Familiengeschichte"Tor in eine fremde Welt"

Die Großelternrolle ist eine Erfindung der Neuzeit, sagt der Wiener Historiker Erhard Chvojka. von 

Durch ihre Großeltern lernen Kinder eine ganz andere Lebenswelt kennen.

Durch ihre Großeltern lernen Kinder eine ganz andere Lebenswelt kennen.  |  © vandalay/photocase.com

DIE ZEIT: Großeltern als selbstverständliche Familienmitglieder, war das schon immer so?

Erhard Chvojka: Nein, im Gegenteil! Einen Großvater oder eine Großmutter zu erleben war lange Zeit eine exotische Sache. Zwar gab es durchaus Menschen, die recht alt wurden. Aber die Zahl der 70- oder 80-Jährigen war sehr klein. Und anders als wir heute glauben, lebten die Generationen keineswegs alle unter einem Dach. Bei Bauernfamilien war das so, bei Handwerkern mussten die Enkelkinder hingegen als Gesellen in die Ferne gehen – oft sahen sie ihre Großeltern nie wieder.

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ZEIT: Und bei Kindern, die zu Hause blieben?

Chvojka: Enkel und Großeltern kannten sich, schrieben der Beziehung aber keine besondere Bedeutung zu. Niemand zu dieser Zeit hat von »Oma« und »Opa« gesprochen, auch nicht von Enkeln. Diese emotional starken Begriffe setzten sich erst Mitte des 18. Jahrhunderts durch. Das klassische Rollenbild der Großeltern entstand erst vor rund 250 Jahren.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Erhard Chvojka

geboren 1964, ist Historiker und Direktor der Wiener Urania. Er verfasste unter anderem die Geschichte der Großelternrollen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert (Böhlau Verlag, Wien).

Chvojka: An den zahlreichen Darstellungen von Großeltern und Enkelkindern, die sich besonders innig zugetan sind – in der Kunst, in Schulbüchern und Ratgebern. Das aufkommende Bürgertum versteht Familie erstmals als emotional intensiv verbundene Gruppe. Dass die Großeltern sich in diese Ideologie der Kleinfamilie einfügten, davon zeugen Lebensberichte der damaligen Zeit – etwa von Großvätern, die ihre Enkel Spielzeug anfertigen lassen. Stück für Stück drang dieses Bild in alle Milieus.

ZEIT: ...und wurde zum Klischee?

Chvojka: In gewisser Weise schon. Es war eine herausfordernde Aufgabe. Man musste den Rahmenbedingungen des Leitbilds entsprechen und dennoch etwas Eigenes daraus machen.

ZEIT: Haben sich die Großeltern auf dem Land und in der Stadt damals unterschieden?

Chvojka: Durch die Verstädterung lebten die Generationen oft getrennt voneinander. Die Kinder der Industriearbeiterschaft wohnten in der Stadt, ihre Großeltern noch auf dem Land. Diese wurden so zu einem Tor in eine ansonsten fremde Welt. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts war die Bewegung abgeschlossen.

ZEIT: Wie hat das Trauma zweier Weltkriege die Generationenbeziehungen geprägt?

Chvojka: Die Großeltern wurden plötzlich als Repräsentanten der Geschichte wahrgenommen. Während Oma und Opa im 19. Jahrhundert Märchenerzähler waren, fragten die Enkel nun bewusst nach der tatsächlichen Vergangenheit. Diese Prägung ist bis heute zu spüren.

ZEIT: Was hat sich noch gewandelt?

Chvojka: Die Distanz ist geschwunden. Die Alphabetisierung ermöglichte Briefwechsel, später kam das Telefon hinzu, und heute hilft das Internet, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Was früher fast undenkbar war – kurz einmal die Großeltern in der Nachbarstadt zu besuchen –, ist heute selbstverständlich. Ich vermute einmal, dass sich dieser Trend noch fortsetzt.

ZEIT: Inwiefern?

Chvojka: Dadurch dass ältere Menschen heute körperlich gesünder und mobiler sind, können sie bei der Erziehung helfen oder diese sogar übernehmen. Zudem verschwimmen die Grenzen zwischen den Generationen. 70-Jährige sehen heute wesentlich jünger aus als früher und unterscheiden sich in ihren Interessen nicht mehr grundsätzlich von jüngeren Altersgruppen. Enkel und Großeltern kommen sich so näher und können entspannte, geradezu freundschaftliche Bindungen aufbauen. Auch dass Enkel ihre Großeltern über eine lange Zeitspanne erleben, wird die Bindung zwischen den Familienmitgliedern weiter stärken.

ZEIT: Aber das gilt doch nicht für alle Großeltern! Erleben wir, wie ein altes Klischee von einem neuen verdrängt wird?

Chvojka: Die Erfahrungen, die Enkelkinder mit ihren Großeltern machen können, haben heute eine große Bandbreite. Denn der Lebensstil der über 60-Jährigen differenziert sich extrem. Einige werden schnell zum Versorgungsfall für ihre Kinder, also die Eltern ihrer Enkel. Andere nutzen die Zeit der Rente zum Reisen, dazu, neue Beziehungen zu beginnen und ihren Hobbys nachzugehen. Mitunter bleibt da gar nicht unbegrenzt Zeit für die Enkelkinder.

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Leserkommentare
    • eikfir3
    • 26. Dezember 2011 12:49 Uhr

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke. Die Redaktion/ls

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    • eikfir3
    • 26. Dezember 2011 19:49 Uhr

    Gelesen! Danke! Möchte ich nicht nutzen.

    • lonetal
    • 26. Dezember 2011 13:15 Uhr

    /Zitat
    Niemand zu dieser Zeit hat von »Oma« und »Opa« gesprochen, auch nicht von Enkeln. Diese emotional starken Begriffe setzten sich erst Mitte des 18. Jahrhunderts durch. Das klassische Rollenbild der Großeltern entstand erst vor rund 250 Jahren.
    Zitat/

    Das gilt für die gesamte Kategorisierung im Generationen-Feld, ob Kinder, Erwachsene oder Alte. Alle diese Begriffe sind hypothetische Konstrukte ohne Wirklichkeit.

    Vermutlich sind diese Einteilung zum einen Spiegelbild der ständischen Gesellschaft, zum anderen ein Nebenprodukt der Aufklärung und des beginnenden naturw. Denkens mit seiner Tendenz zur Klassifizierung.

    Dadurch wurden dynamische, verschiedene Altersstufen gleichzeitig umfassende Prozesse zu statischen Zuständen umdefiniert mit den entsprechenden - meist negativen - Folgen.

    Ein typisches Beispiel für dieses verfälschende Denken ist die Definition von Intelligenz als einem in Messzahlen zu fassenden statischen Zustand. Dabei handelt es sich bei Intelligenz um einen dynamischen Prozess, der eigentlich ständigen Veränderung unterliegt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • eikfir3
    • 26. Dezember 2011 13:47 Uhr

    Verzeihung! Aber Intelligenz ist primär etwas Angeborenes, auf dem dann "Erfahrung" aufbauen kann.
    Erfahrung kann nun wieder "lexikalisch", also angebüffelt sein oder durch eigene und/oder fremde Erfahrung vermehrt werden, dann also erst "dynamisch" sein, wollte ich nur bemerkt haben dürfen, weil ich früher als "Aktiver" oft genug erlebt habe, daß eigentlich angeboren intelligente Menschen vor dem angebüffelten lexikalischen Wissen z.B. eines im Grunde "dummen" Professors regelrecht in die Knie gingen.
    Dann erzählte ich gerne zum Trost die nette Geschichte von Volksschülern , erste Klasse, von Georg Münch:"Gamsbartkaktus", aus "Mein frohe Völkchen", wo der Lehrer zur Prüfung der Intelligenz seiner Erstklässler seinen ausgedienten Rasierpinsel im Schulkarten heimlich und Borsten nach oben außen "einpflanzte" und von seinen Schülern täglich vorsichtig gießen und das Wachstum des "Gamsbartkaktusses"! beurteilen ließ:
    Die angeboren intelligenten Schüler nahmen ein "Wachstum" nicht oder nur höchst unwillig war, weil "sichere Urteilskraft" eines der wichtigsten Kriterien der "Reinen und Wahren Vernunft!" darstellt.
    Und eigentlich selber nicht geglaubte "Gefälligkeitsbeurteilungen" gepaart mit Suggestivanfälligkeit fast immer ein Zeichen von mangelnder Intelligenz sind, die man eben nicht erlernen kann, etwa wie die Augenfarbe!

    • eikfir3
    • 26. Dezember 2011 13:47 Uhr

    Verzeihung! Aber Intelligenz ist primär etwas Angeborenes, auf dem dann "Erfahrung" aufbauen kann.
    Erfahrung kann nun wieder "lexikalisch", also angebüffelt sein oder durch eigene und/oder fremde Erfahrung vermehrt werden, dann also erst "dynamisch" sein, wollte ich nur bemerkt haben dürfen, weil ich früher als "Aktiver" oft genug erlebt habe, daß eigentlich angeboren intelligente Menschen vor dem angebüffelten lexikalischen Wissen z.B. eines im Grunde "dummen" Professors regelrecht in die Knie gingen.
    Dann erzählte ich gerne zum Trost die nette Geschichte von Volksschülern , erste Klasse, von Georg Münch:"Gamsbartkaktus", aus "Mein frohe Völkchen", wo der Lehrer zur Prüfung der Intelligenz seiner Erstklässler seinen ausgedienten Rasierpinsel im Schulkarten heimlich und Borsten nach oben außen "einpflanzte" und von seinen Schülern täglich vorsichtig gießen und das Wachstum des "Gamsbartkaktusses"! beurteilen ließ:
    Die angeboren intelligenten Schüler nahmen ein "Wachstum" nicht oder nur höchst unwillig war, weil "sichere Urteilskraft" eines der wichtigsten Kriterien der "Reinen und Wahren Vernunft!" darstellt.
    Und eigentlich selber nicht geglaubte "Gefälligkeitsbeurteilungen" gepaart mit Suggestivanfälligkeit fast immer ein Zeichen von mangelnder Intelligenz sind, die man eben nicht erlernen kann, etwa wie die Augenfarbe!

    • eikfir3
    • 26. Dezember 2011 19:49 Uhr

    Gelesen! Danke! Möchte ich nicht nutzen.

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