In seinem Leben ist Manfred Weiß schon viel herumgekommen. Als Manager im Verkauf eines großen Konzerns war er häufig in Deutschland und Europa unterwegs. Nach seiner Pensionierung trieb ihn das Fernweh in die USA, nach China und Mexiko. Ein großes Reiseabenteuer aber steht dem Hamburger noch bevor: ein paar Tage Campen mit seinem Enkel. »Mit Anton in der Natur Fahrrad fahren und abends irgendwo das Zelt aufschlagen – das ist so ein Traum von mir«, sagt Weiß.

Bald könnte es so weit sein: Anton ist jetzt sieben. Gleichzeitig hat Weiß keine Eile; er ist schließlich erst 70. Aller Voraussicht nach stehen den beiden noch viele gemeinsame Jahre bevor.

Was für Anton der »Opapa«, ist für seine zweieinhalbjährige Cousine Leah die »Omama«: nach den Eltern der wichtigste Mensch der Welt . Regelmäßig kümmern sich Opa Manfred und Oma Marianne Weiß um den Nachwuchs ihrer beiden Töchter, mitunter mehrmals die Woche. Sie übernehmen die Betreuung der Enkel, wenn der Job ihre Kinder über den Feierabend hinaus fordert, und springen ein, wenn Fieber oder Bauchweh den Besuch von Schule oder Kita unmöglich machen. Jeden Sommer fahren die beiden Generationen der Familie Weiß gemeinsam für zwei Wochen an die Ostsee, weitgehend ohne Eltern.

Eine Ausnahme? Tatsächlich waren Großeltern und Enkel niemals enger verbunden als heute . Sie verbringen mehr gemeinsame Zeit als früher, ihr Kontakt ist persönlicher, und sie kommen besser miteinander aus. Die neue Eintracht der Generationen hat viele Gründe, zuerst einmal demografische: Nie zuvor konnten sich so viele Großeltern so intensiv um ihre Enkel kümmern wie heute. Während eine Oma Anfang des 20. Jahrhunderts ein halbes Dutzend Kindeskinder mit Zuwendung bedenken musste, wetteifern nun oft mehrere Großeltern um die Gunst eines einzigen Enkels. Dafür bleibt ihnen aufgrund der längeren Lebenserwartung mehr Zeit. Heute begleiten Omas und Opas ihre Enkel nicht nur zur Einschulung, sondern oft auch zur Abitur- oder gar zur Examensfeier.

Laut der Betreuungsstudie des Deutschen Jugendinstituts verbringt jedes dritte Kind im Alter bis zu drei Jahren mindestens einmal die Woche mehrere Stunden bei Oma oder Opa. Als Babysitter setzen sogar zwei Drittel der Eltern sporadisch ihre eigenen Väter und Mütter ein. Geografische Nähe ermöglicht das: Anders als vielfach angenommen, wohnen die Generationen oft nicht weit voneinander entfernt: Knapp 40 Prozent aller Kinder bis 16 Jahre trennt höchstens eine Viertelstunde Fußweg vom nächsten Großelternteil, weitere 35 Prozent der Großeltern sind innerhalb einer Stunde erreichbar.

Natürlich fügen sich nicht alle Großeltern in dieses Bild. Sozialforscher unterscheiden verschiedene Typen, darunter die Gruppe der »freundlich-distanzierten« Großeltern. Sie halten nur losen Kontakt zu den Enkeln. Unter anderem, weil sie glauben, dass sie ihre Betreuungspflichten schon als Eltern erfüllt haben. Doch das ist eine Minderheit. Die meisten Älteren wünschen sich, eine Bedeutung im Leben der ganz Jungen zu haben. Sie genießen es, gebraucht zu werden. Der Umgang mit den Kindeskindern ist gar eine Art Jungbrunnen – die Großeltern-Rolle gehöre »zu den wenigen positiv besetzten Altersbildern«, sagt François Höpflinger. Der Züricher Soziologe hat in der bislang größten qualitativen Untersuchung zum Verhältnis der beiden Generationen rund 700 Schüler und 500 ihrer Großeltern in der Schweiz befragt. Auf beiden Seiten betonten mehr als neun von zehn Befragten, wie wichtig ihnen ihre Beziehung sei.