London Schwarz wie die Kindheit
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Die Stunde der Nachtwanderer ist da, Charles Dickens’ Stunde

Dämmerstimmung an der Themse

Dämmerstimmung an der Themse

Von den Seven Dials handelt die erste der fünf Apps, die David Foldvari Dickens’ dunklem London gewidmet hat. Foldvari, ein kleiner Mann Ende 30 mit markantem Gesicht und lebhaften Augen, lehnt an einem Pfosten des Platzes wie seinerzeit womöglich die Slumbewohner. Er hat auf uns gewartet. »Wussten Sie«, sagt er, »dass es nur eine einzige Fotografie aus den Dials zu Dickens’ Zeit gibt? Es war viel zu gefährlich, hier zu fotografieren! Niemand traute sich das.« Seit Foldvari vom Museum of London beauftragt wurde, die Apps zu illustrieren, umgibt er sich mit so vielen Fotos und Bildern aus dem viktorianischen London, wie er nur kriegen kann. Außerdem läuft er mit der Kamera herum, fotografiert, beobachtet. »Sehen Sie diese Straßenecke? Hier war damals von einem Spiel die Rede, das hieß: Von hier bis dort drüben rennen, ohne ermordet zu werden.«

Bevölkerungswachstum und Hunger führten in den Slums zu einem brutalen Überlebenskampf. Viele Kinder wurden gar nicht erst erwachsen. Mehr als 15 Prozent von ihnen erkrankten in ihren ärmlichen Bleiben an der Rachitis: Das Sonnenlicht drang kaum in den schmalen Spalt zwischen den Häusern, trocknete nie den von Regen und Feuchtigkeit nassen Matsch am Boden. Foldvari zeigt nach oben. Eng kauern die Häuser aneinander, winzig müssen die Zimmer hinter den Fassaden gewesen sein. »Aber auch in den Kellern oder Souterrains lebten vielköpfige Familien«, sagt der Zeichner, »es grassierten Seuchen, die Friedhöfe quollen über.«

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London: Anreise, Unterkunft, Essen

Anreise:
Londonflüge täglich mehrmals von deutschen Flughäfen z. B. mit British Airways, Lufthansa, Swiss, easyJet, Air Berlin u. a.

Unterkunft:
Sehr zentral liegt das Trebovir Hotel, 18–20 Trebovir Road, in Earls Court, Tel. 0044-207/3736625, www.trebovirhotel.com. DZ ca. 120 Euro inkl. Frühstück

Essen:
Das George Inn, ein fast 400 Jahre altes »galleried inn« südlich der Themse, U-Bahn Borough, bietet gutes Pub-Essen. Täglich ab 11 Uhr geöffnet, Tel. 0044-020/74072056, www.nationaltrust.org.uk/main/w-georgeinn

App & Ausstellung

App:
»Dickens’ Dark London«, Zeichnungen von David Foldvari, entwickelt von Brothers and Sisters Creative Ltd., als Download mit diesen Suchbegriffen auf iTunes verfügbar. Die erste App »Seven Dials« ist gratis, von Januar an bis April kostet dann jede App ca. 1,75 Euro im Monat

Ausstellung:
»Dickens & London« ist bis zum 10. Juni 2012 im Museum of London zu sehen. Täglich geöffnet von 10–18 Uhr, geschl. 24. bis 26. Dezember 2011, www.museumoflondon.org.uk. Außerdem gibt es das in einer Wohnung des Dichters eingerichtete Dickens-Museum in der Doughty Street, www.dickensmuseum.com

Literatur & Auskunft

Literatur:
Charles Dickens: Reisender ohne Gewerbe (The Uncommercial Traveller). Erscheint im Januar 2012 im C. H. Beck Verlag, München; 128 S., 14,95 €

Peter Ackroyd: London. Die Biographie. Albrecht Knaus Verlag, München 2006; 800 S., 25 €

Hans-Dieter Gelfert: Charles Dickens, der Unnachahmliche. Eine Biographie. C. H. Beck Verlag, München 2011; 375 S., 29,95 €

Alex Werner & Tony Williams: Dickens’s Victorian London 1839–1901, Museum of London 2011 (kommentierter Fotoband der Ausstellungskuratoren)

Auskunft:
www.visitbritain.com

Von alldem ist nichts zu ahnen, wenn man heute in die Schaufenster blickt. Foldvari glaubt allerdings Spuren der alten Zeit in den Gesichtern der heutigen Londoner entdecken zu können. »Die Züge haben sich seit damals nicht wirklich verändert. Wenn ich Gemüsehändler auf dem Markt anschaue oder Arbeiter in einer Kneipe ... dann sehe ich etwas, das sich erhalten hat. Vielleicht, weil England eine Insel ist? Es hat nicht nur mit blasser Gesichtsfarbe zu tun, schlechten Zähnen oder strohblondem Haar, sondern auch mit einem unverwechselbaren Ausdruck. Manchmal brauche ich nur einen Schnurrbart hinzuzufügen, und das viktorianische Gesicht ist fertig.«

»Ich finde Befriedigung nur in der Erschöpfung«, schrieb Dickens

Foldvari schaltet das iPad an und präsentiert seine Zeichnungen. Den Seven Dials hat er 22 Bilder gewidmet. Sie zeigen Männer mit Schirmmütze und Zigarettenstummel im Mundwinkel, ausgezehrte Frauen mit leerem Blick, Kinder, Straßenköter, alle frierend und viel zu entkräftet, um auf den anderen zugehen zu können. Stumme Schreie der Verzweiflung vor dem Hintergrund der schwarzen Londoner Skyline. Schon als Foldvari ein Kind in Budapest war, hat ihm seine Mutter Dickens vorgelesen – »meine inneren Bilder dazu waren alle in Grautönen gezeichnet, steckten voller Nebel, Hunger und Depression«. Als Zwölfjähriger kam er nach London, aber die inneren Bilder aus Kindertagen reichen nun bis in die aktuellen Zeichnungen hinein. Die nächste App wird vom Gefängnis handeln. Die übrigen Schauplätze verrät Foldvari vorerst nicht.

Kalt ist die Nacht, aber die Stunde zu fortgeschritten, um sich noch in einem Pub aufzuwärmen. Der Künstler verabschiedet sich. Es ist nach Mitternacht, Foldvaris Arbeitstag fängt jetzt an, die Zeichnungen für die nächste App müssen fertig werden: »Ich hasse den Tag und seine Betriebsamkeit. Er ist gut für Papierkram oder zum Einkaufen. Aber arbeiten kann ich nur in der Nacht!« Kurz darauf ist er um die Ecke verschwunden. Der kleine Platz liegt jetzt still da. Bloß vereinzelt treten letzte Restaurantbesucher auf die Straße und rufen hastig ein Taxi herbei.

Die Stunde der Nachtwanderer ist da, Charles Dickens’ Stunde. »Ich kann Ruhe nicht ertragen und finde Befriedigung nur in der Erschöpfung«, bekannte er in einem Brief. So zog er wandernd und schreibend eine Spur durch London, seine Laterna magica – eine Spur, der man bis heute nachspüren kann. Man stellt ihn sich vor, den Autor der Night Walks, einen Mann Ende 40, der viel älter aussah, wie er mit schnellem Schritt über Brücken eilte, an der geliebten Themse entlanglief, ein Liebhaber der Dunkelheit, der sich letztlich auf einer Reise zu den Düsternissen der eigenen Kindheit befand. Er schrieb: »Mein ganzes Wesen war vom Schmerz der Erniedrigung so durchdrungen, dass ich selbst jetzt, wo ich berühmt, geschätzt und glücklich bin, in meinen Träumen oft vergesse, dass [...] ich ein erwachsener Mann bin, und ich wandere in trostloser Einsamkeit zurück in jene Zeit meines Lebens.«

 
Leser-Kommentare
  1. Wer sich heute wie Dickens auf die Suche des ärmlichen Londons machen will, muss wohl nachts durch Bezirke wie Tottenham wandern. Das ist wahrscheinlich auch nicht riskanter als die Streifzüge von Dickens, aber wohl doch eine andere Sache als die beschriebenen Tour.

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