Szene aus "Herz des Himmels, Herz der Erde" © Piffl Medien

"Das Fremde" gibt es nicht, sagte der Ethnologe Claude Lévi-Strauss einmal, es ist unsere Erfindung. In der Fremde begegnen wir immer nur uns selbst, denn wir "Westler" haben ein schlechtes Gewissen, und das wird uns begleiten, bis die Zivilisation untergeht mit Mann und Maus.

Schon im nächsten Jahr wird die Welt untergehen, prophezeit ein Kalender der Maya , und dann wird auch die "vierte Sonne" erlöschen. Den Westen hat diese apokalyptische Vision schon immer fasziniert, zuletzt wurde sie von Roland Emmerich in 2012 in einen Horrorfilm verwandelt. Auch die Dokumentarfilmer Frauke Sandig und Eric Black sind noch einmal nach Guatemala und Mexiko gereist, sie haben junge Maya nach dem Ende der Welt befragt und Geschichten gesammelt über die "Müdigkeit des Wassers" und die Weltflucht der "Götter". Herz des Himmels, Herz der Erde heißt ihr Film, und es wäre ein Leichtes gewesen, in mythopoetischem Kitsch zu baden und sich die eigenen Untergangsängste aus berufenem Mund bestätigen zu lassen. Doch dafür ist dieser ungemein diskrete Film viel zu klug, und das heißt: viel zu politisch. Denn wer ist es, der die Welt untergehen lässt, wer mordet, raubt und plündert? Fast 250.000 Menschen sind während des Bürgerkriegs in Guatemala ums Leben gekommen, die meisten von ihnen Ureinwohner, ein Völkermord unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Nichts ist verheilt, im Film erzählen die Überlebenden ihre Geschichte so, als habe die Armee erst gestern ihre Hütten heimgesucht.

Noch immer gibt es Krieg, einen Krieg im Frieden, und auch ihn empfinden die Maya als Untergang. Ein kanadischer Bergbaukonzern betreibt in Guatemala die größte Goldmine Zentralamerikas, seine Bagger zermahlen die heiligen Berge zu Staub und graben der Bevölkerung buchstäblich das Wasser ab. Wie verrückt kauft der Westen Gold, der Profit ist sagenhaft, während das Land fast nichts davon hat. Dafür leiden die Kinder an einem rätselhaften Hautausschlag. Warum? Weil der Minenbetreiber Zyanid benutzt, was in anderen Ländern verboten ist? Eine Frau, deren sanfte Entschlossenheit man so schnell nicht vergessen wird, kämpft gegen die neuen "Invasoren", aber sie hat Angst: Angst vor den Dorfbewohnern, die sich lieber mit den neuen Herren arrangieren, und Angst vor König Midas, dem kanadischen Goldgräber. Wer Widerstand leistet, sagt eine Mitstreiterin, muss um sein Leben fürchten. "Von den USA wissen wir, dass sie Mörder sind. Dass auch Kanada ein Land der Mörder ist, das wussten wir nicht."

Und dann gibt es noch einen Konzern, der für einige Maya die Welt untergehen lässt, nämlich Monsanto. In Chiapas drückt der US- Saatguthersteller billigen, genmanipulierten Mais in den Markt und macht Bauern arbeitslos. Doch Mais ist ein Herzstück der Maya-Mythologie, er symbolisiert den Zyklus des Lebens und den Körper der Vorfahren. Wer den Mais manipuliert, sagen die Bauern, der manipuliert das Leben, und dann wird es verdorren.

Levi-Strauss hatte also recht, aber ganz anders, als er glaubte. Der "Westler" fährt in die Fremde, und er begegnet Planierraupen, Monstertrucks, verkohlten Bäumen und gesprengten Traditionen. Gut möglich, dass es der großen Industrie gelingt, der Natur den Rest zu geben und auf ihren abgebrannten Äckern genmanipulierten Mais anzupflanzen; gut möglich, dass man die indigene Bevölkerung einschüchtert oder vertreibt. Andererseits wächst der Widerstand, und viele junge Maya lesen ihren Kalender nun ganz anders. Die Welt, sagen sie, wird nicht untergehen, sie wird einen neuen Anfang machen, aber dafür muss man kämpfen, hier und heute. Wenn man für diese zähe Renitenz einen eindrucksvollen Beweis sucht – Herz des Himmels, Herz der Erde ist einer.