Elektroroller Doppelt aufgeladen

Ein Thüringer Unternehmen will das DDR-Kultmoped Schwalbe als Elektroroller wiederbeleben.

Das hat gerade noch gefehlt: Der Ständer des Elektrorollers klemmt. Thomas Martin muss dem Testfahrer helfen, das Moped aufzubocken. »Das ist noch ein Prototyp, das wird definitiv anders«, sagt er und schaut den älteren Mann etwas verlegen an. Der schüttelt fast unmerklich den Kopf. Nein, das entspricht ganz und gar nicht seinen Vorstellungen von Qualität, aber so direkt würde er das nicht sagen. Stattdessen analysiert er mit ruhiger Stimme: »Der Sitz ist zu hoch und das Fahrwerk zu straff.« Weitere Kritikpunkte und viele Fachwörter prasseln auf Martin ein. »Da ist noch allerhand zu machen«, urteilt der Tester über die Schwächen des neuen E-Rollers.

Martin nickt etwas bedrückt, denn der Mann mit dem großen Fachwissen ist nicht irgendwer. Joachim Scheibe war Chefkonstrukteur beim DDR-Rollerhersteller Simson. Thomas Martin ist gewissermaßen sein unternehmerischer Enkel. Der 33-Jährige will den Simson-Kultroller Schwalbe wiederbeleben. Das Gefährt mit dem charakteristischen quadratischen Vorderlicht und den runden Blinkern am Ende der Lenkstange war das biedere Arbeitstier der DDR-Mobilität, das günstige Fortbewegungsmittel für Gemeindeschwestern und Landwirte, laut knatternd und stinkend, wie sein großer Bruder mit vier Rädern, der Trabi. Mit einem Unterschied: 25 Jahre nach Ende der Produktion ist das Moped Kult. Fans in Dutzenden Schwalbe-Clubs in Ost wie West lieben den Roller, weil er schlicht, robust und zuverlässig ist. Martin und sein Team wollen die Erfolgsgeschichte nun fortschreiben – mit einer neuen Schwalbe mit flüsterleisem Elektromotor und ohne stinkende Abgase.

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Wenige Hundert Meter von der Halle entfernt, in der derzeit die Zukunft geplant wird, kann man die Vergangenheit besichtigen. Hunderte Motorräder und Autos aus der Geschichte des Fahrzeugbaus im Thüringer Wald reihen sich hier aneinander. Scheibe ist – quasi als sein eigener Nachlassverwalter – Chef des Fahrzeugmuseums Suhl. Auf einem Regal in seinem Büro steht zwischen Modellen von Rennmotorrädern eine knallrote Miniatur-Schwalbe. »Uns hing das Ding zum Hals raus«, sagt der deutlich jünger wirkende 64-Jährige. Simson war international erfolgreich im Motorsport, baute coole Mopeds wie den Spatz, den Sperber und den Habicht – zum Mythos wurde aber ausgerechnet der biederste der Vögel. 21 Jahre lang wurde die Anfang der sechziger Jahre konstruierte Schwalbe gebaut, insgesamt 1,2 Millionen Mal. Der simple Grund: Es fehlte das Geld, um die längst vorhandenen Pläne für einen Nachfolger umzusetzen. Und so wurde vor allem auf eins Wert gelegt: Zuverlässigkeit. Zehntausende Schwalben tun bis heute ihren Dienst. Im Internet gibt es einen regen Handel, was allerdings auch an einem Paragrafen auf Seite 173 des Einigungsvertrages liegen dürfte: Die alten DDR-Mopeds dürfen mit dem normalen Mopedführerschein gefahren werden, steht dort, und das, obwohl sie mit 60 Stundenkilometern Spitze eigentlich viel zu schnell sind.

Doch die Schwalbe ist nicht nur bei Jugendlichen und in Schrauberkreisen Kult, sondern auch bei Studenten oder in Berliner Szenevierteln. »Das Design ist einfach zeitlos chic«, sagt Geschäftsführer Martin. »Optimal zu vermarkten.« Der gebürtige Berliner arbeitete nach dem BWL-Studium zunächst für einen Getränkehersteller, wechselte dann ins Marketing des hessischen Ökostromanbieters Entega. Dort wurde die Idee der E-Schwalbe geboren. Das Unternehmen suchte für Werbezwecke einen kultigen Elektroroller. Weil es den schlicht nicht gab, investierte Entega gemeinsam mit dem Motorelektronikspezialisten XTronic aus Baden-Württemberg einen einstelligen Millionenbetrag in die Entwicklung eines eigenen Modells. Der Entwicklungsleiter, ein Schwalbe-Fan, überzeugte seine Kollegen, den DDR-Roller als Designgrundlage zu nehmen – und sich von der Treuhand-Nachfolgeorganisation TLG den Markennamen der abgewickelten Simson-Werke zu sichern.

Im Gegenzug für die Markenrechte der Schwalbe zogen Martin und sein Team vor einigen Monaten nach Suhl. Wo bis vor Kurzem auf 1.200 Quadratmetern noch leere Regale klafften, sollen in wenigen Monaten innerhalb von 70 Minuten die Komponenten von 60 Zulieferern zu einem Elektroroller im Schwalbe-Look zusammengeschraubt werden. Für das kommende Jahr sind 1.000 Stück geplant, mittelfristig bis zu 6.000 Exemplare jährlich. Zielgruppe sind dabei nicht die typischen Roller- oder Mopedfahrer: Martin will vor allem umwelt- und lifestylebewusste Städter überzeugen, die vielleicht auf den Zweitwagen verzichten. »Derjenige, der sich auf die Schwalbe setzt, der muss grinsen«, sagt der Jungunternehmer, Spaß und Lifestyle seien der Schlüssel zur Elektromobilität.

Tatsächlich kann die Elektromobilität noch die ein oder andere Vermarktungsidee gebrauchen. Eine Million Elektrofahrzeuge will die Bundesregierung bis 2020 auf deutsche Straßen bringen. Weil die Hürde für den Umstieg beim Auto schon aufgrund hoher Preise besonders groß ist, hoffen viele Experten auf eine Einführung gewissermaßen von unten. Elektrofahrräder erlebten in den vergangenen Jahren schon einen Boom. Mit E-Rollern könnte die nächste Stufe gezündet werden. Die Chinesen machen es vor, dort summen Schätzungen zufolge bereits 140 Millionen elektrisch betriebene Mopeds, weil in vielen smoggeplagten Innenstädten Verbrennungsmotoren verboten wurden.

Altmeister Scheibe schmunzelt, wenn man ihn auf den Zukunftsmarkt Elektroroller anspricht. Schon Mitte der achtziger Jahre habe er mit seinen Konstrukteuren einen Elektroantrieb für den Nachfolger der Schwalbe entwickelt, erzählt er. Heute steht der etwas gewöhnungsbedürftig aussehende weiß-lila-farbene Prototyp im Museum. Der Gamma E ging 1994 sogar in Serie, bei einem von mehreren gescheiterten Versuchen, die Marke Simson wiederzubeleben. Doch der Roller floppte, obwohl er in Fachkreisen bis heute für seine Qualität gerühmt wird. »Umweltschutz ist leider immer nur so lange interessant, wie er nicht ans eigene Portemonnaie geht«, resümiert Scheibe heute. »5.000 Mark wollte einfach keiner ausgeben für einen Roller.«

Das Einstiegsmodell der neuen E-Schwalbe soll 4.700 Euro kosten – gut doppelt so viel wie vergleichbare konventionelle Roller. »Für kühle Rechner lohnt es sich nicht. Der höhere Anschaffungspreis ist über die günstigeren Verbrauchskosten nicht reinzuholen«, räumt Martin ein. Doch, so sagt er, die Gesellschaft habe sich seit dem Flop des Gamma E weiterentwickelt, ebenso die Technik. »Der Schlüssel ist der herausnehmbare Akku.« Der Gamma E wurde von zwei je 25 Kilo schweren Autobatterien angetrieben, die das Fahrzeug 50 Kilometer weit brachten und neun Stunden lang aufgeladen werden mussten. Der E-Schwalbe soll ein 9,5 Kilo schwerer Akku reichen, groß wie ein Laptop, an der Steckdose in der Wohnung aufladbar. Eine Akkuladung werde für 60 Kilometer reichen. Wolle man weiter fahren, könne man noch Zusatzakkus kaufen, verspricht das Unternehmen.

Wobei das mit den Versprechen so eine Sache ist: Ursprünglich sollte die E-Schwalbe nämlich schon in diesem Frühjahr in Serie gehen. »Aber der Teufel steckt im Detail«, sagt Martin. Es sei schwieriger gewesen, geeignete Zulieferer zu finden, als gedacht. »Die Qualität muss stimmen. Kinderkrankheiten verzeihen deutsche Kunden nicht.« Das sehen viele Fachleute genauso. Zwar arbeiten auch die großen etablierten Auto- und Motorradhersteller an Elektrorollern, aber: »Alle haben Angst, mit einer großen Serienproduktion vor der Zeit zu starten«, heißt es beim Verband der Motorradindustrie. Die Batterietechnik und damit die geringe Reichweite und das lange Aufladen seien weiterhin zentrale Probleme, sagen die Zweirad-Experten vom ADAC. »Das entspricht einfach noch nicht den Anforderungen, die deutsche Kunden an ihre Mobilität haben.«

Martin kennt die Ansprüche der Deutschen. Das Meckern über die Reichweite hält er allerdings für ein überkommenes Denkmuster. »Die meisten Städter fahren nicht einmal 20 Kilometer am Tag.« Seine Taktik, um die Skeptiker zu überzeugen: die Hürde für Testfahrten so gering wie möglich halten. »Die Menschen müssen merken, dass Elektromobilität Freude bereitet.« Bei einem besonders akribischen Testfahrer hat er damit schon Erfolg gehabt. Nach all dem Meckern wolle er noch einmal was Positives anmerken, sagt Scheibe am Ende seiner Fahrt. »Die Beschleunigung, das Fahrgefühl, das ist toll. Es macht wirklich Spaß.«

 
Leser-Kommentare
  1. fehlen noch

  2. jetzt noch ein 3. Rad ran, und dann ist der 2.-Wagenersatz fertig. Ein Dreirad als Mädchen für alles, dem prophezeihe ich eine große Zukunft. Als ich 17 war, hatte ich solch eines von FMR, das war der Hersteller des ehemaligen Messerschmidt-Kabinenrollers. Es war leicht, es war sparsam, nur nicht elektrisch. Wenn es das heute gäbe, es wäre sofort meins. Von mir aus könnte es auch eine Art Fahrradrikscha mit E-Antrieb sein, solange es leicht und fahrsicher ist. Dafür darf es nicht zu niedrig sein, damit die anderen Verkehrsteilnehmer es sehen. Für viele Zwecke ist aber auch ein Roller vollkommen ausreichend.

  3. Bestimmte bewusste/unbewusste Vorstellungen von Überschaubarkeit, Zuverlässigkeit, Dauerhaftigkeit, Genügsamkeit, Entschleunigung, Ostalgie, etc... die mit der Schwalbe assoziiert werden, werden marketingtechnisch verwertet um dem Kunden eine emotionale Produktbindung zu ermöglichen. Gleichzeitig werden diese impliziten Versprechen wohl nicht eingelöst, da die Fertigung mit Sicherheit nicht den oben genannten Vorstellungen gerecht wird und sich in keiner Weise von herkömmlichen Elektrorollern internationaler Konzerne unterscheidet.
    Diese Retro-Welle kann ich nicht nachvollziehen. Anstatt für den Elektroantrieb ein ebenso innovatives, funktional optimales Design zu entwickeln, das sich meinetwegen auch an den Design-Grundsätzen der Schwalbe-Entwickler orientiert, wird ein Entwurf für ein DDR-Zweitaktmoped aus den späten 50ern aus Marketinggründen eins zu eins kopiert. Das ist für mich absolut rückwärtsgewandt.

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    wieso "rückwärtsgewandt" = schlecht sein soll?
    Denn das implizieren Sie ja wohl.
    Das glauben zwar viele "moderne" (= der Mode nachlaufende) Menschen heute in ihrem "Fortschritts"-Wahn, aber seltenst wird das mit rationalen (!) Argumenten belegt.
    Nur mal so am Rande.
    Und ich will auch nichts gegen Elektrofahrzeuge gesagt haben.
    Hier wäre ein "Fortschritt" ein Schritt weg von der unfassbaren Dummheit, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor zu fahren.

    wieso "rückwärtsgewandt" = schlecht sein soll?
    Denn das implizieren Sie ja wohl.
    Das glauben zwar viele "moderne" (= der Mode nachlaufende) Menschen heute in ihrem "Fortschritts"-Wahn, aber seltenst wird das mit rationalen (!) Argumenten belegt.
    Nur mal so am Rande.
    Und ich will auch nichts gegen Elektrofahrzeuge gesagt haben.
    Hier wäre ein "Fortschritt" ein Schritt weg von der unfassbaren Dummheit, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor zu fahren.

  4. wieso "rückwärtsgewandt" = schlecht sein soll?
    Denn das implizieren Sie ja wohl.
    Das glauben zwar viele "moderne" (= der Mode nachlaufende) Menschen heute in ihrem "Fortschritts"-Wahn, aber seltenst wird das mit rationalen (!) Argumenten belegt.
    Nur mal so am Rande.
    Und ich will auch nichts gegen Elektrofahrzeuge gesagt haben.
    Hier wäre ein "Fortschritt" ein Schritt weg von der unfassbaren Dummheit, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor zu fahren.

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    Antwort auf "Marketing"
  5. Er heißt SR 50 und wurde seit 1986 von Simson produziert. Schlauer dank Wikipedia http://de.wikipedia.org/w...

  6. Die Zukunft der Mobilität ist mit Gewissheit nicht der Verbrennungsmotor. Im Angesicht des sich abzeichnenden Peak of Oil den die IEA ja schon auf 2020 schätzt, ist jede einzelne dieser Geschäftsideen förderungswürdig. Und in noch mehr hinblicken erscheint mir diese Idee gut. Es klingt so als könne man das Gefährt gut selber reparieren. Auch das entspricht hervorragender Nachhaltigkeit. In wie weit das mit Elektrobaterien und deren REcycling auch der Fall ist, ist sicher weiter zu optimieren.

    Und ich frage mich auch ob nicht ähnliche Ideen zb. mit Gasbetriebenen Fahrzeugen auf der Basis von Windgas nicht genauso leistungsfähig wären. Da hätte ich das Gefühl, man könnte noch besser mit schraubers Grundkenntnissen in Eigenleistung reparieren.

    gruß

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    Das habe ich ja furchtbar "Geschriebset... " ich gelobe Besserung. :-)

    Das habe ich ja furchtbar "Geschriebset... " ich gelobe Besserung. :-)

  7. Das habe ich ja furchtbar "Geschriebset... " ich gelobe Besserung. :-)

  8. Was die Schwalbe zum Kult werden ließ, ist nicht ihr Design. Sondern ihr Motor und dass sie jeder billig selber reparieren kann. Das macht ihren Reiz für Rollerfahrer aus. Die modernen Chinaroller, auch die modernen Vespas kann Otto Normal nicht mehr einfach selber reparieren und wenn was repariert werden muss, wirds meist arg teuer.

    Das Design wird niemanden zum Kauf anregen, da müsste das Gefährt schon aussehen, wie die Vespa.

    Und Städter sind die falsche Zielgruppe für solche Stromgeräte. Städter haben zumeist keine eigenen, abgeschlossenen Parkflächen mit eigener Steckdose. Und jedesmal mehrere Kilo rumwuchten bzw. mitschleppen (das teuerste an der Möre ist ja sein Akku), diese dann noch langwierig aufladen, dazu der enorme Anschaffungspreis. So viele Dummkunden gibt es nicht. Zumal die Besserverdiener genug Geld fürs Auto haben-wer Elektromobilität pushen will, muss billiger als die etablierte Verbrennerkonkurrenz werden.

    So hats in China ja auch geklappt. Da fährt der Pöbel elektrisch, weil er sichs Auto und Benzin nicht leisten kann. Das ist auch die Zielgruppe in Deutschland, die jungen Leute, die kein Geld fürs Auto haben. Denen kann man aber nicht Minidistanzroller zum Bentleypreis anpreisen, da winken die sinnvollerweise ab.

    Deutsche können ihre Ideen nicht verkaufen, der Roller zeigt das deutlich. Deutsche passen sich nicht dem Kunden an, der Kunde muss sich anpassen. Funktioniert so heute nicht mehr!

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