DIE ZEIT: Großeltern als selbstverständliche Familienmitglieder, war das schon immer so?

Erhard Chvojka: Nein, im Gegenteil! Einen Großvater oder eine Großmutter zu erleben war lange Zeit eine exotische Sache. Zwar gab es durchaus Menschen, die recht alt wurden. Aber die Zahl der 70- oder 80-Jährigen war sehr klein. Und anders als wir heute glauben, lebten die Generationen keineswegs alle unter einem Dach. Bei Bauernfamilien war das so, bei Handwerkern mussten die Enkelkinder hingegen als Gesellen in die Ferne gehen – oft sahen sie ihre Großeltern nie wieder.

ZEIT: Und bei Kindern, die zu Hause blieben?

Chvojka: Enkel und Großeltern kannten sich, schrieben der Beziehung aber keine besondere Bedeutung zu. Niemand zu dieser Zeit hat von »Oma« und »Opa« gesprochen, auch nicht von Enkeln. Diese emotional starken Begriffe setzten sich erst Mitte des 18. Jahrhunderts durch. Das klassische Rollenbild der Großeltern entstand erst vor rund 250 Jahren.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Chvojka: An den zahlreichen Darstellungen von Großeltern und Enkelkindern, die sich besonders innig zugetan sind – in der Kunst, in Schulbüchern und Ratgebern. Das aufkommende Bürgertum versteht Familie erstmals als emotional intensiv verbundene Gruppe. Dass die Großeltern sich in diese Ideologie der Kleinfamilie einfügten, davon zeugen Lebensberichte der damaligen Zeit – etwa von Großvätern, die ihre Enkel Spielzeug anfertigen lassen. Stück für Stück drang dieses Bild in alle Milieus.

ZEIT: ...und wurde zum Klischee?

Chvojka: In gewisser Weise schon. Es war eine herausfordernde Aufgabe. Man musste den Rahmenbedingungen des Leitbilds entsprechen und dennoch etwas Eigenes daraus machen.

ZEIT: Haben sich die Großeltern auf dem Land und in der Stadt damals unterschieden?

Chvojka: Durch die Verstädterung lebten die Generationen oft getrennt voneinander. Die Kinder der Industriearbeiterschaft wohnten in der Stadt, ihre Großeltern noch auf dem Land. Diese wurden so zu einem Tor in eine ansonsten fremde Welt. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts war die Bewegung abgeschlossen.

ZEIT: Wie hat das Trauma zweier Weltkriege die Generationenbeziehungen geprägt?

Chvojka: Die Großeltern wurden plötzlich als Repräsentanten der Geschichte wahrgenommen. Während Oma und Opa im 19. Jahrhundert Märchenerzähler waren, fragten die Enkel nun bewusst nach der tatsächlichen Vergangenheit. Diese Prägung ist bis heute zu spüren.

ZEIT: Was hat sich noch gewandelt?

Chvojka: Die Distanz ist geschwunden. Die Alphabetisierung ermöglichte Briefwechsel, später kam das Telefon hinzu, und heute hilft das Internet, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Was früher fast undenkbar war – kurz einmal die Großeltern in der Nachbarstadt zu besuchen –, ist heute selbstverständlich. Ich vermute einmal, dass sich dieser Trend noch fortsetzt.

ZEIT: Inwiefern?

Chvojka: Dadurch dass ältere Menschen heute körperlich gesünder und mobiler sind, können sie bei der Erziehung helfen oder diese sogar übernehmen. Zudem verschwimmen die Grenzen zwischen den Generationen. 70-Jährige sehen heute wesentlich jünger aus als früher und unterscheiden sich in ihren Interessen nicht mehr grundsätzlich von jüngeren Altersgruppen. Enkel und Großeltern kommen sich so näher und können entspannte, geradezu freundschaftliche Bindungen aufbauen. Auch dass Enkel ihre Großeltern über eine lange Zeitspanne erleben, wird die Bindung zwischen den Familienmitgliedern weiter stärken.

ZEIT: Aber das gilt doch nicht für alle Großeltern! Erleben wir, wie ein altes Klischee von einem neuen verdrängt wird?

Chvojka: Die Erfahrungen, die Enkelkinder mit ihren Großeltern machen können, haben heute eine große Bandbreite. Denn der Lebensstil der über 60-Jährigen differenziert sich extrem. Einige werden schnell zum Versorgungsfall für ihre Kinder, also die Eltern ihrer Enkel. Andere nutzen die Zeit der Rente zum Reisen, dazu, neue Beziehungen zu beginnen und ihren Hobbys nachzugehen. Mitunter bleibt da gar nicht unbegrenzt Zeit für die Enkelkinder.