwaltsgehilfe und Gerichtsberichterstatter unterwegs war, wurde diese Entwicklung spürbar. Fasziniert erwanderte er sich die Dunkelzonen der wuchernden Stadt und erzählte in seinen frühen dokumentarischen Skizzen davon mit einer Akribie, die ihn für einen Bewunderer zum »Sonderkorrespondenten für die Nachwelt« machte. Ein Drittel der Londoner lebte in tiefer, dreckiger Armut. Vor allem die zu Covent Garden gehörenden Seven Dials, damals Londons berüchtigtster Slum, beschäftigten Dickens: Detailliert beschrieb er die Häuser voller halb nackter Kinder, Betrunkener, magerer Katzen – eine Landschaft der Trostlosigkeit. »Es war die düstere Kehrseite des schicklichen viktorianischen London, die Dickens nie losließ«, sagt Ackroyd. Spürt man auch heute noch etwas davon? »Nun ja, es gibt in der Stadt selbst keine Slums mehr – aber die Imperative sind die gleichen geblieben: der Kampf um Macht und Geld, ausgetragen auf dem Rücken der kleinen Leute!«

Ein einsames Saxofon spielt für die Obdachlosen des Covent Garden Market

Wer heute am späteren Abend aus der U-Bahn-Station Covent Garden tritt, sieht kaum jemanden. Man steht vor dem weiträumigen Covent Garden Market mit der neoklassizistischen Markthalle im Zentrum. Dickens liebte den seinerzeit größten Markt der Stadt. Er kannte ihn, seit er als Junge von der Schuhwichsefabrik in den Pausen herübergerannt war und mit sehnsüchtigen Blicken auf die unerschwinglichen Ananas gestarrt hatte. Später kaufte er sich von den Blumenfrauen gern eine rote Geranie fürs Knopfloch.

Seit den 1970er Jahren findet in Covent Garden kein Markt mehr statt. Die Halle überspannt inzwischen ein exklusives Shoppingcenter auf mehreren Etagen. Wo es tagsüber brummt, ist es nun so leer, dass schon die Ketten, mit denen ein Wächter die Stühle eines Cafés zusammenschließt, laut widerhallen. Nur eine ältere Frau sitzt schlafend auf einer Bank, zu beiden Seiten Plastiktüten fest an sich gepresst. Überdimensionierte rote und silberne Weihnachtskugeln mit ein, zwei Meter Durchmesser hängen von der Hallendecke. Am Ausgang wirbt ein mit Lichtern geschmücktes Rentier aus Buchsbaum per Aushang für »echtes Rentierstreicheln« am kommenden Wochenende. Ein melancholisches Saxofon, unsichtbar in irgendeinem Hauseingang, durchbricht die Stille. Spielt hier jemand nur für sich – oder auch für die beiden in Schlafsäcken verborgenen Gestalten, die unter einem Dachvorsprung ihr Lager aufgeschlagen haben? Einer der schlimmsten Anblicke, die er kenne, schrieb Dickens, sei jener »der Kinder, die sich an diesem Ort herumtreiben; die in den Körben schlafen, sich um die Schlachtabfälle streiten, auf jeden Gegenstand zuspringen, den sie in ihre diebischen Hände zu bekommen hoffen«.

Die Seven Dials liegen gleich um die Ecke. Sieben Straßen, die sternförmig von einem kleinen Platz abgehen, boten damals einer Unzahl von Menschen ein Notquartier. Der runde Platz mit einer Säule in der Mitte wirkt heute, beleuchtet von warmem Laternenlicht, wie eine offene Bühne mit gleich sieben Abgängen. Die Eckhäuser, zierlich und reich verziert, bilden einen hübschen Abschluss. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war das Ensemble für wohlhabende Bürger erbaut worden, dann allerdings bald an die Armen übergegangen. Mittlerweile haben die Bessergestellten es sich zurückerobert. Jetzt beherbergen die Häuser ein kleines Einkaufsparadies mit teurem Wohnraum über den Läden.

Dämmerstimmung an der Themse

Dämmerstimmung an der Themse

Von den Seven Dials handelt die erste der fünf Apps, die David Foldvari Dickens’ dunklem London gewidmet hat. Foldvari, ein kleiner Mann Ende 30 mit markantem Gesicht und lebhaften Augen, lehnt an einem Pfosten des Platzes wie seinerzeit womöglich die Slumbewohner. Er hat auf uns gewartet. »Wussten Sie«, sagt er, »dass es nur eine einzige Fotografie aus den Dials zu Dickens’ Zeit gibt? Es war viel zu gefährlich, hier zu fotografieren! Niemand traute sich das.« Seit Foldvari vom Museum of London beauftragt wurde, die Apps zu illustrieren, umgibt er sich mit so vielen Fotos und Bildern aus dem viktorianischen London, wie er nur kriegen kann. Außerdem läuft er mit der Kamera herum, fotografiert, beobachtet. »Sehen Sie diese Straßenecke? Hier war damals von einem Spiel die Rede, das hieß: Von hier bis dort drüben rennen, ohne ermordet zu werden.«

Bevölkerungswachstum und Hunger führten in den Slums zu einem brutalen Überlebenskampf. Viele Kinder wurden gar nicht erst erwachsen. Mehr als 15 Prozent von ihnen erkrankten in ihren ärmlichen Bleiben an der Rachitis: Das Sonnenlicht drang kaum in den schmalen Spalt zwischen den Häusern, trocknete nie den von Regen und Feuchtigkeit nassen Matsch am Boden. Foldvari zeigt nach oben. Eng kauern die Häuser aneinander, winzig müssen die Zimmer hinter den Fassaden gewesen sein. »Aber auch in den Kellern oder Souterrains lebten vielköpfige Familien«, sagt der Zeichner, »es grassierten Seuchen, die Friedhöfe quollen über.«

London: Anreise, Unterkunft, Essen

Anreise:
Londonflüge täglich mehrmals von deutschen Flughäfen z. B. mit British Airways, Lufthansa, Swiss, easyJet, Air Berlin u. a.

Unterkunft:
Sehr zentral liegt das Trebovir Hotel, 18–20 Trebovir Road, in Earls Court, Tel. 0044-207/3736625, www.trebovirhotel.com. DZ ca. 120 Euro inkl. Frühstück

Essen:
Das George Inn, ein fast 400 Jahre altes »galleried inn« südlich der Themse, U-Bahn Borough, bietet gutes Pub-Essen. Täglich ab 11 Uhr geöffnet, Tel. 0044-020/74072056, www.nationaltrust.org.uk/main/w-georgeinn

App & Ausstellung

App:
»Dickens’ Dark London«, Zeichnungen von David Foldvari, entwickelt von Brothers and Sisters Creative Ltd., als Download mit diesen Suchbegriffen auf iTunes verfügbar. Die erste App »Seven Dials« ist gratis, von Januar an bis April kostet dann jede App ca. 1,75 Euro im Monat

Ausstellung:
»Dickens & London« ist bis zum 10. Juni 2012 im Museum of London zu sehen. Täglich geöffnet von 10–18 Uhr, geschl. 24. bis 26. Dezember 2011, www.museumoflondon.org.uk. Außerdem gibt es das in einer Wohnung des Dichters eingerichtete Dickens-Museum in der Doughty Street, www.dickensmuseum.com

Literatur & Auskunft

Literatur:
Charles Dickens: Reisender ohne Gewerbe (The Uncommercial Traveller). Erscheint im Januar 2012 im C. H. Beck Verlag, München; 128 S., 14,95 €

Peter Ackroyd: London. Die Biographie. Albrecht Knaus Verlag, München 2006; 800 S., 25 €

Hans-Dieter Gelfert: Charles Dickens, der Unnachahmliche. Eine Biographie. C. H. Beck Verlag, München 2011; 375 S., 29,95 €

Alex Werner & Tony Williams: Dickens’s Victorian London 1839–1901, Museum of London 2011 (kommentierter Fotoband der Ausstellungskuratoren)

Auskunft:
www.visitbritain.com

Von alldem ist nichts zu ahnen, wenn man heute in die Schaufenster blickt. Foldvari glaubt allerdings Spuren der alten Zeit in den Gesichtern der heutigen Londoner entdecken zu können. »Die Züge haben sich seit damals nicht wirklich verändert. Wenn ich Gemüsehändler auf dem Markt anschaue oder Arbeiter in einer Kneipe ... dann sehe ich etwas, das sich erhalten hat. Vielleicht, weil England eine Insel ist? Es hat nicht nur mit blasser Gesichtsfarbe zu tun, schlechten Zähnen oder strohblondem Haar, sondern auch mit einem unverwechselbaren Ausdruck. Manchmal brauche ich nur einen Schnurrbart hinzuzufügen, und das viktorianische Gesicht ist fertig.«

»Ich finde Befriedigung nur in der Erschöpfung«, schrieb Dickens

Foldvari schaltet das iPad an und präsentiert seine Zeichnungen. Den Seven Dials hat er 22 Bilder gewidmet. Sie zeigen Männer mit Schirmmütze und Zigarettenstummel im Mundwinkel, ausgezehrte Frauen mit leerem Blick, Kinder, Straßenköter, alle frierend und viel zu entkräftet, um auf den anderen zugehen zu können. Stumme Schreie der Verzweiflung vor dem Hintergrund der schwarzen Londoner Skyline. Schon als Foldvari ein Kind in Budapest war, hat ihm seine Mutter Dickens vorgelesen – »meine inneren Bilder dazu waren alle in Grautönen gezeichnet, steckten voller Nebel, Hunger und Depression«. Als Zwölfjähriger kam er nach London, aber die inneren Bilder aus Kindertagen reichen nun bis in die aktuellen Zeichnungen hinein. Die nächste App wird vom Gefängnis handeln. Die übrigen Schauplätze verrät Foldvari vorerst nicht.

Kalt ist die Nacht, aber die Stunde zu fortgeschritten, um sich noch in einem Pub aufzuwärmen. Der Künstler verabschiedet sich. Es ist nach Mitternacht, Foldvaris Arbeitstag fängt jetzt an, die Zeichnungen für die nächste App müssen fertig werden: »Ich hasse den Tag und seine Betriebsamkeit. Er ist gut für Papierkram oder zum Einkaufen. Aber arbeiten kann ich nur in der Nacht!« Kurz darauf ist er um die Ecke verschwunden. Der kleine Platz liegt jetzt still da. Bloß vereinzelt treten letzte Restaurantbesucher auf die Straße und rufen hastig ein Taxi herbei.

Die Stunde der Nachtwanderer ist da, Charles Dickens’ Stunde. »Ich kann Ruhe nicht ertragen und finde Befriedigung nur in der Erschöpfung«, bekannte er in einem Brief. So zog er wandernd und schreibend eine Spur durch London, seine Laterna magica – eine Spur, der man bis heute nachspüren kann. Man stellt ihn sich vor, den Autor der Night Walks, einen Mann Ende 40, der viel älter aussah, wie er mit schnellem Schritt über Brücken eilte, an der geliebten Themse entlanglief, ein Liebhaber der Dunkelheit, der sich letztlich auf einer Reise zu den Düsternissen der eigenen Kindheit befand. Er schrieb: »Mein ganzes Wesen war vom Schmerz der Erniedrigung so durchdrungen, dass ich selbst jetzt, wo ich berühmt, geschätzt und glücklich bin, in meinen Träumen oft vergesse, dass [...] ich ein erwachsener Mann bin, und ich wandere in trostloser Einsamkeit zurück in jene Zeit meines Lebens.«

 
Leser-Kommentare
  1. Wer sich heute wie Dickens auf die Suche des ärmlichen Londons machen will, muss wohl nachts durch Bezirke wie Tottenham wandern. Das ist wahrscheinlich auch nicht riskanter als die Streifzüge von Dickens, aber wohl doch eine andere Sache als die beschriebenen Tour.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service